Berufskollegs - AGs

  • Hallo liebe Foris,


    Mir ist aufgefallen, dass die wenigsten Berufskollegs AGs anbieten.

    Ich komme vom Gymnasium und da waren AGs nicht wegzudenken (auch für Oberstufenschüler*innen).

    Ich frage mich, ob es Gründe dafür gibt warum AGs an Berufskollegs Mangelware sind.


    Bei uns ist es in der Tat so, dass die meisten Anlagen bis 15:00 im Regelunterricht sind. Ich gehe davon aus, dass dann die Luft raus ist. Dennoch gibt es manche Klassen, die nur bis 13:20

    Schule haben. Aber das ist am Gymnasium nicht unbedingt anders.


    Wie sieht es bei euch aus?:aufgepasst:



    Grüße

  • Ich bin zwar nicht an den beruflichen Schulen, rate aber mal angesichts der diversen Quer-, Seiten- und Direkteinsteigerprogramme bundesweit, die sich u.a. auf diese Schulform beziehen, dass akuter Lehrermagel einer der Gründe sein könnte, warum keine/wenig Kapazitäten für AGs übrig sind. Der Umstand, dass man mit jungen Erwachsenen arbeitet, die bereits im Beruf stehen und ggf. keine Zeit haben an einem zusätzlichen Nachmittag an die Schule zu kommen (weil sie arbeiten müssen im Betrieb) dürfte sein Übriges beitragen.

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

  • Stimmt, weder sind von Lehrerseite die Kapazitäten dafür übrig noch ist Zeit dafür. Unsere Berufsschüler*innen haben entweder bis zur 8. Stunde Unterricht (zweimal die Woche im 1. und 2. Ausbildungsjahr) oder einmal pro Woche bis zur 10. Stunde; an den anderen Tagen sind sie logischerweise in ihren Ausbildungsbetrieben.

    Die meisten unserer Vollzeitklassen haben auch mind. einmal pro Woche bis zur 8. Stunde Unterricht und es besteht zudem wenig Interesse an AGs. Wir haben das vor Jahren mal abgefragt, weil ein paar KuK durchaus bereit waren AGs anzubieten. Dabei kam aber 'raus, dass die meisten unseren Schülis nachmittags gut beschäftigt sind: mit Nebenjobs, Hobbys (Sportverein und Co.) oder - tada - Hausaufgaben und Lernen :-) .

    Einige Jahre lang gab es eine Theater-AG, in der aber nur SuS aus dem beruflichen Gymnasium waren und die freitags in der 7./8. Stunde stattfand (ansonsten war kein anderer Termin zu finden). Diese ist aber seit letztem Schuljahr mangels Interesse auch fast "eingeschlafen"...


    Edit: Wenn ich da an meine eigene Schulzeit am Gymnasium denke (gut, die ist schon Jahrzehnte her...), gab es damals auch nicht viele AGs. Ich kann mich an eine deutsche und eine englische Theater-AG erinnern (an letzterer habe ich selber jahrelang teilgenommen); dann gab es noch eine Russisch-, eine Schach- und eine Segel-AG , die Schülerzeitung und eine Zeitlang eine Schulband. Das war's aber m. E. auch schon.

  • Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine große Nachfrage nach AGs bei uns gibt. Die SuS sind an einem Punkt der Professionalisierung. Da fände ich AGs wie sie aus der Regelschule kenne auch nicht passend.


    Praktische Phasen sind bereits in den Unterricht integriert.


    Wenn ihr von Kapazität sprecht: sind AGs denn Teil der Unterrichtsverpflichtung von Lehrkräften?

    Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.


    Albert Einstein

  • Bei uns gibt es eine externe Einrichtung, bei der künstlerische und musische Workshops belegt werden können, da diese bei uns völlig fehlen. Gerade fürs berufliche Gymnasium gedacht.

    Alle anderen sind mehr als ausgelastet und viele Azubis auch schon über 20 und damit anders ins Leben gebunden.

    Ich kann mich in der Sek II am Gymnasium auch nicht mehr an viele AGs erinnern. Da hatte man doch schon anderes im Kopf.

  • Bei uns gab es mal eine AG-Offensive, aber das Interesse der Schülerinnen und Schüler war insgesamt eher verhalten. Allerdings scheiterte es auch an der Unterstützung der Lehrer. Wenn es schwierig ist, einen Stundenblock zu finden, man keine Entlastung bekommt und es auch sonst eher so als Hobby angesehen wird, lässt die Motivation halt irgendwann nach.

  • Wenn ihr von Kapazität sprecht: sind AGs denn Teil der Unterrichtsverpflichtung von Lehrkräften?

    Nach meiner Erfahrung an unterschiedlichen Gymnasien in NRW (und ähnlich war es in NDS): es ist eine schulinterne Sache. und selbst sie muss nicht einheitlich sein.
    von Vollanrechnung über halbe Anrechnung bis "vielen Dank für das Engagement" (bis "wie? du machst seit Jahren eine AG? wusste ich gar nicht"). Wie mein allseits geliebter Lehrerratsvorsitzender sagte "es ist Verhandlungssache der einzelnen Lehrkraft, da wollen wir uns nicht einmischen"

  • Interessant.

    Ich stimme euch da allen zu und sehe es ähnlich. Wenn, dann würde man sich sicher auf das berufliche Gymnasium fokussieren.

    Ich hatte schon überlegt, ob man sonst für die Fachschule (Erzieherausbildung) eine Art AG oder Projekttage anbieten könnte. Hier könnte man dann zb naturwissenschaftliche Projekte mit den SuS erarbeiten, die man auch später so in der Kita oder OGS anbieten könnte (Experimentieren, mikroskopieren, Lupen nutzen...) oder aber auch literarische Angebote (Kurzgeschichten schreiben, Bilderbücher etc.).


    Oder für das berufliche gymnasium eine Mikroskopie AG.


    Aber ja, ich sehe, dass Kapazitäten Mangelware sind.

  • Vermutlich besteht in der SekII einfach generell nicht mehr unbedingt ein Interesse daran an AGs teilzunehmen. Bei uns in der Oberstufe war das auch so, dass es kaum SuS gab, die an AGs teilgenommen haben. Klar, es gibt immer AGs, die offiziell bis zur 12. gemacht werden können, aber meistens hat man da nur SekI Schüler.

    Wir hatten nur 3 AGs für die Oberstufe. Ein Classic English Bookclub mit 3-6 Oberstufenschülern und 3 Lehrern und 2 Physik-AGs (die hingen eigentlich zusammen, nur wurde an einem Tag an Projekten für Wettbewerbe gearbeitet und an dem anderen Tag hat man Themen bearbeitet, die einen interessieren), mit 3-4 Schülern und 2 Lehrern.

    Man sieht, das Interesse der Lehrer war fast höher als das der Schüler :D Nee, aber auch die Schüler, die an den AGs teilgenommen haben, waren meist nur 1er Kandidaten, die das Abi so nebenbei durchgepowert haben und nicht soooo viel lernen mussten. Sehr viele Schüler hätten Lust gehabt, aber mussten sich gerade in der Q-Phase mehr auf die Schule konzentrieren. Ich denke, dass das an nem BK ähnlich ist.

  • Berufskollegs sind ja in etwa das, was bei uns die berufsbildenden Schulen sind...

    unsere Schülerschaft setzt sich etwa so zusammen:


    1. Klassische Berufsschüler. Die arbeiten an 4 von 5 Tagen die Woche. Am 5. haben sie 6-8 Stunden Schule. Die haben GAR keine Lust, das bisschen Freizeit das bleibt, auch noch in der Schule zu verbringen (und ich kann's verstehen).


    2. Vollzeit-Berufsbildungsgänge. Da landen ehrlich gesagt vor allem die, die keine normale Ausbildung finden, andererseits aber auch eigentlich nicht so "schul-affin" sind (sonst hätten sie eine allgemeinbildende weitergemacht). Ebenfalls: GAR keine Lust.


    3. Vorbereitungsklassen. Für die meisten da ist die Schule mit "ein riesiger Haufen Scheiße" ausreichend beschrieben. Motivation für was zusätzliches? muahahaha ;-)


    4. Techniker- Meister- und Umschülerklassen. Für die gilt das, was für Gruppe 1 gilt. Dazu kommt noch, dass viel Familie u.Ä. haben. Die haben schlichtweg keine Zeit.


    5. Berufliches Gymnasium. DAS sind "ganz normale Schüler". Und für die gibt's auch die ein oder andere AG. Zahlenmäßig machen die an unserer Schülerschaft vielleicht 10% aus, wenn überhaupt. Entsprechend gering ist das AG-Angebot.


    Hinzu kommt wohl, dass zumindest an gewerblich-technischen BBSn/Berufskollegs der Lehrermangel noch extremer ist, als in vielen anderen Schulformen. Wir sind auch schlicht und einfach so schon ausgelastet.


    Was übrigens tatsächlich auch bei anderen Schülergruppen gut ankam und wohl mit AGs vergleichbar ist: "Früher" haben wir öfter Labors umgebaut. Da haben sich immer interessierte Schüler gefunden, die sogar in ihrer Freizeit, teilweise im Urlaub (!), zum helfen kamen, weil es sie interessiert hat. Sie konnten eine Menge aus der schulischen und beruflichen Bildung anwenden und vertiefen, und ab und zu, wenn's was zu programmieren gab, sprang noch ein offizielles Fortbildungszertifikat für sie raus, das normal ne Menge Geld kostet. War ne super Sache für alle Beteiligten.


    Nach dem letzten Laborumbau war allerdings die Reaktion des Schulträgers nicht, wie man es erwarten würde, "danke, dass Ihr unsere Arbeit für umme macht", sondern "Ihr dürft aber nicht die Deckenplatten bewegen" (bei Elektroninstallationen!). Das war der Punkt, an dem wir geschlossen von "wir sorgen dafür, dass der Laden läuft" zu "scheiß drauf, soll doch alles verfallen, ich rühre keinen Finger mehr zusätzlich" gewechselt sind. Wir schreiben jetzt in einem Haus voller studierter Elektrotechniker und gelernter Elektroniker brav für JEDE Leuchtstoffröhre, die gewechselt werden muss, einen Antrag an die Stadt.

  • Klassische Berufsschüler. Die arbeiten an 4 von 5 Tagen die Woche. Am 5. haben sie 6-8 Stunden Schule. Die haben GAR keine Lust, das bisschen Freizeit das bleibt, auch noch in der Schule zu verbringen (und ich kann's verstehen

    OT und nur aus Interesse: Berufsschüler*innen müssen doch im ersten Ausbildungsjahr an zwei Wochentagen zur Berufsschule oder ist das bei euch anders? Außerdem haben bei uns die Berufsschüler*innen des zweiten und dritten (in einigen Berufen auch des vierten) Ausbildungsjahres mind. bis zur 8. Stunde Unterricht; hätten sie schon nach der 6. Unterrichtsschluss, müssten sie nachmittags noch in ihren Ausbildungsbetrieb.

    Übrigens: "Vollzeit-Bildungsgänge" gibt es bei uns auch als berufsqualfizierende, mehrjährige Beufsfachschulen. Da sitzen also durchaus motivierte Schüler*innen. Und auch in den einjährigen Berufsfachschulen, wie meiner eigenen Klasse, sitzen nicht nur SuS, die keinen Ausbildungsplatz bekommen haben und nicht "schul-affin" sind. Teilweise können sie sich dieses BFS-Jahr als erstes Ausbildungsjahr anerkennen lassen. Sehr viele dieser SuS kommen auch erst nach der 10. Klasse zu uns (da hätten sie ja gar nicht auf einer allgemeinbildenden Schule bleiben können, abgesehen vom Gymnasium).

    Aber - wie ich schon schrieb - viel Lust und Zeit für AGs haben alle unsere SuS nicht!

  • Humblebee Ich hab's verkürzt dargestellt. Unsere sind im Wechsel einen oder zwei Tage pro Woche da, über alle Lehrjahre.

    In einigen Industrieklassen haben wir allerdings seit neuestem auch Block.


    Zu 6/8 Stunden:

    In den Tiefen irgend eines Gesetzes oder einer Verordnung steht, dass der Schultag als voller Arbeitstag zählt, sobald 5 Schulstunden abgeleistet sind.


    Mindestens 8 Stunden... hihihi, wir haben in der Elektrotechnik nicht mal mehr genug LuL, um allen Klassen sechs Stunden zu gönnen.

  • Zu 6/8 Stunden:

    In den Tiefen irgend eines Gesetzes oder einer Verordnung steht, dass der Schultag als voller Arbeitstag zählt, sobald 5 Schulstunden abgeleistet sind.

    Vielleicht gilt für Niedersachsen was anderes, keine Ahnung. Da ich nie in der BS Klassenleherin war, kenne ich mit damit nicht näher aus. Das mit den "mind. acht Unterrichtsstunden, sonst Betrieb" höre ich nur immer mal wieder von der Schulleitung. Aus diesem Grund bekommen unsere Berufsschüler*innen fast immer Aufgaben oder Vertretung, falls mal ein/e Kolleg/in in der 7./8. Unterrichtsstunde abwesend ist. Wenn wir sie früher freistellen, müssen sie halt in den Betrieb.

  • Humblebee ich hab mal ein bisschen rumgesucht. Das Gesetz/den Erlass finde ich tatsächlich nicht, aber auf Seiten von Handwerkskammern stehen überall die 5 Stunden, Bundeslandübergreifend (deshalb würde ich auf das BBiG oder JArbSchG tippen).


    Vermutung: vielleicht erzählt das die SL, um die leidigen Schülerdiskussionen "wir armen, wir haben immer sooo viel Schule", "können wir früher Schluss machen" usw. im Keim zu ersticken. Wäre kein so dummer Schachzug :-)

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