Schlägereien während der Pausenaufsicht

  • Kindesmissbrauch ist nicht nur das Zufügen von Leid und Schmerz, sondern auch das Erschweren oder Verwehren der Stillung elementarer Bedürfnisse. Zu letzterem zählt vor allem sowas wie Entzug von Nahrung, Wasser oder Schlaf, aber auch Bildung und Erziehung.

    Jede/r hat das Recht auf Unfähigkeit. Was es zum Missbrauch macht, ist Unfähigkeit in Verbindung mit der Unwilligkeit, Hilfe zu organisieren und somit dem Kind zuzumuten, dieser Unfähigkeit ausgesetzt zu bleiben.

    Das ist mir bewusst. Aber du stellst so was in den Raum ohne irgendwelche Hintergründe zu kennen. Vielleicht machen die Eltern alles richtig und das Kind hat einfach nur große Probleme. Die Schuld direkt bei den Eltern zu suchen ist arrogant und eine sehr unprofessionelle Sichtweise.

  • Inwieweit ist das für die Thematik relevant?

    Wenn du davon sprichst, wie unfähig und unwillig Eltern seien, dann hoffe ich doch sehr, dass du das selbst viel besser machst, behördliche Laufzeiten und Hindernisse für Hilfen etc. kennst und das objektiv bewerten kannst. Also: wieviele eigene Kinder mit überdurchschnittlichem Hilfsbedarf hast du denn schon erfolgreich durch das System begleite?

    Tipp: Kinder können sehr große Probleme haben, obwohl Eltern alles richtig machen.

  • Ich gestehe Eltern durchaus zu, mit einem Systemsprenger ebenso überfordert zu sein, wie die Schule. Da muss keine Vernachlässigung oder Kindeswohlgefährdung hinter stecken.

  • Tom123 : Es gibt Kinder mit bisweilen großen Problemen, aber ich habe Zweifel daran, dass Eltern bei anhaltend schwerwiegenden Problemen "alles richtig" machen. Vielleicht alles in ihrer Macht Stehende, aber in manchen Fällen ist auch das zu wenig und dann habe ich ja darauf hingewiesen, dass es nicht nur hilfreich, sondern essentiell ist, sich von außen Hilfe zu holen. Und wenn diese Hilfe wiederum ausgeschlagen wird, tut man dem Kind schichtweg nichts Gutes.

    Einmal editiert, zuletzt von Gymshark (28. Juni 2026 21:25)

  • Vielleicht bin ich von meinem alten Nebenjob im Kinderheim zu geprägt, aber ich würde der Aussage "am Verhalten der Kinder sind (fast) immer die Eltern schuld" uneingeschränkt zustimmen. Das fast ist nur drin für Erkrankungen ab Geburt, sexueller Missbrauch außerhalb der Familie und Schicksalsschläge (Tod eines Elternteils, etc.). Je älter die Kinder waren die gekommen sind, desto weniger konnte man noch tun. Wenn ein Kind erst im Grundschulalter ins Kinderheim gekommen ist, war es oftmals einfach schon zu spät.

    In der Schule hatte ich auch keine Fälle außerhalb dieser Ausnahmen. Ansonsten waren Eltern von Schülern mit problematischem Verhalten ausnahmslos unfähig, unwillig oder beides. Das Jugendamt ist auch maximal überlastet, wenn es nicht um körperliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch geht, führen die ein, zwei Gespräche und dann war es das oftmals.

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

    Einmal editiert, zuletzt von Valerianus (28. Juni 2026 17:27)

  • Ich gestehe Eltern durchaus zu, mit einem Systemsprenger ebenso überfordert zu sein, wie die Schule. Da muss keine Vernachlässigung oder Kindeswohlgefährdung hinter stecken.

    Doch, genau das muss es. Jeder, der mit extrem verhaltensauffälligen Kindern zu tun hat, kennt die Geschichten von Gewalt, Missbrauch oder unberechenbaren Eltern mit psychischen Erkrankungen dahinter. Dass diese Eltern überfordert sind, liegt in der Natur der Sache, die Kinder tragen dafür aber keine Verantwortung.

  • Das würde heißen, ohne elterliches Versagen gäbe es keine verhaltensauffälligen Kinder?

    Ich weiß es nicht. Der Junge hatte 2 Förderdiagnosen und war sowohl kognitiv eingeschränkt als auch extrem unbeherrscht in seinem Verhalten. Dass die Kombination auch für Eltern nicht einfach ist, glaube ich gerne. Die Eltern wirkten sehr einfach gestrickt, aber bemüht und haben sich gekümmert. Es mag sein, dass es den Eltern intellektuell nicht möglich war, das Kind optimal zu fördern und zu begleiten, aber ist das direkt eine Kindeswohlgefährdung? Don't know.

  • Vielleicht bin ich von meinem alten Nebenjob im Kinderheim zu geprägt, aber ich würde der Aussage "am Verhalten der Kinder sind (fast) immer die Eltern schuld" uneingeschränkt zustimmen.

    Kinder im Kinderheim sind nur ein kleiner Ausschnitt. Von denen haben die wenigsten überhaupt überdurchschnittlichen Hilfebedarf. Als ich kurzzeitig im Kinderheim gearbeitet habe, hatten die Kinder/Jugendlichen überwiegend keinen bewonderen Förderbedarf. Die meisten waren dort, weil das einzige sorgeberechtigte Familienmitglied ins Gefägnis musste oder weil die Eltern geschlagen und/oder vergewaltigt haben.

    In der Schule hatte ich auch keine Fälle außerhalb dieser Ausnahmen. Ansonsten waren Eltern von Schülern mit problematischem Verhalten ausnahmslos unfähig, unwillig oder beides. Das Jugendamt ist auch maximal überlastet, wenn es nicht um körperliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch geht, führen die ein, zwei Gespräche und dann war es das oftmals.

    Eltern dürfen auch überfordert sein. Wenn sogar pädagogisches Fachpersonal in den Schulen überdordert ist, wieso sollte das bei den Eltern anders sein? Woher kommt die Vorstellung, dass sie das nicht sein dürfen? Wenn sie dann auch noch monatelang darauf warten, von irgendwem Unterstützung zu bekommen, sich mit Ämtern auseinandersetzen müssen, was genau sollen Eltern dann machen? Manchmal machen sogar alle Beteiligten alles richtig und am Ende bleibt das Kind trotzdem auf der Strecke.


    Gymshark Und, wie siehts aus? Wieviele Kinder hast du schon angemessen durchgebracht? Wieviele Anträge hast du schon für deine Kinder bei Ämtern gestellt?

  • Wer das nicht glaubt, kennt die Lebensgeschichten nicht. Meistens bekommt man die auch nicht mit, die Eltern können einem normalen Gespräch in der Schule problemlos folgen.

    2024 wurden 3600 Fälle von Kindesmisshandlung erfasst, 16.400 von Missbrauch. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Wenn diese Fälle bis zur Polizei vordringen, Kinder aus der Familie genommen werden oder/und wegen Fremdgefährdung in der Psychiatrie behandelt werden, nicht mehr gruppenfähig in der Erziehungshilfe beschult, kriminell usw., dann ist etwas massiv schiefgelaufen über Jahre. Natürlich sind Eltern dann überfordert, sie verhalten sich in ihrer Überforderung aber auch massiv falsch.

    Kann man erklären, wer psychisch krank ist, selbst misshandelt wurde als Kind, drogenabhängig usw. ist nur begrenzt erziehungsfähig. Ob man das entschuldigen kann ist eine moralische Frage. Ich habe Berichte über Schüler gelesen, da ist mir buchstäblich schlecht geworden.

  • Naja, es ging um "Systemsprenger", darunter versteht man ja eine bestimmte Gruppe von Kindern und Verhaltensauffälligkeiten. Und die fallen nicht vom Himmel.

    Eine Freundin meiner Mutter hatte so einen Systemsprenger. Kind 1 und 2 ganz normal, Nr. 3 von Kleinkind an massiv verhaltensauffällig. Die Wände mit Kacke beschmiert, die Kaninchen vom Opa durch die Gitter im Stall mit Stiften aufgespießt, einfach richtig gestörte Verhaltensweisen von sehr jungen Jahren an. Schulzeit auch Katastrophe. Man weiß natürlich nie, was hinter verschlossenen Türen lief, aber das waren eigentlich komplett normale Leute. Vielleicht gibt es einfach Kinder, die "anders" geboren werden?

  • Naja, es ging um "Systemsprenger", darunter versteht man ja eine bestimmte Gruppe von Kindern und Verhaltensauffälligkeiten. Und die fallen nicht vom Himmel.

    Dafür gibt es viele Gründe. Es sind aber auch nicht immer pauschal die Eltern Schuld. Viele Kinder aus kaputten Elternhäusern kommen auch in Pflegefamilien oder in Einrichtungen unter. Auch diese können nur begrenzt auf Kind einwirken.

    Kann man erklären, wer psychisch krank ist, selbst misshandelt wurde als Kind, drogenabhängig usw. ist nur begrenzt erziehungsfähig. Ob man das entschuldigen kann ist eine moralische Frage. Ich habe Berichte über Schüler gelesen, da ist mir buchstäblich schlecht geworden.

    Und deswegen leben alle verhaltensauffälligen Kinder in problematischen Elternhäusern? Wir brauchen uns keine Gedanken mehr über diese Kinder machen, weil sowieso die Eltern Schuld sind und wenn diese richtig funktionieren würden, wären die Kinder normal?

    Natürlich passiert viel "Scheiße" in Familien. Natürlich gibt es zahlreiche Familien, denen man besser die Kinder wegnehmen sollte. Aber es gibt auch Kinder, die aus unterschiedlichsten Gründen einfach krank sind. Gerade wenn ich ein Kind habe, dass bereits von mehreren Schulen verwiesen wurde, muss eigentlich auch das Jugendamt an dem Fall dran sein. Wenn man das Kind nicht aus der Familie rausgenommen hat, scheinen die Eltern nicht die alles falsch zu machen. Wir haben im Verein ein Kind, das mit 2 Jahren zu Pflegeeltern gekommen ist. Das Kind hat auch immense Probleme. Auch in der Schule. Sind da auch die Pflegeeltern Schuld, dass das Kind nicht wie gewünscht funktioniert? In der Schule bekommen wir ab und zu Kinder aus einer Wohngruppe. Sind da dann die Betreuer / der Träger Schuld, wenn die Kinder Probleme machen?

    Es ist natürlich immer schön einfach, die Schuld nur bei den Eltern zu suchen. Aber selbst wenn in 70% der Fälle wirklich die Eltern Schuld wären, gebe es bei 30% andere Gründe. Tatsächlich gibt es gerade bei Systemsprengern eine Vielzahl von individuellen Geschichten, die zur Situation führten. Es gibt auch einfach eine ganze Reihe psychischer Krankheiten, die losgelöst vom Elternhaus entstehen können. Oder ein Kind hat traumatische Erfahrungen mit einer fremden Person gemacht. Lehrkräfte, die ohne den Fall zu sehen die Schuld direkt bei den Eltern sehen und diesen noch eine "Form von Kindesmissbrauch" unterstellen, haben den Job verfehlt.

  • Tom123 : Es gibt Kinder mit bisweilen großen Problemen, aber ich habe Zweifel daran, dass Eltern bei anhaltend schwerwiegend Problemen "alles richtig" machen. Vielleicht alles in ihrer Macht Stehende, aber in manchen Fällen ist auch das zu wenig und dann habe ich ja darauf hingewiesen, dass es nicht nur hilfreich, sondern essentiell ist, sich von außen Hilfe zu holen. Und wenn diese Hilfe wiederum ausgeschlagen wird, tut man dem Kind schichtweg nichts Gutes.

    Sicherlich hat kaum ein Elternteil alles richtig gemacht. Selbst Lehrkräfte sollen bei ihren eigenen Kindern Fehler machen. Das ist menschlich. Es ist auch sicherlich jeder der Meinung, dass man sich Hilfe von außen holen sollte. Aber du hast geschrieben, dass das Elternhaus Schuld an den Problemen des Kindes ist und das diese Vernachlässigung schon fast eine Form von Kindesmissbrauch ist. Du kennst die Hintergründe überhaupt nicht. Vielleicht ist Kind psychisch krank. Vielleicht lebt es schon bei Pflegeeltern. Vielleicht gab es einen Vorfall für den die Eltern nichts können. Die Schuld direkt bei den Eltern zu suchen, ist für eine Lehrkraft die absolut falsch Einstellung. Du müsstest erstmal offen das Gespräch suchen und wenn dann die Eltern wirklich Schuld sind, muss man Maßnahmen ergreifen.

  • Sind da auch die Pflegeeltern Schuld, dass das Kind nicht wie gewünscht funktioniert? In der Schule bekommen wir ab und zu Kinder aus einer Wohngruppe. Sind da dann die Betreuer / der Träger Schuld, wenn die Kinder Probleme machen?

    Nein, die Eltern sind Schuld (Ausnahmen stehen weiter vorn). Das habe ich jetzt schon zweimal aufgeschrieben. Was in der Kleinkindzeit verbockt wird, kann danach niemand mehr vollständig richten, kein Heim, keine Wohngruppe, kein Psychologe, keine Pflegeeltern. Und eben auch keine Schule. Es gibt eine Menge psychologische (teilweise auch gerichtsmedizinische) Forschung (z.B. Catalano & Hawkins) zu dem Themengebiet antisoziales Verhalten, Aggression und Delinquenzraten im Jugendlichen- und Erwachsenenalter und die Hauptprädiktoren sind frühes antisoziales Verhalten (Kindergarden/Primary school), peer-group mit antisozialem Verhalten, früher Substanzmissbrauch und alle drei werden moderiert/mediiert durch... *trommelwirbel* ...das Elternhaus (inkonsistente oder harte Strafen, mangelnde Aufsicht, etc.).

    Natürlich betrifft das, wie jede psychologische Studie, nur die Mehrheit der Fälle und es gibt in Einzelfällen ganz sicher auch tolle Eltern von völlig durchgedrehten Kindern, aber das ist eben nicht der Standard.

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • Natürlich betrifft das, wie jede psychologische Studie, nur die Mehrheit der Fälle und es gibt in Einzelfällen ganz sicher auch tolle Eltern von völlig durchgedrehten Kindern, aber das ist eben nicht der Standard.

    a) Es ging nicht um deine Aussage

    b) Nur weil oft die leibliche Eltern Schuld, heißt es nicht das automatisch das Elternhaus Schuld ist.

    Nach dem was Maylin schrieb sind die Eltern einfach gestrickt aber sehr bemüht. Ihnen nur weil ihr Kind nicht funktioniert ohne jedlichen Hintergrund gleich Versagen oder in diesem Fall auch einen Kindesmissbrauch zu unterstellen ist absolut unangemessen. Und selbst wenn in 90% der Fälle das Elternhaus Schuld ist, gibt es immer noch 10%, wo es nicht der Fall ist. Du schreibst selbst, dass es Ausnahmen gibt. Aber trotzdem ist für dich ok, wenn man erstmal pauschal das Elternhaus verdammt?

  • Aus meiner Erfahrung sind die meisten Kollegen viel zu nett zu unkonstruktiven Eltern (denen es eben nicht um das Beste für ihr Kind geht) und erst recht um das Jugendamt einzuschalten oder das Kind zur Erziehungsberatungsstelle (die beraten für meine Zielgruppe auch Kinder/Jugendliche) zu schicken. Wenn es aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es eine Ente. Oder, wenn man es philosophischer möchte: Ockhams razor ;)

    Ich gehe bei verhaltenskreativem Kind und unkooperativen Eltern erstmal davon aus, dass die Eltern verkackt haben, ja...

    P.S.: Wenn das Kind verhaltenskreativ ist und die Eltern sich bemühen, dann habe ich als Klassenlehrer üblicherweise schon bevor das Schuljahr anfängt eine komplette Diagnostik und Infos was therapeutisch läuft. Dann kann man gut zusammenarbeiten. :)

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

Werbung