Erster Tag, völlig fertig mit den Nerven - HILFE

  • Hallo Ihr Lieben,


    ich besitze einen Master in Soziale Arbeit und bin als Seiteneinsteiger in den Schuldienst eingestellt worden.

    Ich habe vorher schon viel mit behinderten Kindern, mit Kindern einer sozial-emotionalen Störung und generell mit verhaltensauffälligen Kindern zu tun gehabt.

    Es ist eine Lernbehindertenschule.


    Die ersten Stunden liefen mehr oder weniger ok. Mal war es etwas lauter, aber sobald Aufgaben verteilt wurden und die SuS zu tun hatten, war es ein angenehmes, ruhiges Arbeitsklima.


    Nur die letzte Stunde (8. Stunde) war der absolute Horror!

    Die SuS waren von Anfang an laut, bevor ich überhaupt dazu kam, nur ein Wort zu sagen. Ich musste geschlagene 10 Minuten warten, bis Ruhe eingekehrt ist und ich die SuS begrüßen konnte.

    Ich war für die SuS ein neuer Lehrer, den sie noch nie zuvor gesehen haben. Sie waren weder neugierig mich kennen zulernen, noch besaßen sie einen Hauch der Absicht mal zur Ruhe zu kommen. Es folgten Beleidigungen untereinander, wildes und lautes Hineinrufen und eine generelle Verweigerungshaltung der Mitarbeit an der Kennenlernrunde. Einfach eine katastrophale Situation und absolutes Chaos. Ich wusste nicht wie mir geschah, geschweige denn hatte ich nur ansatzweise eine Idee, wie ich diese Situation gelöst bekomme.


    Es folgte meinerseits der Rauswurf zweier Schüler, welche am lautesten waren. Dies beeindruckte aber weder die betroffenen SuS, noch die anderen in der Klasse.


    Ich bin wirklich verzweifelt und habe das Verlangen danach einfach alles hinzuschmeißen. Obwohl dieser Beruf ein wahrer Traum für mich ist.

    Es könnte der Eindruck enstehen, dass ich wahrlich nicht für den Beruf geeignet bin, wenn ich solch eine Aussage nach meinem ersten Tag tätige.

    Aber man hätte bei dieser Stunde dabei sein müssen... Es hat wirklich nur noch gefehlt, dass Beleidigungen gegen meine Person gerichtet werden.


    Ich benötige einen Rat... Zuspruch bekam ich im Lehrerzimmer zwar, aber ich glaube kaum, dass wenn sich dieses Verhalten der SuS nicht ändert, ich nicht in der Lage bin in dieser Klasse weiterhin Unterricht zu geben. :(

  • Tief durchatmen, morgen ist ein neuer Tag! Gerade und besonders an Förderschulen ist das Wichtigste, eine Beziehung zu den Schülern aufzubauen. Die kannst du aber als "Neuer" noch gar nicht haben, es liegt also nicht an dir. Es ist definitiv undankbar, in der 8. Stunde als neuer Lehrer in eine Klasse zu kommen, da hätten auch andere Kollegen gekämpft! Welche Klassenstufe war das denn?

    Lass dich nicht entmutigen, lern die Schüler kennen, steh in engem Austausch mit dem Klassenlehrer. Das wird bestimmt besser! (Und sei stolz auf die Stunden, die gut geklappt haben!)

  • So doof das jetzt klingt, nimm dir was zu lesen oder was zu arbeiten mit.

    Es gibt manchmal so Stunden, da achte ich einfach nur drauf, dass keiner verletzt wird. Und ne 8. Stunde (vermutlich noch in der ersten Woche mit vollen Klassen) als neuer Kollege gehört definitiv dazu.

    Schreib dir die vertrödelte Zeit auf und bestell die Kinder zum nachholen ein, aber irgendwann, wenn es weh tut. Freitags 7. Stunde oder 8te oder so.

    Dabei bleibst du freundlich und gelassen.

    Du bestrafst nicht, du brüllst nicht, du bist entspannt und konsequent.

  • Welche Klassenstufe war das denn?

    Es ist eine 7. Klasse.

    Beziehungsarbeit steht bei mir an erster Stelle, nur ist so etwas in der 8. Stunde eher nicht möglich.

    Recht hast du, dass es wirklich ungünstig ist, in der 8. Stunde in die Klasse zu gehen und eine Kennenlernrunde zu starten.

    Ich habe in dieser Klasse am Montag in der ersten Stunde wieder Unterricht und hoffe, dass es dann besser läuft.

  • Es ist eine 7. Klasse.

    Beziehungsarbeit steht bei mir an erster Stelle, nur ist so etwas in der 8. Stunde eher nicht möglich.

    Recht hast du, dass es wirklich ungünstig ist, in der 8. Stunde in die Klasse zu gehen und eine Kennenlernrunde zu starten.

    Ich habe in dieser Klasse am Montag in der ersten Stunde wieder Unterricht und hoffe, dass es dann besser läuft.

    Das wird es! Und denk immer daran: Egal was passiert, es ist eigentlich nie gegen dich persönlich gerichtet!

  • So doof das jetzt klingt, nimm dir was zu lesen oder was zu arbeiten mit.

    Es gibt manchmal so Stunden, da achte ich einfach nur drauf, dass keiner verletzt wird. Und ne 8. Stunde (vermutlich noch in der ersten Woche mit vollen Klassen) als neuer Kollege gehört definitiv dazu.

    Schreib dir die vertrödelte Zeit auf und bestell die Kinder zum nachholen ein, aber irgendwann, wenn es weh tut. Freitags 7. Stunde oder 8te oder so.

    Dabei bleibst du freundlich und gelassen.

    Du bestrafst nicht, du brüllst nicht, du bist entspannt und konsequent.

    Du hast meine Gedanken wirklich auf den Punkt gebracht!

    Ich möchte entspannt sein und keinesfall brüllen (habe ich auch nicht).

    Die eine Schülerin meinte sogar: "Was ist das denn fürn Lehrer, der rastet ja gar nicht aus!"

  • Naja, war halt die achte Stunde... Klar, dass die da durch sind. Zudem haben die Kids durchaus ein Gespür dafür, mit wem sie‘s machen können. Du bist (vllt) noch jung, unerfahren, ... Mit so Jemandem kann man schon mal das Hermännle machen. ;)


    Wird besser werden.

  • Wenn Schüler solche Sätze sagen wie: "was ist das für ein Lehrer, der rastet nicht aus", dann kann es auch gut sein, dass die Klasse dich einfach austesten wollte. Bei 7. und 8. Klassen kommt das gelegendlich vor.


    Ich habe dieses Jahr Mo-Do. immer Nachmittags die 8/9 Stunde und das in Nebenfächern wie Geschichte/Ethik/Gemeinschaftskunde. Da werden einige Stunden dabei sein, die wie deine war.


    Also wie alle andern sagen, abhaken und bei Wiederholung Schüler die Arbeit nachholen lassen.


    PS: Du musst das aber unbedingt einiges vorher mit deren Betreuern oder Eltern sprechen, da mit Sicherheit viele Kinder einen Fahrdienst haben, bei denen ein Freitag 7 Stunde nicht so einfach möglich ist.

  • Willkommen im real life. Wenn's Montagfrüh gut läuft,

    geht in dieser 8. Stunde raus, Tischtennis spielen oder sowas.

  • Es könnte der Eindruck entstehen, dass ich wahrlich nicht für den Beruf geeignet bin, wenn ich solch eine Aussage nach meinem ersten Tag tätige

    Das glaube ich z.B. gar nicht.


    Ich war letztes Schuljahr an einer tollen Mittelschule, an der ich mich sehr wohl gefühlt habe.

    Allerdings hatte ich in der 7. Stunde eine 7. Klasse (fachfremd Kunst), die im Rudel einfach un-er-träglich waren.

    Einzeln sogar recht lieb... aber wehe, wenn als Ganzes.

    Und da blieb mir manchmal auch nix anderes übrig als das, was MarPhy schreibt:

    Es gibt manchmal so Stunden, da achte ich einfach nur drauf, dass keiner verletzt wird.

    Das kannte ich als Realschullehrerin nicht.

    Aber ich musste lernen, dass es Stunden gibt - da hast du keine Chance, Ende Gelände.


    Ich verstehe deine Verzweiflung, kann dir aber nur als Tipp mitgeben: Ruhig Blut, das wird schon.

    Und mit der Aussage: "Hä? Der/Die wird ja gar nicht laut...?" ist alles gesagt.

    Die testen dich aus.


    Ein unerschütterliches Pokerface sollte künftig dein steter Begleiter werden...! ;)

  • Ich denke auch, dass sie dich ausgetestet haben. Vielleicht wollten sie auch wissen, ob und wann du brüllst ;)

  • Zitat

    ch war für die SuS ein neuer Lehrer, den sie noch nie zuvor gesehen haben. Sie waren weder neugierig mich kennen zulernen, noch besaßen sie einen Hauch der Absicht mal zur Ruhe zu kommen. Es folgten Beleidigungen untereinander, wildes und lautes Hineinrufen und eine generelle Verweigerungshaltung der Mitarbeit an der Kennenlernrunde. Einfach eine katastrophale Situation und absolutes Chaos. Ich wusste nicht wie mir geschah, geschweige denn hatte ich nur ansatzweise eine Idee, wie ich diese Situation gelöst bekomme.


    ...


    Es hat wirklich nur noch gefehlt, dass Beleidigungen gegen meine Person gerichtet werden.

    Und die anderen Stunden waren in Ordnung? Du Glückliche(r)! Freue Dich darüber und baue auf den anderen Stunden auf. 7. und 8. Klassen sind sowieso immer schwieriger, auch an den anderen Schulen oder Schulformen. Dazu 8. Stunde - das ist echt spät - da muss man nichts mehr zu sagen... In Ordnung ist das Verhalten der Schüler natürlich trotzdem nicht.


    Was Du schreibst, erlebe ich als Seiteneinsteiger gerade seit 4 Wochen durchgängig. Und ja, ich BIN auch schon lauthals im Unterricht beleidigt (und mit Zeug beworfen) worden.

    Dabei habe ich drei Jahre Unterrichtserfahrung, aber sowas kannte ich vorher nicht.

  • Was Du schreibst, erlebe ich als Seiteneinsteiger gerade seit 4 Wochen durchgängig. Und ja, ich BIN auch schon lauthals im Unterricht beleidigt (und mit Zeug beworfen) worden.

    Dabei habe ich drei Jahre Unterrichtserfahrung, aber sowas kannte ich vorher nicht.

    Mensch, da bin ich echt froh, dass ich bei meiner Vertretungsstelle in meinen Kursen noch nen erfahrenen Kollegen jeweils an meiner Seite habe :x (Zumindest bis die beiden in Rente gehen :x)

    Bin zwar auch immer wieder zwischendurch mit den Schülern alleine, aber beleidigt oder beworfen wurde ich zum Glück noch nie

  • Ich glaube, die Situation an den Gesamtschulen (in NRW) ist zwar nicht mehr so "rosig" und idealistisch wie vielleicht vor 20 Jahren. Die Tendenzen gehen mittlerweile auch in schwieriges Gewässer, aber es hält sich noch im Rahmen. Die Schließung der Hauptschulen und teils auch Realschulen (aus rein politischen Interessen) und der Fokus auf die Gesamtschulen ist in NRW noch relativ jung. Hier in MV ist die Entwicklung schon weiter fortgeschritten, leider im negativen Sinne. Mittlerweile sieht es hier eher so aus: Wer nicht irgendwie auf das Gymnasium kommt - mit welchen Leistungen auch immer - rette sich, wer kann (denn es bleiben nur noch die Regionalen Schulen, und die Situation dort ist, zumindest in den etwas größeren Städten, schlimm :(


    Hast Du IMMER eine Begleitung im Unterricht? Das ist gut. Hatte ich an meiner vorherigen Schule nie, und brauchte ich auch nicht (jedenfalls nicht wg. dem Schülerverhalten). Jetzt wünschte ich mir in fast jeder Stunde jemanden...

  • Ich unterrichte an einer Gesamtschule die in der Nähe von mehreren Gymnasien ist. Leider gibt es in der gesamten Stadt nur noch zwei Realschulen und eine Hauptschule (beide am anderen Ende der Stadt). Das hat zur Folge, dass mehr als 90% unserer Schüler auf Real- oder Hauptschulniveau sind. Laut meinem Kollegen ist das Niveau unseres E-Kurses unter dem Niveau seiner damaligen Realschüler. Du kannst dir vorstellen wie happy ich war den E-Kurs und nicht den G-Kurs zu bekommen! :D


    Ja, ich unterrichte 7 Stunden und habe in 4 Stunden den einen Kollegen und in den anderen 3 Stunden den anderen Kollegen an meiner Seite. Das ist soooo viel entspannter. Die Schulleitung hat sich dazu entschieden bei mir dieses Jahr eine Doppelsteckung zu machen, da ich noch mitten im Studium bin und so auch mal das unterrichten ausfallen lassen kann wenn in der Uni Holland in Not ist. Außerdem muss ich nicht ganz alleine Klassenarbeiten erstellen und korrigieren. Bin mega zufrieden mit der Entscheidung weil ich gleichzeitig noch mega viel von meinen Kollegen lernen kann

  • Und die anderen Stunden waren in Ordnung? Du Glückliche(r)! Freue Dich darüber und baue auf den anderen Stunden auf. 7. und 8. Klassen sind sowieso immer schwieriger, auch an den anderen Schulen oder Schulformen. Dazu 8. Stunde - das ist echt spät - da muss man nichts mehr zu sagen... In Ordnung ist das Verhalten der Schüler natürlich trotzdem nicht.


    Was Du schreibst, erlebe ich als Seiteneinsteiger gerade seit 4 Wochen durchgängig. Und ja, ich BIN auch schon lauthals im Unterricht beleidigt (und mit Zeug beworfen) worden.

    Dabei habe ich drei Jahre Unterrichtserfahrung, aber sowas kannte ich vorher nicht.

    Wenn ich das so lese, wie du es hier beschreibst, kann ich ja sogar wahrscheinlich noch froh sein... 4 Wochen durchgängig und beleidigt worden? Inklusive mit Zeug beworfen worden? Horror... In solch Situationen fühlt man sich einfach hilflos. Auch wenn ich mir im Endeffekt am liebsten sagen würde: "Bleib ruhig, du kannst nichts dafür, die Stunde ist jetzt eh für die Katz, dein Geld bekommst du trotzdem." Normalerweise könnte man entspannt sein, dennoch begleitet mich da ein schreckliches Gefühl. Kollegen meinten, ich soll ganz schnell aufhören mich über so verlaufende Stunde zu ärgern.

  • Auch wenn es hier keiner hören will, aber es macht auch einen Unterschied, ob man eine Lehrerausbildung genossen hat, oder eben völlig ohne Vorwissen das bewältigen muss. Das liegt nicht nur an den Schülern.

    Da hast du wirklich recht. Es ist ein anderes Gefühl nach Praktika und Vorlesungen etc vor ner klasse zu stehen, als wenn man noch nie irgendwas mit Lehramt gemacht hat.

    Wenn ich an meine aller erste Stunde zurück denke, in der ich damals in der 12. Klasse die 5er von meinem Mathelehrer unterrichtet habe... es war ein Graus. Mittlerweile kann einen ein aufmüpfiger Schüler nicht mehr so schnell aus dem Konzept bringen.

  • Ähem, ich denke, Karl-Dieter meint hier nicht Erfahrungen aus Praktika und Vorlesungen ( ... )


    Ich kann nur sagen, dass für mich solch ein Verhalten von Schülern - von Kindern gegenüber Erwachsenen - völlig neu ist: als Lehrer, als Mutter, als Mensch. Sicher nutzt ein Lehramtsstudium an diesem Punkt indirekt. Direkt, konkret wird man aber nicht darauf vorbereitet. Weder im Studium, und schon gar nicht bei Seiteneinstiegs-Kursen. Weil man die Leute nicht schon vorher vergraulen will zum einen, und zum anderen wollen das viele Teilnehmer vorher auch gar nicht hören.

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