Englischunterricht - Muttersprachler in der Klasse

  • Hallo miteinander,


    ich fange jetzt mit einer dritten Klasse mit Englisch an. In meiner Klasse sitzt ein Kind, das mehrere Jahre in England verbracht hat und daher nahezu perfekt Englisch spricht. Die Eltern wünschen sich, dass ich für ihr Kind während des Englischunterrichts Aufgaben auf dem Niveau von Muttersprachlern bereitstelle, damit er/sie sich nicht langweilt. So richtig sehe ich nicht, wie das funktionieren soll - genauso wie Deutsch als Zweitsprache kaum mit normalem Deutschunterricht verglichen werden kann, ist Englisch als Fremdsprache etwas ganz anderes als Englisch für Muttersprachler. Hierfür gibt es natürlich kein Material an der Schule und es fehlt mir die Zeit, für ein einzelnes Kind passende Aufgaben zu entwickeln, die ja auch stets in Einzelarbeit erledigt werden können müssten.


    Geplant hatte ich, das Kind als Helfer und Moderator einzubeziehen. Auch denke ich, dass der Englischunterricht abseits des Spracherwerbs viel zu bieten hat (viel Interaktion, interessante Medien, kleine Projekte). Vorstellen könnte ich mir auch, dass das Kind die Wahl erhält, an reinen Spracherwerbs-Übungen nicht teilzunehmen und stattdessen z.B. Freiarbeitsmaterial zu bearbeiten. Eine Unterbringung in anderen Klassen für die Dauer der Englischstunden ist im Moment natürlich nicht möglich.


    Habt ihr bereits ähnliche Erfahrungen gemacht oder andere Ideen, mit dieser Situation umzugehen?

  • Aufgaben auf dem Niveau von Muttersprachlern bereitstelle

    Ich wüsste nicht, wie die aussehen sollen für die Grundschule. Vor allem - was macht das Kind dann an der weiterführenden Schule? Aufgaben aus dem Studium?


    Ich fürchte, es wird sich nicht ganz vermeiden lassen, dass es sich auch mal langweilt und für solche Fälle würde ich einiges an Lektüren, Rätseln oder Knobelaufgaben raussuchen (finde vielleicht heraus, was dem Kind gefällt), dass es andere Sachen machen kann. Ich habe z.B. ein Heft ("Vertretungsstunden Englisch in der Sek. I"), wo so etwas drin ist, das für das Kind passen könnte, wenn es schon viel Vokabular hat. Ggf. würde ich auch nochmal die Eltern fragen, was genau sie sich da vorstellen, denn - da hast du Recht - wir unterrichten ja Englisch als Fremdsprache, nicht für Muttersprachler...


    Ansonsten finde ich die Idee super, dem Kind Aufgaben zu übertragen und mitzuhelfen im Unterricht!

  • Ich denke es kommt auch aufs Kind an: Manche sind dann gerne Sprachvorbild und Helfer, andere finden das total ätzend.

    Ich unterrichte immersiv, auch Englisch als Fach im immersiv Profil. Habe da während meiner Zeit an der Grundschule viel mit originalem Unterrichtsmaterial aus GB gearbeitet (war dann natürlich an der Schule vorhanden). Da lohnt sich jedenfalls ein Blick drauf! Es gibt tolles Material, auch zur Freiarbeit. Vielleicht sind ja auch die Eltern bereit was für ihn anzuschaffen.

  • Ich hatte auch schon dieselbe Situation. Die Mutter hat nie etwas eingefordert. Ich habe das Mädchen da im Unterricht mit einbezogen, wo es möglich war. Sie hat sich nicht gelangweilt. Ihr hat das Spaß gemacht, dass sie das weiß und sie hat gerne Dialoge mit ihrem Partnerkind vorbereitet.


    Da unser Buch mit einer Identifikationsfigur arbeitet, die immer wieder bei Einführungen "auftritt", habe ich sie mit mir Dialoge sprechen lassen. Außerdem habe ich sie englische Texte vorlesen lassen, z.B. originale Kinderbücher zum Thema. Im Aufschreiben von englischen Wörtern war sie übrigens auch nicht perfekt.


    Das Englisch in der Grundschule ist nur zweistündig. Da können die Eltern nicht erwarten, dass du dem Kind quasi ein dem Deutschunterricht entsprechendes Parallelprogramm vorlegst. Das ist so nicht durchführbar.


    Man stelle sich das einmal umgekehrt vor: Das wäre dasselbe, wie, wenn wir in England wären und von den dortigen Lehrern erwarten würden, dass sie beim Fremdsprachenunterricht Deutsch (2 stündig) dem deutsprachigen Grundschulkind ein Drittklässlerprogramm vorlegen würden, das dem Deutschunterricht in Deutschland entspricht. Ich glaube, unser Kind würde sich bedanken, wenn es Grammatik, Rechtschreibung und Aufsatz pauken müsste. ;-) Außerdem weiß ich nicht, ob das im Sinne einer Integration ist, wenn mein Kind, während die anderen die Sprache lernen, währenddessen deutsche Kinderbücher lesen würde, was mir jetzt als einzige sinnvolle Beschäftigung ohne viele Erklärungen einfällt.

  • Als Lehrer verstehe ich deinen Unmut als Mutter finde ich die Quintessenz "dann wird das Kind als Helfer eingesetzt und sonst langweilt es sich eben" auch nicht so super.


    Was sagt die Schulleitung dazu?

  • Extraunterricht ist nicht leistbar, bei einer Vollzeitstelle ist man mit dem "normalen" Programm schon ausreichend beschäftigt. Die Helfertätigkeit fände ich auf Dauer nicht super für das Kind und eigentlich ist es auch nicht seine Aufgabe, 2. Lehrer zu spielen. In einem Unterrichtsbesuch erlebte ich es mal, dass eine leistungsstarke Schülerin nach Erfüllung des Solls in einem eigenen Heft Geschichten schreiben durfte - war aber auch 5. Klasse. In einer 3. Klasse wäre vlt. sowas wie Lük auf Englisch ganz cool. Ansonsten fällt mir noch ein, dass das Kind ein original englischsprachiges Kinderbuch lesen könnte. Ich meine, wie oft kommt man in der Grundschule dazu, ein Buch zu thematisieren, was zum Alter und zum Sprachniveau der Schüler passt?

  • Darf ich meine Irritation kundtun? Grundschullehrer*innen sind die Könige der Differenzierung, aber jetzt soll ein Muttersprachler ein Problem sein?
    Man soll bitte nicht nur nach "unten" differenzieren.

    Wenn das Kind gerne liest (und sowieso...): einfach englische Kinderbücher geben / bringen lassen. Vielleicht haben die Eltern selbst etwas. und vielleicht hat das Kind Glück und kann in der Mittelstufe eine andere Fremdsprache als erste Fremdsprache lernen, so dass es sich nicht weiter langweilt. Aber langweilen muss man sich nicht, es gibt immer Lösungen.

  • Was hat das damit zu tun, ob jemand VZ oder TZ arbeitet? Lehramtsstudent

    Vollzeit heißt bei mir im Bundesland in der Grundschule 28 Unterrichtsstunden. Wenn sich das noch auf 4-5 Fächer verteilt, ist man froh, wenn man Standard schafft, ohne noch auf 20 verschiedenen Niveaustufen zu differenzieren. Wer das kann, ist super und verdient meinen Respekt. Wer das nicht kann, ist in meinen Augen kein schlechterer Lehrer.

  • Ja, aber jemand der TZ arbeitet arbeitet ja anteilig weniger bei weniger Bezahlung. Hat die Person dann dafür Zeit?!?

    Sie sollte dafür genauso weniger Zeit haben, auf jeden Fall. Aber du weißt ja, dass in der Praxis die Aufgaben für die Teilzeitkräfte nie so 100% fair aufgeteilt werden, dass sie im Verhältnis zu der anteiligen Bezahlung stehen.

  • ja, nie 100% fair verteilt bedeutet, dass die unteilbaren Aufgaben wie Konferenzen oder Schulfeste eben nicht teilbar sind (nicht in der jeweiligen Relation...). Die Unterrichtsstunden aber schon. Wer Teilzeit arbeitet, hat also genauso das Recht und die Pflicht, angemessen zu differenzieren wie jemand, der Vollzeit arbeitet.

  • Wenn das Kind während des Englischunterrichts englische Bücher liest, ist das Stillbeschäftigung, aber keine Differenzierung.

    Eine Differenzierung wäre z.B. etwas Anspruchsvolleres zum gleichen Themengebiet zu machen. So weit ich verstanden habe, ist das ein deutsches Kind, das länger in England gelebt hat.

    Vielleicht sollte man sie eher dann Deutsch machen lassen? Ich könnte vorstellen, dass sie da Defizite hat, wenn sie frisch aus England kommt.

  • ...

    Vielleicht sollte man sie eher dann Deutsch machen lassen? Ich könnte vorstellen, dass sie da Defizite hat, wenn sie frisch aus England kommt.

    Auch eine Idee, immerhin geht es in Englisch Klasse 3 ja v.a. um mündlichen Sprachgebrauch und den beherrscht das Kind ja. Würde das aber unbedingt von der SL abgesegnet wissen wollen.

  • Wenn das Kind während des Englischunterrichts englische Bücher liest, ist das Stillbeschäftigung, aber keine Differenzierung.

    Naja, es gibt auch sicher AKtivitäten ZU den englischen Büchern. Wer als 7-8jähriger Englisch spricht, kann auch nicht alles lesen und versteht nicht unbedingt alles im Sinne von Leseverstehen. Dazu gibt es Materialien für jede Muttersprache.


    Wenn die anderen Kinder in der Klasse "cat" und "dog" lernen, gibt es keine viel höhere Stufe nach oben. Klar kann er Sachkunde über Tiere machen, aber es ist keine reine sprachliche Förderung, sondern Sachunterricht.

  • Ich kann mir vorstellen, dass man eine Lektüre findet, die es sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch gibt. Dann kann man, je nach Förderziel, das eine oder andere Buch nutzen und einbinden, Referate erstellen lassen oder wirklich mit anderen Arbeitsheften arbeiten. Zu manchen Schulbüchern Englisch Kasse 3 gibt es wohl auch Fordermaterialien, vorstellen kann ich mir auch, dass dieses Kind Dialoge schriftlich vorbereitet oder ausarbeitet, wo andere es mündlich machen.


    Caro07 s Vorschlag finde ich auch gut und würde mir das Lesen und die Rechtschreibung genauer ansehen, sollte das Kind in englischer Sprache alphabetisiert worden sein (z.B. i-ei, Umlaute, Zwielaute, s-z und s-Schreibung).


    Es gibt sicher Möglichkeiten der Förderung und Differenzierung,

    dennoch finde ich den Anspruch der Eltern, in einer deutschen Schule Muttersprachenunterricht in Klasse 3 für ein einzelnes Kind zu erwarten, überzogen. Tatsächlich kann ich trotz vielfältiger Differenzierung solche Ansprüche auch nicht erfüllen, nicht einmal für Kinder mit arabischer, kurdischer oder albanischer Muttersprache, auch wenn die Mehrsprachigkeit gefördert werden sollte.

    Auch ist es ein Unterschied, ob ich mir Forderung wünsche oder „Muttersprachlichen Unterricht“.


    Vermutlich würde ich das in einem Elterngespräch noch einmal richtigstellen, dann aber die gefundenen Möglichkeiten erläutern.

  • Ich könnte mir noch vorstellen, dem Kind ein Lies-mal-Heft auf Englisch anzubieten. Solche haben viele Kids doch auch, wenn sie in Deutsch schneller fertig sind.


    Ggf wäre das Schriftbild auch eine Differenzierungsmöglichkeit. Hängt halt davon ab, was das Kind tatsächlich schon kann.

  • Wie ist denn die technische Ausstattung? Wäre es nicht auch möglich, dass die Muttersprachlerin zum selben Thema Videos gucken und dann die Inhalte vorstellen könnte? Wäre eine Abwechslung zu dem Vorschlag, dass Bücher bereitgestellt werden können.

    Ich hoffe, dass du eine gute Lösung findest :gruss:

    Bildung ist die Fähigkeit, fast alles anhören zu können, ohne die Ruhe zu verlieren oder das Selbstvertrauen. (Robert Frost)

    Bildung kann einen sehr glücklich und gelassen machen. (Günther Jauch)

    Was nützt es dem Menschen, wenn er Lesen und Schreiben gelernt hat, aber das Denken anderen überlässt? (Ernst R. Hauschka)




  • Vielen Dank für die vielen Rückmeldungen und Anregungen, das hat mir für das Gespräch mit der Mutter sehr geholfen. Es hat sich herausgestellt, dass es eher die Mutter war, die sich unnötig Sorgen machte. Das Kind selbst hatte mit dem Unterricht keine Probleme. Wir haben vereinbart, dass reine Spracherwerbsübungen (die ja eh nur einen Bruchteil einer Stunde ausmachen) ausgelassen werden dürfen und in dieser Zeit ein mitgebrachtes englisches Buch gelesen werden darf.

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