Warum keine Schreibschrift mehr?

  • Nachdem meine Fünftklässler bis auf einen alle Druckschrift schreiben, die größtenteils nur mäßig lesbar ist, obwohl sie 20 Minuten dafür brauchen, einen Tafelanschrieb von 3 1/2 Sätzen abzuschreiben, und ich in einer Zeitung gelesen habe, dass die Schreibschrift in den Grundschule nun wohl doch ganz abgeschafft werden soll, muss ich die Primar-Experten doch einmal nach den Gründen fragen.
    Warum lässt man Kinder als "Schreib"schrift eine "Druck"schrift lernen? Warum sollte die gebundene Schreibschrift ihren Sinn verloren haben?

    Dödudeldö ist das 2. Futur bei Sonnenaufgang.

  • Ich bin auch gespannt, ob es einen Grund gibt. Aber ich muss sagen, dass viele meiner Schüler eine relativ gut lesbare Schrift haben - das sind aber auch die, die eine Art verbundene Schrift schreiben. Die, die "drucken" sind lahm und es sieht unschön aus.

  • Weil viele motorisch damit überfordert sind. Die Schreibschrift beinhaltet ja oft Richtungswechsel etc. Wenn man die Druckschrift schon nicht lesen kann, wird es bei der Schreibschrift noch schlechter.

  • An der Uni habe ich noch die Vorteile der Vereinfachten Ausgangsschrift (also, die es seit kurzen an vielen Schulen durch die Grundschrift ersetzt wird) mit auf den Weg bekommen:
    Die Drehrichtungswechsel werden weitestgehend vermieden. Ist nahe an der Druckschrift, so leichter zu erlernen, etc.


    Dieselben Argumente werden jetzt im "Duell" AV vs Grundschrift angeführt.


    Nun ja, arbeite erstmals mit der Grundschrift in diesem Schuljahr.
    Diese ständige Betonen, dass die "Kinder eigene Wege auf dem Weg zu Schrift gehen" geht mir als Argument aber auf den Senkel....

  • Die Idee hinter der Grundschrift ist, dass sich diese in der ersten Klasse als Druckschrift erlernte Schrift durch die kleinen Häkchen am Ende der Buchstaben leicht verbinden lässt und die Kinder sich somit (selbständig) die Verbindungen erarbeiten und dann automatisch zu einer verbundenen Handschrift gelangen. Dies bringt u.a. einen Zeitvorteil mit sich, weil in Klasse 2 keine komplett neue Schrift erlernt werden muss. Ausführliche Erläuterungen findet man u.a. hier: http://www.die-grundschrift.de/

  • Die Feinmotorik ist bei einigen Kindern schlecht entwickelt. Ich habe in der aktuellen Klasse 4 immer noch Kinder, die aus diesem Grund regelmäßige Ergotherapiestunden haben. Ein anderer Grund ist, dass viele Kinder zu Hause kein Schreibvorbild haben und auch hingesaute Hausaufgaben von den Eltern akzeptiert werden (Wir lassen uns schon mal unterschreiben, wer die HA kontrolliert hat ...).
    Einige wenige Schüler führe ich zurück auf die Druckschrift, weil man sonst kein einziges Wort lesen könnte. Es gibt aber auch viele Kinder, die ordentlich schreiben - wenn ich Druck mache und neu schreiben lasse. Tintenkiller sind nicht erlaubt. ;-)

    Ein Niederrheiner ist einer, der nix weiß und alles erklären kann.
    Hanns Dieter Hüsch

  • Mein großer Sohn schreibt seit der Schreibschrift echt schrecklich. Mich macht das wahnsinnig und wundere mich immer, dass seine Lehrer (7.Klasse Gymnasium) das so gelten lassen.
    Mein kleiner Sohn lernt diese verbundene Druckschrift. Ich habe die Hoffnung, dass es besser wird als beim Großen.


    PS: Ich kontrolliere HA regelmäßig, lasse neu schreiben, Schreibvorbild vorhanden. Der große Sohn hat schon immer einer recht ominöse Stifthaltung, aber keine feinmotorische Störung

  • Die Idee hinter der Grundschrift ist, dass sich diese in der ersten Klasse als Druckschrift erlernte Schrift durch die kleinen Häkchen am Ende der Buchstaben leicht verbinden lässt und die Kinder sich somit (selbständig) die Verbindungen erarbeiten und dann automatisch zu einer verbundenen Handschrift gelangen. Dies bringt u.a. einen Zeitvorteil mit sich, weil in Klasse 2 keine komplett neue Schrift erlernt werden muss.

    Ob Kinder automatisch eine fließende Handschrift entwickeln, ohne eine Schreibschrift jemals kennengelernt und eingeübt zu haben, ist höchst umstritten. Es handelt sich da wohl eher um ein Experiment mit ungewissem Ausgang.


    Das Argument "Zeitersparnis" in der Bildung geht mir mittlerweile übrigens extrem auf die Nerven.

  • Zunächst einmal ist die Grundschrift durchaus eine teilweise verbundene Schrift und keine Druckschrift. Die Hand macht dieselben verbindenden Bewegungen, allerdings z.T. nicht auf dem Papier sondern in der Luft. Das entspannt die Hand deutlich.
    Die Kinder müssen zudem nach dem Erlernen der reinen Druckschrift in Klasse 1 keine neue Schrift erlernen, sondern vertiefen ihre Kompetenzen im Umgang mit Schrift dahingehend, dass sie selbst ausprobieren, an welcher Stelle ihnen Verbindungen leichter fallen als drucken. Die Verbindungen werden eingeführt (aber als Angebote), die Kinder erproben sie und reflektieren ihre Schreibergebnisse auf Lesbarkeit, Schnelligkeit des Schreibprozesses etc.


    Neben den bisher genannten Gründen gegen die Schreibschrift gibt es noch diese Argumente:


    * Die Kinder lernen bisher in Klasse 1 die Druckschrift - eine Schrift, die ihnen überall im Alltag begegnet. Haben sie dies erfolgreich gemeistert (und sie sind irre stolz darauf), sagt man ihnen in Klasse 2, dass sie das jetzt nicht mehr schreiben dürfen und wieder von vorne mit Schreibenlernen anfangen (die Schreibschrift eben). Das ist entsetzlich demotivierend!


    * Die Schreibschrift ist ein reines Kunstprodukt (warum sie eingeführt wurde ist Schreibhistorie und führt hier zu weit), aber wo bitte schön begegnet einem Kind im Alltag z.B. die Vereinfachte Ausgangschrift?


    * Für feinmotorisch begabte Kinder ist die Schreibschrift kein Problem - aber diese Kinder schreiben jede Schrift schön. Für unsere kleinen Grobmotoriker ist die Schreibschrift aber ein Horror. Diktatfehler nehmen exponentiell zu, da die Kinder zu langsam schreiben oder ihre eigene Schrift nicht lesen können.
    Der Lehrer muss selbstverständlich ebenfalls in Schreibschrift schreiben, z.B. an der Tafel. Das hat zur Folge, dass vor allem die schwächeren Schüler plötzlich auch nicht mehr lesen können, was da steht.


    * Es kostet immens viel Zeit, den Kindern im zweiten Schuljahr die neue Schrift einzutrichtern. Zum Teil (je nach Begabung) dauert es fast das ganze Schuljahr! Das ist wertvolle Lern- und Förderzeit, die gerade die schwächeren Schüler in anderen Bereichen dringend bräuchten.


    * Durch die Grundschrift wird die persönliche Handschrift angebahnt, die ja letztlich das Ziel aller Schreiblernpraxis in der Schule ist. Wir sparen uns nur den Umweg über die Schreibschrift.


    Ich könnte noch mehr Argumente anführen, aber dann wird das hier zu lang. Wen es interessiert, der kann z.B. auf dieser Seite weiterlesen:


    http://www.die-grundschrift.de/

  • Ich habe als Kind erst Schreibschrift schreiben gelernt, danach Druckschrift lesen. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir einmal Druckschrift aktiv geschrieben hätten. Mein Mann genauso. Und er schrieb - trotz diagnostizierter Feinmotorik-Probleme - im 2. Schuljahr deutlicher und "schöner" als meine Fünftklässler.
    Wieso sollen das die heutigen Kinder also nicht auf die Reihe bringen? Und wenn das stimmt, woher kommt das?

    Dödudeldö ist das 2. Futur bei Sonnenaufgang.

  • * Die Kinder lernen bisher in Klasse 1 die Druckschrift - eine Schrift, die ihnen überall im Alltag begegnet. Haben sie dies erfolgreich gemeistert (und sie sind irre stolz darauf), sagt man ihnen in Klasse 2, dass sie das jetzt nicht mehr schreiben dürfen und wieder von vorne mit Schreibenlernen anfangen (die Schreibschrift eben). Das ist entsetzlich demotivierend!


    Es ist immer demotivierend, wenn man etwas lernen soll und den Sinn überhaupt nicht versteht. Wenn man den Kindern das gut erklärt und begründet, was der Unterschied zwischen Druckschrift und Schreibschrift ist und warum es wichtig und nützlich für sie ist die Schreibschrift zu lernen, sollte das Problem gelöst sein. Es ist doch generell unsere Aufgabe den Schülern Motivationshilfe zu bieten, damit das Lernen auch Freude macht.



    Zitat von Melanie01

    Für unsere kleinen Grobmotoriker ist die Schreibschrift aber ein Horror.


    Es gibt immer Schüler, denen irgendetwas schwerer fällt als anderen. Aber das kann doch kein Grund sein bestimmte Lerninhalte komplett abzuschaffen. Stattdessen müsste man doch eher daran feilen, wie schwächere Schüler in dem Bereich besser gefördert werden können.



    Zitat von Melanie01

    Durch die Grundschrift wird die persönliche Handschrift angebahnt, die ja letztlich das Ziel aller Schreiblernpraxis in der Schule ist. Wir sparen uns nur den Umweg über die Schreibschrift.


    Das Konzept der Grundschrift geht aber davon aus, dass die Schüler von ganz allein eine fließende Handschrift entwickeln würden. Das ist aber meines Wissens sehr umstritten.

  • Zur Kritik am Grundschriftkonzept: http://www.grundschrift.info

    Antwort darauf: Stellungnahme zu Detailkritiken von Götz Taubert


    Seit einem Jahr (Klasse 2, jetzt 3) schreiben meine Schüler in Grundschrift. Ich arbeite zum ersten Mal mit diesem sehr offenen Konzept. Bisher überzeugt es mich, gerade wegen des fließenden Übergangs von der Druckschrift zur individuellen Schreibschrift. Aufpassen muss man als Lehrer, dass sich bei besonders "experimentierfreudigen" Schülern keine unleserlichen Buchstabenverbindungen einschleichen.

    „Man darf jetzt nicht alles so schlechtreden, wie es wirklich war.“ – Yvonne Gebauer Fredi Bobic


  • * Die Kinder lernen bisher in Klasse 1 die Druckschrift - eine Schrift, die ihnen überall im Alltag begegnet. Haben sie dies erfolgreich gemeistert (und sie sind irre stolz darauf), sagt man ihnen in Klasse 2, dass sie das jetzt nicht mehr schreiben dürfen und wieder von vorne mit Schreibenlernen anfangen (die Schreibschrift eben). Das ist entsetzlich demotivierend!

    Nur kurz dazu: Ich hatte bisher 3x eine 1. Klasse und bisher waren alle Kinder total motiviert, ab Ende der 1. Klasse endlich die Schreibschrift lernen zu dürfen.

  • In Hamburg kann man die Grundschrift schon etwas länger nutzen. Eine Kollegin hat jetzt eine 4. Klasse, die ab der 1. Klasse Grundschrift gelernt haben. Sie ist unsere Deutsch Fachleitung und ist begeistert. Die Kinder haben alle eine individuelle verbundene Schrift entwickelt und schreiben größtenteils besser als vorher mit der Schulausgangsschrift.

  • Ich bin übrigens in der glücklichen Lage, dass die ehemaligen Grundschüler, die VA gelernt haben, jetzt bei mir in der Erwachsenenbildung ankommen. Man kann sie regelmäßig an völlig unleserlichen, unbeholfenen und krakeligen Schriften erkennen...

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