Umgang mit (Abi-)Pflichtlektüren (Anlass: Deutsch-Abitur NRW, aber egal)

  • Ich bin nicht so sattelfest...
    Aber es ist zwar Thema aber eben NICHT so ausführlich... da sehe ICH einen Unterschied.
    Aber vielleicht bin ich gerade zu "sensibel" und es ist ein Unterschied, ob ich die Marquise von O. als Studentin lese oder Heimsuchung selbst vorbereite.

    Ich habe die Marquise schon mit einer Klasse gelesen - die Vergewaltigung passiert während eines Gedankenstrichs. Da muss man sogar sehr viel zum Thema machen, damit die Schüler das verstehen.

  • Sorry chilipaprika aber ich muss mich in der Schule schon so oft über irgendwelche Coaches oder heilpraktischen Psychotherapeuten aufregen, die mit so pseudo-wisaebschaftlichen Begriffen und anekdotischer Evidenz um sich werfen (hochsensibel und Autismus-Spektrum-Störung ist momentan bei uns ganz groß im kommen). Mir geht es nicht darum, dass man nicht sensibel mit traumatisierten Menschen umgehen soll, aber alles was ich zu "traumasensibel" gefunden habe (hab gerade noch einmal ausführlicher recherchiert) ist weder von Medizinern noch von Psychologen und man sollte keine Laien auf Menschen mit echten Problemen die Hilfe suchen loslassen.

    Die Zulassung zum Heilpraktiker bekommst du hinterhergeworfen in Deutschland, das ist echt Wahnsinn wenn du dir anguckst wie lange ein Pfleger oder ein Psychologe (ohne Therapeutenausbildung) ausgebildet werden und was die dürfen und was Heilpraktiker teilweise legal für eine Scheiße abziehen...

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • Sorry chilipaprika aber ich muss mich in der Schule schon so oft über irgendwelche Coaches oder heilpraktischen Psychotherapeuten aufregen, die mit so pseudo-wisaebschaftlichen Begriffen und anekdotischer Evidenz um sich werfen (hochsensibel und Autismus-Spektrum-Störung ist momentan bei uns ganz groß im kommen). Mir geht es nicht darum, dass man nicht sensibel mit traumatisierten Menschen umgehen soll, aber alles was ich zu "traumasensibel" gefunden habe (hab gerade noch einmal ausführlicher recherchiert) ist weder von Medizinern noch von Psychologen und man sollte keine Laien auf Menschen mit echten Problemen die Hilfe suchen loslassen.

    Die Zulassung zum Heilpraktiker bekommst du hinterhergeworfen in Deutschland, das ist echt Wahnsinn wenn du dir anguckst wie lange ein Pfleger oder ein Psychologe (ohne Therapeutenausbildung) ausgebildet werden und was die dürfen und was Heilpraktiker teilweise legal für eine Scheiße abziehen...

    Aber eben: ist es nicht ein bisschen riskant, uns Laien damit zu beauftragen?
    Solche Themen sollten in der Hand von Profis sein, im Rahmen von externen Expert*innen, in Projekttagen oder niederschwelligen Angeboten. Weil ich mich eben nicht anmaße, ohne angemessene Kompetenz eine passende Anlaufstelle zu sein. und das bin ich automatisch, wenn ich es zum Gegenstand des Unterrichts in dieser Form mache.

    PS: hochsensibel und ASS gleich zu setzen (nennen) ist aber so eine Sache, das eine hat eine wissenschaftliche Fundierung, Kriterien und ist anerkannt, das andere (noch?) nicht und hat wenig Kriterienorientierung, wenn ich mich nicht täusche.

  • Ich habe die Marquise schon mit einer Klasse gelesen - die Vergewaltigung passiert während eines Gedankenstrichs. Da muss man sogar sehr viel zum Thema machen, damit die Schüler das verstehen.

    Aber eben keine ausführliche Beschreibung.

  • Wir sind nicht für die Therapie da, sondern quasi die erste Linie der Diagnostik. Wenn uns was auffällt, dann müssen wir Profis holen (habt ihr ausgebildete Beratungslehrer an der Schule an die man verweisen kann, die müssten eigentlich ein Netzwerk haben). Aber halt echte Profis, keine Coaches oder Heilpraktiker. Das sind wir qua Job auch schon für Kindeswohlgefährdung und sexuellen Missbrauch (siehe Schutzkonzeptsentwurf der KMK).

    Bei uns an der Schule wird in letzter Zeit halt oft Hochsensibiliät, ASS und Hochbegabung im gleichen Gespräch in den Topf geworfen als Erklärung warum beim Kind irgendwas nicht läuft, manchmal noch mit etwas ADS gewürzt und wenn du dann die Diagnostik sehen möchtest, gucken die alle doof.

    Intelligenz korreliert eigentlich fast gar nicht mit dem Charakter, beim Humor gibt es einen leichten Schlag Richtung Ironie, Sarkasmus und schwarzer Humor. Der Erklärungsansatz kommt aber bei Eltern auch oft "mein Kind stört den Unterricht nur weil es hochbegabt und gelangweilt ist" und die Antwort ist in Deutschland immer "erzieh dein Kind" und ein Verweis auf die Marburger Hochbegabtenstudie.

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  • interessant, eine Vermehrung an DIESER Diagnostik kann ich bei uns nicht wahrnehmen.
    An psychischen Problemen / Behandlungen durchaus :(

  • Hochbegabung war ja immer schon gerne dabei, wie viele Kinder bei uns hochbegabt sind, ist schon beeindruckend.

    ASS und ADHS sind die Psychologen auch selbst dran schuld, das ist im DSM-V deutlich häufiger zu diagnostizieren als zuvor, weil es jetzt eher eine übermäßig ausgeprägte Persönlichkeitseigenschaft ist, die zur Belastung wird, als ein klar definiertes Krankheitsbild.

    Hochsensibilität ist einfach ausgedacht, da gibt's gar keine klaren Kriterien.

    Eine allgemeine Zunahme gibt es seit Corona, am meisten gelitten unter den Maßnahmen gegen Corona haben nachweislich Kinder und Jugendliche, aber thematisieren muss man viele Dinge trotzdem.

    Anderes Beispiel - Essstörungen haben massiv zugenommen, natürlich spreche ich Schülerinnen nicht vor der Klasse auf ihr Gewicht an, das wäre nicht sensibel, aber genauso natürlich kümmere ich mich darum, dass irgendwer (falls es passt auch ich) 1:1 mit ihr spricht und wenn da keine gute Erklärung für andere Gründe kommt, auch die Eltern informiert. Kann ich das therapieren oder sicher diagnostizieren? Nein, das wäre massiv übergriffig. Muss ich ein Auge darauf haben? Ja (übrigens auch leitlinienkonform). Inzwischen gibt es so viele Kolleginnen (vor allem) die ihren Klassen nichts mehr zu essen mitbringen, weil ja jemand allergisch reagieren könnte oder eine Essstörung getriggert werden könnte. Das ist nicht die Antwort auf mehr psychische Probleme. Andererseits sorgt unsere Bundesregierung ja gerade auch dafür dass es absehbar zu wenig Therapieplätze geben wird, also vielleicht ist es ökonomisch sinnvoller Weg.

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  • Wenn ich an einem Werbeplakat vorbeigehe und ganz dicht rangehe, sehe ich die einzelnen Farbpunkte. Auch wenn ich vorher jahrelang nicht dichter rangegangen bin, waren diese Punkte immer da.

    So verhält es sich nach Aussage einiger Ärzte, mit denen ich gesprochen habe, auch mit AD(H)S und ASS. Es wird genauer hingesehen, es wird häufiger diagnostiziert.

    Wir haben teilweise in unseren Klassen vier oder mehr diagnostizierte ASS-SchülerInnen, hinzu kommen die AD(H)S-Kinder, die teils diagnostiziert sind, teils nicht. Ich kann mittlerweile recht genau erkennen, bei welchem Kind, das bisher ohne offizielle Diagnose auffällt, eine Diagnostik sinnvoll sein könnte.

    Die Hochbegabtenschiene fährt bei uns fast niemand - da muss ich auch einräumen, dass ich mich mit den Ausprägungen von Hochbegabung im schulischen Kontext nicht auskenne - insbesondere, was Fehlverhalten oder Leistungsdefizite betrifft.

    Es kommt im schulischen Kontext immer mal wieder vor, dass man ein/e SchülerIn aus Versehen triggert, damit muss man leben und man muss damit im Anschluss taktvoll und sensibel umgehen. Ob man nun zwingend Lektüre auswählen muss, die SchülerInnen besonders triggert, gerade, wenn es sich um sexuelle Übergrifft dreht, möchte ich stark anzweifeln. Da kann man in der Tat weniger "sensible" Literatur auswählen. Ob das der Kommission auch immer so bewusst war...?

    Gruß
    #TheRealBolzbold

    Ceterum censeo factionem AfD non esse eligendam.

  • Quittengeleein Mathe ist das eigentlich kein Problem, in Geschichte weise ich am Anfang des Schuljahres einmal darauf hin, dass man bei Themen die man belastend findet auch rausgehen darf, aber dann danach darüber sprechen soll, was das Problem war. Hatte ich bisher eigentlich nur bei Kriegsflüchtlingen einmal bei häuslicher Gewalt gegen die Mutter, da stehst dann auch doof da als Lehrkraft, wenn das ein Fall ist, wo von Nachbarn manchmal die Polizei gerufen wird und selbst die fast nix machen können. Dann vertraut sich dir jemand an und du kannst trotzdem nicht helfen.

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  • Ad hominem also?

    Dann scheint mir als Replik geeignet, dass Humorlosigkeit häufig mit geringer Intelligenz einhergeht.

    Vielleicht mag ich beim Thema Vergewaltigung und PTBS auch einfach nicht lachen. Ich weiß aber, dass Menschen, die selbst keine ernsthaften Probleme haben, sich nicht vorstellen können, wie sich psychische Erkrankungen anfühlen. Das solltest du bei deiner hohen Intelligenz als Kritik ja dann reflektieren können.

  • Valerianus bin bei allem bei dir.
    und ich habe tatsächlich schon mehrere Mädels nach krassem Gewichtsverlust kurz und privat angesprochen, zum Teil nebenbei mit Eltern darüber gesprochen (NIE eine Diagnosevermutung gegeben, wäre auch nicht möglich, sondern erwähnt, dass dies und das aufgefallen sei).
    Ich bin Essstörung-seeeeehr sensibel, es fiele mir im Leben nicht ein, kein Essen mehr mitzubringen. Nein sagen kann immer jemand, ich passe eh immer auf, vegan / halal auch dabei zu haben und sage auch, man könne sich den Schokoriegel für später mitnehmen.
    ABER: ich würde keine Schullektüre behandeln, wo meine Behandlung darauf angewiesen ist, ein paar Erbrechsituationen literarisch zu interpretieren.

  • So verhält es sich nach Aussage einiger Ärzte, mit denen ich gesprochen habe, auch mit AD(H)S und ASS. Es wird genauer hingesehen, es wird häufiger diagnostiziert.


    Das stimmt nicht ganz, von DSM IV zu V (Psychologen) und von ICD 10 zu 11 (Mediziner) wurden die Kriterien so aufgeweicht, dass du jeweils locker ein Viertel der Menschheit damit diagnostizieren kannst, wenn der Verdacht aufkommt. Die hätte es vor 100 Jahren aber auch gegeben, damals waren die aber Zappelphilipp oder Außenseiter.

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  • Berücksichtigst du das das mögliche Rausgehen bei der späteren Leistungserhebung zu der zugehörigen Unterrichtseinheit? Und, falls diese Themen so vom Curriculum vorgeschrieben sein sollten (Ich weiß nicht, ob das historische Curriculum in NRW konkrete Epochen/historische Ereignisse enthält oder ob es eher bestimmte Konzepte vorgibt, von denen ausgehend die Geschichtslehrkräfte passende historische Ereignisse heraussuchen können.), wie gehst du sicher, dass die betroffenen Schüler (m/w/d) dennoch die notwendigen Kompetenzen am Ende erworben haben?

  • Berücksichtigst du das das mögliche Rausgehen bei der späteren Leistungserhebung zu der zugehörigen Unterrichtseinheit? Und, falls diese Themen so vom Curriculum vorgeschrieben sein sollten (Ich weiß nicht, ob das historische Curriculum in NRW konkrete Epochen/historische Ereignisse enthält oder ob es eher bestimmte Konzepte vorgibt, von denen ausgehend die Geschichtslehrkräfte passende historische Ereignisse heraussuchen können.), wie gehst du sicher, dass die betroffenen Schüler (m/w/d) dennoch die notwendigen Kompetenzen am Ende erworben haben?

    Ich beantworte für mich und den schon erwähnten Fall in Päda, Erziehung im Nationalsozialismus.
    Wenn jemand sich Szenen aus dem Film Napola nicht angucken kann, hat er trotzdem Texte und muss trotzdem wissen, wie Manipulation / Erziehung in der Hitlerjugend, in der Schule und in den NAPOLA-Schulen abliefen. Jemand kann visuell getriggert werden, wird trotzdem keinen Freibrief für die Klausur erhalten.
    Ich "durfte" in der 9. Klasse mehrere Stunden Filme zu den Nürnberger Prozessen schauen. (Hieß auf Französisch "von Nürnberg nach Nürnberg"). Ich wäre froh gewesen, ich hätte den Raum verlassen dürfen. Es war für die Vermittlung des Stoffs untermauernd, aber nicht notwendig. Ja, die Alpträume und die bis heute wirkenden Bilder sind vielleicht Erziehungsziel, aber ich war zu dem Zeitpunkt zu jung (in meinem Kopf). Selbstverständlich hätte ich nicht später sagen können "ich lerne den 2. Weltkrieg nicht, es ist zu schwer zu verdauen".

  • Das stimmt nicht ganz, von DSM IV zu V (Psychologen) und von ICD 10 zu 11 (Mediziner) wurden die Kriterien so aufgeweicht, dass du jeweils locker ein Viertel der Menschheit damit diagnostizieren kannst, wenn der Verdacht aufkommt. Die hätte es vor 100 Jahren aber auch gegeben, damals waren die aber Zappelphilipp oder Außenseiter.

    Ja, das stimmt sicherlich. Gleichwohl wäre wohl eine nicht unerhebliche Anzahl an Kindern, bei denen es heute Komplikationen in der Schwangerschaft gibt, gar nicht lebend bzw. gesund auf die Welt gekommen, wobei wir hier auch noch nicht über die Müttersterblichkeit reden. ASS und ADHS haben auch genetische Ursachen.

    Der soziale Anpassungsdruck und die Intoleranz gegenüber dem Anderssein haben auch dazu geführt, dass diese Menschen weniger stark aufgefallen sind - oder eben mit den Folgen leben mussten.

    Gruß
    #TheRealBolzbold

    Ceterum censeo factionem AfD non esse eligendam.

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