Was braucht man als Referendar*in?

  • Was mich wundert: viele scheinen sich einig zu sein, dass es nur zwei Arten von Unterricht gibt: "Buchstunde" und "Methodenzirkus/Zauberei". Ich sehe das nicht so. Man kann doch z.B. eine Übungsstunde für die Klassenarbeit machen, da kopiert man z.B. Übungsblätter, legt noch einen LÜK-Kasten dazu und schaut, dass das ganze so strukturiert ist, dass jeder weiß, was er zu tun hat und wo welche Themen/Schwierigkeitsgrade liegen. So hat man nicht nur referiert und es artet trotzdem nicht in Chaos aus. Oder die Kids gestalten Lernplakate- ich gebe die Struktur vor, die Kinder gestalten... Ich muss nicht alles laminieren, um was beizubringen und das erwarte ich auch nicht von einer Referendar*in. Ich erwarte aber Struktur, Anleitung, Klarheit, Transparenz, vorbereitete Umgebung, Strategievermittlung usw. und das muss man sich am Anfang genau überlegen, Voraussetzungen analysieren usw. und schrittweise aufschreiben... Sich vorne auf die Tischkante zu setzen geht erst, wenn man alles einmal minutengenau durchdacht und seitenweise aufgeschrieben hat.

  • Ich hatte ein eher traumatisches Referendariat, was an vielen Faktoren lag, u.a. auch an den Fachleitern: eine war wirklich eine manipulative Zicke, die mit Menschen spielte (wie eine meiner Ausbildungslehrerinnen nach der Nachbesprechung eines Unterrichtsbesuchs zu mir sagte: "Die hat kein Interesse daran, dich auszubilden, die will ihr Ego streicheln und sonst nichts." und das war in diesem Fall wirklich so) und der andere wollte mir helfen, aber wir haben uns einfach wortwörtlich nicht verstanden: er hat nicht verstanden, an welcher Stelle ich stand, welche Hilfestellungen ich brauchte und ich habe einfach nicht verstanden, was er versuchte, mir zu sagen; einiges habe ich erst Jahre später verstanden.

    Aber die Situation hat zu einer kompletten Blockade und Prüfungsangst geführt, zum ersten Mal in meinem Leben.


    Was mir sehr geholfen hat: Als eine Freundin, die ihr Ref an einem ganz anderen Seminar gemacht hat, mir erklärt hat, wie sie Reihenplanungen beigebracht bekommen hat, wie man sich einen Überblick verschafft, Zusammenhänge und Voraussetzungen erkennt etc. Das war der erste Schritt, dass es endlich besser wurde, als ich da einfach mal Methoden an die Hand bekommen habe.

    Ein anderer guter Freund hat, als ich mich mal wieder in Panik im Kreis drehte und einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sah, zu mir gesagt: Lass doch einfach mal die ganzen vermeintlichen didaktischen Ansprüche der Fachleiter links liegen und mache eine Stunde, auf die du wirklich Lust hast.

    Und ich würde heute noch sagen, dass das eine der besten Stunden war, die ich jemals gehalten habe (und ich glaube auch, dass sie durchaus als UB ganz gut funktioniert hätte).


    Aber das alles sind Gründe, warum ich heute als ABB unsere Referendare an der Schule betreue - ich hatte das Gefühl, dass (fast) alle, die Referendare betreuen, nahezu problemlos durch das Referendariat gingen und überhaupt kein Verständnis für Unsicherheiten etc. hatten und da wollte ich gerne einen etwas anderen Ansatz liefern und auch ein Ansprechpartner sein, der das Gefühl wirklich aus eigener Erfahrung kennt.


    Ansonsten fand ich es noch wichtig zu verstehen, dass ein Unterrichtsentwurf ein argumentativer Text ist. Die meisten beschreiben vor allem, was sie tun, aber nicht wirklich, warum sie es genau auf diese Art und Weise und nicht anders machen.


    Und erst in meiner Revision für eine Beförderungsstelle habe ich das erste Mal so richtig von der Lerngruppe her geplant - also zuerst genau analysiert, was für eine Lerngruppe ich vor mir habe und davon ausgehend das Vorgehen geplant.

    Referendare verennen sich ja gerne in einer Methode, anstatt wirklich zu überlegen, wen sie da vor sich haben und wie sie genau diese Schüler zu diesem Ziel bringen, weil Fachleiter x ja angeblich immer Methode y sehen will... das kann in Einzelfällen stimmen, aber ich habe inzwischen die Erfahrung gemacht, dass den meisten Fachleitern tatsächlich das Lernziel (ist es angemessen, also weder zu einfach noch zu anspruchsvoll (bzw. wirklich nur ein Ziel und nicht 4 ;) )) und die Lernprogression deutlich wichtiger ist.

    Das versuche ich den Referendaren deutlich zu machen: vom Lernziel und der Lerngruppe her planen (was unfassbar schwer ist), sich nicht in einer Methode verennen -- und vor allem auch mit sich selber Geduld haben.


    Die Fachleiter des Seminars, mit dem ich jetzt primär zu tun habe, empfinde ich zum großen Teil alle als sehr konstruktiv in ihrer Kritik und, was ich extrem wichtig finde, arbeiten am Ende eigentlich immer einen Arbeitsschwerpunkt mit den Referendaren aus, also woran sollten sie vor allem arbeiten?

    45 Minuten durchzuhecheln und alles auf links zu drehen, ohne am Ende etwas stehen zu haben, was man auf den weiteren Unterricht übertragen kann, finde und fand ich nicht im geringsten hilfreich.

    Ich sage den Referendaren auch, dass, wenn die Fachleiter das nicht tun sollten, sie das ruhig einfordern sollten (es sind ja immerhin erwachsene Lerner) und es auch für Ausbildungslehrer hilfreich ist, wenn man diese um konkrete Beobachtungen bittet (also z.B. kannst du mal vor allem auf meine Gelenkstellen achten oder so).

    "Et steht übrijens alles im Buch, wat ich saje. ... Nur nit so schön." - Feuerzangenbowle

  • Was mich wundert: viele scheinen sich einig zu sein, dass es nur zwei Arten von Unterricht gibt: "Buchstunde" und "Methodenzirkus/Zauberei". Ich sehe das nicht so. Man kann doch z.B. eine Übungsstunde für die Klassenarbeit machen, da kopiert man z.B. Übungsblätter, legt noch einen LÜK-Kasten dazu und schaut, dass das ganze so strukturiert ist, dass jeder weiß, was er zu tun hat und wo welche Themen/Schwierigkeitsgrade liegen. So hat man nicht nur referiert und es artet trotzdem nicht in Chaos aus. Oder die Kids gestalten Lernplakate- ich gebe die Struktur vor, die Kinder gestalten... Ich muss nicht alles laminieren, um was beizubringen und das erwarte ich auch nicht von einer Referendar*in. Ich erwarte aber Struktur, Anleitung, Klarheit, Transparenz, vorbereitete Umgebung, Strategievermittlung usw. und das muss man sich am Anfang genau überlegen, Voraussetzungen analysieren usw. und schrittweise aufschreiben... Sich vorne auf die Tischkante zu setzen geht erst, wenn man alles einmal minutengenau durchdacht und seitenweise aufgeschrieben hat.

    Ich würde vermuten, dass das jetzt hier der Einfachheit halber verkürzt quasi die Extreme darstellt?

    Dass es zwischen diesen Polen jede Menge Zwischenstufen gibt, ist, denke ich, den meisten klar?

    "Et steht übrijens alles im Buch, wat ich saje. ... Nur nit so schön." - Feuerzangenbowle

  • Ich würde vermuten, dass das jetzt hier der Einfachheit halber verkürzt quasi die Extreme darstellt?

    Dass es zwischen diesen Polen jede Menge Zwischenstufen gibt, ist, denke ich, den meisten klar?

    Ja, so war das, bei mir jedenfalls, gemeint.

  • Ich würde vermuten, dass das jetzt hier der Einfachheit halber verkürzt quasi die Extreme darstellt?

    Dass es zwischen diesen Polen jede Menge Zwischenstufen gibt, ist, denke ich, den meisten klar?

    Ich hab das hier schon sehr, sehr oft gelesen, daher frage ich mich, ob ich was falsch verstanden habe oder ob Lehramtsanwärtern etwas nicht klar ist. So wie du schriebst, die fixe Idee, dass Fachleiter eine Methode sehen wollten, das Gerücht hält sich entweder hartnäckig, oder es gibt wirklich überdurchschnittlich viele Fachleiterinnen, die das so vermitteln... "mach mal Gruppenarbeit" ohne Thema und Klasse zu kennen. Das würde ich niemals sagen und hab es auch nie selbst zu hören bekommen. (Zumal ich bei unseren Klassen im Gegenteil eher dazu raten würde keine unbekannte Klasse an Gruppentische zu verfrachten, wenn am Ende alle noch leben sollen.)

  • In den pädagogischen Kursen kann es schon vorgenommen, dass es heißt "Zeigen Sie im nächsten Unterrichtsbereich eine Gruppenarbeit!", dann natürlich fachlich etwas versierter formuliert. In den Fachdidaktiken dürfte es dann primär, wie du ja auch schon andeutetest, eher um die Ausbildung inhaltlicher oder kompetenzorientierter Standards gehen, z.B. "Zeigen Sie in der nächsten Stunde eine Stunde zum Thema "Modellieren im Mathematikunterricht". Besonders spezifisch in Bezug auf Thema oder Klasse sind die Vorgaben dennoch nicht, da mir mal gesagt wurde, dass das damit zu tun habe, dass sich das Seminar voll nach den Schulen richte und den "natürlichen Verlauf des Unterrichtsgeschehens" so wenig wie möglich durch entsprechende Vorgaben behindern wolle. Beim oberen Beispiel: Modellieren geht in allen Klassen und zur Arithmetik, Geometrie oder Stochastik - das lässt sich im Zweifelsfall immer dazwischenquetschen.

  • Damit würde bei uns kein Referendar durchkommen. Jede normale Stunde sollte so sein, dass man sie auch als UB zeigen könnte. Freilich ohne die ganze Beschreibung schriftlich.

    1. Klar kann man das fordern, wird ja auch oft genug gemacht. (Der übliche, schrecklich dumme Spruch von den "Dann müssen Sie 120% geben.")


    2. Jeder, der den Job kennt, weiß, dass das nicht realistisch machbar ist, ohne sich kaputt zu machen. (Das kommt dabei raus, wenn man sich einbildet, 120% über einen längeren Zeitraum geben zu können.)


    3. Daraus entsteht dann unweigerlich das geheime Lernziel von Schule, das vernünftige Ansätze von Schulentwicklung regelmäßig so schwierig macht: jeder meint, vorgeben zu müssen, dass er größenwahnsinnige Ansprüche nicht nur erhebt sondern selber auch erfüllen kann. Jeder leidet unter Versagens- oder Minderwertigkeitsgefühlen, weil diese größenwahnsinnigen Ansprüche von niemandem erfüllt werden können. Regelmäßig rettet man sich in Blenderei.


    Schule ist nunmal leider sehr oft ein Verkaufsladen für Kaisers neue Kleider.


    Es dauert ganz schön lange, aus so einem Kreislauf rauszukommen. Guter Anfang: zu begreifen und zu aktzeptieren, dass der Lehrerberuf zu allererst mal einfach nur ein Job ist. Ein ganz normaler Broterwerb.

  • Guter Anfang: zu begreifen und zu aktzeptieren, dass der Lehrerberuf zu allererst mal einfach nur ein Job ist. Ein ganz normaler Broterwerb.

    ...der übrigens Spaß machen kann und das vorzugsweise auch sollte.

    Der Zyniker ist ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung ihn Dinge sehen lässt wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. (Ambrose Bierce)
    Die Grundlage des Glücks ist die Freiheit, die Grundlage der Freiheit aber ist der Mut. (Perikles)
    Wer mit beiden Füßen immer felsenfest auf dem Boden der Tatsachen steht, kommt keinen Schritt weiter. (Miss Jones)
    Wenn der Klügere immer nachgibt, haben die Dummen das Sagen - das Schlamassel nennt sich dann Politik (auch Miss Jones)

  • 1. Klar kann man das fordern, wird ja auch oft genug gemacht.

    wo wird das denn gemacht, hast du das im Ref erlebt?


    ...jeder meint, vorgeben zu müssen, dass er größenwahnsinnige Ansprüche nicht nur erhebt sondern selber auch erfüllen kann. Jeder leidet unter Versagens- oder Minderwertigkeitsgefühlen, weil diese größenwahnsinnigen Ansprüche von niemandem erfüllt werden können. Regelmäßig rettet man sich in Blenderei.

    wer ist man, kannst du das präzisieren? Ich kenne dieses Problem wirklich nicht und frage mich, wie viele Referendare das anders erleben (nicht nur subjektives Empfinden, Prüfungsängste hatte ich auch) sondern real messbar.

  • wo wird das denn gemacht, hast du das im Ref erlebt?

    Du insinuierst jetzt ernsthaft, dass der Spruch "Sie müssen jetzt mal 120% geben" in der Lehrerausbildung ein in Wirklichkeit nie gesagter Mythos ist?


    Du hast nicht allzuviel Erfahrung mit dem Schulsystem, nicht wahr?

  • Du insinuierst jetzt ernsthaft, dass der Spruch "Sie müssen jetzt mal 120% geben" in der Lehrerausbildung ein in Wirklichkeit nie gesagter Mythos ist?


    Du hast nicht allzuviel Erfahrung mit dem Schulsystem, nicht wahr?

    *gähn* du auch nicht, oder?


    Mir geht es um die Ausbildung von Referendaren im Allgemeinen und welche Unterstützungsmechanismen ihnen helfen. Willst du sagen, dass vielen Referendar*innen gesagt wird, sie hätten 120% zu leisten und es würde ihnen helfen, diesen perfektionistischen Anspruch zu drosseln?

  • *gähn* du auch nicht, oder?

    Och... :/

    Willst du sagen, dass vielen Referendar*innen gesagt wird, sie hätten 120% zu leisten und es würde ihnen helfen, diesen perfektionistischen Anspruch zu drosseln?

    In welcher seltsamen Welt soll ich so etwas gesagt haben?


    Was ich in ziemlich klaren Worten gesagt habe, war, dass der Dummschnack mit den "120%" viel zu oft dahergeplappert wird und dass man zu einen gesunden und wirksamen Berufsverständnis nur dann kommen kann, wenn man ihn als Dummschnack erkennt und nicht zu leben versucht.

  • Bei uns ja. Wir mussten immer Kurzplanungen vorweisen können und in jeder Stunde konnte entweder der Mentor oder die Schulleitung anwesend sein.

    und dann sind "normale" Stunden nicht erlaubt? Ich kann meine Stunden mit meinen Mentoren zusammen gestalten wie ich will. Wenn was nicht lief, dann wird mir das gesagt und ich versuche daran zu arbeiten. Die Schulleitung ist, wenn überhaupt, nur bei UBs anwesend. Ansonsten hat die auch keine Zeit sich ständig in meinen Unterricht zu setzen.


    Was genau soll diese ständig Beobachtung bringen? Du bist doch kein kleines Kind mehr.

    Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.


    Albert Einstein

  • ... in jeder Stunde konnte entweder der Mentor oder die Schulleitung anwesend sein.

    "Schulleiter steht vor der Tür" finde ich auch speziell, aber den Mentor mit drin zu haben ist doch per se keine Belastung, der ist sowieso am nächsten dran, sieht alle Fehler, Stärken und Schwächen.

  • den Mentor mit drin zu haben ist doch per se keine Belastung

    ... wenn nicht der Mentor selbst eine Belastung ist. Solls geben.

    Gib einem Hungrigen einen Fisch, und er ist für einen Tag satt. Zeig ihm, wie man angelt, und er pöbelt Dich an, dass er besseres zu tun hätte, als Schnüre ins Wasser hängen zu lassen.

  • und dann sind "normale" Stunden nicht erlaubt? Ich kann meine Stunden mit meinen Mentoren zusammen gestalten wie ich will. Wenn was nicht lief, dann wird mir das gesagt und ich versuche daran zu arbeiten. Die Schulleitung ist, wenn überhaupt, nur bei UBs anwesend. Ansonsten hat die auch keine Zeit sich ständig in meinen Unterricht zu setzen.


    Was genau soll diese ständig Beobachtung bringen? Du bist doch kein kleines Kind mehr.

    Mein Ref ist schon ewig her. "Normale" Stunden, wie zum Beispiel mal Übungsstunden in Mathe, waren nicht erlaubt 🙁. Mein Mentor war eher eine Belastung. Er hatte starke Disziplinprobleme, was auch meine Stunden beeinflusste, wenn er in den Unterricht kam. Passte ihm was nicht brüllte er mit mir oder den Schülern rum. Konstruktive Kritik erhielt ich nicht.

    Die beiden letzten Fragen stellte ich mir auch oft (hatte ja auch schon Kinder).

  • Passte ihm was nicht brüllte er mit mir oder den Schülern rum.

    OK... Mir fällt gerade noch was ein, was mir während der Ausbildung echt geholfen hat: zu wissen, ich kann jederzeit sagen, leckt mich doch alle am Arsch, bewerb ich mich halt auf eine Stelle in der Industrie.

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    Noch schlimmer? Was kann denn noch schlimmer sein? Jehova! Jehova! Jehova!

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