Generationenwechsel

  • Ich war in einer Gedenkstätte und mein großwerdendes Kind fragte mich allen Ernstes was ein KZ sei. Und dann fiel mit auf, dass es in seiner Klassenstufe noch nicht Thema war und zu Hause beim Abendbrot auch nicht über Foltermethoden gesprochen wird, es kannte diesen Begriff also tatsächlich nicht.


    Ich dachte mir eben, dass hier ja in etwa zwei Generationen schreiben müssten. Etwa Von Ende 20 bis Ende 50? Es schauen auch mal pensionierte Kollegen vorbei und Studierende oder Leute kurz vorm Abi aber so im Großen und Ganzen sind unsere Eltern entweder Kriegskinder oder eben die Großeltern wurden im oder kurz vor dem Krieg geboren. Und wir entsprechend in den 70ern sozialisiert oder bis in die 90er hinein.


    Ich habe den persönlichen Eindruck, dass sich die Wahrnehmung z.B. der DDR, der Genderfrage, von Verarbeitung des zweiten Weltkrieges usw. verändert haben und sich das möglicherweise nicht nur in der Erziehung, sondern auch in der Schule widerspiegelt, was meint ihr? Bin ich schon altmodisch? Oder ist es egal, weil jede Generation Wichtiges weitergibt?


    Bitte freundlich bleiben aber gerne ehrlich, ich bin gespannt :danke:

  • Ich glaube, dass die Heranwachsenden sehr viel machen oder sagen, weil es politisch korrekt ist. Aber wenn es dann persönlich wird ist halt doch alles anders.

    Da finden sie es komisch, dass mein Mann auf das kranke Kind aufpasst, obwohl er arbeiten geht, finden es komisch, dass ein Junge Erzieher wird, wollen nicht von einem afroamerikanischen Krankenpfleger gewaschen werden...

    Im KZ hatte ich nur wirklich tolle Schüler mit, die waren auch wirklich empört, wenn Leute lächelnd Fotos machten oder halbnackt im Sommer dort rumliefen. Aber war das wirklich ihr empfinden, ob war das eingeredet? Sie liefen ja selbst 2 Tage später in hotpants und Bauchfrei mit Ausschnitt durch Krakau.

    keine Ahnung ob das dein Thema so genau trifft, wo ich dein posting noch mal lese...

    Only Robinson Crusoe had everything done by Friday.

  • Vermutlich ist es ein Unterschied,

    ob man von Familienangehörigen hört, was sie selbst im Krieg erlebt haben,

    oder ob man es aus Dokumenten erfährt.

    Ein Grund, Zeitzeugen einzuladen oder aufzunehmen.


    Davon abgesehen ist es so, dass manche von uns zu Hause gar nichts erfahren haben, weil die Themen tabu waren, dadurch wurde es zu etwas Besonderem, Interessantem und man hat sich selbst um Informationen gesucht.

    Medial sind wir inzwischen anders aufgestellt, die Informationen sind leichter verfügbar, aber es ist meiner Meinung nach schwieriger, darin das Wesentliche zu finden und es einzuordnen.

  • Also was ich meine, ist: es macht ja einen großen Unterschied, ob man 1967 geboren wurde oder 1992 und gemeinsam unterrichten wir unsere Schüler*innen. Gibt es zu verschiedenen, wichtigen ich sag mal gesellschaftspolitischen Themen einen Bruch in der Sichtweise, unterrichten ältere Kollegen anderes als jüngere? Lehrpläne sind gleich aber geht ein älterer z. B. Anders mit der Frage um, ob Bikini in der Gedenkstätte okay ist oder wenn ein Schüler blöde Sprüche reißt, weil ein anderer Erzieher werden will? (Hier schrieb neulich jemand, dass er als Mann Grundschullehrer werden wolle und das sicher alle komisch fänden...).


    Mich interessiert, was die jüngere Generation gemeinsam hat und ob sie andere Werte vermittelt. Und ob man das überhaupt sagen kann, wenn man mittendrin steckt oder erst in 50 Jahren jemand das sagen können wird...

  • Für mich persönlich war das Thema auch immer etwas "fern". Meine Großeltern haben mir (zumindest kann ich mich nicht erinnern) keine Geschichten aus dem Krieg erzählt, weil sie dafür zu jung waren. Sie hätten höchstens die Geschichten ihrer Eltern/Großeltern erzählen können und das erscheint einem Kind dann sehr lange her (obwohl es das aus meiner heutigen Perspektive nicht ist). Aus meiner Erfahrung finden aber die meisten meiner Gleichaltrigen dieses Thema sehr wichtig und auch interessant (klingt komisch, das aufzuschreiben). Wir haben damals leider nie eine Gedenkstätte besucht (werde ich aber als Lehrer auf jeden Fall machen, wenn sich die Gelegenheit ergibt). Aber ich habe privat mehrere Veranstaltungen zu dem Thema besucht, auch mit Menschen, die ihre oder die Geschichte ihrer Familie erzählt haben. Das hat mich dem Thema nähergebracht. Und gerade im digitalen Zeitalter kann man leicht Informationen finden (ich lese gerne die Berichte in den klassischen Zeitungen über dieses und andere Themen).

    Bildung ist die Fähigkeit, fast alles anhören zu können, ohne die Ruhe zu verlieren oder das Selbstvertrauen. (Robert Frost)

    Bildung kann einen sehr glücklich und gelassen machen. (Günther Jauch)

    Was nützt es dem Menschen, wenn er Lesen und Schreiben gelernt hat, aber das Denken anderen überlässt? (Ernst R. Hauschka)




  • Vermutlich ist es ein Unterschied,

    ob man von Familienangehörigen hört, was sie selbst im Krieg erlebt haben,

    oder ob man es aus Dokumenten erfährt.

    Ein Grund, Zeitzeugen einzuladen oder aufzunehmen.

    Kein Zeitzeuge (Video oder live) konnte mich so sehr mit dem Thema Krieg treffen, wie meine Großeltern mit ihren Erzählungen.

    Ich denke also als (in)direkt Betroffene nimmt man es definitiv noch ganz anders wahr.

    Meine halbe Familie kommt ja aus dem Saarland, das ist nun einmal auch eine besonders harte und interessante Geschichte.

  • Gibt es zu verschiedenen, wichtigen ich sag mal gesellschaftspolitischen Themen einen Bruch in der Sichtweise, unterrichten ältere Kollegen anderes als jüngere?

    Nach meiner (statistisch nicht relevanten) Wahrnehmung sind die individuellen Unterschiede unabhängig von der Generation größer. Man muss vielleicht bedenken, dass sich in unserer Berufsgruppe schon eine gewisse Vorauswahl an Menschen wiederfindet.


    Bei den Erhebungen, die z. B. die Shell Jugend-Studie immer wieder gemacht hat, werden auch solche Kategorien wie Werte o.ä. abgefragt. Da könnte man mal recherchieren, ob es wirklich erhebliche Veränderungen gesamtgesellschaftlich gibt.


    Dass das Wissen um historische Ereignisse sich verändert, ist aber vermutlich unausweichlich, weil ja die persönliche Betroffenheit mit der Zeit abnimmt. Gleichwohl erlebe ich bei den Jugendlichen ein großes Interesse z. B. am Holocaust, weniger an der ehemaligen DDR. Obwohl ich ja Physik- und Mathelehrerin bin, kommen im meinem Unterricht auch geschichtliche Abschweifungen vor (z.B. immer mal wieder die Frage nach der Haltung deutscher Physiker in Nazideutschland oder auch zur Wiederbewaffnung in den 50ern). An solchen Dingen merkt man evtl. den Unterschied zum Unterricht meiner jüngeren KollegInnen.

    Die Weisheit des Alters kann uns nicht ersetzen, was wir an Jugendtorheiten versäumt haben. (Bertrand Russell)

  • Als in den 80ern geborene kann ich für mich ganz klar sagen, ich finde das Thema Holocaust und zweiter Weltkrieg sehr sehr wichtig. Vielleicht auch, weil ich persönlich nicht möchte, dass sich die Geschichte wiederholt. Meine Großeltern, die den Krieg erlebt haben, haben darüber kaum gesprochen. Mir sind aber zwei Dinge im Hinterkopf geblieben. Das meine Oma einmal erzählt hat, wie der Himmel geglüht hat, als die ca. 20 km entfernte heutige Großstadt bombardiert wurde und das mein Großvater aus Schlesien geflohen ist.

    Was ich aber viel wichtiger finde ist der Umgang mit Minderheiten oder vermeintlich andersartigen.

    Trotzdem finde ich auch die deutsche Nachkriegsgeschichte, die Gründung der EU, DDR etc. sehr wichtige Themen, die zu meiner Zeit im Schulunterricht eigentlich gar keine Rolle gespielt haben.

    Leider bleibt in unserem Unterricht an der Berufsschule häufig kaum Zeit für geschichtliche Aspekte. Ich versuche sie manchmal zum Ende hin z.B. mit einem Film oder Exkursionen mit einzubinden.

  • Ich habe den persönlichen Eindruck, dass sich die Wahrnehmung z.B. der DDR, der Genderfrage, von Verarbeitung des zweiten Weltkrieges usw. verändert haben und sich das möglicherweise nicht nur in der Erziehung, sondern auch in der Schule widerspiegelt, was meint ihr? Bin ich schon altmodisch? Oder ist es egal, weil jede Generation Wichtiges weitergibt?


    Bitte freundlich bleiben aber gerne ehrlich, ich bin gespannt :danke:

    Das ist zwansgläufig so - und das ist gut so.

    Je weiter weg man von Ereignissen geboren wird, desto mehr wächst man in Distanz dazu auf. Einen Unterschied könnte lediglich das "Wachhalten" der Erinnerungen im Rahmen einer Familientradition sein. Meine Großeltern waren die Kriegsgeneration. Geboren während oder unmittelbar nach dem 1. WK. Ich habe diese Generation oft als die um ihr Lebensglück betrogene Generation erachtet. Natürlich hatten die einen anderen Blick auf das Dritte Reich, die BRD, die DDR etc.
    Meine Grundschullehrerin der 3. und 4. Klasse war auch ein Kriegskind. Mein Klassenlehrer der 5. bis 7. Klasse ein Spätteilnehmer am 2. WK. Diese Generation stirbt nun nach und nach aus. Auch die 68er erreichen jetzt ihr Pensionsalter und neue Lehrergenerationen sind nachgewachsen. Die Fachwissenschaft und die -didaktik - gerade in Geschichte - haben in den letzten Jahrzehnten viele neue Erkenntnisse und Herangehensweisen geliefert.

    Bis auf die ersten Jahrgänge meiner Schüler sind alle deutlich nach der Wende geboren, kennen die DDR und den Kalten Krieg im Wesentlichen aus Erzählungen und Geschichtsbüchern. Ich selbst habe den Kalten Krieg "aktiv" miterlebt, ebenso als 15/16jähriger die Wende. Wenn ich meinen Schülern in der Q2 die Doku "Deutschlandspiel" zeige, kann ich viele Szenen "live" kommentieren, weil ich mich daran erinnere.

    Mittlerweile sind die jungen KollegInnen auch schon nach der Wende geboren und kennen diesen Teil der deutschen Geschichte als Geschichte. Alleine dieser banal anmutende Umstand, dass wir Zeitzeugen unterschiedlicher Phasen deutscher Geschichte sind (oder eben nicht sind) trägt zu einem erheblichen Teil zu unserem Umgang mit selbiger bei.

    Ich kann beispielsweise noch das Spannungsfeld zwischen NS-Opfer und Kriegsverbrecher innerhalb eines Zweiges meiner Familie aufziehen und dabei die Erzählungen meiner Großmutter und die Recherchen meines Onkels zu den beiden Ehemännern meiner Großmutter sowie zu dem früh gefallenen Großonkel miteinfließen lassen. Die nachwachsenden JunglehrerInnen können das teilweise gar nicht mehr, weil sie ihre Großeltern gar nicht mehr so lange erlebt haben.


    Die heutigen Jugendlichen in Deutschland leben in einer Blase von Frieden, Wohlstand und "Ordnung". Sie kennen keinen Krieg, keinen echten Mangel, keine wirklichen Krisen, keine größeren politischen Umwälzungen. (Sie kennen dafür mannigfaltige Tötungsmethoden aus Computerspielen.)


    Deine Frage lässt sich also zweifelsfrei mit "ja" beantworten.
    Als ich geboren wurde, war der Zweite Weltkrieg 29 Jahre her. Mittlerweile ist es ein bisschen mehr geworden. Die unmittelbaren Probleme und Auswirkungen des Krieges sind weitgehend verblasst. Dafür sind andere Probleme hinzugekommen, die durchaus existenziellen Charakter haben.


    Die Flüchtlingskrise wird uns sicherlich die nächsten Jahrzehnte beschäftigen, weil wir nur die Symtpome, aber nicht die Ursachen bekämpfen (können). Die Integration von Menschen anderer Kulturen und Religionen, deren Werte und Normen sich nicht mit dem Grundgesetz vereinbaren lassen, wird uns ebenfalls noch über Jahrzehnte hin beschäftigen. Das Dilemma einer Religion und Kultur, die sich dem Westen gegenüber als überlegen erachtet, aber jeden Tag ihre effektive Unterlegenheit gespiegelt bekommt, wird in den nächsten Jahrzehnten noch viele Opfer fordern - und daran hat auch der Westen erhebliche Verantwortung. Und ja, vor dieser Auseinandersetzung habe ich Angst.

    Und doch hoffe ich, dass ich meine Kinder zu anständigen Menschen erziehen kann und ihnen Möglichkeiten aufzeige, wie sie ihr eigenes Lebensglück finden und wahren können.

  • Meine LuLs arbeiteten noch mit Stock und Schlüsselbund, was ich von meiner Generation (fast) nicht mehr kenne; die jüngeren KuKs wissen wahrscheinlich schon gar nicht mehr, wie man mit jenen Tools gearbeitet hat.

    Und - wie ich an anderer Stelle hier schon abgelassen habe - ich hab den Eindruck, dass sich das Berufsbild geändert hat, mehr hin zum Job.

  • Als in den 80ern geborene ...

    Trotzdem finde ich auch die deutsche Nachkriegsgeschichte, die Gründung der EU, DDR etc. sehr wichtige Themen, die zu meiner Zeit im Schulunterricht eigentlich gar keine Rolle gespielt haben.

    Bin auch in den 80ern geboren. Als die Mauer fiel lernte ich gerade lesen und schreiben. Dass die Deutschlandkarte mal so (~1940), mal so (Westdeutschland) und dann wieder anders (Wiedervereinigt) aussah im Atlas, das nahm ich jahrelang so hin. Daheim lagen die Atlanten meiner Oma, meiner Mama und von mir herum. Deutschland hatte viele Formen.


    Natürlich finde ich es wichtig, dass sich Nazi Deutschland nicht wiederholt, aber in meiner Schulzeit wurde ich mit dem Thema ehrlich gesagt so vollgequatscht, dass ich davon und darüber nichts mehr hören möchte. Es ist mir selbst jetzt noch überdrüssig. Von der Lektüre in Klasse 6 (Damals war es Friedrich) über Reli, Geschichte, Erdkunde, ständig im Deutschunterricht, selbst Englisch - immer wieder! Ständig waren wir thematisch beim 3.Reich, und nie nie niemals bei aktuellerer Geschichte. In der 13.Klasse hat das erste Mal ein Lehrer vor der Klasse verwundert festgestellt, dass wir uns an die DDR nicht erinnern und dazu nichts wissen. Woher auch? Für eine Sechsjährige aus Baden-Württemberg ohne Verwandte in Ostdeutschland war die DDR genau so fern wie Honolulu. Nach dem mündlichen Abitur war das erste Mal die Aufteilung Deutschlands durch die Siegermächte und die Nachkriegsjahre Thema. An den letzten zwei Schulstunden dann auch ein wenig noch zur Wiedervereinigung. Ich fand es sehr erbärmlich. Hätte zu halbwegs aktuellem gerne etwas mehr gehört. KZ's dagegen hätten mir auch in zwei oder drei Schuljahren als Thema gereicht. Aber das kam ständig. Ich fühle mich durch den Schulunterricht deshalb immer noch geradezu abgestumpft bei dem Thema. Und ja, die Entrüstung wurde mir eindeutig anerzogen. Gefühlt hatte ich nie eine Chance mich selbst darüber zu entrüsten, das war sofort von vorne vorgegeben.

  • Der Leiter der Gedenkstätte Dachau hat gesagt, dass die NS-Diktatur für Jugendliche historisch genauso weit entfernt ist wie das antike Rom.


    Ich habe Geschichte studiert und unterrichte Geschichte und bin Baujahr 1978. Daher habe ich festgestellt, dass auch in meinem (akademischen) Freundeskreis historisches Bewusstsein schlicht sehr wenig vorliegt. Der Konsens ist erstaunlicherweise: wozu auch? Wir leben in einer effektiv sicheren Zeitperiode, die sowohl wirtschaftlich als auch versorgungstechnisch und medizinisch sehr sicher ist.


    An den nicht-gymnasialen Schulen in BaWü ist zumindest der Lehrplan recht chronologisch, so dass die NS-Zeit erst in Klasse 9 kommt (auch wenn die Schüler vorher massiv interesse daran zeigen, aber eher durch Schlagworte wie HITLER, NAZI etc).


    Daher kommt (zumindest in meinem Unterricht) die Entrüstung nach dem Dachau-Besuch tatsächlich bei den meisten Schülern aus persönlicher Bestürzung. Natürlich gibt es immer ein paar Schüler, denen das alles recht egal ist oder die hinter vorgehaltener Hand untereinander Witze machen.


    Daher: solange das mit den Erfahrungen der Kids verbinden kann (so strukturiere ich meinen Unterricht häufig), wirkt auch Geschichtsunterricht.

  • Es ist mir selbst jetzt noch überdrüssig. [...] Ständig waren wir thematisch beim 3.Reich, und nie nie niemals bei aktuellerer Geschichte. In der 13.Klasse hat das erste Mal ein Lehrer vor der Klasse verwundert festgestellt, dass wir uns an die DDR nicht erinnern und dazu nichts wissen. Woher auch? Für eine Sechsjährige aus Baden-Württemberg ohne Verwandte in Ostdeutschland war die DDR genau so fern wie Honolulu.

    Mir ging es ganz genauso, bisschen König Otto und dann nur Weimarer Republik bis Ende 2. Weltkrieg. Kalter Krieg so gut wie gar nicht, DDR, Mauerfall, aktuelle Geschichte oder auch der 1. Weltkrieg wurden kaum thematisiert, bzw. habe ich nicht in Erinnerung.


    Eine Großmutter kam aus der Nähe von Leipzig, daher bin ich noch recht nah mit der DDR aufgewachsen, war selbst als Baby da und meine Eltern haben uns später bei Fahrten zur Familie die alten Grenzen gezeigt und so. Aber eben durch persönliche Verbundenheit.


    Geschichtsunterricht habe ich sehr einseitig in Erinnerung.

  • Natürlich finde ich es wichtig, dass sich Nazi Deutschland nicht wiederholt, aber in meiner Schulzeit wurde ich mit dem Thema ehrlich gesagt so vollgequatscht, dass ich davon und darüber nichts mehr hören möchte. Es ist mir selbst jetzt noch überdrüssig. Von der Lektüre in Klasse 6 (Damals war es Friedrich) über Reli, Geschichte, Erdkunde, ständig im Deutschunterricht, selbst Englisch - immer wieder! Ständig waren wir thematisch beim 3.Reich, und nie nie niemals bei aktuellerer Geschichte. In der 13.Klasse hat das erste Mal ein Lehrer vor der Klasse verwundert festgestellt, dass wir uns an die DDR nicht erinnern und dazu nichts wissen.

    Interessant wie unterschiedlich das ist. Bei uns wurde der 2. Weltkrieg genau ein Schulhalbjahr in der 10. Klasse behandelt. Das wars. Tagebuch der Anne Frank wurde noch irgendwo behandelt mehr aber auch nicht. Ein KZ haben wir dann im Rahmen einer Fahrt nach Berlin besucht.

    In der Oberstufe haben wir uns dann wieder Themen zu gewendet die wir vorher schon behandelt hatten. Französische Revolution, Bündnispolitik, römisches Reich etc.

    Neuere Geschichte (nach dem 2. Weltkrieg) haben wir am Rande im Bezug auf die Gründung der EU in Sowi behandelt. DDR war nie ein Thema, RAF Terrorismus oder ähnliches auch nicht.

    Beim Mauerfall war ich noch im Kindergarten.

  • Stimmt, RAF war bei uns auch nie Thema, DDR auch nicht. Auch nicht, als der Mauerfall aktuell war, mal ad hoc in Gemeinschaftskunde oder so und irgendwann hätten ja auch mal die Geschichtsbücher neu gedruckt worden sein müssen...


    Aber was mir noch fehlt sind die möglichen Unterschiede im alltäglichen Umgang mit den Kids, Clira2 z.B., welche Fächer unterrichtest du, kommst du überhaupt in die Verlegenheit, mit deinen Schülern über Nationalsozialismus zu sprechen und wie würdest du das ggf. tun?

  • ...
    Die Fachwissenschaft und die -didaktik - gerade in Geschichte - haben in den letzten Jahrzehnten viele neue Erkenntnisse und Herangehensweisen geliefert.

    Welche, kannst du ein paar Beispiele nennen?

    Meine Grundschullehrerin der 3. und 4. Klasse war auch ein Kriegskind. Mein Klassenlehrer der 5. bis 7. Klasse ein Spätteilnehmer am 2. WK. Diese Generation stirbt nun nach und nach aus. Auch die 68er erreichen jetzt ihr Pensionsalter und neue Lehrergenerationen sind nachgewachsen.

    Stimmt, aus welcher Generation meine eigenen Lehrer stammen habe ich noch nie überlegt...

  • ...

    Bei den Erhebungen, die z. B. die Shell Jugend-Studie immer wieder gemacht hat, werden auch solche Kategorien wie Werte o.ä. abgefragt. Da könnte man mal recherchieren, ob es wirklich erhebliche Veränderungen gesamtgesellschaftlich gibt.

    Danke, das ist eine gute Idee, mache ich...

  • Im Ref haben wir am Ende als Seminar eine Fahrt nach Berlin gemacht. Es ging ums Thema Klassenfahrten planen und was man dort machen kann, wie man sich Berlinfahrten gut finanzieren kann, was wo ist und wo man gut wohnen kann. Spannend fand ich, dass der Fokus auf der DDR und Wiedervereinigung lag. Begründung war, dass die meisten darüber weniger wüssten und viele ja schon mal mit einem anderen Fokus in Berlin gewesen wären.

    Es war jedenfalls echt spannend, vor allem weil ich wirklich in der 10. Klasse in Berlin war und wir uns damals halt auf den 2. WK beschränkt hatten (Klassenlehrer war Deutsch- und Geschichtslehrer) und einem dann erst wirklich klar wurde wie beschränkt unsere Sicht oftmals ist.


    Und mir ist auch dort, in Hohenschönhausen noch einmal deutlich geworden wie wichtig Zeitzeugen sind.


    Ansonsten: ja, ich denke individuelle Unterschiede sind größer als solche zwischen Generationen.

    Only Robinson Crusoe had everything done by Friday.

  • Aber was mir noch fehlt sind die möglichen Unterschiede im alltäglichen Umgang mit den Kids, Clira2 z.B., welche Fächer unterrichtest du, kommst du überhaupt in die Verlegenheit, mit deinen Schülern über Nationalsozialismus zu sprechen und wie würdest du das ggf. tun?

    In meinen Fächern ergibt es sich selten darüber zu sprechen. Der alltägliche Wahnsinn der gegenseitigen Beschimpfungen natürlich. Die Schüler WISSEN natürlich, dass "du gehörst vergast", "Opfer" oder die Bezeichnung "Nazi" für einen strengen Lehrer nicht in Ordnung sind. Aber dann sagen sie es trotzdem weiterhin. Lustigerweise hat da dagegen am meisten geholfen, sie zum kreativen Schimpfen zu animieren. Besonders der "Grasdackel" oder "Halb-Dackel" war eine Weile gut.


    Ein Thema, bei dem ich mit Geschichte in Kontakt komme, ist/sind die Geschehnisse um Verschlüsselungsmethoden im 2. Weltkrieg. Enigma und die Codeknacker von Bletchley Park ist spannend. Das thematisiere ich aber sehr bewusst getrennt von den Geschehnissen im 3.Reich.

  • Welche, kannst du ein paar Beispiele nennen?

    Zum Beispiel die Thematisierung des Dritten Reichs, des Holocausts und des Umgangs damit. Das war in den 20 Jahren nach Kriegsende ein blinder Fleck im Unterricht.
    Zum Beispiel die Problemorientierung im Geschichtsunterricht.
    Zum Beispiel die Erkenntnisse zur Entstehung, Entwicklung und vordergründiger Beendigung des Kalten Krieges.

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