Englischunterricht und Gehörlosigkeit

  • Eine der beiden Gehörlosen ist ein syrischer Flüchtling und hat auch schon einen recht kleinen Gebärdenwortschatz. Etwas anderes würde es einfach nicht bringen. Letztes Jahr hatte ich ihren kleineren Bruder: ein goldiges Kerlchen, aber man merkt einfach, dass von der (Gebärden-)Sprachentwicklung her der Zug abgefahren ist. Alles muss man sich mühsam erarbeiten. Das ist echt schon traurig.

    Frapper

    Ich muss jetzt mal ganz neugierig fragen: gibt es eigentlich auch eine einheitliche arabische Gebärdensprache? Mir fallen schon die Unterschiede im gesprochenen ostarabischen (syrisches Arabisch) zum Westarabischen der Maghrebstaaten auf, gilt das dann auch für die Gebärden?

  • Offenbar ja, wobei diese wohl nicht standardisiert zu sein scheint analog des Schriftarabischen bislang (also wohl tatsächlich regionale Unterschiede wie in den verschiedenen gesprochenen arabischen Varianten vorhanden sind, was ja auch naheliegend ist):


    Laut "Deutsche Gehörlosen-Zeitung" (Ausgabe 11, November 2013) soll bald ein neues Wörterbuch zur Standardisierung der Arabischen Gebärdensprache veröffentlich werden. (...)

    Mit der Standardisierung der Arabischen Gebärdensprache würden viele verschiedene Gebärdensprachen in der arabischen Region nicht überleben, meint Jordaan. (...)

    (Ganz nebenbei habe ich bei der Suche gerade auch etas von "Lyoner Gebärdensprachen" gelesen.:staun: Nein, ich habe natürlich nicht, an einen bestimmten Thread hier gedacht dabei. :pinch:)

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

  • Es klingt aber eher danach, dass es viele Gebärdensprachen gibt und eine Stelle jetzt "ihren Dialekt" (oder halt eine Auswahl unter den Varianten) als "DIE" Arabische Gebärdensprache bezeichnen will.
    In Deutschland alleine gibt (gab?) es auch sehr viele Unterschiede, obwohl die zugehörigen Lautsprachen sich nicht soviel voneinander unterscheiden. Mittlerweile gibt es aber wenigstens eine Basis für Lexika. Ich habe tatsächlich mit einem Papierlexikon angefangen (ja, Kinder, das ist das, was es vor den DVDs und elektronischen Wörterbüchern gab). Aber der "Akzent" hat es in sich. Ich durfte viele Farben und Wochentage neu lernen, und zählen ist auch unterschiedlich :-) Ich bewundere echt die Dolmetscher.

  • Für die deutsche Gebärdensprache gibt es (noch) keine offizielle Standardisierung. Dass sich für Standardsprache an einem Dialekt orientiert, ist ja nichts neues. Mit der Lutherbibel geschah dies ja ebenfalls so.

    In der Gebärdensprache im deutschsprachigen Raum gibt es ebenso ein Dialektkontinuum. Im Norden werden andere Gebärden verwendet als jetzt beispielsweise in Wien. Deutsche Gebärdensprache (DGS) und österreichische Gebärdensprache (ÖGS) gelten sogar als zwei verschiedene Sprachen. Das ist vielleicht so wie Deutsch - Schweizerdeutsch.

    Eine sehr gebärdenkompetente Kollegin, aus Berlin stammend, war mal in Bayern zu einer Tagung und meinte, dass sie nur schwer verstanden hätte. Ich hatte auch mal eine Gebärdendozentin aus Bayern. Bis auf Dezember hatte jeder Monat eine komplett andere Gebärde.


    Ich vermute, dass es im arabischen Raum ebenso ein Dialektkontinuum geben wird.



    Mittlerweile gibt es aber wenigstens eine Basis für Lexika.

    Meinst du das Kestner-Lexikon? Da Karin Kestner aus Nordhessen kommt, orientieren sich die Gebärden am dortigen Dialekt. Wenn ich mit einer Gebärde aus dem Kestner kam, waren die gehörlosen Dozenten meist nicht so angetan.

  • Nee, das Kestner-Lexikon ist zwar (seinerzeit) ein Riesenschritt gewesen, aber in Hamburg gibt es ein Projekt, das genau das macht: mit einem DGS-Korpus die ganzen Gebärden erstmal festhalten und aufnehmen.
    ich hatte auch in Erinnerung, dass bei Kestner zum Teil örtliche Varianten drin sind. Aber ich habe wirklich nur die erste Fassung gehabt und mein Wortschatz ist/war bei weitem nie ausgebaut. Diese regionalen Unterschiede sind aber sehr ermüdend (die Basis habe ich im Rhein-Main-Gebiet, teilweise aber mit einem Kölner Dozenten (-> andere Zahlen), bin dann zum Studium nach Berlin, wurde zum Teil als Außerirdische von den anderen Studis angeguckt, (Studium abgebrochen, also keine Ahnung, wie sehr man auf Dialekte dann einging, schließlich wollten viele die Dolmetschprüfung auch machen, oder bundesweit Lehrer werden), bin später "in den Westen", auch wieder andere Sachen. Zum Glück bin ich so schlecht, es ist quasi egal.

  • Um mal wieder zum eigentlichen Thema zurückzukommen.


    Ich habe in dieser Klasse zum ersten Mal seit Jahren zwei komplett gehörlose Schüler ohne Hörhilfen oder Resthörvermögen und unterrichte sie in Englisch.


    Der genannte Schüler ist sehr clever und kommt eigentlich recht gut mit in Englisch. Da sehe ich wirklich keinen Grund, ihn aufgrund seiner Gehörlosigkeit vom Fremdsprachenunterricht auszuschließen.

    Vor Corona kam noch ein weiterer Schüler dazu, den ich bisher aber kaum kenne. Er scheint sehr schwach zu sein. Mal sehen.


    Ich habe noch eine sehr unkonventionelle Lösungsidee.


    Vorhin habe ich auf meinem IPhone eine Spracherkennungs-App ausprobiert, d.h. die App verschriftlicht, was ich spreche. Das hat Bombe funktioniert :staun:. Leider gibt es solche Software wohl nur online und da sehe ich ein sehr sehr großes Datenschutzproblem.


    Den gehörlosen Jungs und der nichtsprechenden Schülerin könnte man z.B. auf Tablets geben (haben wir), die eine Vorlesefunktion haben. Dann könnten sie ihre Antworten eintippen und vorlesen lassen. Da kommt bestimmt mehr Englisch rum als bei deutschen Gebärden.


    Übrigens hat meine Kollegin mal beim Schulamt ein schriftliches Chatgespräch als Nachteilsausgleich für mündliche Prüfungen beantragt. Das wurde abgelehnt, mit dem Hinweis, dass Sprache flüchtig sei und Chats eben nicht. Aber auch da müsste es heute doch technische Lösungen geben!

  • Nee, das Kestner-Lexikon ist zwar (seinerzeit) ein Riesenschritt gewesen, aber in Hamburg gibt es ein Projekt, das genau das macht: mit einem DGS-Korpus die ganzen Gebärden erstmal festhalten und aufnehmen.

    Ja, das kenne ich natülich auch. Eine Kollegin witzelt immer rum, dass sie das bei der Pensionierung irgendwann mal haben wird. ;)

  • Für die deutsche Gebärdensprache gibt es (noch) keine offizielle Standardisierung.

    Jetzt hast du mich aber geschockt. Deutschland ist ja schließlich ein Land, in dem man sich fast bei jedem Pu*s um Standards bemüht, aber dann keine einheitliche Gebärdensprache :staun:

  • Jetzt hast du mich aber geschockt. Deutschland ist ja schließlich ein Land, in dem man sich fast bei jedem Pu*s um Standards bemüht, aber dann keine einheitliche Gebärdensprache :staun:

    Das Problem liegt in der Modalität der Sprache, wo vieles zeitgleich abläuft. Für unsere Lautsprache gibt es ein schriftsprachliches Äquivalent. Es gibt auch eine Form von mehrzeiliger Niederschrift von Gebärdensprache, aber das wird eigentlich im Zusammenhang von Wissenschaft und Gebärdensprachkursen verwendet.

    Man muss auch immer daran denken, dass Gebärdensprache in Deutschland noch nicht so lange als offizielle Sprache anerkannt ist.

  • Ich habe jetzt nicht alle Beiträge gelesen...

    Wenn ich es richtig verstehe, geht es um die mündliche Prüfung in Englisch und langfristig um den Hauptschulabschluss.

    Was ist denn die Sprache des Schülers? Spricht er durch seine Stimme oder spricht er durch seine Hände?

    Wenn der Schüler in allen anderen Fächern und auch außerhalb des Unterrichts mit seinen Händen spricht, dann ist das seine gesprochene Sprache und dann würde ich auch so die mündliche Prüfung in Englisch machen.

    Wenn er in den anderen Fächern allerdings mit seiner Stimme spricht, dann ist halt am Ende die eine Note eine 6. Damit wird er den Abschluss trotzdem schaffen. Muss man halt vorher dann nochmal erklären, damit er nicht enttäuscht ist, wenn auf dem Zeugnis nur eine 4 (oder so) steht.

  • Hab nochmal ein wenig in den Beiträgen gelesen und er ist ja komplett gehörlos. Das heißt doch, dass seine Sprache mit den Händen gesprochen wird. Dann ist in Englisch seine gesprochene Sprache die Sprache seiner Hände. Ist doch klar. Das macht doch keinen Sinn sonst. Er spricht halt nicht mit dem Mund, sondern mit seiner Gestik.

    Die Prüfung findet dadurch auch in gesprochenem Englisch statt - und zwar gesprochen durch Hände. Ihr Prüfer müsst ja auch die Hände nutzen.


    Wenn ich dran denke , wer bei mir an der HS manchmal in der mündlichen Prüfung in Englisch sitzt ... Da kommt sicherlich weniger bei rum als mit Hilfe der Gebärdensprache und die Schüler bestehen je nach Fall und mit viel gutem Willen auch noch.

    Es geht um den Hauptschulabschluss und nicht um ein Abitur. Da darf man sehr wohlwollend sein, wenn die Schüler sich bemühen.

  • Ich bin null Experte, was Gehörlosenpädagogik angeht, aber da ich mal auf YT durch Zufall auf eine Userin stieß, die, wenn ich mich richtig erinnere, gehörlos war und regulär sprechen konnte, muss ich mal fragen: Ist dieser Zusammenhang wirklich unmöglich?

    Ansonsten machen die Ausführung aus @MilaBs letztem Beitrag schon Sinn , auch wenn mir das vorher noch nie bewusst war, dass die Gebärdensprache für solche Personen ja quasi die "gesprochene" Sprache ist. Ist sicher vergleichbar mit der Brailleschrift beim "Lesen" blinder Menschen.

  • Ich bin null Experte, was Gehörlosenpädagogik angeht, aber da ich mal auf YT durch Zufall auf eine Userin stieß, die, wenn ich mich richtig erinnere, gehörlos war und regulär sprechen konnte, muss ich mal fragen: Ist dieser Zusammenhang wirklich unmöglich?

    Ansonsten machen die Ausführung aus @MilaBs letztem Beitrag schon Sinn , auch wenn mir das vorher noch nie bewusst war, dass die Gebärdensprache für solche Personen ja quasi die "gesprochene" Sprache ist. Ist sicher vergleichbar mit der Brailleschrift beim "Lesen" blinder Menschen.

    MIr ist grad irgendwie unklar, warum du an die Worte "gesprochene Sprache" und "Lesen" zwischen Anführungszeichen setzt.:weissnicht: Das IST das Sprechen von vollständig gehörlosen Menschen die ohne CI leben bzw. das IST das Lesen blinder Menschen. Ganz ohne Anfürhungsstriche, denn das ist kein "Quasi-Sprechen" oder "Quasi-Lesen", sondern eine vollwertige Sprache bzw. eine vollwertige Lesefähigkeit.

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

  • Das ist jetzt mal eine fachwissenschaftliche Frage, bei der ich mir tatsächlich nicht so sicher bin und vlt. die Sonderpädagogikleute (mit Fach Deutsch) mehr wissen. Für mich waren immer Lesen und Sprechen an das Dekodieren von Graphemen bzw. die Aneinanderreihung von Lauten gebunden. Daher weiß ich gar nicht, ob diese anderen Systeme gleichermaßen so bezeichnet werden können. Sollte das fachwissenschaftlich so sein, werde ich das zukünftig in meinen Wissensfundus mitaufnehmen ;) .

  • Für unsere Lautsprache gibt es ein schriftsprachliches Äquivalent.

    Danke für die info. Bin immer davon ausgegangen, dass die Grundlage für die dt. Gebärdensprache generell die Schriftsprache sei.

  • MilaB , die Sprache muss gesprochen und Englisch sein, der Knabe kann aber nur deutsche Gebärden, weil es keinen Lehrer gibt, der ihm englische Gebärden beibringt.


    Das ist so absurd, dass ich die Frage nach wie vor falsch finde. Die einzige Antwort muss lauten: der Kultusminister persönlich soll euch nach Beratung durch den Deutschen Gehörlosenbund schriftlich geben, wie ihr das handhaben sollt. Es ist offenbar ein Präzedenzfall.

  • MilaB , die Sprache muss gesprochen und Englisch sein, der Knabe kann aber nur deutsche Gebärden, weil es keinen Lehrer gibt, der ihm englische Gebärden beibringt.


    Das ist so absurd

    Ich find's auch komplett absurd und würde mich deswegen in Absprache mit der Fachkonferenz dazu entscheiden, den Begriff "gesprochen" so auszulegen, dass er bei Gehörlosen in Form der Gebärdensprache zu verstehen ist und den Schüler dann ganz normal in der Prüfung bewerten. Für den Hauptschulabschluss liegt ja das Verhältnis sprachliche Leistung/ inhaltliche Leistung etwa bei 1/3. Wenn er also inhaltlich gut abschneidet, und sprachlich zumindest kaum Rechtschreibfehler beim Buchstabieren macht, steht einer bestandenen Prüfung doch eigentlich nichts mehr im Wege. ;)

  • Ich find's auch komplett absurd und würde mich deswegen in Absprache mit der Fachkonferenz dazu entscheiden, den Begriff "gesprochen" so auszulegen, dass er bei Gehörlosen in Form der Gebärdensprache zu verstehen ist und den Schüler dann ganz normal in der Prüfung bewerten.

    Aber er spricht kein Englisch, da er nur Deutsch gebärden kann. Und ganze Sätze mit dem Fingeralphabet zu buchstabieren... geht das?

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