Wer ein Argument gegen das Lehrerbashing angesichts der "Dauerferien" braucht

  • Britische Studie zeigt, dass Angestellte mit einem Bürojob an einem 8-Stunden-Tag im durchschnitt nur knapp 3 Stunden produktiv arbeiten und die restliche Zeit mit Internet-Surfen, Kollegentratsch und diversen Essens-/Rauchpausen verbringen:

    Zitat

    Zwei Stunden und 53 Minuten – so lange arbeitet ein Mitarbeiter im UK durchschnittlich an einem Achtstundenarbeitstag. Eine Studie aus Großbritannien erlangte dieses Ergebnis, indem sie knapp 2.000 Angestellte, die im Büro tätig sind, befragten.

    https://onlinemarketing.de/job…g-modell-noch-zeitgemaess



    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

  • Ich erwische mich auch immer wieder dabei, dass ich eine "Freistunde", in der ich meinen Schrank im Lehrerzimmer aufräume, kopiere, laminiere oder mich mit Kollegen oder der Sozialpädagogin über problematische Schüler austausche, für mich als Freizeit verbuche. Dabei ist das sogar produktiv ....

  • Lies die verlinkte Studie, es geht um:

    Zitat
    • Checking social media – 47%
    • Reading news websites – 45%
    • Discussing out of work activities with colleagues – 38%
    • Making hot drinks – 31%
    • Smoking breaks – 28%
    • Text/instant messaging – 27%
    • Eating snacks – 25%
    • Making food in office – 24%
    • Making calls to partner/ friends- 24%
    • Searching for new jobs – 19%

    Das hat doch NICHTS mit "Laminieren für den Unterricht" oder "Austausch über problematische Schüler" zu tun, was SELBSTVERSTÄNDLICH produktive Arbeit ist.


    Dass Lehrer immer unter dem Zwang leiden, sich dafür entschuldigen zu müssen, dass sie nicht nur Unterrichten, sondern auch andere Formen der produktiven Arbeit kennen...


    Gruß !

  • Da hast du Recht... gleich kommen aber wieder die ersten Kommentare in der Art von "Ich kenne da einen, der kennt einen in der "freien" Wirtschaft, der muss viel mehr arbeiten als wir und verdient viel weniger..."


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

  • Das liegt daran, dass wir normale Arbeiten als Erholung empfinden gegenüber dem Hochleistungsjob, der Unterrichten ist.

    Ja, diese 100%ige Aufmerksamkeit, die Verantwortung für eine anstrengende Gruppe von fast 30 Pubertierenden. 90 Minuten Unterricht müssten eigentlich als, keine Ahnung, 130 Minuten Arbeitszeit gerechnet werden.
    Ich merke das immer an Schulentwicklungstagen. Da sitzt man teilweise mehrere Stunden in irgendwelchen Gruppen und bekakelt irgendetwas, mal sagt man was, mal lehnt man sich zurück oder hört einfach zu.
    Mega entspannend im Vergleich zu einem Tag, an dem man"nur" den halben Tag 6 Schulstunden unterrichtet.
    Ganz ehrlich, ich könnte jeden Tag Entwicklungstag haben von 8.00 bis 17.00 Uhr. Keine nennenswerte Vorbereitung, einfach hingehen, die paar Stunden bisschen was machen, am Curriculum schreiben und was bekakeln, abends nach hause gehen und eben NICHT denken "Was unterrichte ich morgen, ich muss noch vorbereiten".
    Es gibt Jobs, da haben solche "Meetings" einen ganz hohen Zeitanteil und die Leute verdienen trotzdem ein Höllengeld.
    Die Hochanspannung, unter der Lehrer während des Unterrichts stehen, müsste eigentlich noch viel besser vergütet werden.
    Selbst eine Bekannte, die Chirurgin ist, erzählt, dass sie zwar sehr konzentriert arbeiten muss, aber während der Arbeit Musik hört! Das ist bei uns während des Unterrichts undenkbar, da ist mehr (!) Achtsamkeit und Konzentration gefordert als bei einer OP!
    Deshalb ist es für mich sowas von ein Unding, dass die Pflichtstundenzahl nicht auf 18 Stunden oder so heruntergesetzt wird.

  • Hallo Mikael,
    interessanter Text. Aber warum fährst du binemei so an? Sie sagt doch selbst, dass ihre Arbeit produktiv ist und sich dabei erwischt dies [fälschlicherweise] als Freizeit zu verbuchen. Sprich: Sie hat die Studie aus meiner sicht genau so verstanden wie du es auch verstanden hast. Nur du hast du nicht ihre Antwort verstanden.
    Gruß

  • Deshalb ist es für mich sowas von ein Unding, dass die Pflichtstundenzahl nicht auf 18 Stunden oder so heruntergesetzt wird.

    Warte erst einmal, bis die Schuldenbremse, die Pensionswelle und der Fachkräftemangel massivst zuschlagen (so ab 2025). Dann sehnst du dich nach 23,3-25,5 U-Stunden pro Woche zurück...


    Immer dran denken: Wir leben aktuell (seit Jahren) in einer Zeit der Rekordsteuerüberschüsse, einer gerade langsam anfangenden Pensionierungswelle und stehen erst am Beginn der dramatischen Auswirkungen des Geburtenrückgangs auf den Arbeitsmarkt. Und TROTZDEM ist der Staat weder willens noch in der Lage, die Bedingungen im Bildungsbereich grundlegend zu verbessern...


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

    2 Mal editiert, zuletzt von Mikael ()

  • Einmal, während der Ferien, habe ich drei Tage im Katasteramt verbracht.


    Es war ein wahrer Augenöffner:


    Gemütliches Ankommen, erstmal einen Tee kochen, alles war ruhig, entspannt, sanfte Geräusche, das leise Klicken von Türen, hin und wieder ein leises Radio, alle sprachen ruhig miteinander, leise Schritte auf Teppichen, pastellfarbene Bilder an den Wänden, ...


    Nach acht Stunden war ich sowas von aggressiv, das könnt ihr euch kaum vorstellen!
    Ich bin dann hinterher ins Schwimmbad zum Auspowern gegangen.


    Immer, wenn mir der Lehrerjob mal zu anstrengend und der Schulalltag zu schrill wird, denke ich an diese drei leisen, pastellfarbenen Tage im Katasteramt, dann geht es wieder.



    Anekdote am Rande:
    Zu einer Mutter, die eine Klassenfahrt begleitet hat, habe ich einmal gesagt, an ihr sei eine Lehrerin verloren gegangen, denn sie ginge so toll mit den Kindern um. Sie sagte, der Job wäre ihr viel zu anstrengend. Sie ist Intensivkrankenschwester.

  • Immer, wenn mir der Lehrerjob mal zu anstrengend und der Schulalltag zu schrill wird, denke ich an diese drei leisen, pastellfarbenen Tage im Katasteramt, dann geht es wieder.

    :rofl:


    Vielleicht sollte man ab und zu mal in beliebigen Berufsfeldern Praktikum machen dürfen. Lehrer im Katasteramt, Piloten im Kindergarten, Maurer im Ministerium. Dann würde vielleicht jeder zufriedener sein mit dem, was er hat und weniger über andere schimpfen :zahnluecke:

  • Ich glaube, ganz so wenig arbeite ich dort, wo ich jetzt bin, nicht, aber meine jetzige Tätigkeit ist um Längen entspannter.
    Nach knapp neun Stunden im Büro und insgesamt 2,5 Stunden Pendeln bin ich immer noch am Ende des Tages fitter als nach sechs Langstunden Schule.


    Interaktion mit 100+ Menschen jeden Tag, jeder Morgen und ggf. jeder Nachmittag ist durchgetaktet, danach noch Arbeit am Schreibtisch.
    Es ist letztlich oft nicht die Arbeitszeit in Stunden sondern die Arbeitsdichte, die einen schlaucht.

  • Das Problem ist auch, dass das jetzige System "Dauerkranke" produziert. Auch bei uns haben wir wieder Langzeitausfälle: Zwei Kolleginnen(!), immer ganz toll engagiert (AGs, Wettbewerbe, ...) und jetzt seit Monaten krankgeschrieben. Als Resultat fällt für die Schüler Unterricht aus und das restliche Kollegium darf unbezahlte Mehrarbeit leisten...


    Ein System, dass seit Jahren (Jahrzehnten) auf Verschleiß gefahren wird... genau wie die Deutsche Bahn AG....


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

  • Vielleicht sollte man ab und zu mal in beliebigen Berufsfeldern Praktikum machen dürfen.

    Darf man als Lehrer doch - gibt sogar in manchen Bundesländern dafür extra Förderprogramme.


    Kann ich nur empfehlen, Infos gibt es zum Beispiel hier.


    Ich war schon beim Schreiner, beim Maler, beim Gerüstbauer, beim Fliesenleger, beim Optiker, bei ner Bank, ...


    Mache ich pro Jahr ca. ein bis zwei Wochen (in der unterrichtsfreien Zeit).

  • Mache ich pro Jahr ca. ein bis zwei Wochen (in der unterrichtsfreien Zeit).

    Also freiwillige Mehrarbeit, wohl unbezahlt... andere nennen das Selbstausbeutung zugunsten des Dienstherrn. Wenn es bei dir die berühmte "intrinsische" Motivation ist, die man Lehrkräften bei jeder Gelegenheit abverlangt, dann sollte man das aber nicht als allgemeingültigen Maßstab ansetzen..


    Zitat

    Das Betriebspraktikum für Lehrkräfte ist auf zehn Arbeitstage begrenzt und wird grundsätzlich in der unterrichtsfreien Zeit durchgeführt. Es kann auch in Schuljahresabschnitten stattfinden, in denen die teilnehmende Lehrkraft nur in geringem Umfang im Unterricht eingesetzt ist (z. B. bei Unterrichtsausfall aufgrund von Schulfahrten, Projektwochen und Schülerbetriebspraktika oder nach Abschluss von Prüfungen sowie nach Schulentlassungen). In Absprache mit dem Betrieb und auf Antrag der Lehrkraft wird es in Block- oder Teilzeitform durchgeführt.

    http://schure.de/22410/24-81403.htm



    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

  • Klar, ist für mich Hobby. Ich habe so die Möglichkeit für mich über den Tellerrand zu blicken. Und habe da einiges gelernt, was ich privat beim Hausbau nutzen konnte. :dollar:



    Mir ging es eigentlich nur um den Satz "Vielleicht sollte man ab und zu mal in beliebigen Berufsfeldern Praktikum machen dürfen."
    Dürfen darf man, müssen zum Glück nicht.
    Und man darf sogar so, dass der Dienstherr den Versicherungsschutz übernimmt, versuch das mal in der freien Wirtschaft...

  • Ich brauche an für sich keine Argumente... Wenn sich wieder mal jemand drüber mockiert, wie viel ich doch frei habe, empfehle ich gerne einen Quereinstieg... Jeder, der ein Abitur hat, kann Lehrer werden... Wahlweise „Du hast schon wieder Ferien ab nächster Woche?!“ - „Ja, und ich freue mich richtig drauf. Echt toll, dass wir so viel frei haben.“ Meist ist die Diskussion damit im Keim erstickt.

Werbung