Ich wurde im vergangenen Jahr an einer GS eingesetzt und habe gleich eine 3. Klasse übernommen. Auch nächstes Jahr werde ich die Klasse weiterführen. Da ich eigentlich Gymnasiallehrer bin war vieles Neuland für mich. Meine Kollegen haben mir bisher super Unterstützung geleistet, aber es gibt ein Problem, das ich wohl mit in die Ferien nehme.
In meine Klasse geht ein Mädchen, das aus schwierigen Verhältnissen kommt und sie ist knapp einer Inobhutnahme durchs JA entgangen.
Sie lebt mit der Mutter und dem Stiefvater zusammen. Die Mutter ist durch die Arbeit häufig abwesend, sodass der Stiefvater oft auf sie aufpasst.
Nun zu den Auffälligkeiten: Sie wirkt im Unterricht dauerhaft übermüdet und verwahrlost. Sie ist nicht den Jahreszeiten angemessen gekleidet und ist abends noch ewig auf der Straße. Laut ihrer eigenen Auskunft schläft sie im Wohnzimmer, wo der Stiefvater abends noch bis Mitternacht fern schaut.
Nachdem wir die Mutter ewig nicht ans Telefon bekamen, habe ich das Jugendamt kontaktiert.
Ich musste mehrmals anrufen, bis ich jemanden erreicht habe (Das zum Thema das Jugendamt nimmt immer die Kinder weg).
Es gab dann ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin vom JA, wobei ich nicht das Gefühl hatte, dass man uns als Kollegium sonderlich ernst nimmt.
Es endete damit, dass das Mädchen gefragt wurde ob es Frühstück dabei hat. Als es einen Marsschokoriegel vorzeigen konnte, war das Thema fürs Jugendamt erledigt und man verblieb mit uns so, dass wir uns melden können, wenn es wieder Auffälligkeiten gibt.
Es hieß sie wäre doch gekleidet und das würde für eine Kindeswohlgefährdung nicht ausreichen.
Ich habe kein gutes Gefühl, weil die Mutter auch kaum Kommunikationsbereitschaft zeigt.
Das Mädchen trägt im Winter kurze Sachen. Sie riecht, hat selten bis nie etwas zu essen mit und wird das Klassenziel im nächsten Jahr nicht schaffen, wenn sie so weiter macht.
Hinzu kommt, dass ich die Mutter einfach nicht zum Gespräch kriege. Das Geld für die Klassenfahrt wurde immer noch nicht abgegeben und meine Kollegin sagte mir, dass bei der Mutter wohl auch Drogen ein Thema wären. Bei einem Besuch hätte die ganze Wohnung nach THC gerochen. Kein Zustand für eine 9-Jährige.
Nun kommen wir als Schule und Kollegium aber an unsere Grenzen.
Wie viele Meldungen müssen denn raus gehen, bis das Jugendamt endlich nachhaltig handelt und aktiv wird?
Meines Erachtens wird das Mädchen dort nicht adäquat versorgt und wenn jemand im Winter in kurzen Sachen bis 22 Uhr auf der Straße herum tollt, immer Hunger hat, völlig übermüdet ist und ich die Erziehungsberechtigten nicht kontaktieren kann, dann ist das Kindeswohl in meinen Augen mehr als gefährdet.
Nur weil die Schülerin einen Schokoriegel dabei hat, ist das auch kein Beweis dafür, dass sie gut versorgt wird.
Ich will hier jetzt nicht aufs Jugendamt schimpfen, aber ein Zustand ist das nicht.
Hatte jemand einen ähnlichen Fall von Kindeswohlgefährdung?
Müssen wir wirklich warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist?
Es kann doch nicht sein, dass gesagt wird, es sei noch nicht so schlimm. Wann ist es denn schlimm? Wenn sie gar nicht mehr kommt?