(angeblich) hochbegabter Schüler - was tun?

  • Hallo zusammen,


    nach einem Elterngespräch habe ich erfahren, dass einer meiner Schüler (in der Berufsfachschule) angeblich hochbegabt sei. Er verweigert aber jede Art von Mitarbeit im Unterricht.
    Die Eltern wissen nicht was sie noch tun können und ich frage mich jetzt wie ich ihn motivieren könnte.


    Herausfordernde Aufgaben stellen?
    Aussicht auf eine gute Note geben durch exra Arbeit?
    o.ä. ...


    Hat jemand einen Tipp wie ich das handhaben könnte? Ich kann ihn doch nicht einfach "hängen lassen" und schlicht schlechte Noten für wenig bis keine Mitarbeit verteilen.
    Ich wäre über jeden Tipp und/oder jede Meinung dankbar.


    Gruß Enachen :)

  • Ich würde mir, BEVOR ich irgendetwas tue, hieb- und stichfest belegen lassen, dass der Schüler wirklich hochbegabt ist. Das sollte ja kein Problem sein.


    DANN würde ich für mich und ggf. mit Fachleuten klären, was ich von einem hochbegabten Schüler, der auf die Volljährigkeit zugeht, erwarten kann. Totalverweigerung scheint mir da nicht mehr so ganz angemessen - was ich dem Schüler auch sagen würde.


    Zitat

    Ich kann ihn doch nicht einfach "hängen lassen" und schlicht schlechte Noten für wenig bis keine Mitarbeit verteilen.

    Ich hätte da zunächst kein prinzipielles Problem mit. Was sollst Du damit anfangen, dass das Kind in den Brunnen fällt und dann im Gespräch zufällig herauskommt - Hochbegabung! Solche Fälle haben wir auch. Ein Kind ist jetzt mehrere Jahre lang von wohlwollenden Kollegen durch alle Klassen geschleppt worden, da angeblich hochbegabt. Das Kind kann wenig und will auch nichts können. Nun deutet sich an: Die Hochbegabung existiert womöglich gar nicht. Eine absolute Katastrophe, besonders für das Kind.

  • Psychologisch diagnostizierte Hochbegabung kann man sich heutzutage kaufen, in so fern würde ich auf die Diagnose nicht viel geben, wenn sie meinem persönlichem Eindruck zuwiederläuft.
    Und Gott sei dank ist es so, dass sich aus der Diagnose keine besonderen Ansprüche ableiten lassen. Zudem ist die pädagogische "Definition" von Hochbegabung heute komplexer als das schlichte IQ>130, das in der psychologischen Diagnostik immer noch das entscheidende Kriterium ist. Bei weniger platten Herangehensweisen spielen auch Dinge wie Anstrengungsbereitschaft eine Rolle. Wenn diese generel nicht vorhanden ist, würde ich den Teufel tun und einem solchen Schüler noch Fördermaßnahmen zukommen lassen, die "normale" Schüler nicht erhalten. Das er trotz größerer Möglichkeiten nichts daraus macht, rechtfertigt keine Vorzugsbehandlung.

  • Zu fragen wäre auch, wann diese Hochbegabung festgestellt wurde. Vor kurzem las ich von einer (britischen?) Langzeitstudie, nach der sich der IQ bei Heranwachsenden im Verlauf der Jahre um bis zu 20 Punkte nach oben oder unten verändern kann.

  • Danke für eure Meinungen.


    Deswegen hab ich schon geschrieben, das er angeblich hochbegabt ist, weil ich nie etwas als "Beweis" gesehen habe. Angeblich wurde das schon in der 7ten Klasse festgestellt, aber die Eltern meinen es gäbe eben motivierte Hochbegabte, die auch viel tun und eben die hochbegabten Arbeitsverweigerer. Kann ich glauben oder eben nicht. Könnte auch einfach eine Rechfertigung der Arbeitshaltung des Kindes sein.


    Bevorzugt behandeln werde ich definitiv niemanden - egal ob hochbegabt oder nicht. Mir war es wichtig mal andere Meinungen zu hören und zu erfahren wie andere mit solchen Kindern umgehen, BEVOR ich irgendetwas tue. Es wäre schön, wenn ich den Schüler wieder moivieren könnte, aber "überschlagen" werde ich mich deswegen eher nicht.

  • Es mag ja sein, dass ein hochbegabtes Kind in der Grundschule verhaltensauffällig wird, weil es unterfordert ist. Dass man aber für einen Fast-Erwachsenen, der sich am Unterrichtsgeschehen nicht beteiligt, eine Extrawurst braten soll, würde ich wirklich nicht einsehen. Nicht die Hochbegabung ist das Problem, sondern das Interesse, das er offenbar nicht mitbringt. Ist er vielleicht einfach fachlich falsch beraten und sollte lieber in eine andere Richtung wechseln?


    Ich habe oft Schüler, denen es zu langsam geht, aber speziell in Informatik suchen sie sich dann selbst Aufgaben und Herausforderungen. Wenn sie Fragen haben, helfe ich, aber ich gebe höchstens vage Anregungen, was man noch so machen könnte und lasse ihnen Freiraum für eigene Ideen. Mehr ist nicht nötig. Und ich erwarte von einem Heranwachsenden, dass er so viel Teamgeist hat, dass er Unterrichtsphasen erträgt, in denen er gerade nicht so herausgefordert wird, und dass er Mitschülern hilft und sich einbringt.


    Jedenfalls bin ich sehr vorsichtig, wenn mir Eltern sagen, ihren Kindern sei das alles zu einfach und deshalb täten sie nichts. Wie schon geschrieben wurde: Der Blick auf den IQ allein ist eindimensional; in der Schule wie im Leben geht es schließlich ebenso um soziale und emotionale Fähigkeiten. Daran zu arbeiten wäre in diesem Fall wohl viel wichtiger.


    Aber ich würde wohl erst einmal mit dem Schüler reden und ihn fragen, wie er es denn so sieht.

  • Wie alt ist der Schüler denn? Wenn es aufs Berufsleben zugeht, wird er schlecht auf seinem Verweigerungstandpunkt bestehen können ...

  • @ Aktenklammer: Der Schüler ist zwischen 16 und 18 Jahren alt, also defintiv auf dem Weg ins Berufsleben. Leider ist vielen meiner Schüler das nicht bewusst.


    Piksieben:
    Für viele der Schüler ist das die letzte Chance einen halbwegs guten Schulabschluss zu bekommen. Ich weiß nicht genau wie es bei besagtem Schüler mit dem Abschluss aussieht. Ich denke er hat wie die meisten anderen einen nicht sonderlich guten Hauptschulabschluss. Wenn ich ihn auf sein Verhalten anspreche, bekomme ich meistens nur die Reaktion, dass er es ja schon könne und es deswegen auch nicht einsehe es zu machen. Mündlich mir die Antwort geben würde er, aber etwas schriftlich tun macht er (meistens) nicht. Etwas anderes zu bearbeiten oder die Aufgaben bei Unruhe im Raum außerhalb des Klassenraumes zu bearbeiten werden nur widerwillig oder gar nicht angenommen. Das gilt aber nicht nur für ihn sondern auch für die anderen in dieser Klasse.


    @ Andran: Ich habe nur Jungs in dieser Klasse. Wären Mädels dabei würden sich sicher einige ein Bein ausreißen um gut da zu stehen ;) Untereinander helfen sie sich sonst aber eher nicht und etwas anderes zu machen als alle anderen gefällt den meisten nicht, da es ja schwerer oder mehr sein könnte als bei den anderen. In Gruppenarbeiten geht das noch, aber als Einziger etwas anderes zu machen, das macht niemand.

    • Offizieller Beitrag

    Ich kann ihn doch nicht einfach "hängen lassen" und schlicht schlechte Noten für wenig bis keine Mitarbeit verteilen.


    Ganz ehrlich ?
    Doch.
    Das kannst du.
    Dein Schüler willl einen Abschluss haben, und er ist alt genug, dafür die erforderlichen Leistungen bei der Mitarbeit zu erbringen.
    Wieso sollte er da Sonderrechte erhalten? Wenn er angeblich alles schon kann, könnte er das ja unter Beweis stellen. So scheint er mir eher einen kleinen Machtkampf mit dir auszuführen :whistling:

  • Ich denke er hat wie die meisten anderen einen nicht sonderlich guten Hauptschulabschluss.

    Nur Hauptschulabschluss bei Hochbegabung? Kommt mir ehrlich gesagt ein wenig merkwürdig vor. Wenn er natürlich echt mit 130+ IQ an einer Hauptschule versauert ist, dann ist natürlich die Unterforderung astronomisch gewesen. Kann mir das aber nicht so recht vorstellen, kann es sein, dass die Aussage der Eltern schlicht falsch ist?

  • Nur Hauptschulabschluss bei Hochbegabung? Kommt mir ehrlich gesagt ein wenig merkwürdig vor.


    Nicht unbedingt. Ich bin in meiner Schullaufbahn schon mehr als einmal hochbegabten Schülern begegnet, die überhaupt keinen Abschluss hatten, weil sie aus dem selektiven Regelschulsystem herausgegekickt wurden ("der faule Apfel gehört hier nicht her.") und ihren Weg zurück über die VHS oder die Abendrealschule hin zum Fachabitur und Abitur gemacht haben. Das waren übrigens zum Teil sehr schwierige aber auch sehr beeindruckende Persönlichkeiten.


    Nele

  • Das ist interessant. Wenn ich genauer darüber nachdenke, bei einem Mensa e.V. Treffen habe ich eine Putzfrau kennengelernt, die uns alle in den Schatten gestellt hat bei einem Spiel. Da hat man sich auch gefragt, wieso sie nichts aus ihrem Potential gemacht hat. So wirklich wollte sie das Thema nicht besprechen, also habe ich nicht mehr nachgebohrt.
    Bislang war mein Eindruck eben (allerdings bei recht kleiner Stichprobe), dass ein Großteil der Hochbegabten sich auch vielseitig interessiert und dementsprechend schulischen Erfolg hat.


    Tja, schwierig, was man dann raten soll.

    Dein Schüler willl einen Abschluss haben, und er ist alt genug, dafür die erforderlichen Leistungen bei der Mitarbeit zu erbringen.

    Kann ich irgendwie nachvollziehen. Ich denke jeder Mensch muss selber wissen, was er möchte und ist selbst verantwortlich für sich. Mich würde nur interessieren, ob man als Lehrer nicht irgendwie verpflichtet ist jemanden zur Mitarbeit zu motivieren.

  • Hallo,


    ich würde erst einmal das "angeblich" genau abklären. Wenn die Hochbegabung professionell festgestellt wurde, d.h. mittels Test, muss es eigentlich einen Beleg für diese Angabe der Eltern geben. Bis dahin ist es erst einmal eine Behauptung. Ist der Schüler tatsächlich hochbegabt, klingt das nach klassischem Underachiever. Allerdings hätte er im Grunde bis zu diesem Alter auch lernen müssen, dass allein ein hoher IQ ohne Arbeit und Leistungsbeweis überhaupt nichts bringt - und dass er sich die Zukunft verbaut, wenn er so weitermacht. Ist die Hochbegabung belegt, würde ich das dem Schüler genauso klarmachen und dann mit ihm zusammen überlegen, was getan werden müsste, damit er bessere Leistungen bringt. Reinen Förderinput finde ich bei einem quasi Volljährigen auch nicht unproblematisch, zumal er sich offenbar in einer Verweigerungshaltung befindet.


    LG Eugenia

    • Offizieller Beitrag
    Zitat

    Vielleicht müssen wir mal etwas wissenschaftlicher argumentieren... Die Determinanten des Schulerfolgs sind zu ca. 40% Intelligenz, 40% Arbeitshaltung und 20% der Lehrperson zuzuschreiben. (Ich bin gerade etwas faul, aber die Quellen kann ich gerne nachliefern falls jemand möchte..)

    Ja, bitte!! :)


    Zitat

    Hat jemand einen Tipp wie ich das handhaben könnte? Ich kann ihn doch nicht einfach "hängen lassen" und schlicht schlechte Noten für wenig bis keine Mitarbeit verteilen.

    Sehe ich auch so. Und würde erstmal so vorgehen, wie bei jedem anderen Kind auch, das Leistungsprobleme hat: es in einem ruhigen Gespräch - nicht zwischen Tür uns Angel - fragen, was ihm denn helfen würde, Leistung zuerbringen, i.e. was er sich vom Unterricht wünscht. Meist kommen da erstaunlich konkrete Sachen. Von denen man vieles problemlos umsetzen kann. Außerdem immer gut bei leistungsheterognenen Gruppen: häufiger Methodenwechsel, binnendifferenzierende Aufgaben, Freiarbeitsphasen, selbstständige Erarbeitung und Präsentationen von Themen und andere Herausforderungen dieser Art.

  • Vielleicht müssen wir mal etwas wissenschaftlicher argumentieren... Die Determinanten des Schulerfolgs sind zu ca. 40% Intelligenz, 40% Arbeitshaltung und 20% der Lehrperson zuzuschreiben. (Ich bin gerade etwas faul, aber die Quellen kann ich gerne nachliefern falls jemand möchte..)


    Andran: Doch, bitte! Mich interessiert die Quelle. (Hintergrund ist der, dass - zumindest bei uns - beispielsweise bei der Analyse der Ergebnisse der ZP, immer nur die "mangelnde" individuelle Förderung als Ursache für schlechtes Abschneiden ausgemacht wird.)


    Zum Thread:


    Ich halte Meikes Vorschlag, durchaus unabhängig von einer eventuellen Hochbegabung, Angebote zu machen, welche problemlos umsetzbar sind, für einen gangbaren Weg.


    Dann allerdings sehe ich den Schüler (um so mehr, da es sich hier um einen älteren Schüler handelt, der auf das Berufsleben zusteuert) in der Pflicht, Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen. Heißt konkret: Nimmt er diese Angebote nicht an (und so verstehe ich diesen Thread, jedenfalls in Auszügen), wäre es das erst mal für mich. Darüber hinaus würde ich dem Schüler sehr klar deutlich machen, dass die behütete "Blase" der Schulwelt schon bald nicht mehr bestehen wird und dass dieser Schüler in der Arbeitswelt (durchaus aber auch im privaten Umgang mit mündigen Erwachsenen) mit dieser (Arbeits)haltung nicht bestehen wird.

    Die Wahrheit liegt im Blickwinkel des Betrachters.

  • DA

    Vielleicht müssen wir mal etwas wissenschaftlicher argumentieren... Die Determinanten des Schulerfolgs sind zu ca. 40% Intelligenz, 40% Arbeitshaltung und 20% der Lehrperson zuzuschreiben. (Ich bin gerade etwas faul, aber die Quellen kann ich gerne nachliefern falls jemand möchte..)


    Hochbegabung... auch das ist an sich kein allgemein akzeptierter Begriff, aber meistens wird einfach in IQ von 130 genommen, also ca. zwei Standardabweichungen über dem Durchschnitt. Das ist bei weitem keine "astronomische" Intelligenz. Selbst wenn man Genies nimmt mit vier oder mehr Standardabweichungen über dem Schnitt, machen Arbeitshaltung und Lehrperson immer noch 60% aus. Das erklärt, weshalb auch solche Genies wie Einstein die Schule nicht erfolgreich abgeschlossen haben, und zwar durchaus nicht etwa aus dem Grund, weil sie die Schule freiwillig abgebrochen haben, sondern schlicht weil sie einfach die geforderten Leistungen nicht erbringen konnten.


    Kommt noch dazu, dass heute Eltern ihre Kinder gerne mal als hochbegabt bezeichnen, nur weil Ihnen eine KITA-Betreuerin mal gesagt hat, ihr Kind hätte die farbigen Klötzchen richtig nach Farben geordnet :) Eine gesunde Skepsis ist also sicher angesagt, aber den Eltern gegenüber bloss nichts erwähnen ;)

    Dass Einstein ein schlechter Schüler wahr, ist ein Irrtum.

  • Wenn ich ihn auf sein Verhalten anspreche, bekomme ich meistens nur die Reaktion, dass er es ja schon könne und es deswegen auch nicht einsehe es zu machen. Mündlich mir die Antwort geben würde er, aber etwas schriftlich tun macht er (meistens) nicht. Etwas anderes zu bearbeiten oder die Aufgaben bei Unruhe im Raum außerhalb des Klassenraumes zu bearbeiten werden nur widerwillig oder gar nicht angenommen.


    Du bemühst dich offenbar sehr um ihn und überlegst, wie *du* ihn motivieren kannst. Ist dir schon einmal der Gedanke gekommen, dass du dir etwas vornimmst, was bei diesem Schüler offensichtlich bisher noch niemandem gelungen ist? Dass der Motivationsknick in ihm selbst liegt?


    Ein Siebzehnjähriger ist kein Kleinkind mehr, das "man" motivieren kann. In dem Alter sind viele schon in einer Ausbildung und streben ein klares Ziel an. Bei deinem Problemfall scheinen auch die Eltern noch Entschuldigungen zu finden. Wenn er doch alles kann - warum in aller Welt hockt er dann bei dir?


    Vielleicht solltest du ihm mal klar machen, dass zwischen Wollen, Können, Wissen auf der einen Seite und dem Tun und dem Erfolg auf der anderen Seite Welten liegen... Aber ich fürchte, auch das wird ihn nicht beeindrucken. Eine berufsbildende Schule ist kein Kinderhort. Wer dort ist, hat sich dafür entschieden. Es ist nicht unsere Aufgabe, den Schülern die Motivation hinterherzutragen.

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