Klasse nur unruhig

  • Hallo!

    Heute ist es mir ergangen, wie in 5 Jahren Lehrerdasein nicht: Ich musste zur Beruhigung und auch zum Weinen auf die Toilette verschwinden in meiner Freistunde.


    Ich habe eine Klasse, die mir wirklich Kopfzerbrechen bereitet. Sie sind eigentlich sehr nett, hab die halbe Gruppe auch in Werken und kenne sie seit zwei Jahren. Es ist eine zweite Klasse (12 Jahre) und ich habe sie auch in zwei Stunden Geschichte in der Woche.
    Wie gesagt eigentlich eine liebe Klasse, aber es gibt extrem viele Personen drinnen die einfach drauflos quatschen und reden, Geräusche machen Blödsinn machen, einfach aufstehen, herumgehen etc. und ich habe noch keine Methode gefunden, sie dauerhaft unter Kontrolle zu bringen.

    Sie sind nur ruhig wenn sie schreiben müssen, aber das kann ja nicht Sinn und Zweck sein... Heute zb haben zwei Personen eine mündliche Wiederholung machen müssen, aber es war so laut, dass es einfach nicht möglich war. Gestern war der Direktor hospitieren und da war die Klasse super brav, total leise, heute hat nichts gefruchtet... Die mündliche Wiederholung habe ich abbrechen müssen, dann mussten alle für einen Mitarbeitscheck ein paar Fragen auf einem Zettel beantworten und mir abgeben (keine Ahnung ob pädagogisch wertvoll..) aber ich war heute echt am Ende mit meinem Latein. Dann versuche ich die Störenfriede auf der Tafel aufzuschreiben mit Stricherl-Liste für ein permanentes Mitarbeitsminus, hilft auch nur minimal, weil einfach so viele Unruhe-Herde sind, dass ich es einfach nicht gescheit mitbekomme. Leid tragenden sind die wenigen braven Schüler, die immer ruhig sind und auch unter ihren Mitschülern leiden. Ich habe auch mit anderen Lehrern der Klasse gesprochen, es geht vielen so.
    Ich habe sonst den Eindruck, dass die Klasse mich mag aber heute war ich selbst auch schon so ratlos, und ich glaube das haben die Schüler gemerkt. Sie sind erst leise geworden, als ich mal lauter wurde und dann einfach mein Programm durchgezogen habe, mit schreiben schreiben schreiben.

    Die heute wirklich viel gestört haben habe ich einen Klassenbucheintrag gegeben und würde jetzt auch noch die Eltern anrufen, weil es so einfach nicht zu arbeiten ist. Sie sind auch im Vergleich mit einer anderen Klasse die ich habe Leistungstechnisch sehr schwach.

    Habt ihr Tipps wie ich die Klasse leiser bekomme? Ich verlange ja gar nicht die ganze Zeit über Stille, sondern nur wenn ich was erkläre oder wenn mündliche Prüfungen anstehen. Ich bin keine sehr streng wirkende Person, aber wie die Klasse mir heute entglitten ist, das habe ich noch nie erlebt.... Bin heute auch selbst nahe am Wasser gebaut und hormonell bedingt eher emotional, das trägt sicher auch seinen Teil bei. Aber wie gesagt, ich mag die Klasse, ich möchte eigentlich ein gutes Verhältnis zu ihnen haben.... Vielleicht gibt es hier ja jemanden, der einen guten Rat hat!

    liebe Grüße

  • Vorab: Es ist verständlich, dass du nach der erlebten Situation geknickt bist. Sieh es aber nicht als persönliches Scheitern, sondern als Anlass zum Lernen, um für zukünftige, ähnliche Situationen besser gewappnet zu sein.

    Rein schriftlicher Unterricht ist je nach Fach nicht möglich. In sprachlichen Fächern z.B. sind mündliche Anteile per Curriculum verpflichtend und können von Schülern (m/w/d) oder deren Eltern daher explizit eingefordert werden.

    Ich würde so vorgehen: Ich würde in der nächsten Stunde die Klasse damit konfrontieren, dass dir das Verhalten einiger Schüler (m/w/d), an der Stelle keine Namen nennen, in der letzten Stunde misfallen hat, und sie fragen, wie sie selbst die Situation erlebt haben. Es würde mich nicht wundern, wenn selbst die größten Störer (m/w/d) die Situation als unangenehm empfanden, da solche sich meiner Erfahrung nach schwer damit zu tun, eine Verbindung zwischen ihrem eigenen Verhalten und einer empfundenen Unruhe in der Klasse zu erkennen. Danach würde ich erklären, dass jeder Schüler (m/w/d) ein Recht darauf hat, in Ruhe lernen zu können und das nur geht, wenn du zukünftig konsequent Unruhe unterbindest. Dazu überlegst du dir im Vorfeld ein System, was passiert, wenn Regeln (Welche wären das?) gebrochen werden und was wiederum passiert, wenn Schüler (m/w/d) sich weigern, dieser Konsequenz nachzukommen. Diese Regeln am besten noch einmal von der Schulleitung kurz gegenprüfen lassen, sodass diese hinter dir steht, sollten Schüler (m/w/d) oder Eltern sich beschweren. Danach kannst du sie den Schülern (m/w/d) in der Klasse erklären und ergänzen, dass sie ab der kommenden Unterrichtsstunde Anwendung finden werden. Unterschriften von Kindern sind natürlich nicht rechtlich bindend, aber als Zeichen der symbolischen Unterstützung kannst du einen aufgesetzten "Vertrag" von den Schülern (m/w/d) unterschreiben lassen und die Regeln zusätzlich im Klassenraum visualisieren, sodass sich die Schüler (m/w/d) hieran orientieren können.

    Dann ist wichtig: Konsequentes Umsetzen. Nicht groß mahnen, sondern Aktion = Reaktion. "Du hast gestört, das gibt einen Strich. Bei drei Strichen passiert das-und-das.".

    Und auch wichtig: Den Schülern (m/w/d) Entscheidung ermöglichen. "Du hast 3x gestört, daher passiert X. Du kannst jetzt entscheiden. Entweder du machst X oder es folgt (die unangenehmere Variante) Y. Du kannst jetzt darüber nachdenken und in 2 Minuten sagst du mir, wofür du dich entschieden hast.".

    Das musst du dann aber auch konsequent umsetzen und immer wieder darauf hinweisen, dass diese Vorgehensweise gemeinsam besprochen wurde - sonst werden sie die Regeln nicht ernst nehmen. Das ist am Anfang sicher anstrengend und auch für die Schüler (m/w/d) ungewohnt, weil sie es vielleicht gewohnt sind, dass erst 5x gemahnt wird, ehe eventuell etwas konkret passiert.

    Nach ein paar Wochen dürften sich aber nachhaltige Ergebnisse abzeichnen.

  • "Du hast gestört, das gibt einen Strich. Bei drei Strichen passiert das-und-das.".

    Ich würde gerne mal wissen, ob du das so handhabst und ob es bei deinen Klassen funktioniert.

    Und zum mahnenden Gespräch am Anfang über die Rechte zum Lernen: sitzen da alle am Platz und hören aufmerksam zu oder wie läuft das im echten Leben ab?

  • Quittengelee : Am Anfang des Schuljahres erläutere ich die Formalitäten, also sowas wie Regeln + Konsequenzen, aber auch wie der Unterricht strukturiert ist, wie die Leistungserwartungen sind, usw. Kleinschrittig wie oben beschrieben würde ich nur bei leistungsschwachen Klassen wie bei dem/der Eröffner/in des Stranges vorgehen. Aber doch, im Grunde geht es ab der 2. Unterrichtsstunde richtig los und, falls du darauf abzielst: Die ersten paar Stunden kommen dann natürlich schülerseitig Rückfragen, warum direkt eine Konsequenz folge, man habe doch nur dies und das machen/sagen wollen und das sei doch alles unfair. Dann verweise ich auf die Regeln und führe an, dass Weiteres in der Pause, aber nicht im Unterricht geklärt werden kann. Meist ist zu Beginn der Pause der Gesprächsbedarf dann doch nicht mehr gegeben. Zumindest in den Klassen, in denen ich hauptsächlich unterrichte, reduzieren sich diese Rückfragen nach spätestens 2-3 Wochen, weil die Schüler (m/w/d) merken, dass sie eh nichts bringen.

  • Ich verlange ja gar nicht die ganze Zeit über Stille [...]. Ich bin keine sehr streng wirkende Person [...]. Aber wie gesagt, ich mag die Klasse, ich möchte eigentlich ein gutes Verhältnis zu ihnen haben....

    Es gibt Klassen, die zeigen einem, wer man ist. Willst du beliebt sein oder respektiert werden? Ein gutes Verhältnis zu den SUS zu haben, wird einem auf Dauer nur gelingen, wenn man sich traut zu führen. Die Klasse kann leise sein, hast es ja selbst erlebt, aber dir entgleiten sie, weil du selbst nicht weißt, was du willst. Dabei sind sie darauf angewiesen, dass du für Ruhe sorgst. Niemand außer dir kann das in der Klassensituation machen. Tipps helfen dir erst, wenn du wirklich für eine gute Lernatmosphäre sorgen WILLST.

  • "Entschlossenheit zeigen" - dieses Wort hat bei mir beruflich wie privat eine Menge bewirkt.

    Überlege dir (oder lass dich beraten) - wie du Entschlossenheit zeigen kannst, dass dir auch die Störer glauben, dass du das, was dir wichtig ist, durchsetzt.

    Vlt hilft ein Gespräch in der nächsten Stunde mit deinen Schülern, in dem du an die letzte Stunde anknüpfst und deine Erwartungen formulierst - und Folgen definierst. Wenn auch andere Lehrer Probleme dort haben - mit mehreren die Maßnahmen absprechen. Gibt es z.B. einen Auszeitraum? Könntest du mit der Lehrkraft einer in der nähe liegenden Klasse absprechen, dass störende SUS eine Auszeit bekommen und dort arbeiten/oder das sie sich im Rektorat oder sonst wo melden müssen. Eltern einbeziehen - und notfalls den Maßnahmenkatalog, der in der BASS steht, durchkauen.

  • Erstmal Danke für die Tipps und die Kommentare!

    (es ist eine 6. Schulstufe, bzw. 2. Klasse im Gymnasium, Österreich)

    Am Freitag war die KV mit dem Direktor plus Schulpsychologin in der Klasse, da es in beinahe allen Gegenständen zu solchen Störungen des Unterrichts kommt, dass kein wirklicher Fachunterricht möglich ist. Die Konsequenz die ausgehandelt wurde ist folgende: sollte einer der Schüler, welcher bei Störungen immer dabei ist, noch einen Klassenbucheintrag bekommen, wird er in die Parallelklasse versetzt.

    Gestern habe ich mit einem Kollegen gesprochen, der meinte, dass es anscheinend keine Wirkung auf die Klasse gemacht hat und in seinem Unterricht wieder kein Stationenbetrieb/Spiele etc. möglich waren. Das einzige, dass half war einfach schreiben.
    Ich sehe die Klasse am Mittwoch wieder und suche jetzt nach einem guten Einstieg.. Gymshark ich finde deine Ideen super, hast du auch Erfahrungswerte welche Konsequenzen bei dir besonders gut funktioniert haben? Ich habe vor ein paar Wochen, die störenden Personen, die partout nicht aufhören wollten, einen Brief verfassen lassen, worin sie erklärten wie sie genau den Unterricht gestört haben bzw. worin genau das Unrecht liegt, weshalb sie das gemacht haben und habe diesen Brief von den Eltern unterschreiben lassen. Danach war ein paar Mal Ruhe. Aber vielleicht hast du noch mehr Ideen?

  • ...Die Konsequenz die ausgehandelt wurde ist folgende: sollte einer der Schüler, welcher bei Störungen immer dabei ist, noch einen Klassenbucheintrag bekommen, wird er in die Parallelklasse versetzt.

    Gestern habe ich mit einem Kollegen gesprochen, der meinte, dass es anscheinend keine Wirkung auf die Klasse gemacht hat und in seinem Unterricht wieder kein Stationenbetrieb/Spiele etc. möglich waren. Das einzige, dass half war einfach schreiben. ..

    Daran ist Mehreres etwas problematisch:

    Das Versetzen in die Parallelklasse ist (in Deutschland zumindest) eine Ordnungsmaßnahme und gleicht etwas dem Schießen mit Kanonen auf Spatzen. Wenn sich ein Schüler extrem verhält, kann man das machen, vorher sollten aber Erziehungsmaßnahmen greifen. Nacharbeit, Elternanrufe etc. Aber gut, nun ist es höchstschulleiterlich beschlossen, was für euch wiederum gut ist. Ihr müsst das jetzt also unbedingt durchziehen. Nichts ist tödlicher für Disziplin als nicht umgesetzte Androhungen. Der Kollege muss also das Versetzen in die andere Klasse anleiern, mit allen Punkten, die dabei zu beachten sind (Elternanhörung? Steht im Schulgesetz)

    Außerdem: es gibt zwischen "Abschreiben lassen" und "Stationenbetrieb/ Spielen" noch Zwischenschritte der Freiheit. Etwa zunächst mal zu zweit Arbeitsaufträge erfüllen oder zwischen zwei Aufgaben wählen.

    Bei Stationen: stark angeleitete Stationen (Pflicht vs. Wahl von Aufgaben, Partner*innen, Orte wo gelernt wird etc.). Man kann also von "in absoluter Stille eine Wahlstation, wenn drei Pflichtstationen bearbeitet wurden" bis hin zu "jeder macht, wann er wozu Lust hat mit wem er will, wo er will" 100 Abstufungen in der Freiheit festlegen.

    Für schwierige Klassen ist es übrigens keine Belohnung, Spiele zu spielen, für die sie sich zusammenreißen würden oder können.

    Daher bliebe meine Frage: ab wann wird es unruhig? Kannst du überhaupt die Aufgabe stellen, die zu bearbeiten ist? Was auch immer du vorhast, zuallererst müssen alle still sein und zuhören.

  • mizuhan : Bzgl. deiner Frage: Quittengelee hat mit ihrer Nachricht das schon recht gut zusammengefasst. Für mich persönlich wichtig, dass ich im Rahmen des Classroom Managements transparent und konsequent handele.

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