Lehrer: Ferien und die Zeit dazwischen

  • Wir müssen in der Oberstufe die verschiedenen Gattungen lesen (einen Roman, ein Theaterstück ... und dann noch einen Shakespeare). Wir lesen Adam Miller - The Crucible, u.a. weil sich da auch schöne Bezüge zu "moderneren" Zeiten herstellen lassen. Ich hab das auch schon mit anderen Kursen gelesen und hatte nie solche Probleme wie jetzt (Hausaufgabe: 4 Seiten im Reclam Heft lesen und wissen, was da passiert - zwei wichtige Ereignisse, die die Geschichte voran bringen ... Frage in der nächsten Stunde dazu ... der ganze Kurs schweigt mich eine Minute lang an).

    Muss ich mir mal angucken. Am BK muss man selbst im LK nur eine Ganzschrift lesen und die letzten Mal hatte ich da so was wie „Ein Roman nach Wahl“ (je nach Bildungsgang alternativ ein Drama). Every Day war toll, weil es so viele Themen hergibt über die man reden könnte.
    Die Bücher, bei denen es die wenigste Mitarbeit gab waren Who‘s afraid of Virginia Woolf, rosencrantz and guildenstern are dead, und City of Glass. Die waren vorgegeben und da war die Beteiligung ähnlich.

    Only Robinson Crusoe had everything done by Friday.

  • Ich habe diesen Sommer 14 Jahre bis auf das letzte halbe Jahr faktisch in Vollzeit als Lehrer gearbeitet.
    Der Beruf hat mich ein Stück weit krank gemacht - ich habe chronischen Tinnitus und später Drehschwindel entwickelt.


    Das kam von den Arbeitsspitzen im Laufe eines Schuljahres, die mich irgendwann trotz Organisation, Planung und hoher Motivation irgendwann in die Knie gezwungen haben. Ca. fünf Jahre lang dachte ich, es wird in jedem neuen Schuljahr besser. Wurde es aber nicht. Es kam immer irgendetwas dazu oder lief anders. Irgendwann konnte ich nicht mehr.


    Im Herbst letztes Jahr bin ich ins Ministerium gewechselt - zunächst mit halber Abordnung. Die Arbeitsweise ist trotz 9 Stunden im Büro völlig anders - viel stressfreier. Ich kann die einzelnen Vorgänge in Ruhe abarbeiten. Und wenn ich um 17 Uhr nicht fertig bin, bleibt das Ganze eben bis zum nächsten Tag liegen. Natürlich muss man ab und an auch einmal mehrere Dinge parallel erledigen, aber man hat die Zeit dafür und kann sie sich selbst einteilen. Keine Taktung nach 45 oder 60 oder 68 Minuten. Keine Interaktion mit 100+ Lernenden und Lehrenden. Ruhe am Arbeitsplatz. Eine echte Mittagspause. Geregelte Arbeitszeiten. Freie Wochenenden.
    Mein Tinnitus ist bedeutend besser geworden, der Schwindel ist fast vollständig weg. Ich bin deutlich ausgeglichener und ungestresster. Am Wochenende bin ich nahezu vollständig für meine Familie da.
    Da komme ich dann auch mit 30 Urlaubstagen, die faktisch sechs Wochen Urlaub ergeben, aus.


    Ich kann diejenigen verstehen, die ferienreif sind, gerade dann, wenn sie in den Weihnachtsferien korrigieren mussten und womöglich vorher noch hinreichend Weihnachtsstress hatten. Ob man das nun unbedingt hier öffentlich posten muss, um das Vorurteil des ewig Jammernden zu pflegen, ist natürlich eine andere Sache. Aber ein nicht unerheblicher Teil der Ferien ist zum einen Überstundenabbau und zum anderen überlebensnotwendig. Sonst schafft das keiner von uns bis 67 (wobei ich ja eher mit 70 rechne).

  • Im Herbst letztes Jahr bin ich ins Ministerium gewechselt...

    Dann kann man nur hoffen, dass dir deine Erinnerungen an die Arbeit "an der Front" noch lange erhalten bleiben, und du nicht nach längerer Zeit in deinem sicherlich überaus wichtigen Job die "Low Performer" an der Basis nicht mehr verstehst, in der Art von "Warum können diese Mitarbeiter da unten mit ihren Dauer-Ferien nicht einfach unsere Verordnungen / Erlasse / Richtlinien oder die Erkenntnisse von Hattie und Co. umsetzen? Gute Schule ist doch so einfach, wenn man nur will!"


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

  • Ich kann diejenigen verstehen, die ferienreif sind, gerade dann, wenn sie in den Weihnachtsferien korrigieren mussten und womöglich vorher noch hinreichend Weihnachtsstress hatten. Ob man das nun unbedingt hier öffentlich posten muss, um das Vorurteil des ewig Jammernden zu pflegen, ist natürlich eine andere Sache. Aber ein nicht unerheblicher Teil der Ferien ist zum einen Überstundenabbau und zum anderen überlebensnotwendig. Sonst schafft das keiner von uns bis 67 (wobei ich ja eher mit 70 rechne).

    Ich handle mittlerweile offensiv. Klar lächle ich brav und lasse mich nicht auf Diskussionen ein, wenn jemand beim Sport mich fragt, was ich eh den ganzen Nachmittag mache, nachdem ich angeblich um 12 zuhause bin.
    Aber nachdem meine Eltern (!!!) noch vor ca. einem Jahr dachten (ich arbeite seit 10 Jahren im Job), ich würde vom ganzen Klassensatz sprechen, wenn ich sage, ich brauche 30-45 Minuten für eine Oberstufenklausur, bin ich für Aufklärung.
    Ja, ich bin ehrlich, ich vergeude zu oft zuviel Zeit für ein schönes Bildchen oder das perfektere Einstiegsvideo (ich weiß, dass "perfekt" nicht steigerbar ist), aber nein, ich bin nicht "besonders pflichtbewusst", dass ich länger als eine Stunde brauche, um 20 Klausuren zu korrigieren. und nein, "[D]eine Lehrer haben "damals" auch nicht so schnell korrigiert, wie du das gerade denkst".
    und wenn ich eine Klasse noch nie unterrichtet habe oder erst zum zweiten Mal (und beim ersten Mal zuviel Zeitdruck hatte...) muss ich mich einarbeiten. Klar, ich bin Profi und kann das dank meinem Hochschulstudium schnell und effizient. Aber trotzdem nimmt es Zeit. und auch wenn ich in den Sommerferien einen Höllenspass daran habe, mich in neue Theorien einzulesen: Zeit nimmt es trotzdem.
    Für mehr Öffentlichkeitsarbeit.
    (und ich habe auch öffentlich im Beitrag oben gesagt, dass ich es auch geniesse, eine andere zeitliche Einteilung in den "Ferien" zu haben und lange auszuschlafen. Das weiß ich sehr zu schätzen, hätte ich nunmal nicht im Büro.)


    [Sorry, bin gerade zur Zeit besonders dafür empfindlich, weil die Lehrer- und Schulsituation in Frankreich am Brennen ist und ich echt merke, wie Leute so wenig Ahnung von unserem Beruf haben und nur noch mit den Füßen treten. und das zeigt mir, wie auch noch dankbarer ich bin, dass es mir als Lehrerin in Deutschland verhältnismäßig wirklich sehr gut geht]

  • Ja, glaube ich, je nach Vertrag! Kenne genug Leute bei denen unbezahlte Überstunden Vertragsbestandteil sind, kenne aber auch genug Gegenbeispiele. Meine Cousine hat eine 35-Stunden-Woche und lässt das auch sehr gerne raushängen. Meine Mutter arbeitet auch ihre 39 Stunden und fertig.
    Also: Ausnahmen gibt es, aber so Leute bekommen auch meist ein entsprechendes Gehalt.

    Only Robinson Crusoe had everything done by Friday.

  • Ja, glaube ich, je nach Vertrag! Kenne genug Leute bei denen unbezahlte Überstunden Vertragsbestandteil sind, kenne aber auch genug Gegenbeispiele. Meine Cousine hat eine 35-Stunden-Woche und lässt das auch sehr gerne raushängen. Meine Mutter arbeitet auch ihre 39 Stunden und fertig.
    Also: Ausnahmen gibt es, aber so Leute bekommen auch meist ein entsprechendes Gehalt.

    Was die These mit dem "entsprechenden Gehalt" bei mehr als 35-40 Wochenstunden Arbeitszeit anbelangt, werden da leider die vielen Menschen vergessen, die beispielsweise im Einzelhandel regelmäßig ihre 43h/Woche ableisten ohne sich je ein güldenes Näschen damit verdienen zu können. Tatsächlich wage ich zu behaupten, das mehr als 40-43h Wochenarbeitszeit für viele Arbeitnehmer in Deutschland die Normalität darstellen und dies nur vereinzelt finanziell entsprechend honoriert wird. (Das die faktische Wochenarbeitszeit -vor Überstundenausgleich via Ferien- eines Volldeputatlers das um Längen schlägt ist aber auch klar.)

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

  • Dann kann man nur hoffen, dass dir deine Erinnerungen an die Arbeit "an der Front" noch lange erhalten bleiben, und du nicht nach längerer Zeit in deinem sicherlich überaus wichtigen Job die "Low Performer" an der Basis nicht mehr verstehst, in der Art von "Warum können diese Mitarbeiter da unten mit ihren Dauer-Ferien nicht einfach unsere Verordnungen / Erlasse / Richtlinien oder die Erkenntnisse von Hattie und Co. umsetzen? Gute Schule ist doch so einfach, wenn man nur will!"
    Gruß !

    Deinen Zynismus empfinde ich hier tatsächlich als anwidernd. Was Du hier schreibst, ist schon sehr selbstgerecht, denn Inhalt und Art Deiner Einlassungen entsprichen ja genau der Haltung, die Du am Ministerium kritisierst.
    Da ich langfristig durchaus vorhabe, wieder an der Front zu arbeiten, nutze ich die Zeit im Ministerium als wertvolle Erfahrung und Weiterbildungsmöglichkeit.

  • Ich finde den Vergleich mit "irgendwelchen" anderen Berufen ziemlich sinnfrei. Wie belastend die einzelne Arbeitsstelle ist, hängt doch immer von den konkreten Umständen und dem eigenen Umgang mit Stress ab.


    Ich möchte übrigens nicht als Naildesignerin arbeiten, aber auch nicht als Hirnchchirurgin. Und bitte niemals als Steuerberaterin!! Und zwar ganz unabhängig von Verdienst und Urlaubszeiten...
    Andere stehen aber gern im OP oder machen gar freiwillig Steuerklärungen anderer Leute. Wieder andere sind Millionenerbin, machen 2 Putzjobs parallel, um zu überleben oder sammeln Pfandflaschen. Und nun? Der Vergleich ändert nichts an meiner Arbeitsbelastung.


    Ich merke immer nach unseren Diagnostikphasen, in denen man sich nur mit einem einzigen Kind auseinandersetzt und abends Gutachten tippt, wie verdammt anstrengend das Unterrichten eigentlich ist. Diese permanente Präsenz, Geduld, gute Laune, obwohl die Klasse gelangweiltgenervt abarbeitet, was man ihnen mundgerecht vorgebastelt hat. In anderen Klassen Disziplinkonflikte bis zum Erbrechen. Vergessen, aufs Klo zu gehen oder überhaupt erst genug zu trinken, fachfremd, immer wieder fachfremd, springen zwischen den Altersgruppen von 8-16... das kostet mich ab und an mehr Lebensenergie, als es mir zurückgibt. Deswegen brauche ich die Ferien, um Dinge zu machen, die meinen Energiespeicher wieder auffüllen.
    Das können andere doof, beneidenswert oder lächerlich finden- das geht mir wirklich am Popo vorbei.


    Ich mag meine Klasse, mit denen ists oft lustig und nach all den Jahren unkompliziert, man baut sich ja auch was auf. Aber vieles ist eher Abbau oder Raubbau und je nachdem was noch alles kommt bis zur Rente an Neuerungen, Umstrukturierungen, Inklusion und anderen Späßen... auweia. Ich werde alt :grimmig:


    @Bolzbold, viel Spaß bei deinem jetzigen Posten, sammle Weisheit und Gelassenheit und nimm dir welche von da wieder mit <3

  • ...Aber nachdem meine Eltern (!!!) noch vor ca. einem Jahr dachten (ich arbeite seit 10 Jahren im Job), ich würde vom ganzen Klassensatz sprechen, wenn ich sage, ich brauche 30-45 Minuten für eine Oberstufenklausur, bin ich für Aufklärung.

    1,5 min. pro Klausur :respekt:

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