"Menschlichkeit fehlt" am Gymnasium - geht es nur ums Aussieben??

  • Hallo liebe Kollegen,


    ich selbst arbeite an der Grundschule, aber meine Nichte geht seit dem Sommer in die 5. Klasse eines Gymnasiums hier um die Ecke. Ein Schulwechsel (erst die "Große" in der GS sein und dann plötzlich die "Kleine" am Gymnasium, riesiges und anonymes Schulgebäude, etliche Fachlehrer im Unterricht, neue Klassenkameraden, neue Regeln, neue Lehrwerke) ist ja schon Herausforderung genug. Dazu die Pandemie, die nichts einfacher macht. Und nun noch Stress, weil irgendwie die "Menschlichkeit" fehlt.


    Von Anfang an wurden die Kinder an besagter Schule mit dem Organisatorischen allein gelassen (ja, ich weiß, am Gymnasium können die Kinder nicht mehr so betüddelt werden wie noch an der GS), einige Kinder haben ihren Klassenraum nicht wiedergefunden, es gab tagelang keine Infos über Stundenplan und Lehrer, der Elternabend war ein unterkühltes Fiasko, bei dem der Klassenlehrer nach der großen Runde einigen Eltern bereits riet, sich nach einer neuen Schule für ihr Kind zum Halbjahr umzusehen. Mit Klassenarbeiten werden die Kinder nur so bombardiert. In Deutsch (Klasse 5!) steht nun eine Arbeit an zu den Themen "Finite und infinite Verben", Partizipien, Nebensätze, Zeitformen. Also, ich weiß ja, was wir in Klasse 4 in Deutsch machen, darauf könnte man nun ja gut aufbauen. Aber ich kann nicht glauben, dass diese o.g. Themen nun allen Ernstes direkt am Anfang in Deutsch abgeprüft werden. Sind das wirklich Themen für Klasse 5?


    Das war auch nur ein Beispiel. In anderen Fächern läuft es ähnlich. Mich macht das echt fassungslos, dass es an dieser Schule allem Anschein nach nicht darum geht, Kinder auf ihrem Lern- und Lebensweg eine Stütze / Hilfe / Begleitung zu sein, sondern offensichtlich vorrangig darum, die Klassen wieder kleiner zu machen und möglichst schnell alle Kinder auszusortieren, die den (überzogenen?) Forderungen nicht gerecht werden. Das macht ja so einiges mit einer Kinderseele... Klar, nicht jedes Kind ist auf dem Gymnasium richtig aufgehoben. Aber das sieht man doch auch ohne solche bewusst fehlplatzierten Tests und hätte zudem auch vielleicht noch etwas Zeit.


    Ich hoffe, nicht alle Gymnasien arbeiten so. Bin gerade echt schockiert über den Umgang mit Kindern. Oder liege ich völlig daneben? Würde mich über eine Einschätzung sehr freuen!

  • Bin gerade echt schockiert


    Aber wo warst du denn in deinem zweiten Lebensjahrzehnt?
    Hast du es denn selber am Gymnasium anders erlebt?

    Also meine vier Puten sind alle durch, und als Vater waren meine Erfahrungen mit den drei von meinen Kindern besuchten Gymnasien wie oben dargestellt.

    Meine dienstlichen Erfahrungen an drei Gymnasien waren ähnlich.

    Meine Rede war immer: Die Grundschule hat die Kinder geöffnet, die Gymnasien haben sie enggeführt.

    Mein Lehrerdasein hab ich deshalb immer an den mir Anvertrauten orientiert. Zwei meiner Schulleiter haben den Kürzeren gezogen, der ein dritter mir diesbezüglich Tür und Tor geöffnet. Den Vierten jetzt verlass ich bald; das hat er sich verdient.

    Gymnasiallehrer wie ich sind gelernte Fachidioten, Pädagogik haben wir mal gestriffen. Das System kommt dem Verkopften entgegen.

    Man kann aber auch anders. Und auch solche KuK hab ich Gott sei Dank kennengelernt. Aber leider nur wenige. Das Forum bietet mir ein Spiegelbild meiner bisherigen Erfahrungen, gerade in Bezug auf das Engagement der GrundschulKuK.

  • Ich kenne mich kein bisschen mit Gymnasien aus, weder aus Schülerperspektive noch aus Lehrerperspektive. Was mir allerdings immer wieder auffällt ist, dass die KuK vom Gymnasium sehr häufig ziemlich anders "drauf" sind, als wir KuK von BBS oder anderen Schulformen. Das fällt mir immer wieder auf Fortbildungen auf und auch bei neuen KuK, die die Schulform wechseln von Gym zu BBS. Ich empfinde die meisten (nicht alle!) KuK vom Gym als sehr unterkühlt und den SuS wenig zugewandt. Tendentiell wird eher auf Fehler geschaut, als auf das, was gut Läuft. Wenn beispielsweise 20 von 25 SuS die Hausaufgaben gemacht haben, wird beim Klassenlehrer genörgelt, dass schon wieder 5 Leute die Hausaufgaben nicht haben. Wenn jemand häufig zu spät kommt und dann mal pünktlich ist, kommt kein "schön, dass du heute pünktlich bist" sondern "das bringts jetzt auch nicht mehr, nach den vielen Verspätungen".

    Sehr häufig kommt diese Art KuK dann auch sehr schlecht mit leistungsschwachen Klassen klar, weil häufig die furchtbare Gleichung aufgestellt wird: Leistungsschwach = "schlechte"/unangenehme Klasse. Und das wird den SuS dann auch so mehr oder weniger deutlich vermittelt. Die SuS merken das natürlich und sagen dann so Sachen wie "Frau/Herr XYZ hasst uns/hält uns für dumm etc.".

    Das sind nur meine völlig subjektiven Beobachtungen. Ich weiß, dass es ganz sicher viele Gym KuK gibt, die das Widerlegen können, ganz sicher auch hier im Forum. Im wahren Leben begegne ich solchen allerdings leider eher selten :weissnicht: Würde mich auch interessieren, woran das liegt, dass gefühlt die Mentalität so unterschiedlich ist. Zieht das System Gymnasium ein bestimmtes Lehrpersonenklientel an oder macht das Gymnasium selbst Menschen zu einem solchen Klientel? :weissnicht:

  • Zieht das System Gymnasium ein bestimmtes Lehrpersonenklientel an oder macht das Gymnasium selbst Menschen zu einem solchen Klientel?


    Ich hab den Eindruck, dass beides hier zieht.

    Meine eigene Berufschulerfahrung passt zu deinem Eindruck.

    Seit vielen Jahren wirke ich als Firmkatechet im weiteren Umkreis. Es ist gelungen, KR-FachKuK für's Team zu gewinnen. Wir sind nun unter 8 Leutz - ich bin der einzige Gymnasiale; die anderen wirken an Gesamtschulen und Berufskollegs. GymnasialKuK habe ich nie gewinnen können; die mussten samstagsmorgens immer Tennis spielen oder sowas ähnliches > kaum Empathie (Danke, Kolleg!) für Kinder und Jugendliche!

  • Ich finde es gewagt, von persönlichen Erfahrungen (auch mit mehreren Gymnasien) auf "das Gymnasium" und "die Gymnasiallehrer" an sich zu schließen (oft stellt sich ja auch im Forum raus, dass Schulen im Bundesland A nicht mit Schulen im Bundesland B zu vergleichen sind, evtl. noch nicht einmal mit Schulen in einem anderen Teil des Bundeslandes). Wenn ich mir unsere Gymnasien am Ort so anschaue, dann sind die, was das Klima betrifft, alle recht unterschiedlich. Das schlimmste pädagogische Klima, das ich jemals erlebt habe, war an einer FOS. Da wurde ich als Klassleiter aufgefordert, die Todesanzeigen in der Zeitung durchzusehen, um herauszufinden, ob ein Schüler mit Attestpflicht wirklich auf der Beerdigung seiner Großmutter gewesen sein konnte. Ich maße mir aber jetzt nicht an, über alle FOS zu urteilen.

  • Ich habe an einem Gymnasium meine Zusatzlehrprobe gemacht... Ich war „die vom Beruflichen“ und wurde wie eine Aussätzige behandelt... Der fremde Fachleiter hätte mir für meine Lehrprobe wohl gerne ne 4 rein gedrückt. Mein Fachleiter hat sich aber durchgesetzt und es gab eine 2.


    Die KuK dort, naja, nur das Wichtigste wurde mit mir gesprochen... Wenn, war es meistens eher abfällig. „Macht ihr sowas überhaupt am Beruflichen?“, „Das Abi bekommt man bei euch ja geschenkt, deswegen wechseln so viele.“


    Dass soviele Schüler wechseln, weil mit ihnen bei uns viel menschlicher umgegangen wird... Auf die Idee kam man noch nicht.

  • Na ja, es wird ja einen Lehrplan geben fürs Gymnasium und die Anzahl der Klassenarbeiten ist doch auch festgelegt (oder nicht? In BY auf jeden Fall)?


    Ich hatte jetzt schon oft 5. Klassen und ja, der Übergang von der Grundschule zum Gymnasium ist für manche schon recht heftig. Mein Kind ist auch gerade in der 5. und kommt zum Glück sehr gut zurecht, aber ich sehe in meiner eigenen 5., dass das nicht immer so sein muss. An alles, was neu ist, gewöhnen sie sich natürlich irgendwann. Am Anfang fließen hier und da auch mal Tränchen, wenn es die erste 4 oder 5 gibt, wenn die Vokabel-Ausfrage noch nicht so klappt usw., aber das hat sich zumindest in meiner Klasse gelegt und sie haben die ersten Klassenarbeiten gut hinter sich gebracht. Bei Elterngesprächen höre ich fast immer, dass sie sich wohlfühlen an der Schule.

    Leider ist es zumindest da, wo ich wohne, so, dass sehr viele ans Gymnasium gehen - zu viele. Ich habe da schon Geschichten gehört von Freundinnen an Grundschulen, wo die Lehrer so lange "bearbeitet" und eingeschüchtert werden, bis sie die Noten so drehen, dass der Übertritt ans Gymnasium gebongt ist. Allerdings fangen am Gymnasium dann die Probleme an. Wir haben jedes Jahr ca. 10-20 % SuS in den 5., die eigentlich nicht unbedingt fürs Gymnasium geeignet wären. Das merkt man daran, dass sie schnell überfordert sind mit dem Lernstoff in den verschiedenen Fächern (in BY schreiben sie zunächst nur in Mathe, Deutsch und Englisch Klassenarbeiten (= Schulaufgaben), jeweils 4 im Schuljahr) und damit, sich die gymnasiale Arbeitsweise anzueignen, sich selbständig zu organisieren, den Überblick zu behalten, die Hausaufgaben nicht zu vergessen, Stoff nachzubereiten bzw. zur nächsten Stunde zu wiederholen und zu überprüfen, ob er überhaupt sitzt. Bei vielen scheitert es allein schon daran... andere tun sich anfangs schwer, entwickeln sich dann aber gut und bekommen es dann doch hin. In meiner 5. Klasse habe ich welche, die es nicht schaffen, die Hausaufgabe von der Tafel ins Hausaufgabenheft so zu übertragen, dass sie sie zu Hause noch finden / lesen können / sie vollständig ist und sie dann tatsächlich auch noch zu machen. Da frage ich mich schon manchmal: Haben die das nicht in der Grundschule schon die ganze Zeit so gemacht?


    Ich finde den Unterschied zur 4. Klasse Grundschule --> 5. Klasse Gymnasium in vielen Aspekten zu groß. Mein Kind hatte Angst davor, die Klassenarbeit in einer bestimmten Zeit schaffen zu müssen und weinte deshalb am Abend davor... An der Grundschule gab es bei Klassenarbeiten kein Zeitlimit! Da verstehe ich nicht, warum man das nicht in der 4. Klasse mal übt, dass man so eine Arbeit in einem gewissen Zeitrahmen schafft. (Möglicherweise lag das an Corona, das weiß ich natürlich nicht).


    Auch habe ich Eltern, die mich wegen jedem Pups anrufen oder anmailen (Lehrer X hat dies getan und Lehrerin Y hat das gesagt - das war gemein! Mein Kind mag Lehrer Z nicht, kann es bitte die Gruppe wechseln? etc.), da denke Ich schon manchmal auch, dass sie noch verstehen müssen, dass das jetzt so nicht mehr läuft. Bei ca. 10 Lehrern, die sie jetzt haben, wird auch mal einer dabei sein, den sie nicht so mögen, damit müssen sie umzugehen lernen.


    Meine 5. hat natürlich eine Führung durchs Schulhaus bekommen am Anfang. Verlaufen tun sich immer wieder welche aus den neuen 5. Ich kann aber nicht da sein und sie immer zu den Zimmern begleiten, da ich ja noch andere Klassen habe und selbst im Schulhaus rumrenne. Ich rate ihnen dann vorher schon immer, in Gruppen zu gehen oder ältere SuS anzusprechen, die helfen ihnen (tun sie auch).


    Auch hieß es bei uns, dass die Kenntnisse in Mathe so unterschiedlich seien - wegen Corona. Die, die schlecht sind, haben allerdings schon mit den Grundrechenarten Probleme und das sollte eigentlich nicht an Corona liegen...


    Was den Stoff in Deutsch angeht, weiß ich natürlich nicht, bei meinem Kind hab ich noch nichts von finiten und infiniten Verben gehört...


    Ich persönlich bin schon bemüht, ihnen den Übergang möglichst angenehm zu machen, aber, wie gesagt, der Unterschied ist recht groß zur Grundschule und viele, denen in der GS alles leicht fiel, müssen jetzt erstmal lernen, richtig zu lernen und empfinden das dann natürlich als stressig.


    Soviel mal zu meinen Eindrücken und Erfahrungen...

  • aus dem bayerischen Lehrplan für Deutsch 5. Klasse (ist allerdings das letzte Thema, das für die 5. angeführt wird, kann also sein, dass es erst zum Jahresende dran kommt):


    Kompetenzerwartungen und Inhalte

    Die Schülerinnen und Schüler ...

    • benennen sprachliche Phänomene mit lateinischen Fachbegriffen, um sprachliche Verständigung fachgerecht zu beschreiben. Sie nutzen dabei ggf. andere Sprachen aus dem eigenen Umfeld.
    • unterscheiden Wortbestandteile und Wortbildungselemente und verwenden sie funktional bei der Gestaltung von Äußerungen (v. a. Laute, Buchstaben, Silben, Wortstamm, Präfix, Suffix).
    • unterscheiden Wortarten und ihre Flexionsformen mit lateinischen Fachbegriffen (Verb, Nomen, Adjektiv, Artikel, Adverb, Numerale, Pronomen, Präposition, Konjunktion und Subjunktion; Deklination, Komparation, Konjugation) und verwenden ihre Kenntnisse funktional bei der Gestaltung von Äußerungen.
    • unterscheiden die Tempora, bilden die Formen richtig und verwenden unterschiedliche Tempusformen, um zeitliche Strukturen zu erfassen und darzustellen.
    • unterscheiden das Prädikat und weitere Satzglieder (Subjekt, Dativ- und Akkusativobjekt, Lokal-, Temporal-, Modal- und Kausaladverbiale) und verwenden sie grammatikalisch richtig.
    • unterscheiden Arten des einfachen Satzes sowie Haupt- und Nebensatz, um über sprachliche Alternativen zu verfügen.
    • strukturieren und erweitern ihren Wortschatz und ihr Ausdrucksvermögen über die Möglichkeiten der Wortbildung (z. B. Ableitung, Zusammensetzung) und über Wortfamilien und Wortfelder. Sie ermitteln Wortbedeutungen, z. B. bei Homonymen, Synonymen, Antonymen, um Texte zu verstehen und Sachverhalte abwechslungsreich und treffend darzustellen.

    Hm ... ganz ehrlich ... selbst als Gymnasiallehrer wird mir da ein wenig mulmig.

  • Wir haben es ja regelmäßig im Forum davon, dass die Abiturquoten zu hoch sind und dadurch die Gefahr besteht, dass Deutschlands höchster Schulabschluss durch inflationäre Vergabe an Bedeutung verliert. Es gibt durchaus Grundschulen, an denen mehr als die Hälfte der Schüler im Anschluss auf das Gymnasium geht. Ich musste zwar in der 4 noch keine Schulempfehlungen machen, aber meine persönliche Meinung ist, dass die leistungsstärksten Schüler einer Klasse auf das Gymnasium gehen sollten und im Zweifel eher die niedrigere als die höhere Schulform - das würde ich auch bei meinen eigenen Kindern so machen. Leider wollen einige Eltern nicht hören und dann sind Kinder auf dem Gymnasium, die dort eigentlich nicht hingehören. Auf dem Gymnasium zählt Leistung und auch wenn dort ein menschlicher Umgangston herrschen sollte, müssen sich die Kinder einfach an das Pensum gewöhnen, wenn sie auf der höchsten Schulform unterrichtet werden möchten. Die Alternative wäre die Realschule mit den etwas alltagsnäheren Themen und dem gedrosselten Thema. Wer aber unbedingt auf das Gymnasium möchte, muss auf gut Deutsch "die Arschbacken z'am kneifen".


    Mit freundlichen Grüßen

  • viele, denen in der GS alles leicht fiel, müssen jetzt erstmal lernen, richtig zu lernen


    Ich will ja hier nicht jedem/r zu nahe treten; aber das oben Zitierte ist genau die Lehrposition, die ich bei den meisten GymKuK erlebe - und ich geh da steil: Warum, verflucht nochmal, müssen Kinder mit 10 Jahren am Gymnasium erst mal lernen "richtig zu lernen", so ein Dummschwätz. Die Kiddies haben es auch bis dahin schon geschafft. Nur die GymKuK leben auf der Palme, dass SIE das erst vermitteln könnten!


    Wie vielen GymKuK hab ich im Laufe der Jahrzehnte nicht schon in die Eier treten müssen, sich der Kinder zu besinnen! Wie viele Klassen hab ich übernommen, die von anderen versaut worden sind! Wie vielen GymKuKs hab ich schon Lebenshilfe geben müssen, ihren eigenen "Burnouts" durch mutige Zuwendung zu den Kids entgegenzutreten!

    Und erzähle mir hier niemand, dass meine Erfahrungen an den verschiedensten Schulen und mit bestimmt rund 500 KuK im Laufe der Jahrzehnte alles Einzelfälle sind, die statistisch scheitern.


    Schaut euch mal um, wie SL-Posten von den BZRegs chargiert werden und was das für Folgen für die KuKs und letztlich für die Anvertrauten mit sich bringt. Wer mir was zum Gymnasium erzählen will, muss noch geboren werden.


    Scheiße, was erzähl ich hier! Es geht ja schon auf Mitternacht zu; da erzählt man schon mal nen Quark.


    Oder ist das vielleicht doch der Wahrheit?

  • so ein Dummschwätz

    Nein, überhaupt nicht. Die SuS, die nach der Grundschule an das Gymnasium wechseln (oder im späteren Verlauf ihrer Schulkarriere von der Realschule an das Gymnasium wechseln), haben zuvor einfach nur im Unterricht aufpassen müssen, sich ab und zu mal beteiligen müssen und dabei problemlos die Note 1 erreicht. Im Gymnasium reicht das nicht immer aus. Da muss man sich tatsächlich hinsetzen und "pauken" (oder besser und interessanter: noch einen Schritt weiter selber denken).

    Meine persönlich "schlimmste" Zeit (während der eigenen Schulzeit) am Gymnasium war die Abiturvorbereitung: Zuvor hat man sich so "durchwurschteln" können ohne größeren Einsatz. Auf einmal musste man lernen (und wusste überhaupt nicht wie - hat aber kognitiv erkannt, dass die bisherige Vorbereitung nicht ausreicht.)

    Insofern: Je früher man das Lernen lernt (dazu angeleitet wird!), desto besser.

  • Ich persönlich kann eigentlich nur von den Erfahrungen sprechen, die ich an unserem Gymnasium gemacht habe - ich unterrichte (bedingt durch meine Fächer) erst Schüler ab der 3. Klasse Gymnasium, weiß also nicht wirklich, wie sich der Übertritt von der 4. Klasse Volksschule zur 1. Klasse Gymnasium (in Deutschland halt 5. Schulstufe) gestaltet. Mein Eindruck ist aber, daß die Kollegen, die 1. Klassen unterrichten, sehr darauf bedacht sind, den Übertritt der Schulformen, die Erfahrung, mit neuen Mitschülern klar kommen zu müssen, und die Umstellung vom Klassenlehrersystem auf das Fachlehrersystem sehr angenehm und problemlos für die Schüler zu gestalten. Dies scheint auch zu gelingen: Wir haben einen recht hohen Grad an Schülern, die sich mit unserer Schule identifizieren, die auch bereit sind, ihre Freizeit für schulische Belange (Theater, Musical) zu opfern (jetzt natürlich nicht - coronabedingt; aber es gab - und wird es hoffentlich auch wieder geben - ein Leben ohne Corona), und die auch - lange nach der Matura - noch Kontakt mit ihren ehemaligen Lehrern pflegen. Nicht wenige ehemalige Schüler schicken dann auch ihre eigenen Kinder zu uns ans Gymnasium. Das wäre vermutlich alles nicht der Fall, wenn da jemand traumatische Erfahrungen gemacht hätte. Ich tue mir auch schwer, zu glauben, daß das in deutschen Gymnasien anders sein soll, als in österreichischen. Natürlich wird Wert auf Leistung gelegt, aber gerade am Anfang der jeweiligen "Zäsurstellen" (also Übertritt von der Volksschule zum Gymnasium, bzw. von der Unter- zur Oberstufe) wird überall - so denke ich zumindest - darauf wert gelegt, die Schüler dort abzuholen, wo sie sind und ihnen den Übertritt möglichst zu erleichtern.

  • Schülern, die sich mit unserer Schule identifizieren

    Was ist das für ein Wert?

    für schulische Belange opfern

    Sprache ist verräterisch: SuS sollen für schulische Belange etwas opfern?

    Übertritt möglichst erleichtern.

    Warum ist das denn schwer? Warum dieses Theater?

    Natürlich wird Wert auf Leistung gelegt

    Wo lese ich denn hier und in den anderen Posts denn nichts von Freude? Lernfreude? Entdeckerfreude? Forscherdrang? Spielfreude? Lese- und Gestaltungslust? Unterstützt ihr auch Suchende?

    Wenn ich das alles so lese - versteh mich richtig, lera1, es geht nicht um deine Darstellung alleine, dann holt ihr nicht Wartende ab, sondern transportiert sie irgendwohin.


    Schon mal erlebt, dass in deinem Rücken beim Tafelanschrieb, ja, gibt's noch und auch, dass beim Tafelanschrieb eines grammatikalischen Begriffs eine 7.-Klässlerin quiekt (ja, er hat "quiekt" gesagt): "Ich hab's verstanden, ich hab's verstanden? Dann ist das bei dem Fall sicher auch so, weil ..."?


    Es gibt so viel kleine und große Wundermöglichkeiten im Zusammenwirken von SuS und LuL, dagegen verweisen viele der obigen Worte und "Argumente" auf Stressfaktoren.

    Die meisten der von mir erlebten GymKuK tradieren nur eigene Gymnasialerfahrungen, suchen und finden kaum freie oder befreiende Wege den Kindern und Jugendlichen die Welt zu erschließen. Dass es anders sein kann, zeigen die Ausnahmen.

    Aber der Ausgang waren die Erfahrung und Anfrage von erdbeerchen, der ich hier nur aus meiner Sicht geantwortet habe.

  • Mit Klassenarbeiten werden die Kinder nur so bombardiert. In Deutsch (Klasse 5!) steht nun eine Arbeit an zu den Themen "Finite und infinite Verben", Partizipien, Nebensätze, Zeitformen. Also, ich weiß ja, was wir in Klasse 4 in Deutsch machen, darauf könnte man nun ja gut aufbauen. Aber ich kann nicht glauben, dass diese o.g. Themen nun allen Ernstes direkt am Anfang in Deutsch abgeprüft werden. Sind das wirklich Themen für Klasse 5?

    Ich finde das doch reichlich polemisch formuliert und scheinbar fehlt da das Hintergrundwissen zur Struktur in der Sekundarstufe I:


    1) Was heißt denn "mit Klassenarbeiten bombardiert"? Es ist an weiterführenden Schulen vorgesehen, dass bei einer Wochenstundenzahl n im Schuljahr n bis n+1 Klassenarbeiten in jedem Fach geschrieben werden. Die erhöhte Fächeranzahl gegenüber der Grundschule führt zwangsläufig zu mehr Arbeiten. Das wäre aber an jeder anderen weiterführenden Schule ähnlich.


    2) Finite und Infinite Verben, Zeitformen usw. sind, wie viele andere Inhalte, Bestandteil des Deutschunterrichts im Doppeljahrgang 5/6. Wenn die Fachkonferenz der Schule beschlossen hat, diese im ersten Halbjahr der 5 zu unterrichten, dann ist das sicher mit genügend pädagogischem Augenmaß geschehen. Dass am Gymnasium ein etwas anderes Lerntempo herrscht, als den Grundschulen, liegt in der Natur der Sache. Die allermeisten Kinder am Gymnasium kommen damit wunderbar klar.


    Das war auch nur ein Beispiel. In anderen Fächern läuft es ähnlich. Mich macht das echt fassungslos, dass es an dieser Schule allem Anschein nach nicht darum geht, Kinder auf ihrem Lern- und Lebensweg eine Stütze / Hilfe / Begleitung zu sein, sondern offensichtlich vorrangig darum, die Klassen wieder kleiner zu machen und möglichst schnell alle Kinder auszusortieren, die den (überzogenen?) Forderungen nicht gerecht werden. Das macht ja so einiges mit einer Kinderseele... Klar, nicht jedes Kind ist auf dem Gymnasium richtig aufgehoben. Aber das sieht man doch auch ohne solche bewusst fehlplatzierten Tests und hätte zudem auch vielleicht noch etwas Zeit.


    (3) Den pauschalen Vorwurf halte ich für ungerechtfertigt. Ich durfte inzwischen an mehreren Schulen miterleben, wie der Übergang von den Grundschulen in die weiterführenden Schulen durch die neuen Klassenlehrkräfte und Stufenleitungen gestaltet wird. Das war jeweils sehr wertschätzend, Orientierung stiftend und die jeweiligen Lehrkräfte (incl. der Fachlehrkräfte) helfen den Kindern beim Übergang und den neuen Herausforderungen.


    (4) Einen wahrscheinlich zum Unterrichtsinhalt sehr passenden Test, möglicherweise auch als Diagnostik für die Schwerpunktsetzung von Übungen im weiteren Unterricht gedacht, als bewusst fehlplatziert zu bezeichnen, halte ich für arg vermessen, insbesondere wenn man sich offensichtlich wenig mit dem Unterricht und der Arbeitsweise in Sek I auszukennen scheint.


    (5) Dass nicht jedes Kind einen erfolgreichen Weg am Gymnasium zurücklegt, liegt kaum daran, dass Schulen aussieben möchten. Auch Gymnasien stehen i.d.R. im regionalen Wettbewerb um Schülerzahlen, auf die sie ungern verzichten und werden versuchen, so sinnvoll wie möglich zu fördern. In Anbetracht der inzwischen sehr hohen Übertrittsquoten von 39% (regional bis zu ca. 66%) von den Grundschulen ins Gymnasium, kann es aber wenig wundern, dass es einzelne Schülerinnen und Schüler gibt, die den Leistungsanforderungen nicht gerecht werden können. Dass die betreffenden Kinder dabei nicht gerade Selbstvertrauen tanken, ist bitter, liegt aber nicht einfach an der "bösen Schule", sondern nicht selten an Elternhäusern, die unbedingt das Gymnasium forciert haben, obwohl sich in der Grundschule bereits abzeichnete, dass der Weg über eine andere Schulform evtl. sinnvoller wäre.


    Von Anfang an wurden die Kinder an besagter Schule mit dem Organisatorischen allein gelassen (ja, ich weiß, am Gymnasium können die Kinder nicht mehr so betüddelt werden wie noch an der GS), einige Kinder haben ihren Klassenraum nicht wiedergefunden, es gab tagelang keine Infos über Stundenplan und Lehrer

    (6) Das ist wirklich unglücklich gelaufen. Ich würde mir da als betroffenes Elternteils mit Sicherheit auch eine bessere Organisation und Orientierung wünschen! Typisch für alle Gymnasien ist das zum Glück nicht.

  • ... einige Kinder haben ihren Klassenraum nicht wiedergefunden, es gab tagelang keine Infos über Stundenplan und Lehrer, der Elternabend war ein unterkühltes Fiasko, bei dem der Klassenlehrer nach der großen Runde einigen Eltern bereits riet, sich nach einer neuen Schule für ihr Kind zum Halbjahr umzusehen.

    Klingt nach einer bekackten Schule, das hat aber meiner Ferneinschätzung nach nichts mit der Schulart zu tun. Ob das Mädchen der "Stofffülle" gewachsen ist, wird sich zeigen. In vielen Bundesländern ist Gymnasium ja inzwischen Standard, wer Haupt- oder Realschüler wird ist das Opfer. Das ist ein tragischer Vorgang, aber Eltern müssen sich bewusst werden, ob es nur mit ihrem Ego zu tun hat, dass es das Gymnasium sein muss.


    Alles andere scheint mir normal, viele Fächer, mehr Lehrer, mehr Klassenarbeiten. Was im Unterricht drankommen muss steht im Lehrplan, das kannst du ja selbst nachsehen.


    Stärkt das Kind, macht ihm Mut, das wird besser werden. Wenn sich aber herausstellt, dass die Schule wirklich bewusst siebt, dann überlegt, was dem Mädchen gut tut, (nicht) was die Eltern sich erhoffen. Viele Wege führen zum Abi. Und andere Wege führen zu einem glücklichen Leben ganz ohne Abi.

  • Es fällt nicht das erste mal auf, dass Diskussionen, bei denen User sich hier zu Schulformen äußern, in denen sie nicht unterrichten, hier genau so schnell in das Ausbreiten von Vorurteilen und Klischees abdriften, wie bei nicht-Lehrern.

    Schon lustig, wenn wir uns gerne darüber aufregen, dass der Lehrerberuf und unsere Arbeit gesellschaftlich nicht den Stellenwert hat, den wir für angemessen halten, gleichzeitig gegenüber Lehrern anderer Schulformen kein Stück besser sind.

  • Und zur Ausgangsfrage:

    Natürlich machen Gymnasien heute auch Einführungswochen, versuchen Schülern Struktur und Orientierung zu geben, etc., zumindest meins.

    Wie sehr sie sich darum bemühen, einzelne Schüler zu gewinnen und zu halten, hängt nach meiner Erfahrung vor allem von der Konkurrenzsituation vor Ort und der eigenen Auslastung ab. Das ist bei anderen Schulformen aber ähnlich.

    Und wie Eltern das wahrnehmen hängt auch oft von der Situation des eigenen Kindes ab. Hat das Kind leistungstechnisch zu kämpfen, dann wird "rücksichtslos gesiebt", kommt es problemlos mit, dann "hat die Schule ein tolles Leistungsniveau".

  • Mir fällt häufig auf, dass Kritik an Schulen oder Kollegen hier generell nicht erwünscht ist. Es gibt schlecht organisierte Schulen und es gibt unsensible Lehrerinnen. Es gibt sogar gewalttätige Kollegen und man muss es nicht unbedingt auf sich beziehen, wenn jemand feststellt, dass eine Schule so schlecht auf Fünftklässler vorbereitet ist, dass die ihr Klassenzimmer nicht finden. Offenbar geht es dem Mädel dort nicht gut und wichtig ist, zu schauen, wie man es unterstützen kann. Man muss allerdings aufpassen, dass man nicht ständig über die Schule herzieht, das hilft dem Kind nicht.

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