• Wenn ich Eltern telefonisch nicht erreichen konnte - oder auf Briefe und Einladungen keine Reaktion erfolgt ist, ging der Berg eben zum Propheten. Da habe ich mir die (geringe) Mühe gemacht, an der Haustüre zu klingeln. Das hat in der Regel SEHR gut funktioniert, weil die Nachbarschaft durchaus registriert, wer auf Besuch kommt. Durch verschiedene Schulveranstaltungen war mein Gesicht auch ziemlich allen Eltern, die Kinder an unserer Schule hatten, bekannt.

    In den vielen Jahren, in denen ich Pubertierende unterrichtet habe, gab es nur einen Fall, in dem ich mir beim Gespräch überlegt hatte, welcher "Notausgang" zur Verfügung stünde. Da hatte ich beim Gespräch im Wohnzimmer registriert, wie der bereits zur Mittagszeit stark alkoholisierte Vater leicht aggressive Tendenzen zeigte. Da ich jedoch nicht kleinwüchsig bin, hat er sich dann doch nicht von seinem Sofa erhoben.
    Wenn jemand sich bereits am späten Vormittag in einem derartigen Zustand befindet, ist es verständlich, dass in der Familie niemand telefonisch erreichbar ist. Ebenso verständlich ist, dass der Schüler/ die Schülerin nicht jeden Tag freundlich reagiert. Der Schüler hatte danach jedoch sein verhalten geändert. Er wusste, das ich auch auf freundliche Art sehr konsequent sein kann und es ernst meine.

    Nach dem besonderen Erlebnis mit diesem Vater habe ich jedoch meine "Hausbesuche" zur Absicherung immer im Sekretariat "angemeldet" ;)

    In den schwierigen Fällen, falsche Adresse und Telefonnummer, wäre mir als Frau sicher die Tür nicht geöffnet worden. Und meine SL hätte es mir sicher nicht erlaubt. Es gibt Grenzen.

    Meine Beiträge werden auf einer winzigen Tastatur eines Tablets mit Autokorrektur geschrieben. Bitte entschuldigt Tippfehler. :mad:

  • Ich glaube die soziale Spaltung in Deutschland ist mittlerweils so weit fortgeschritten, dass sich viele Kollegen aus Gegenden "wo die Welt noch in Ordnung ist" gar nicht vorstellen können was in Brennpunkten für Verhältnisse herrschen.

    In der Stadt, an deren Hauptschule ich unterrichtet habe, gab es im Einzugsgebiet der Schule zwei Stadtviertel:
    Der "soziale Brennpunkt" mit dem Arbeiterviertel und hohem Ausländeranteil und das Neubauviertel am Hang mit den "gut Betuchten".
    Ich konnte meinem Schulleiter nur beipflichten, als er sagte: "Das Elend wohnt am Berg."
    Dort drücken die Schulden, der Konkurrenzdruck (auch für die Kinder) und die Belastung am Arbeitsplatz. Im Arbeiterviertel herrschte zwar auch Armut - jedoch auch Solidarität untereinander.
    Gute Frage: "Wo ist die Welt in Ordnung?"

    Meine Beiträge können Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten. "Tippfehler" sind beabsichtigt und dienen dem reflektierten Umgang mit Rechtschreibung und Sprache durch die werte Leserschaft. Wer einen Rotstift besitzt, darf diesen behalten und anderweitig nutzen.
    «Wissen – das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt.» (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Ich bin beeindruckt von Lehrkräften wie dir, Wolfgang, die im Zweifelsfall sogar noch Hausbesuche machen und sich nicht von dem ersten Widerstand direkt abschrecken lassen - insbesondere wenn es über die rein formale Zuständigkeitsgrenzen hinausgeht. Ich hatte bereits beim Lesen an der Stelle als du im Wohnzimmer warst ein beklemmendes Gefühl und mag daher nur vermuten, wie es sich anfühlt, konkret in dieser Situation sich befunden zu haben. Es ist auch schade, dass man sich als (engagierte) Lehrkraft wie du, Wolfgang, teilweise in solch eine Gefahr begeben muss, weil diejenigen, die eigentlich hierfür zuständig wären (vor allem Jugendamt, teilweise auch die Polizei), sich raushalten und damit letztendlich auch die Kinder und Jugendliche alleine in Elternhäusern, die mit dieser Aufgabe eindeutig überfordert sind, zurücklassen.

  • Ich würde nie alleine in die Privatwohnung der Eltern meiner Schüler gehen, um solche Gespräche zu führen. Bei den Kandidaten, die man sonst nicht zu fassen bekommt, wäre mir das zu gefährlich. Dafür bin ich nicht bereit meine körperliche und seelische Unversehrtheit zu risikeren. Grundsätzlich wäre so etwas aber eine gute Idee. Vielleicht könnte man zusammen mit der Polizei solche Besuche machen.

  • Ich hatte vor ca. einem Jahr mal Kontakt zum schulpsychologischen Dienst, weil eine Schülerin mit nachweislich gewalttätigem und kontrollierenden Partner über Tage nicht erreichbar war. Da kam auch der sehr pragmatische Tipp "fahren Sie doch einfach mal hin und klingeln" - äh nee, sicher nicht. Erstens, weil ich mich nicht potentiell selbst gefährde, und zweitens, weil ich das auch überhaupt gar nicht als Teil meines Jobs definiere.

    Am Ende fuhr die Polizei hin, was offensichtlich ausreichend Eindruck gemacht hatte, dass sie wieder zur Schule kommen durfte. Ich fände wünschenswert, wenn Behörden bei Bedarf (also auch z.B. bei Schulabstinenz) generell schnell und deutlich präsenz zeigen würden. Ist vermutlich aber ein Kapazitätenproblem.

  • Nein,

    man klingelt, sagt Moin ...

    ... und guckt dann, ob man etwas an der Haustür übergibt oder ob man hinter der Haustür weitersprechen möchte. Was sonst sollte man da wollen?

    Wenn du die Polizei mitbringst, kannst du es sein lassen.

    Wenn du der Meinung bist, dass Jugendamt oder Polizeit zuständig sind, kannst du sie über den Sachverhalt informieren, dann können sie selbst entscheiden, ob sie tätig werden wollen.

  • Wenn du die Polizei mitbringst, kannst du es sein lassen.

    Wenn du der Meinung bist, dass Jugendamt oder Polizeit zuständig sind, kannst du sie über den Sachverhalt informieren, dann können sie selbst entscheiden, ob sie tätig werden wollen.

    Ich glaube eher, dass ich wenn ich die Polizei nicht mitbringe, es sein lassen kann. Es geht mir um Elternhäuser, wo sich bitte bitte sagen und gut zureden als nachhaltig erfolglos herausgestellt hat. Wir haben halt Klientel, die es aus ihren Heimatländern gewohnt sind, nichts ernst zu nehmen, was im Zweifel nicht mit Gewalt vom Staat auch durchgesetzt wird. Das Jugendamt oder Polizei zu informieren führt wie oben beschrieben zu nichts.

  • Wenn keine Gefährdung vorliegt, ich die Polizei also nicht mitbringen muss, gibt es auch ohnehin keinen Grund für mich als Lehrkraft, dort aufzutauchen. Schön wäre allerdings, wenn die Polizei auch die Zuführung von Abstinenzlern vornehmen würde.

  • Ich glaube eher, dass ich wenn ich die Polizei nicht mitbringe, es sein lassen kann. Es geht mir um Elternhäuser, wo sich bitte bitte sagen und gut zureden als nachhaltig erfolglos herausgestellt hat. Wir haben halt Klientel, die es aus ihren Heimatländern gewohnt sind, nichts ernst zu nehmen, was im Zweifel nicht mit Gewalt vom Staat auch durchgesetzt wird. Das Jugendamt oder Polizei zu informieren führt wie oben beschrieben zu nichts.

    Wenn du mit der Polizei aufkreuzt, hast du verloren. Damit baust du eine Drohkulisse auf, die Widerstand erzeugt. Wichtig ist, den Eltern zu vermitteln, dass dir der Lernerfolg und der erfolgreiche Schulabschluss des Kindes am Herzen liegt und du hier der Partner bist, der sich ernsthaft darum kümmert. Das schließt nicht aus, dass man auf den "Waffenschrank" hinweist, der bei weiterem Fehlverhalten für die Schule zur Verfügung steht - ebenso wie auf Unterstützungsmöglichkeiten durch den Schulpsychologischen Dienst oder durch die Jugendhilfe. Vielleicht hab' ich mich auch etwas mehr getraut, als manche KuK das könnten, weil ich vor dem Staatsdienst 10 Jahre als Lehrer an einem privaten SBBZ ESENT gearbeitet habe und viele Hilfeplangespräche mit schwierigen Eltern und/oder Kindern erlebt hatte. Da lernt man Gesprächsführung in solchen Situationen.

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  • Schön, dass das bei dir funktioniert. Ich fühle mich für solche Gespräche nicht qualifiziert und hätte Angst mich in solche Situationen überhaupt zu begeben. Ich stelle mir schon vor dort auf einen vollgedröhnten afghanischen Vater zu treffen, der schon wiederholt offensiv die Meinung vertreten hat sich von Frauen gar nichts sagen lassen zu müssen und auch schon wegen diverser Gewaltdelikte im Gefängnis saß. 90% der Eltern meiner Schüler sind von der Sorte Menschen, von denen ich im Privatleben maximal Abstand halte. Solche Gespräche kann vielleicht das Jugendamt übernehmen, die Polizei oder wer auch immer. Ich aber nicht und schon gar nicht alleine ohne Absicherung.

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