HO: Lehrerberuf wird noch unattraktiver

  • Hallo,


    durch die zunehmende Möglichkeit von Home Office (HO) in anderen Berufen wird der Lehrerberuf meiner Ansicht nach zunehmend unattraktiver. Vor meiner Zeit als Lehrer war ich in der freien Wirtschaft tätig und musste jeden Tag rund 2 Stunden auf der Straße verbringen. Durch Home Office spart man diese Wege und hat zudem viel mehr Freiraum zuhause. Außerdem kann man z. B. Gehälter einer Großstadt kassieren, wohnt aber auf dem Land. Insgesamt ist der Job eines Büromitarbeiters so wesentlich angenehmer geworden. Wie seht ihr das?

  • Das gilt aber doch längst nicht für alle Büromitarbeiter und sicher auch nicht mehr in diesem Umfang, wenn die Pandemie einmal vorbei ist. Das was die meisten Angestellten im Moment machen ist auch kein richtiges Home Office sondern mobiles Arbeiten. Hier ist sind die geleisteten Stunden auch im Durchschnitt auch höher, als im Büro innerhalb einer Firma. Die Arbeitszeit wird ja in den wenigsten Fällen erfasst, wenn ein Angestellter im eigenen Heim arbeitet.


    Sollte es sich durchsetzen, dass viel mehr mobiles Arbeiten ermöglicht wird, dann ist es über kurz oder lang auch vorbei mit den Gehältern der Großstadt.

    Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.


    Albert Einstein

  • Bei einem richtigen Home Office wird zu Hause ein Ort eingerichtet mit Schreibtisch, Stuhl etc.

    Aktuell ist es eher mobiles Arbeiten.


    Für mich sehe ich keine Vorteile im HO, ich brauche das vor die Tür gehen. Und Flexibilität ist im Lehrberuf schon sehr hoch.


    Mobiles Arbeiten/HO ist ein Ersparnis für den Arbeitgeber in erster Linie.


    Ich habe bewusst keinen Bürojob angenommen, sondern den eines Lehrers. Für mich nicht vergleichbar.

  • Ich sehe es ähnlich wie Kiggie.


    Für mich macht den Lehrerberuf der direkte Kontakt mit den SuS vor Ort aus. Wenn ich Lust auf einen Bürojob gehabt mit weniger direktem Menschenkontakt (häufig ja nur per Telefon) gehabt hätte, hätte ich mich nicht entschieden Lehrerin zu werden. Von daher wird m. M. n. unser Job nicht unattraktiver, nur weil wir keine Möglichkeit des Homeoffice haben. Natürlich hatte auch die Zeit des Homeschooling ihre Vorteile, aber ich war mehr als froh, als ich meine SuS wieder im Präsenzunterricht hatte.


    Die Flexibiltät finde ich im Lehrerberuf ebenfalls recht hoch; z. T. sogar höher als die einer Freundin, die - als Mitarbeiterin eines Großhandelsbetriebs - drei Monate im Homeoffice war. Sie musste bspw. täglich von 7:45 bis 16:30 Uhr telefonisch erreichbar sein; ich hingegen kann nach Schulschluss, der zumindest bei mir nie nach 15:10 Uhr liegt, hingehen, wo ich möchte, und muss für niemanden erreichbar sein.


    Dass man sich im Homeoffice den An- und Abfahrtsweg zur Arbeit spart, ist für mich kein Argument. Es zwingt einen ja niemand, so weit vom Arbeitsplatz entfernt zu wohnen (ob das nun die Schule oder das Büro ist). An meiner Schule unterrichten eine ganze Reihe von KuK, die am Schulort wohnen und mit dem Fahrrad zu Arbeit fahren oder sogar zu Fuß gehen können.


    Natürlich hat Homeoffice auch Vorteile, aber der Vergleich des Lehrerberufs mit dem eines Büroangestellten ist m. E. ein Vergleich von Äpfeln und Birnen.

  • Mobiles Arbeiten/HO ist ein Ersparnis für den Arbeitgeber in erster Linie.

    Sehe ich genauso, weil nach wie vor das Thema Zeiterfassung im HO umstritten ist, derArbeitgeber Bürofläche einsparen kann. Außerdem fällt auch das Thema "Ergonomie" am Arbeitsplatz flach. Tendenziell sollen angeblich Mitarbeiter*innen im Homeoffice sogar mehr arbeiten als an ihrem regulären Arbeitsplatz im Büro.


    Humblebee: nun, auf dem platten Land hast du ja automatisch oft längere Anfahrtswege, teilweise auch in der Großstadt, wenn du z. B. am einen Ende von Berlin wohnst und am anderen arbeitest. Das das gilt z. B. für Frankfurt/Main, da wohnen die Leute ja inzwischen auch eher in den ländlichen Kleinstädten und pendeln, weil einfach die Mieten in der Frankfurter Innenstadt (z. B. 1200 € Kaltmiete für normale 2 ZKB am Opernplatz :staun: ) nicht mehr zu stemmen sind.

  • Enora : Dein Argument mit den hohen Mieten in der Großstadt kann ich nachvollziehen, aber gerade, wenn man in einer kleineren Stadt, am Stadtrand oder eben "auf dem platten Land" seinen Arbeitsplatz hat, bestünde doch die Möglichkeit, in die Nähe dieses Arbeitsplatzes zu ziehen?! Dass das viele nicht möchten, steht auf einem anderen Blatt.

  • Ich habe das Beste aus zwei Welten: Meine Frau ist im tatsächlichen Home Office, ich war bis zu den Ferien teilweise in der Schule, teilweise im Fernunterricht (3 Tage Präsenz vormittag, 2 Tage vormittags Fernunterricht).


    Wir haben (noch) keine Kinder, daher ist das Ganze für uns ein Segen. Die Fahrzeit zur Arbeit entfällt für meine Frau, sie arbeitet eine Stunde mehr als vorher im Büro, ist aber effektiv eine Stunde weniger aus dem Haus. Und sie macht viel mehr bewusste Pausen und weniger im Büro vor dem PC prokastinieren. Und kann dank Terasse auch den Sommer genießen.


    Ich selber finde aber, dass ich trotz Vollzeit als Lehrer immer noch finanziell besser und zeitlich viel besser gestellt bin als Leute aus der mittleren Wirtschaft. Und dafür verdienen wir als Beamte auch wirklich angenehm. Und sind sozial abgesichert. Ganz zu schweigen von den Vorteilen der Privatversicherung.


    Meine Mutter hingegen ist in der Privatwirtschaft in leitender Position, verdient wenig mehr als ich, arbeitet aber bedeutend länger und vor Rollouts weit extremer als ich oder meine Frau.


    Daher finde ich trotz Home Office den Lehrerberuf als erstrebenswert, da wir nicht alle Ärzte, Anwälte oder Ingenieure beim Daimler sein können. Oder gar Unternehmensberater.


    Und beim Daimler wurden jetzt dank Corona auch Ingenieure et al in Kurzarbeit geschickt worden ^^.

  • Ich weiß nicht. Ich wollte eben immer gerade keinen reinen Bürojob. Mich reizt Home Office über das Maß hinaus, wie ich es eh schon betreibe (Vorbereitung und Korrekturen daheim) nicht. Wenn man wirklich Lehrer(in) werden will, weil man Lehrer(in) werden will (und nicht wegen der Ferien, dem Beamtenstatus etc.), wird man trotzdem Lehrer(in). :)

  • Ich stimme dem TE weitestgehend zu. Ich würde z.B. auch nie wieder einen Job ohne Gleitzeit ergreifen (hatte das im Studentenjob und weiß es erst heute richtig zu schätzen). HO (echtes) finde ich schon sehr attraktiv. Die Schule bietet zwar auch ein relativ hohes Maß an freier Zeiteinteilung im außerunterrichtlichen Arbeitsbereich, ist durch die festgelegten Stundenplanraster und Ferienzeiten aber halt auch 0 flexibel und auf eigene Bedürfnisse anpassbar. Ich würde ja auch toll finden, wenn wir 2-3 frei verfügbare Urlaubstage hätten für Anlässe im Freundes- oder Verwandtenkreis, die halt nunmal vormittags stattfinden und für die man mal frei bräuchte.


    Ich mag unsere Rahmenbedingungen nicht durchweg schlecht reden, aber wir sind schon sehr gebunden und fremdbestimmt in einigen Punkten. Ich glaube nicht, dass das dem Zeitgeist entspricht und sicherlich auch ein Grund gegen die Berufswahl sein kann.

  • Hier ist sind die geleisteten Stunden auch im Durchschnitt auch höher, als im Büro innerhalb einer Firma. Die Arbeitszeit wird ja in den wenigsten Fällen erfasst, wenn ein Angestellter im eigenen Heim arbeitet.

    Klar wird die erfasst. Wenn es ein Aufzeichnungssystem gibt, man also auf der Arbeit "einsticht", dann kann man das in der Regel auch zuhause. Jedenfalls machen das alle meine Freunde und Bekannten von denen ich es weiß so und ich habe das früher auch gemacht.

  • Jetzt machst du mich neugierig Maylin85 : welche Anlässe im Freundes- oder Verwandtenkreis finden denn nur vormittags statt? Da fallen mir spontan nur standesamtliche Hochzeitstermine ein und selbst die - zumindest die, an denen ich teilnehmen wollte - fanden in meinem Bekanntenkreis und in der Familie (da war es allerdings nur eine) in den letzten Jahren ausschließlich samstags statt. Alle anderen Anlässe (Geburtstage, "runde" Hochzeitstage, Einschulung, "Babyparty", Polterabend,...) werden am Wochenende oder zumindest abends gefeiert. Selbst Beerdigungen sind eigentlich nie vor dem späten Vormittag angesetzt und da habe ich es in der Schule schon zweimal arrangiert, dass ich zu auswärtig stattfindenden Beerdigungen gehen konnte (Unterrichtsstunden wurden getauscht).

  • Für mich macht den Lehrerberuf der direkte Kontakt mit den SuS vor Ort aus. Wenn ich Lust auf einen Bürojob gehabt mit weniger direktem Menschenkontakt (häufig ja nur per Telefon) gehabt hätte, hätte ich mich nicht entschieden Lehrerin zu werden.

    Ganz genau Bienchen! Ich glaube nicht, dass viele nur diese beiden Möglichkeiten - Büro oder Schulklasse - bei ihrer Berufswahl abwägen.

  • Je nach eigener Organisation und Arbeitsplanung kann man als Lehrer auch viel von zu Hause arbeiten.
    Und ich würde den Trend zu HO bei Bürojobs nicht überbewerten.

    Ich kenne mittlerweile die "Jobs" als Lehrer in Vollzeit, Büro (Schulbehörde) in Vollzeit ohne HO und mit HO. Letzteres ist in der Tat recht angenehm - vor allem, wenn man ansonsten mit ÖPNV eine Stunde pro Strecke pendelt.

    Solche Aspekte sollten aber eine Entscheidung für oder gegen den Lehrerberuf nicht zu stark beeinflussen.

  • Je nach eigener Organisation und Arbeitsplanung kann man als Lehrer auch viel von zu Hause arbeiten.

    Das kommt natürlich auch noch hinzu. Ich wage mal zu behaupten, dass ich max. 2/3 meiner Arbeitszeit vor Ort in der Schule verbringe und den Rest zuhause mit Vor- und Nachbereitung (inkl. Korrekturen).

  • Hallo,


    durch die zunehmende Möglichkeit von Home Office (HO) in anderen Berufen wird der Lehrerberuf meiner Ansicht nach zunehmend unattraktiver. Vor meiner Zeit als Lehrer war ich in der freien Wirtschaft tätig und musste jeden Tag rund 2 Stunden auf der Straße verbringen. Durch Home Office spart man diese Wege und hat zudem viel mehr Freiraum zuhause. Außerdem kann man z. B. Gehälter einer Großstadt kassieren, wohnt aber auf dem Land. Insgesamt ist der Job eines Büromitarbeiters so wesentlich angenehmer geworden. Wie seht ihr das?

    Die Frage ist halt, mit welchen Positionen man "den Lehrerberuf" vergleicht. Mir fallen ein, zwei Leute ein, die tatsächlich auch jetzt noch fast vollständig im Home Office arbeiten und die in ihren Führungspositionen auch mehr verdienen als A12 oder A13. Bei den meisten Bürojobs ist das ja aber gar nicht so. Auf eine Führungsposition kommen da mehrere mit TVL 8 oder 9 oder den entsprechenden Gehältern in der freien Wirtschaft. Hier waren städtische Mitarbeiter aus der Verwaltung wochenlang in Kurzarbeit (!). Und zum eigentlichen Thema - dem Home Office und der freien Zeiteinteilung: Als ich heute Morgen um 7:40 Uhr beim Finanzamt Unterlagen eingeworfen hab', standen dort bereits 150 Autos oder mehr. Die waren natürlich zum Arbeiten dort und ich glaube nicht, dass man als Langschläfer auch einfach von 14 bis 23 Uhr arbeiten könnte, wenn man das wollte.


    Wenn du sagst, ich hab' studiert, ich würde mich nicht mit 'nem einfachen Sachbearbeiter vergleichen, sondern mit einer Führungskraft: Ich hatte mal so eine Position, im sozialen Bereich. Dazu gehörte dann aber auch, dass ich Termine nach 17 Uhr hatte und auch mal nachts, am Wochenende oder im Urlaub angerufen wurde und Entscheidungen treffen musste. Und das längst nicht für das Äquivalent von A12 oder A13.

  • Homeoffice ist kein Vorteil.

    Das ist nur attraktiv, wenn man wahlweise im Homeoffice oder im Büro arbeiten kann. Ich konnte an meiner Schule noch kein eigenes Arbeitszimmer für mich entdecken. Insofern ist der Rückgriff meines Arbeitgebers auf mein privat bezahltes Arbeitszimmer mit meiner privat bezahlten EDV kein Vorteil, sondern ein Zeichen von mangelnder Wertschätzung.


    Insbesondere gilt das, wenn man bedenkt, dass der Anteil der zu Hause zu erledigenden Aufgaben von unserem Dienstherren genutzt wird um die Arbeitszeit zu entgrenzen. Spätestens dadurch ist das "Homeoffice" kein Entgegenkommen oder Vorteil sondern eine plumpe Strategie zum Lohndumping.

  • Home Office als Option ist zwar nett, aber ich würde sie vermutlich auch nicht annehmen, da ich klare Abgrenzung Beruf und Privates brauche. Klar, wenn jemand weit weg vom Arbeitsplatz entfernt wohnt, ist das erst einmal nervig. Ich würde auch möglichst Fahrzeiten von 1 Stunde+ vermeiden. Die zwei Möglichkeiten, die es dafür gibt, sind, zum Arbeitsort zu ziehen, oder eine wohnortsnahe Arbeit zu suchen. Zum Arbeitsort zu ziehen, kommt für mich nicht infrage, da ich die Nähe zu Heimat und Familie hochwertiger einschätze. Die zweite Möglichkeit klappt dann, wenn man in einem Beruf arbeitet, den man quasi von "überall" ausüben kann, oder wenn Selbstständigkeit für einen eine Option darstellt.

  • Nichtführungspositionen in der Behörde gehen auch bis A15...

    Was kann man für A15 denn so machen? Ich habe gerade mal nachgesehen und finde neben Schulleitungen so Jobs wie Botschafter, Bundesbankdirektor, Ober- und Chefarzt, Dekan ...

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