Lehrerlaufbahn vs. akademische Laufbahn

  • Hallo zusammen,


    ich weiß nicht so recht, ob ich hier tatsächlich in der richtigen Abteilung bin mit meiner Frage. Wenn nicht, bitte ich dies zu verzeihen.


    Zu meiner Frage: Bei mir an der Uni sind so viele Dozierende mit einem fertigen Lehramtsstudium, die sich dann aber gegen den Schuldienst entschieden haben und eine akademische Laufbahn an der Uni gewählt haben.
    Da stellt sich mir die Frage: wieso eigentlich? Bringt der Schuldienst (soweit man verbeamtet ist) nicht weitaus mehr Vorteile, als der Beruf des wissenschaftlichen Mitarbeiters/ der wissenschaftlichen Mitarbeiterin? Man ist "unkündbar", wird i.d.R. mit A13 besoldet und hat mehr Ferien im Jahr. Als WiMi wird man ja "nur" nach Tarifvertrag E13 bezahlt (NRW) und man wird nicht verbeamtet. Welche Gründe bewegen einen dazu, lieber an die Uni zu gehen, statt dem "ursprünglichen Traums" des Lehrers/der Lehrerin nachzugehen?


    Meine Hypothesen:
    - reines wissenschaftliches Interesse und Spaß an der Forschung, sodass die Bezahlung nebensächlich ist
    - Nebenverdienst, z.B. durch Publikationen/Gastvorträge
    - (keine Lust auf das Ref./Staatsexamen?)


    Würde mich über ein paar Antworten freuen, da mich diese Frage tatsächlich beschäftigt und ich nicht die Beziehung zu Dozierenden habe, um das persönlich zu fragen. :-)
    Weihnachtliche Grüße

  • Würde mich über ein paar Antworten freuen

    Dann wäre es vermutlich eine gute Idee, die Leute zu fragen, die die Entscheidung für sich so getroffen haben, und nicht die Leute in einem Forum, die sich explizit genau für das Gegenteil entschieden haben.

  • Meine Erfahrung dazu: Bei uns waren auf der Fachdidaktik zum Großteil jene Lehrer tätig, die in der Praxis Totalversager waren, manche haben das auch durchblicken lassen. Ein Motiv ist also sicher die Flucht vor der Praxis. Bitter für die Stundenten, wenn die Dozenten Fachdidaktiker sind, die gerade einmal ein Jahr Unterrichtserfahrung in der Praxis haben.

  • Wieso antwortet man, wenn man nichts dazu beiträgt, die Frage zufriedenstellend zu beantworten? Du hättest genauso gut weiter scrollen können, ohne diese Antwort hier loswerden zu müssen. Tolles Beispiel als Lehrer.


    Gründe dafür weshalb ich hier frage, obwohl es deiner Meinung nach unsinnig ist:
    - evtl. gibt es hier ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter
    - evtl. sind hier aktuelle wissenschaftliche Mitarbeiter registriert (was gar nicht so unwahrscheinlich ist, wie von dir impliziert)
    - es könnte hier evtl. Leute geben, die Menschen kennen, die sich genau so entschieden haben, wie von mir in der Fragestellung genannt
    - da JEDE Lehrkraft eine Universität besucht hat, ist die Wahrscheinlichkeit da, dass sie sich diesbezüglich selbst Gedanken zu dem Thema gemacht haben und durch lange Recherche, viel Reflexion und Expertengesprächen mehr wissen als ich und mir diese Frage beantworten können
    - es könnte ja sein, dass einer der User hier Bekannte im Umfeld hat und die Frage daher beantworten können


    Bedarf es weiterer Gründe?


    P.S: habe extra hinzugefügt, dass ich selbst leider keinerlei Beziehungen zu Dozierenden habe und deswegen niemanden persönlich fragen kann. Dennoch besinnliche Weihnachten.

  • @Josh hat genau das gemacht, was du hier forderst: Seine bisherigen Erfahrungen dazu wiedergegeben mit Blick auf ihm Bekannte. Ich ergänze das gerne aus meinem Bekanntenkreis um (1) Personen, die tatsächlich mehr Lust darauf hatten, sich in ihrem Gebiet weiterhin akademisch zu betätigen und einen bestimmten Bereich inhaltlich zu vertiefen, (2) jemanden, der gerne in der Ausbildung von zukünftigen Lehrkräften tätig ist und (3) Personen, die tatsächlich die Anforderungen an Lehrkräfte etwas unterschätzt haben (damit meine ich nicht die fachlichen, sondern die Anforderungen an Persönlichkeit, Resilienz etc.) und um nicht unterzugehen, den Weg zurück an die Uni gewählt haben. Und dann gibt es auch einige, die mit einem Teildeputat an der Uni und einem Teildeputat an einer Schule tätig sind.

  • - da JEDE Lehrkraft eine Universität besucht hat, ist die Wahrscheinlichkeit da, dass sie sich diesbezüglich selbst Gedanken zu dem Thema gemacht haben und durch lange Recherche, viel Reflexion und Expertengesprächen mehr wissen als ich und mir diese Frage beantworten können

    Das stimmt nicht, ich habe niemals eine Universität besucht.

    Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.


    Albert Einstein

  • - weil in europa und den usa wissenschaftliche karrieren durch ihre prekäre grundstruktur (ständige befristung, mit vierzig noch nachwuchs, halbe stelle für volle arbeit, sehr viel drittmittelprosa, marginale chancen auf die professur, alternativ lehre only-stellen ohne spannende forschungsarbeit etc.) zielsicher freaks selektieren, die sich anderes als forschung nie vorstellen konnten. forschung ist ein wahnsinnig tolles arbeitsfeld (schule auch), aber halt sowas von daneben, was die arbeitsbedingungen angeht, das kannst du dir von außen (und als studierender bist du außen) nicht wirklich vorstellen.


    niemand wird in deutschland wissenschaftlerIn, wenn er/sie nicht voll und ganz und mehr für forschung brennt.

  • Was @keckks schreibt zu 100% ack. Ich hab vor dem Ref meine Promotion auf einer Drittmittelstelle durchgezogen und wenn man auch nur ansatzweise plant eine Familie zu gründen und nicht bis man 40-50 ist, regelmäßig umziehen möchte, dann ist eine Stelle an der Uni einfach nichts für einen. In den USA gibt es wenigstens Tenure Track Stellen (und die Stellen an Colleges und Universitäten sind deutlich besser bezahlt als im öffentlichen Schuldienst dort).

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

    Einmal editiert, zuletzt von Valerianus ()

  • Ich selbst hab eine Promotion abgeschlossen und arbeite nebenher wissenschaftlich. Gerade im uniberreich habe ich aber bei den Dozenten sehr häufig die oben benannten Versager kennen lernen.

    • Nicht, wer zuerst die Waffen ergreift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt. -Machiavelli-
    • Zwei Mächte gehen durch die Welt, Geist und Degen, aber der Geist ist der mächtigere. -Napoleon-
    • In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst! -Augustinus-
  • Guten Abend in die Runde,


    warum sich einzelne Personen so entscheiden oder sich so entschieden haben, kann man vermutlich nur mutmaßen, wenn man hier keine direkte Rückmeldung zur Verfügung hat. Das ist ja sicher auch individuell sehr verschieden.


    Es kann einfach eine vorübergehende Station in der Berufsbiographie sein, denn bei den vielen Freiheiten, die es für uns als Lehrkräfte gibt, gibt man eben auch einiges auf. (Ich denke da z.B. an längere Reisen außerhalb der Ferienkorridore und generell wenig Fexibilität bzw. kaum Raum für Spontaneität im Jahreskalender.) Berufswünsche ändern sich ja auch während der Ausbildung, ich finde das ist ja auch durchaus legitim. Wie auch der Wunsch, sich nach einer gewissen Zeit im Beruf noch mal neu zu orientieren. Also z.B. später dann doch in den Lehrerberuf zu gehen, trifft ja auch auf einige Kollegen zu, die heute kurz vor der Pension stehen (oder gerade gegangen sind) und während Perioden des Lehrerüberschusses in der Vergangenheit eben keine Planstellen nach dem Ref bekamen.


    Außerdem ist Arbeiten an der Uni ja auch superspannend (oder kann es sein): man ist häufig nah dran an aktuellen wissenschaftlichen Entwicklungen in seinem Feld, man arbeitet oft mit engagierten Studierenden und Kollegen und kommt allein schon über Veranstaltungen anderer Fachbereiche am Campus mit Dingen in Kontakt, denen man sonst vielleicht nicht begegnet wäre. Es gibt immer mal wieder Möglichkeiten, für einige Monate an anderen Orten zu arbeiten und der Öffentliche Dienst ist als Arbeitgeber auch nicht ganz schlecht (vorausgesetzt, man hat tatsächliche eine feste Stelle ergattert).


    Zu den Hypothesen hatte ich dann aber noch folgende Gedanken (ich kenne beide Arbeitsfelder):


    - reines wissenschaftliches Interesse und Spaß an der Forschung, sodass die Bezahlung nebensächlich ist
    Ich will das nicht ausschließen, aber dies ist vielleicht doch eine etwas romantische Vorstellung. Besonders wenn man dann mal die Promotion abgelegt hat und tatsächlich im Mittelbau an- bzw. unterkommt. Einigen gelingt es sicher, die anfängliche Faszination über die gesamte Berufsbiographie zu erhalten, aber man ist eben doch in feste Strukturen eingebunden, arbeitet nicht allein sondern in Arbeitsgruppen, muss Richtlinien und finanzielle Vorgaben einhalten, etc. und das schränkt eben auch ein. Ein wirklich großer Teil (und fiese Zeitfresser) sind eben auch Verwaltungsaufgaben. Gleiches gilt auch für das Schreiben von Anträgen, Gutachten oder die Betreuung von Studierenden. Hinzu kommt noch der konstante Druck, immerfort zu publizieren. Das kann eben auch schnell dazu führen, dass man kaum noch selber forscht, sondern Forschung organisiert.


    - Nebenverdienst, z.B. durch Publikationen/Gastvorträge
    Das ist meines Erachtens nach auch eher eine zu vernachlässigende Größe, jedenfalls für die meisten Wissenschaftler (Nobelpreisträger jetzt mal ausgenommen). Bei vielen Publikationen im naturwissenschaftlichen Bereiche fallen tatsächlich eher Kosten für die Institute an. Reisekosten und Konferenzgebühren (auch wenn man selber vorträgt) werden für die allermeisten Wissenschaftler von ihren Instituten übernommen, da gibt es aber kein Geld für den Vortrag. Besucht man ein anderes Institut z.B. im Ausland, werden Auslagen (z.B. Flüge, Umsiedlungskosten, Unterkunft, Forschungsinfrastruktur vor Ort etc.) evtl. übernommen, aber reich wird man davon nicht, es soll ja nur anfallende Kosten abdecken. Verfasst man ein Kapitel in einem Lehrbuch, bekommt man zwar Geld, aber die Menge ist das meines Wissens auch nicht.


    Also zur Beantwortung deiner Frage kann ich also eher indirekt beitragen. Vielleicht helfen dir diese Gedanken trotzdem weiter?

  • @Seph, das war unverständlich von mir ausgedrückt. Ich bitte um Verzeihung. Ich meinte mit meiner Aussage Moebius. Bin noch dabei, die Funktionen hier genauer herauszufinden. Hätte sonst direkt darauf geantwortet.

  • Wenn du ein sehr gutes Examen machen wirst und Lust auf Forschung, dann knüpfe lieber gleich Kontakte an der Uni. Lehrer kann man immer noch werden, nach 10 Jahren Schuldienst wieder bei der Uni anzuklopfen wird wohl eher nichts.

  • Meine Erfahrung dazu: Bei uns waren auf der Fachdidaktik zum Großteil jene Lehrer tätig, die in der Praxis Totalversager waren, manche haben das auch durchblicken lassen. Ein Motiv ist also sicher die Flucht vor der Praxis. Bitter für die Stundenten, wenn die Dozenten Fachdidaktiker sind, die gerade einmal ein Jahr Unterrichtserfahrung in der Praxis haben.


    Die Erfahrung haben wohl viele gemacht, aber auch hier gibt es genug Ausnahmen. Sehr gut kann ich mich an einen Didaktiker erinnern, der mich im Praktikum beratend begleitete und vor dem die SuS richtiggehend Angst hatten. Er konnte keine Nähe-Distanz halten, hat SuS körperlich (ohne sexuelle Absicht) bedrängt und mit ihnen gesprochen, als seien das Studenten im Seminar. Skurril, aber in dieser extremen Form habe ich das selten erlebt.


    Kürzlich war ein Dozent an unserer Schule, um mit einer Klasse irgend einen Test durchzuführen. Er hat kategorisch Hilfe abgelehnt, war in einer schwer pubertären Klasse und wie er es überlebt hat, weiß ich bis heute nicht, aber irgendwie kam er lebend raus. Die SuS hatten jedenfalls ihren üblen Spaß mit ihm und meinten hinterher: "Das war ja ein totaler Freak, total komischer Typ!"


    Wir haben halt diese Tradition, dass Leute angehende Lehrkräfte ausbilden können, die selbst nicht mehr oder noch nie wirklich in der Praxis stehen/standen. Das ist meines Erachtens eine echte Schwäche im System. Solange die Didaktik aber in der Hauptsache aus wohlklingendem Wortwerk besteht und eine konsequente Anbindung/Verbindung von Theorie und Praxis nicht durchgängig besteht, wird sich das wohl nicht so bald ändern.

  • Für die Praxis gibts das Referendariat. Und ehrlich gesagt bin ich froh, dass auch Grund- und Förderschuldidaktik/-pädagogik den Rang einer Wissenschaft haben und nicht einer Ausbildung. Lehrersein ist viel Handwerk aber es ist ganz klar auch viel Fachwissenschaft.


    Wundere mich, dass hier sowohl das Referendariat mit seinem Praxisbezug als auch die Uni mit ihrem Nichtpraxisbezug ständig bekritelt werden. Denken manche, dass sie intuitiv alles allein könnten? Dass die Bücher, aus denen ihr euer Wissen habt vom Himmel fielen?


    Manmanman, wie die Kinder. Das wäre meine größte Kritik in diesem Zusammenhabg: dass man aus dem System Schule nie rauskommt. Schüler, Student, Lehrer, Schulleiter- das ist offenbar ein Problem.


  • Manmanman, wie die Kinder. Das wäre meine größte Kritik in diesem Zusammenhabg: dass man aus dem System Schule nie rauskommt. Schüler, Student, Lehrer, Schulleiter- das ist offenbar ein Problem.

    Das ist aber eine freie Entscheidung desjenigen, der das so haben will. Dieser Weg suggeriert natürlich eine gewisse Sicherheit wegen der Vertrautheit mit Schule, auch wenn man dann nicht mehr vor sondern hinter der Theke steht. Lehrer ist der Beruf, mit dem man in der Regel die meisten Berührungspunkte in seinem Leben hatte. 2/3 des Lebens eines 18jährigen wurden von Lehrkräften begleitet.
    Man müsste hier schon von sich aus Interesse und Initiative zeigen, wenn man einmal rechts und links schauen möchte, bevor man dauerhaft in den Schuldienst geht und dort bis zur Pensionierung bleibt. Das setzt eine gewisse geistige Beweglichkeit voraus.


  • Wundere mich, dass hier sowohl das Referendariat mit seinem Praxisbezug als auch die Uni mit ihrem Nichtpraxisbezug ständig bekritelt werden. Denken manche, dass sie intuitiv alles allein könnten? Dass die Bücher, aus denen ihr euer Wissen habt vom Himmel fielen?

    Man verfällt in einer Ausbildungssituation leicht in ein Schülerverhalten und gibt gern den Lehrern die Schuld daran, wenn etwas nicht so läuft. Man müsste eigentlich neugierig sein, aber man stellt die Borsten auf. Ich stelle das gelegentlich an mir selbst fest, wenn ich in einer Fortbildung sitze. Ja, es ist irgendwie kindisch.


    Theorie ist ja sozusagen geronnene Praxis. Das ist ja gerade das Wertvolle daran: Dass man sich aus dem Alltagsgeschäft löst und die Dinge von einer höheren Warte aus betrachtet. Mir hat das immer Spaß gemacht und ich kann mit dem destruktiven Gejammer vom fehlenden Praxisbezug auch nichts anfangen. Die praktische Erfahrung muss man sich ohnehin selbst erarbeiten.


    Meine Ausbildung im Seiteneinstieg war auch kein bisschen praxisfern. Die Dozenten waren alle aktive Lehrer und wir sprachen viel über das Alltagsgeschäft. Die theoretischen Themen wurden immer auch aus der Perspektive der Praxis behandelt. Man redet ja auch nicht nur mit den Dozenten, sondern auch miteinander.

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