Inklusion : Ich kann es nicht !

  • Die von dir beschriebenen Beispiele, Silicium, sind in der Tat normaler Alltag. Auch ich habe schon öfters körperlich behinderte Schüler unterrichtet, das ist auch machbar. Was aber machst du, wenn du einen Schüler in der Klasse hast, der so stark verhaltensauffällig ist, dass er beispielsweise anderen gegenüber Gewalt anwendet, rumschreit usw? Grundsätzlich sollte ja aber auch das Kind mit Trisomie 21 integriert werden, wenn man wirklich Inklusion betreiben möchte. Und an der Stelle tut man dann irgendwann keinem mehr einen Gefallen.

  • Was aber machst du, wenn du einen Schüler in der Klasse hast, der so stark verhaltensauffällig ist, dass er beispielsweise anderen gegenüber Gewalt anwendet, rumschreit usw?

    Wer mich kennt weiß:


    streng disziplinieren und wenn es nicht hilft eben von Unterricht ausschließen, wenn nicht beschulbar. Gewalt und Rumschreien hat im Unterricht absolut nichts zu suchen. Da geht einfach der Schutz der normalen Schüler vor. Solche Extremschüler gehören in Psychotherapie bis sie wieder beschulbar sind. Es ist niemandem geholfen, wenn man die mitschleift. Der Lehrer leidet, die Mitschüler leiden, der Schüler selber bekommt auch kaum etwas vom Unterricht mit.


    Grundsätzlich sollte ja aber auch das Kind mit Trisomie 21 integriert werden, wenn man wirklich Inklusion betreiben möchte. Und an der Stelle tut man dann irgendwann keinem mehr einen Gefallen.

    Also doch! Ja, okay, das ist in meinen Augen total sinnbefreit. Na das kann ja wirklich heiter werden. Da muss ich Herrn Elternschreck vollkommen beipflichten, ich sehe mich da auch absolut nicht in der Lage adäquat zu inkludieren. Selbst wenn ich die das Know-How hätte, also wüsste was ich genau mit dem Kind machen sollte, würde ich es glaube ich nicht schaffen. Einfach, weil mir das zu viel Belastung ist ständig neben dem normalen Unterricht noch ein komplett anderes, zweites Material zu erstellen. Das ist ja keine Binnendifferenzierung mehr sondern komplett anderer Unterricht, nämlich Sonderschulunterricht.
    Das ist ja, als würde zwei ähnliche, aber eben total unterschiedliche Berufe, gleichzeitig ausführen. Da könnte man ja auch sagen, ich könnte im Chemieunterricht nebenher auch noch für die Industrie synthetisieren, die Apparaturen sind vorhanden, arbeite ich einfach noch als Synthesechemiker nebenher 8|

    • Offizieller Beitrag

    @Silicium: Nach Planung von NRW sollen bis 2020 80 % aller Schüler, die derzeit in Förderschulen unterrichtet werden, an die "Regelschulen" gehen.
    Die SBE-Schüler (nennt man die so) (Sozial-emotionale-und-Sprachforderschüler) sollen zu 100 % an die Regelschulen, die körperbehinderten und geistig behinderten Schüler zu ca. 50%.


    kl. gr. Frosch


    Nachtrag: für solche Schüler, wie President sie beschreibt, soll die Möglichkeit einer "Auszeit", einer Beschulung an einer externen Institution geschaffen werden. Sind aber wohl alles nur Planungen. Wer weiß, was daraus wird. :(

  • So - mal mein Inklusionsbeispiel: Aus der Förderschule E kommt ein Schüler in die 6. Klasse Hauptschule. Nicht als "geheilt" sondern auf Wunsch der Eltern, außerdem wäre die E-Schule sowieso mit der 6. Klasse beendet, warum also nicht gleich. Es kommt ein MSD, der mir erklärt, dass der Schüler normal intelligent sei und sofern er nicht gereizt werde auch verträglich. Ok, also fange ich mal an zu unterrichten. Der Schüler sitzt apathisch auf seinem Platz und macht NICHTS!!! Also nachgefragt warum - Antwort "Weiß nicht..." Gut, also differenzierte, leichtere Aufgaben erstellt - macht er auch nicht. Vater bestellt - kommt nicht. Vater nochmal bestellt, er kann nur Freitag Nachmittag - auch ok - rate wer da einsam sitzt! ;) Also habe ich dann Förderlehrerstunden organisiert - im Einzelunterricht zeigt der Schüler schüchterne Mitarbeit - schon im Zweierteam macht er - NICHTS! Dafür haut er in den Pausen ab und an anderen Schülern mal eine blutige Nase oder beleidigt andere Lehrer. Fein - ich hefte also Verweis nach Verweis ab. In der eigenen Klasse und zu mir ist alles ok. So schleppt man ihn dann zwei Jahre mit, MSD wird noch mehrfach befragt, der ermutigenderweise meint, die E-Schule wäre eben richtig gewesen, ginge aber ja wie gesagt eh nur bis zur 6. und außerdem hätte man den Platz für härtere Fälle gebraucht. Hilft mir ungemein! Nach besagten zwei Jahren wird der Schüler dann ohne Abschluss nach der 8. Klasse auf die Förderberufsschule entlassen - und ist bis heute ohne Berufsausbildung. Wahnsinnserfolg!


    Positiveres Beispiel - immer wieder bekommen wir Schüler mit Förderbedarf L, die meist zum Haupschulabschluss gelangen oder manchmal sogar bis zum Quali.

  • In meinen Augen ist Inklusion, so wie sie in der Theorie dargetellt wird, nicht mit unserem Schulsystem vereinbar. Um Inklusion in den Schulen tatsächlich leben zu können, müssten alle Schüler genau da abgeholt werden, wo sie gerade stehen. Jeder hätte seinen eigenen Lehrplan, eigene Ziele, die er erreichen muss. Wie das in einem selektierenden Schulsystem aussehen soll, das erschließt sich mir nicht. Und wenn Kinder mt sonderpädagogischem Förderbedarf (das ist NICHT zwangsläufig ein körperbehindertes Kind im Rollstuhl, da kommt in der Regel mehr dazu, als nicht laufen zu können) ans Gymnasium gehen können, warum dann nicht auch die Kinder, die eigentlich besser an der Hauptschule aufgehoben wären.
    Das Ganze ist in meinen Augen ein politischer, völlig undurchdachter Schnellschuß, bei dem letztlich alle Schüler die Chance auf qualitativ hochwertige Bildung verlieren werden. Im Endeffekt wird es ein gesellschaftlicher Supergau werden, weil die Schüler aller Schulformen nicht mehr so gefördert werden können, wie sie es benötigen würden (okay, seeeehr schwarz gemalt, aber ich sehe doch jetzt schon wie wenig ich bei "meinen" Schülern im Gemeinsamen Unterricht erreichen kann.... Ich bin mir sicher, die könnten alle mehr, wenn ich nicht nur 2 -3 Std./Woche Zeit für sie hätte, während sie den Rest der Shulzeit "sinnlos" absitzen, weil keiner der anderen Kollegen die Zeit hat, sich in dem Maße um sie zu kümmern, wie sie es eigentlich bräuchten).
    Inklusion im momentanen Schulsystem und kostenneutral kann nicht erfolgreich sein!

  • Den Fall, den Ilse2 gerade geschildert hat, haben wir ähnlich erlebt.
    Schüler mit einer psychotischen Störung (welche, ist jetzt egal - da gibt es so viele, da haben die Spezialisten Monate zu tun, um die Erkrankung zu diagnostiziern und zu therapieren)
    kommt in eine 5. Gymnasialklasse - hochintelligent.
    Kaum angekommen, läuft das ganze Programm ab: sozial nicht umgänglich, niedrige Reizschwelle, Aggression und Autoaggression, Schlägereien ...
    Auf Grund der Störung keine Einsicht in das Fehlverhalten, Eltern einladen, keiner kommt ...
    Schulpschologe dazu, Akten wieder wälzen.
    In weiterer Sicht der Dinge und diversen Gesprächen - auch mit den Eltern -
    stelllt sich u.a. heraus: Das Kind wurde gegen den Rat der Ärzte immer wieder aus psychiatrischen Kliniken herausgeholt,
    eine weitere Maßnahme in Richtung betreutes Wohnen wurde nicht in Angriff genommen.
    Von August bis 2011 bis Februar dauerte das Märtyrium für alle Beteiligten.
    Jeder ist da Betroffener, dem einem mangelte es mehr an Einsicht, dem anderen weniger.
    Und WENN sich alle auf bet. Wohnen geeinigt haben....?
    Dann? --- Erst mal einen geeigneten Platz finden,... so lange bleibt das Kind in der Schule,
    Wann ist "Gefahr im Verzuge" wann nicht
    Ihr glaubt gar nicht, was das für ein Aktenkrieg ist, welche Emotionen da im Spiel sind,
    ....


    Und ich weiß wovon ich rede:
    Ich habe selbst Jungens (also meine eigenen Kinder) , die seit einem Jahr schwer schizophren sind.
    Was sie genau haben, möchte ich hier nicht schildern,
    versteht eh kaum einer, nicht nachzuvollziehen für Außenstehende, wenn die eigenen
    Kinder von einem Tag auf den anderen "durchdrehen", eben wahnsinnig werden.
    ja, das darf man immer noch so nennen, weil es so ist,
    man lebt dann eben in einer Parallelwelt.


    Nach monatelangen Klinikaufenthalt haben wir einen Platz "Betreutes Wohnen" gefunden.
    Wechsel des Schulbezirkes heißt wieder neu anfange.
    Schulamt kontaktieren, auf baldige Beschulung hoffen.
    Auf Grund der Erkrankung ist momentan von einer Regelschule noch nicht die Rede.
    Wenn ich unklug wäre, könnte ich darauf bestehen. Dann wäre die Rückfallgefahr nahezu 100%.


    also: Inklusion ist nicht gleich Inklusion. In den extremen Fällen ist eine Hausbeschulung mit geregelter Stundenzahl möglich,
    denn auch Psychotische Menschen möchten einen Schulabschluss haben.
    Und das noch mit einem hohen IQ .
    Ob das noch was mit dem Abi wird, ??


    und wisst ihr was? Mir ist das momentan so was von schnuppe!
    Ich hoffe nur, dass nicht noch mal der oben geschilderte Fall passiert.
    Weder die "normalen" Kinder haben das erste Jahr genießen können noch der Erkrankte.
    Die Kollegin ist jetzt so was von inklusionserfahren ... und sie kann erst mal darauf verzichten!


    Und ich? Ich möchte meine eigenen Jungs momentan keiner Regelschule - welches Gym auch immer - zumuten.
    Und keine fremden Kinder meinen Jungs aussetzen.
    WEr diese Welt - diese anderen Welten - nicht kennt, kann nicht in ihnen leben.
    Wer es versucht, braucht alle seine Sinne, viel Kraft, viel Umsicht und Herzenswärme ...

  • Vllt. etwas offtopic, aber:


    Ich finde es etwas schade, mit welchen Klischees hier wieder einmal bezüglich der Schülergruppen gearbeitet wird:


    Der G-Schüler ist das Kind mit Down-Syndrom, das nicht lesen und schreiben kann.
    Der E-Schüler ist der aggressive Junge, der den Unterricht stört und sich schlägt.
    Der K-Schüler ist der Rollstuhlfahrer, der sozial, kognitiv, sprachlich keinerlei Probleme hat.
    Der sehbehinderte Schüler ist natürlich kognitiv auch fit und hat keine weitere Entwicklungsstörung etc. pp.


    Mensch, Leute, ihr seid doch alle Lehrer, und solltet wissen, dass die (Sonder-)Schulwirklichkeit nicht (nur) so aussieht.


  • So was lag mir auch schon auf den Tasten...
    Und was man nicht alles an "Auffälligkeiten" kombinieren kann, glaubt auch keiner.

  • Klischees hin oder her...
    Mir ist es schlicht und ergreifend ein Rätsel, wie Inklusion unter den gegebenen Voraussetzungen gelingen soll.
    Kann es meines Erachtens nicht.
    So wie es zur Zeit läuft (siehe GU) ohne genügend Personal, in riesigen Klassen und schlecht ausgestatteten Klassenräumen ist es schlichtweg eine Katastrophe!!!
    Nicht nur für die GU-Kinder, sondern natürlich auch für die anderen Schüler und den Lehrer. Das denke ich mir fast jeden Tag aufs Neue.
    Ich frage mich, wo das hinführen soll. 8|

  • Hallo,


    auch bei uns hat die Inklusion schon Einzug gehalten. Es gibt Schüler aus dem L-Bereich, sowie auch aus dem Gb und SE Bereich. Ich finde es toll, wie diese Kinder den Schulalltag bereichern und ihre Fortschritte machen. Auch unsere "Regelschulkinder" kommen hierbei nicht zur kurz, sondern erfahren im Gegenteil wie das Miteinander gelebt werden kann. Unsere Schule besteht neben Lehrkräften noch aus Sonderpädagogen, pädagogichen Mitarbeitern und Integrationshelfern...und ich hoffe, dass noch viele unterschiedliche Professionen den Weg an unsere Schule finden werden.


    LG
    Mama Muh

    Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!

  • Plattenspieler, ich bin mir nicht so sicher, ob du weißt, wie die Arbeit an der Regelschule aussieht! Ich brauche Schülern keine Abkürzungen zu geben und auch nicht Klischees in einen Topf zu werfen. Fakt ist aber, dass es an Gymnasien nun eben kein Raum für eine Auszeit gibt, keinen Sozialarbeiter, dafür aber Klassen mit 30 Kindern und wenn ich - wie von Lyna beschrieben - ein extrem verhaltensauffälliges Kind in der Klasse habe, dann kann ich damit nicht so im Stoff weiter kommen, wie ich es muss! Und da hat man unter G8 keine großen Alternativen. Es sagt keiner hier, dass es nicht für manche Kinder wünschenswert wäre, regelbeschult zu werden, aber solange die Ressourcen so sind wie im Moment, kann davon einfach keine Rede sein. Da bringen einen Lehrbuchideale auch nicht weiter! Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass ein Schüler im Rollstuhl, der nicht geistig behindert ist, leichter in einer Gymnasialklasse zu integrieren ist als ein Kind mit Down-Syndrom. Was hier herangezogen wird, sind Beispiele. Natürlich kann es auch sehbehinderte Rollstuhlfahrer geben, die kognitiv nicht weit entwickelt sind. Es ist doch überflüssig, hier jedes Beispiel aufzuzählen.

  • Mit genügend Personal habe ich keine Zweifel, dass das gelingen kann - aber das ist hier nicht in Sicht - im Gegenteil, der MSD, der ja schon mal eine Hilfe sein könnte, zieht sich völlig vom Schüler "in natura" zurück. Und das ist - zumindest in unserem Schulamtsbezirk - auch weiterhin der Plan. Ich find´s unmöglich. Das ist natürlich dann ein schlauer Job, wenn man keinerlei feste Verpflichtungen hat. Wir sollen ein vierseitiges Formular ausfüllen - und bekommen dann eher ein großes Nichts, bzw. neulich wollte man einen Schüler 1,5 Jahre nach der Antragsstellung testen - da bekomme ich echt einen Anfall!!! :X: Schön fand ich auch als ich nach meiner letzten Testung beraten wurde: Ich soll in der 9. Klasse aus Bildern Puzzle herstellen und den Schüler puzzlen lassen. Hallo? Wie und wann denn? Und wie sieht das bitte vor den Mitschülern aus? Der Junge war übrigens schwach begabt, hat aber mit viel Fleiß doch den Abschluss geschafft. Auch ohne puzzlen. Dafür mit normalem Unterricht.

  • Inklusion im momentanen Schulsystem und kostenneutral kann nicht erfolgreich sein!


    Vielleicht soll es das auch gar nicht? Immerhin ist das öffentliche Schulsystem einer der größten Kostenblöcke in den Länderhaushalten. Wäre doch schon, wen man es privatisieren könnte. Natürlich nicht direkt, das wäre ja "unsozial", sondern auf einem Umweg, indem man die Eltern und Schüler "mit den Füßen" abstimmen läßt. Und außerdem gibt es da ja noch das GATS-Abkommen...


    Natürlich wird es Inklusion auch im Privatschulsystem geben: Das eine oder andere (ausgewählte) Inklusionskind ist sicherlich gut für die Außendarstellung solch einer Schule...


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

  • Tina: Was ist MSD? Sowas wie sonderpädagogische Beratung?


    Mama Muh: Mit ausreichend Personal von verschiedener Professionalität kann man natürlich gut arbeiten. Da spricht dann auch nichts gegen Inklusion. Die hiesige Realität sieht da leider ganz anders aus... Bei uns an der Schule bin ich weit und breit die einzige Sonderpädagogin, habe mittlerweile 17 GU-Schüler in 10 Klassen (mehr Klassen hat die Schule übrigens nicht...). Und auch die anderen Schüler sind eher schwieriges klientel. Integrationshelfer gibt es nicht. Einen Schulsozialarbeiter gibt es zwar, der hat aber leider nur selten Zeit, eben, weil unser Klientel hier eher schwierig ist... So schade das ist, so kann es nicht funktionieren. wenn man Inklusion will, dann muss man auch investieren, in Geld, Personal, Material etc. Kostenneutral wird das nicht gehen...

  • President:
    Auf dieses Problem : Erfüllen des Rahmenplans, der Bildungsstandards + Rücksicht und auf Kompetenzen etc. wollte ich auch hinaus bei meiner Fallbeschreibung einer 5. Klasse.
    Wobei wir wieder zu Gym9 zurückgerudert sind, macht nix, es wird gekompetenzet, gesourct und Eltern wie Schüler wollen Rückmeldung und Transparenz.
    Alles nachvollziehbar.
    Das ganze Inklusionsmodell (ach, Modell ist ja nicht mehr ) ist wie alles andere auch an Strukturen gebunden.
    Mit den umfassenden Voraussetzungen, die allen einigermaßen gerecht werden sollen, ist es nicht weit her - jedenfalls nicht bei uns.
    Um das Leben gestalten zu können, hier das Schulleben, müssen Strukturen, Rahmenvoraussetzungen stimmen: Örtlichkeiten, Personal etc. Das wissen wir alle.
    Und ich kann es einem Kollegen nicht übel nehmen, wenn er mit Blick auf seine eigenen Kompetenzen UND die Rahmenbedingungen sich nicht für fähig hält,
    ein Inklusionskind zu unterrichten - und ja, je nach Fall, was auf die Lehrkraft zukommt.


    Meine eigene Klasse ist ein 8.gym-Klasse, eine i-Klasse wegen eines Rheumakindes.
    Als das Kind eingeschult wurde, hat mir der besorgte Vater Info-Blätter in die Hand gedrückt und gerne mit mir über die Rheuma-Erkrankung des
    Kindes reden wollen. Als ich nach der Medikation fragte, gezielte Fragen zum Krankheitsbild stellte, war ihm schnell klar, dass ich irgendwie
    Ahnung hatte. Ich outete mich als chronische Polyarthritis-Frau ... Nichts mehr musste lange mehr erklärt werden.
    Endlich mal, wie mir die Eltern heute sagen, keine langen Rechtfertigungsschreiben, duzende Atteste,
    weil es der Zufall wollte, dass die Klassenlehrerin mitfühlen und mitdenken konnte.
    Das sind die glücklichen Fügungen im schwierigen Dasein eines Rheuma-Kindes.


    Das ist die eine Seite. Für die Klasse war der Umgang mit der Mitschülerin nicht einfach.
    Warum darf die nachmittags schwimmen, aber Sport nicht mitmachen.
    Warum geht sie "normal" über den Schulhof, soll aber keine Treppen steigen?
    Warum bekommt sie oft eine Sonderbehandlung?
    Das mit der Klasse zu klären, das Verständnis für die Erkrankung auf den Weg zu bringen, hat - wie man sich sicher vorstellen kann -
    länger gedauert als die Gespräche mit den Eltern. Ein langer, hartnäckiger, aufklärerischer Weg ...
    Das positive Ergebnis bis heute: Ich habe eine tolerante, lebensfrohe Klasse, die jedem neuen Schüler erst einmal offen begegnet.
    Die Arbeit für alle hat sich gelohnt.
    Und eigentlich haben sie dem "behinderten" Kind auch etwas zu verdanken: Wir sind nie mehr als 23 Kinder,
    die Klasse befindet sich im Erdgeschoss, weil Treppen gemieden werden sollen.
    Mit dem Nachteil, dass ich als Rheuma-Klassenlehrerin nicht auf Klassenfahrten gehe,leben sie auch prima.
    Es gibt eben nette Kollegen, die mit ins Boot springen.. naja, und Tagesevents mit meinen Schülern sind auch möglich.
    Ich bin voll inkludiert :D

  • Vielleicht soll es das auch gar nicht? Immerhin ist das öffentliche Schulsystem einer der größten Kostenblöcke in den Länderhaushalten. Wäre doch schon, wen man es privatisieren könnte. Natürlich nicht direkt, das wäre ja "unsozial", sondern auf einem Umweg, indem man die Eltern und Schüler "mit den Füßen" abstimmen läßt. Und außerdem gibt es da ja noch das GATS-Abkommen...


    Natürlich wird es Inklusion auch im Privatschulsystem geben: Das eine oder andere (ausgewählte) Inklusionskind ist sicherlich gut für die Außendarstellung solch einer Schule...


    Gruß !


    Das könnte natürlich auch hinter diesem ganzen Unsinn stecken... X(

  • MSD = Mobiler sonderpädagogischer Dienst. Sprich studierte Förderschullehrer, die an die Regelschule kommen zur Unterstützung. Selten da und viel beschäftigt. Mit was weiß man nicht so genau. Wenn anwesend, dann zurückgezogen in einem Extrakämmerchen. So soll es natürlich nicht sein - ist aber bei uns im Moment so. Das nervt mich so extrem, weil das irgendwie noch letztes Jahr ganz anders war - da war unser MSD eine ganz nette Frau, die auch mal MIT einem Schüler gearbeitet hat.

  • MSD = Mobiler sonderpädagogischer Dienst. Sprich studierte Förderschullehrer, die an die Regelschule kommen zur Unterstützung. Selten da und viel beschäftigt. Mit was weiß man nicht so genau. Wenn anwesend, dann zurückgezogen in einem Extrakämmerchen.

    Tja, so kennen wir das inzwischen auch ! Unsere Sonderpädagogin, die bei Pädagogischen Tagungen zu Gast war, meinte, das "mobil" müsste betont werden. Sie käme sich vor wie eine Handelsreisende, immer schnell zum Kunden, aber das wirkliche Kennenlernen des ganzen Umfelds komme zu kurz.
    Wenn man bedenkt, dass Förderung vielleicht nur dann konsequent und nachhaltig stattfinden kann, durch kontinuierlichen und intensiven Kontakt mit dem konkreten Fall
    und dem Umfeld, dann frage ich mich doch ... was will man eigentlich ?

  • Hallo,
    mir fällt folgendes zum Thema ein:
    Stand nicht letztens in der Zeitung, dass für die Inklusion 1400 - 1500 zusätzliche Lehrerstellen benötigt werden? Da der Bedarf ja schon maql festgestellt wurde, kann man ja hoffen, dass das evtl. umgesetzt wird. Ich weiß nur nicht für welchen Raum, für ganz NRW ist es natürlich wenig.


    An unserer Schule sind die Förderschüler nicht die Schwächsten und nicht die Schwierigsten. Da fragt man sich schon manchmal, warum der einen Förderstatus hat und andere nicht. Ich glaube manche Lehrer scheuen den Arbeitsaufwand eines AOSF Verfahrens. Wie viele Schüler sind Regelschüler obwohl potentielle Förderschüler und werden an Regelschulen mitbeschult und das funktioniert auch.


    Insgesamt muss man den Einzelfall sehen, einige sind im GU gut aufgehoben andere sind an der Förderschule gut aufgehoben. Als Mutter kann ich es verstehen, dass Eltern die Wahl haben wollen. Das ist ja genauso bei dem Übergang zur weiterführenden Schule.
    LG M.

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