Brauche Rat...

  • Liebes Forum,


    ich glaube ich brauche Rat oder sowas wie einen kollegialen Ratschlag :traenen: .
    Bevor ich kurz schreibe worum es geht muss ich sagen, dass mir eine gute Beziehung zu meinen Klassen durchaus sehr wichtig ist. Es geht mir sicher nicht darum von jedem gemocht zu werden, aber so grundsätzlich ist es mir schon wichtig, dass die Mehrheit der Schüler mich und meine Arbeit eher positiv als negativ sehen. Der Unterricht wird nie jedem gleichviel Spaß machen, leicht fallen und so weiter, aber ich versuche, alle gut durchzubekommen und sie da abzuholen wo sie stehen. Ich mache mir schnell unheimlich viele Gedanken wenn etwas nicht so läuft wie es sollte und hinterfrage mich sofort, inwieweit es an mir liegt. Tatsächlich nehme ich das dann sehr persönlich (für mich) und grüble dann. Das ist mit Sicherheit nicht so wie es sein sollte, aber es fällt mir auch schwer es nicht zu tun. Soviel erstmal dazu.


    Also, ich unterrichte seit 1,5 Jahren an einer Berufsschule. Heute habe ich wieder ein schulisches Instrument durchgeführt -> Schüler bewertet Lehrer. Grundsätzlich bin ich immer offen für Feedback von Schülern, mache das aber lieber im Gespräch oder durch eine andere Methode. In diesem Fall kreuzen Schüler an und können Kommentare hinschreiben. Einige nutzen diese Form um ihren Frust loszuwerden, aber die meisten beantworten den Fragebogen ehrlich, zumindest ist es mein Eindruck. Er ist sowieso anonym.


    Nun habe ich per Strichliste das Ergebnis ausgewertet, da man 2 oder 3 Punkte anschließend mit der Klasse bespricht. Ich picke mir immer die schlechtesten Ergebnisse raus, ich möchte ja auch das diese Punkte besser werden (meist äußern sich die Schüler dann aber nicht, sodass man die Ursache nicht erfährt und auch nicht, was die Schüler sich wünschen würden).
    Es gibt 3 Bereiche, die 4-6 Schüler (von 20) mit trifft weniger zu angemerkt haben (mittlerer Bereich).
    1. Sie finden das der Unterricht nicht Theorie und Praxis so miteinander verknüpft, wie sie es sich offensichtlich wünschen würden. Das wundert mich irgendwie, denn ich beziehe die Praxis meiner Meinung sehr intensiv ein und auch die Schüler fragen sehr konkrekte Fragen in diese Richtung. Ich selber fand eher das es manchmal zu viel ist. Wir machen auf viel mit Fallbeispielen. Ich wüsste gar nicht so recht, wie ich noch mehr Praxisbezug einbauen soll, denn ich muss ja auch irgendwie die Theorie erstmal vermitteln. Könnte es sein das dies eher überforderte Schüler schreiben?
    2. Sie empfinden den Unterricht nicht unbedingt sehr abwechslungsreich. Auch das verunsichert mich. Ich habe neben etwas Frontalunterricht viel Gruppen-, Einzel,- und Partnerarbeit. Außerdem viele Fallbeispiele, Filmsequenzen, Rollenspiele, Gruppenpuzzle, Erstellung eigener Fälle, Talk-Show. Wie bekomme ich denn meinen Unterricht noch abwechslungsreicher, offensichtlich ist es ja nicht das was die Schüler sich wünschen...
    3. Für 4 Schüler ist keine klare Struktur erkennbar. Ok, das könnte sein, da ich neu in diesem Bildungsgang bin und genau die Lernfelder habe, die es nicht im Buch gibt. Heißt ich kopiere fleißig zusammen und verusche was sinnvollen zu erstellen. Aber ich merke selber, dass es noch keine runde Sache ist. Wie kann ich eine bessere Struktur herstellen, ich stehe da irgendwie auf dem Schlauch??


    Bei Bemerkungen steht auch, dass der Unterricht manchmal trochen und langweilig ist. Ich nehme das anscheinend gar nicht wahr, mache mir sehr viele Gedanken es eben nicht dazu kommen zu lassen. Daher fällt mir nicht ein, wie ich es besser machen kann. Die Schüler machen im Sommer Fachhochschulreife. Oft haben sie keine Hausaufgaben gemacht, sodass meine Planung nicht umgesetzt werden kann und ich mir spontan überlegen muss, wie wir damit umgehen, weil wir dann oft nicht richtig weitermachen können. Unterricht nur mit 5 Schülern mag ich auch nicht machen, ich muss es ja dann doch wiederholen. Und irgendwie finde ich auch, dass auch Schüler mit für guten Unterricht verantwortlich sind. Aber wenn ich das sage denken sie ich wälzedie schuld an sie ab. Nur weiß ich nciht so recht, wie ich es besser machen kann und mache mir wieder unheimlich viele Gedanken ob ich für den Job nciht geeignet bin. Das ist schrecklich nach 1,5 Jahren. Zumal ich bestimmt nicht sie schlechteste Lehrkraft bin. Sicher auch nicht die beste, aber Schüler haben ja auch ganz andere Kriterien dafür.


    Ich würde mich über in paar Rückmeldung sehr freuen, momentan fühle ich mich wie ein getretener Hund und bin auch irgendwie enttäuscht, da ich die Klasse sehr mag :-(.


    Vielen Dank fürs Lesen...

  • Hast du auch gefragt, ob die Schüler den Eindruck haben, bei dir was gelernt zu haben?

    • Offizieller Beitrag

    Sehe ich das richtig, dass Du Deine Kompetenz anzweifelst, weil 4-6 Schüler von 20, die Dir keine Top-Bewertungen gegeben haben?


    Wenn die anderen Bewertungen dafür positiv sind, dann ist das ein sehr gutes Ergebnis. Das heißt ja im Umkehrschluss, dass bis zu 75% Deiner Schüler mit Dir zufrieden sind. Und das ist ein super Ergebnis.
    Ich will gar nicht auf mögliche Gründe seitens der Schüler für die negativen Bewertungen eingehen, sondern Dir etwas ganz Wichtiges mit auf den Weg geben:


    a) Erwarte niemals Anerkennung und Dankbarkeit von Deinen Schülern - Du läufst sonst Gefahr, enttäuscht zu werden. Bekommst Du sie dennoch, dann freue Dich.
    b) Mache Dich niemals davon abhängig, dass Deine Schüler Dir ähnliche "Liebe" entgegenbringen wie Du ihnen. Ihr habt im Wesentlichen eine Arbeitsbeziehung (sic!).
    c) Entwickle eine hinreichende Gelassenheit, so dass Dir einzelne von Dir als negativ empfundene Erfahrungen nicht so zusetzen.


    Das klingt isoliert betrachtet eher ernüchtert oder pessimistisch, ist es aber gar nicht. Im Gegenteil. Es ist Grundlage für eine gesunde Lehrerpsyche und eine langfristige Arbeitszufriedenheit.

  • grundsätzlich ist es mir schon wichtig, dass die Mehrheit der Schüler mich und meine Arbeit eher positiv als negativ sehen.

    Tun sie doch:


    Es gibt 3 Bereiche, die 4-6 Schüler (von 20) mit trifft weniger zu angemerkt haben (mittlerer Bereich)

    Bedeutet doch: 14-16 Schüler bon 20 bewerten deinen Unterricht positiv.



    Mein dringender Rat: Perfektionsanspruch an dich selber runterschrauben!

    "Die Wahrheit ist ein Zitronenbaiser!" Freitag O'Leary

  • du hast fast immer zwei, drei, vier, manchmal auch mehr nasen in der klasse, die warum auch immer deinen unterricht nicht mögen (das merkst du am ehesten, wenn du nach praktikablen verbesserungsvorschlägen fragst: ein drittel schreibt, dass bitte alles so bleiben soll, wie es ist, v.a. die vielen sozialen arbeitsformen seien toll; ein drittel will lieber alleine arbeiten, ein drittel will noch mehr soziale formen. du invidualisiert daraufhin und bietest mehr wahlmöglichkeiten in sachen sozialformen an - wer will mit team, wer will auch alleine. ergebnis: ein drittel ist happy, ein drittel will lieber mehr struktur, ein drittel beschwert sich, dass die aufgaben zu viele seien... to be continued).


    du machst das offenbar aus sicht deiner schüler alles recht gut. mach weiter so, alles prima! :)

  • Oft haben sie keine Hausaufgaben gemacht, sodass meine Planung nicht umgesetzt werden kann und ich mir spontan überlegen muss, wie wir damit umgehen, weil wir dann oft nicht richtig weitermachen können.

    Da die ja nicht mehr in der Sekundarstufe I sind => Aus dem Unterricht werfen, Stundennote 6. Dann mit den Schülern, die die Hausaufgabe haben, ganz normal weiterarbeiten.

    • Offizieller Beitrag

    Da die ja nicht mehr in der Sekundarstufe I sind => Aus dem Unterricht werfen, Stundennote 6. Dann mit den Schülern, die die Hausaufgabe haben, ganz normal weiterarbeiten.

    Du kannst die Schüler auch abfragen über den Stoff der Hausaufgaben.
    Und evtl. statt rausschmeißen würde ich auf jeden Fall weitermachen wie geplant. Ihr Versäumnis = ihr Risiko = ihr Pech.
    Wenn dann Unterrichtsstörungen auftreten, weil die Kandidaten nicht mehr verstehen und sich langweilen-- dann der Rausschmiss.

  • Mit diesen Perfektionsansprüchen wirst du nicht lange durchhalten. Du hast völlig recht, das Gelingen von Unterricht hängt auch von den Schülern ab. Das ist ein Pinpong-Spiel: Machen die Schüler mit, funktioniert auch das Unterrichten besser, und umgekehrt.


    Auch bitte aufpassen, den Unzufriedenen nicht zuviel Raum zu geben. Die Schüler haben untereinander auch so ihre Konflikte, und es nervt die fürchterlich, wenn ein paar Meckerer alles kaputtmachen. Außerdem steckt Meckern an, und dann sieht sogar eine eigentlich gute Stunde missraten aus.


    Man kann es nie allen recht machen, damit muss man einfach leben, und wenn die eine Sache gut läuft, kommt die andere zu kurz, das ist unvermeidlich. Und schon gar nicht dürfen die dominieren, die ihre Aufgaben nicht machen.


    Natürlich arbeitest du daran, den Unterricht zu verbessern, aber das kannst du auch ohne Selbstzerfleischung tun. Du bekommst mit der Zeit Routine, erwarte nicht, dass jetzt alles schon optimiert ist.

  • Vielen Dank für eure Antworten. Ihr habt vollkommen recht, theoretisch weiß ich das auch ;-). Ich verstehe auch gar nicht woher das kommt das ich mich an diesen 4-6 Schülern so hochziehe, ich bin eigentlich überhaupt kein Perfektionist und schaffe es meiner Meinung nach bisher meist (trotz sehr anspruchsvoller Schule), eine gute Balance zwischen Schule und Privatleben zu bekommen.


    Hast du auch gefragt, ob die Schüler den Eindruck haben, bei dir was gelernt zu haben?
    -> Nein, denn das ein standardisierter Ankreuzbogen. Die Fragen kann ich nicht beeinflussen und den Bogen muss man einmal im Halbjahr ausfüllen lassen, Leider wir man mit dem Ergebnis meiner Meinung nach ziemlich im Regen stehen gelassen oder eben so wie ich erstmal gestern. Den zähle ich jetzt aus und
    bespreche dann mit der Klasse 2-3 Fragen. In diesem Fall die die ich hier geschrieben habe, weil dies die "schlechtesten" Antworten waren. Meine Erfahrung ist allerdings, dass sich die entsprechenden natürlich nicht konkret äußern. Ist ja auch widersprüchlich, der Bogen ist anonym und dann sollen sie sich später äußern. Heißt man bekommt nicht wirklich konkrete Hinweise oder es sind wirklich absolute Einzelmeinungen und da halte ich mich dann tatsächlich an die Masse.


    Ich für mich weiß, dass ich an meinem dicken Fell arbeiten muss. Ich weiß nur noch nicht wie. Denn eins ist klar, auf Dauer werde ich ein Problem bekommen und das möchte ich dringlichst vermeiden. Ich bewundere viele meiner Kollegen die einfach professionell mit sowas umgehen können. Aber der Spagat zwischen Selbstreflexion, Rückmeldungen annehmen können aber dennoch nicht alles zu persönlich nehmen ist - zumindest für mich - herausfordernder als ich vorher dachte. Aber das is ja immer die Krux, an sich selbst zu arbeiten ist halt die größte Herausforderung.


    Eine Frage noch: Habt ihr eine Idee wie ich diese Ergebnisse anspreche ohn den Schülern das Gefühl zu geben ich möchte die Schuld abwälzen und den Nörglern (die es tatsächlich gibt, aber es sind, so denke ich, auch die die nur schwer mitkommen) nicht soviel Raum zu geben?


    Viele Grüße und ein schönes Wochenende bei (hier) grauem Wetter...

  • Eine Frage noch: Habt ihr eine Idee wie ich diese Ergebnisse anspreche ohn den Schülern das Gefühl zu geben ich möchte die Schuld abwälzen und den Nörglern (die es tatsächlich gibt, aber es sind, so denke ich, auch die die nur schwer mitkommen) nicht soviel Raum zu geben?

    Wir werden dazu angehalten, mit der Klasse eine Zielvereinbarung zu treffen wenn etwas wirklich von einem Grossteil der Klasse beanstandet wird. Nun ist das bei Dir gar nicht der Fall, aber Du kannst es ja trotzdem so machen. Pick Dir doch das Ding mit der Methodenvielfalt heraus und vereinbare mit der Klasse, dass Du diesen Punkt innerhalb eines Semesters oder so verbessern möchtest. Ob Dir das gelungen ist, musst Du dann natürlich mit einem neuen Fragebogen überprüfen.


    Ich könnte mir vorstellen, dass den Schülern dann überhaupt erst bewusst wird, DASS Du ja schon sehr auf Methodenvielfalt achtest und sie es bei der folgenden Umfrage dann auch entsprechend honorieren. Du musst wahrscheinlich an Deinem Unterricht überhaupt nichts ändern, die Klasse soll einfach mal bewusst auf dieses Detail achten. Für mich klingt das nämlich eher wie irgendeine Art von pubertärem, pauschalen Nörgeln ohne dass es einen konkreten Anlass dafür gibt. Der Lehrer gibt einen Fragebogen aus und jetzt kritisieren wir einfach mal irgendwas.

    • Offizieller Beitrag

    Ich kann Wollsocken hier nur ganz ausdrücklich zustimmen.


    Wenn ich solche Fragebögen rumgebe, kritisieren beispielsweise 25% der Schüler, dass es zu viel Gruppenarbeit gibt, 25%, dass es zu wenig Gruppenarbeit gibt. Bei einem solchen Ergebnissen musst Du einfach damit leben, weil Du nicht beide "Lager" gleichermaßen zufriedenstellen kannst. Ich erlebe auch oft, dass Schüler bei Kritik etwas hinschreiben, damit man nicht nur Positives schreibt. Wenn ich dann über die Kritikpunkte rede, kommt ganz schnell heraus, dass das Ganze halb so wild ist und die Schüler keinesfalls per se unzufrieden sind.

  • Das finde ich rechtlich grenzwertig, weil sozusagen Doppelbestrafung. Entfernen ja - Nacharbeiten auch. Aber dann keine Sechs.

    Die 6 gibt es ja nicht für die Hausaufgaben, sondern weil sie in der aktuellen Stunde nicht mitarbeiten können, weil sie die Hausaufgaben nicht haben. Geht natürlich nur dann, wenn die HA auch für die aktuelle Stunde benötigt werden.

Werbung