"Menschlichkeit fehlt" am Gymnasium - geht es nur ums Aussieben??

  • Mir fällt häufig auf, dass Kritik an Schulen oder Kollegen hier generell nicht erwünscht ist. Es gibt schlecht organisierte Schulen und es gibt unsensible Lehrerinnen. Es gibt sogar gewalttätige Kollegen und man muss es nicht unbedingt auf sich beziehen, wenn jemand feststellt, dass eine Schule so schlecht auf Fünftklässler vorbereitet ist, dass die ihr Klassenzimmer nicht finden. Offenbar geht es dem Mädel dort nicht gut und wichtig ist, zu schauen, wie man es unterstützen kann. Man muss allerdings aufpassen, dass man nicht ständig über die Schule herzieht, das hilft dem Kind nicht.

    Da bin ich vollkommen bei dir. Kritik an bestimmten Prozessen in konkreten Schulen ist unbedingt notwendig, um diese langfristig anpassen zu können. Unschön finde ich, wenn konkrete Beobachtungen, die noch dazu von außen geführt werden und nur einen Teil der Abläufe erfassen, zur Pauschalkritik an einer ganzen Schulform führen.

  • Mir fällt häufig auf, dass Kritik an Schulen oder Kollegen hier generell nicht erwünscht ist. Es gibt schlecht organisierte Schulen und es gibt unsensible Lehrerinnen.

    Die Diskussion geht hier überwiegend nicht über eine Schule oder einen Kollegen, sondern um eine Schulform.

  • Die Diskussion geht hier überwiegend nicht über eine Schule oder einen Kollegen, sondern um eine Schulform.

    Das stimmt in diesem Fall. Aber du selbst beziehst dich in deinem ersten Beitrag auf andere Threads. Dann müsste man konkret sagen: du, liebes Erdbeerchen, scherst gerade eine ganze Schulform über einen Kamm...

  • Mir geht es gar nicht um die Autorin, die ist in einer Situation persönlich betroffen und da ist es eben so, dass man nicht objektiv ist und auch nicht sein muss. Ich kann verstehen, dass es Leuten nahe geht, wenn das eigene Kind, Enkelkind, etc. in seiner schulischen Situation unglücklich ist.

    Mich amüsiert eher, dass dann gleich ein halbes dutzend andere darauf anspringen und überhaupt nichts zum eigentlichen Sachverhalt beitragen, sondern mit irgendwelchen Anekdoten a la "ich habe mal Gymnasiallehrer auf Fortbildungen getroffen und die hatten alle hässliche Pullis an" in ein Gesamtbild einstimmen.

  • "Mein" Gymnasium macht einen Kennenlernnachmittag, eine Einführungswoche mit Schulrallye, jede fünfte Klasse bekommt Paten aus der Jahrgangsstufe 7 (ich glaube wegen der Coronaregeln dieses Jahr nicht, aber dieses Jahr ist auch kein Maßstab) und die ersten zwei Wochen (je nach Klasse auch schon mal länger), holen diejenigen KuK, die in Fachräumen unterrichten, die 5er am Klassenraum ab.

    Den Stundenplan gibt es am ersten Schultag, aber wann soll es denn sonst geben? Das wundert mich bei der Ausgangsfrage. Es sei denn, es gab den eben erst am Ende einer Einführungswoche.

    Für das Aufschreiben der Hausaufgaben etc. hat bei uns jeder SuS einen Schulplaner. Ich weiß von keinem Gymnasium ohne Schulplaner für die Kinder. Dieser Schulplaner muss wöchentlich von den Eltern unterschrieben und der/die KL kontrolliert die Unterschrift, so dass schon auffällt, wenn ein Kind seine Hausaufgaben nicht ordentlich aufschreibt. Wenn nicht, dann achten die KuK schon darauf, dass die Hausaufgaben aufgeschrieben werden, allerdings kann man natürlich nicht am Ende jeder Stunde die Schulplaner von 30 SuS kontrollieren.


    Zum Thema "Lernen lernen": Dazu machen wir im Unterricht Einheiten mit den Kindern und auch einen Elternabend. Die hier vorher getägtigte Aussage, dass viele Kinder am Gymnasium zum ersten mal wirklich lernen müssen, kann ich absolut unterschreiben. Das sind oft Kinder, die mit Einsen und Zweien von der Grundschule kommen, ohne, dass dafür besondere Anstregung erforderlich gewesen wäre. So geht es am Gymnasium eben nicht weiter, weil das Pensum ein anderes ist. Es passiert auch regelmäßig, dass SuS in Tränen ausbrechen, weil sie am Gymnasium dann zum ersten Mal in ihrem Leben eine drei geschrieben haben.


    In der EF beobachten wir das gleiche Phänomen mit SuS, die von einer anderen Schulform zu uns kommen. Viele (nicht alle!) sind ziemlich überfordert bei uns. Sie mussten in Englisch noch nie freie Texte schreiben, die länger als zwei Sätze sind (das passiert bei uns ja schon in Klasse 5 und 6, obwohl die Texte da natürlich deutlich einfacher sind). Genauso kennen sie es oft aus Mathe nicht, dass Aufgaben in Klausuren drankommen, die nicht vorher genauso, nur mit anderen Zahlen, im Unterricht behandelt worden sind. Bei mir entsteht in Mathe oft der Eindruck, dass diesen Schülern in Mathe komplett die Erfahrung aus dem AFB III fehlt. Das ist natürlich schlecht und nur schwer aufzuholen. Wir haben Vertiefungskurse, zu denen wir diesen SuS raten, um das was fehlt aufzuholen, an diesen Kurse nehmen diese SuS aber oft nicht teil, weil sie der Meinung sind, dass sie ja in der Realschule (oder wo auch immer) die besten waren und darum keine Förderkurse brauchen.

  • Nur die GymKuK leben auf der Palme, dass SIE das erst vermitteln könnten!

    Wenn du meinen Post richtig gelesen hättest... ich sagte ja, dass ich eigentlich genau das erwarte, wenn sie ans Gymnasium kommen. Warum klappt das dann häufig nicht? Ich sehe es absolut nicht als meine Aufgabe an, ihnen erst beizubringen, Hausaufgaben ins Hausaufgabenheft abzuschreiben und ihren Ranzen zu packen...! Schon gar nicht habe ich behauptet, erst das Gymnasium könne so etwas vermitteln.

    Ich habe auch schon einige Schuljahre auf dem Buckel und unterrichte querbeet in allen Stufen und denke, ich kann ganz gut einschätzen, wie häufig das vorkommt und woran es liegt, dass nicht wenige dann doch irgendwann auf die Realschule wechseln.

  • Wir starten mit Einführungstagen und mit Rallye durch das Schulgebäude, Einheiten zu Selbstorganisation und Lernen lernen, regelmäßigen Kontakten zu Mentoren aus höheren Jahrgängen usw. Meinem Eindruck nach werden die Kinder recht nett abgeholt und (möglichst) sichergestellt, dass sie keine Orientierungsschwierigkeiten haben.


    Die Stofffülle ist allerdings für viele überfordernd und es ist nicht selten, dass bereits in der ersten Runde Klassenarbeiten 5en geschrieben werden. Wenn man sich anschaut, mit welchen Noten und Empfehlungen die Kinder aus der Grundschule kommen, verwundert das aber halt auch nicht. Ein gutes Drittel ist bei uns eigentlich falsch. Sieben wir aus? Nein, leider nicht wirklich. Wir würden gerne, aber da Schulplätze an anderen Schulformen hier rar sind, geben wir am Ende der Unterstufe meist nur (bei sechszügigem System) 10-12 Kinder ab. Besser wären für alle Beteiligten deutlich höhere Quoten, aber faktisch ziehen wir viele mit 4er Schnitt irgendwie haarscharf durch. Nichtsdestotrotz müssen die Kinder aber natürlich die geforderten Leistungsnachweise bringen und das ist für viele eine Umstellung. Die Zahl der Klassenarbeiten ist festgeschrieben (bei uns in jedem Halbjahr 3 pro Hauptfach), zusätzlich werden wöchentlich Vokabeltests in Englisch geschrieben und Tests in den diversen Nebenfächern. Ich persönlich wäre auch kein Fan davon, die Frequenz der Tests runterzusetzen - gerade bei unserem Klientel ist es wichtig, dass sie regelmäßig am Ball bleiben und Nachlässigkeiten sofort in Noten sichtbar werden (auch und gerade für die Eltern).

  • Ich sag jetzt mal nicht, wieviele aus der Klasse meines Kindes ans Gymnasium gegangen sind... 🤭

    Selbst mir ist die Kinnlade runtergefallen.

    Wir haben hier eine Grundschule, bei der jedes Jahr 85%-90% der Schüler auf das Gymnasium wechseln. Die Schüler von dieser Schule haben auch am wenigsten Probleme und machen zu einem überproportional hohen Anteil später auch ihr Abitur.

  • Schon mal erlebt, dass in deinem Rücken beim Tafelanschrieb, ja, gibt's noch und auch, dass beim Tafelanschrieb eines grammatikalischen Begriffs eine 7.-Klässlerin quiekt (ja, er hat "quiekt" gesagt): "Ich hab's verstanden, ich hab's verstanden? Dann ist das bei dem Fall sicher auch so, weil ..."?

    Quieken nicht grad, bei uns klingt das mehr so: "Woa Alta... I glaub i has checkt! Lueg, ich erklär's dir schnäll... [zum Sitznachbarn]"


    Nicht ganz so romantisch wie Dein Quieken, ich weiss, und halt auch ein bisschen Ghetto, aber Besseres habe ich nicht zu bieten. Wir sind halt nur ein Ghetto-Gymnasium 😉

  • Ich kann nichts zu Gymnasien in Niedersachsen sagen. Der Threadtitel ist sehr plakativ, muss hier auch schon um Leser geworben werden? Insofern weiß ich nicht, worauf ich antworten soll, die persönlichen Anekdoten oder den pauschalen Titel.


    Pauschal ist das für Bayern Quatsch.


    Anekdotisch: Klingt schlecht dort, ja. Zur echten Einsätzung müsste man mehr wissen: Gymnasialschulempfehlung, ja oder nein, oder gibt es das überhaupt in Niedersachsen? Steht das so im Lehrplan, ja oder nein, oder gibt's überhaupt schulübergreifende Lehrpläne? (Das ist ja nicht überall so, glaube ich.) Es gibt sicher schlechte Gymnasien, und es gibt sicher individuelle Überforderung, die dann häufig auf die Schule geschoben wird. Soll ich etwas zu bayerischen Gymnasien schreiben, oder ist das hier gar nicht verlangt?


    Dass es im Allgemeinen Unterschiede zwischen Lehrkräften am Gymnasien und anderen Schularten gibt, stimmt übrigens sicher. Ich lass das mal so stehen.

    Seit 2004 unter dem gleichen Namen im Forum, weitgehend ohne ad hominem.

  • Wir haben hier eine Grundschule, bei der jedes Jahr 85%-90% der Schüler auf das Gymnasium wechseln. Die Schüler von dieser Schule haben auch am wenigsten Probleme und machen zu einem überproportional hohen Anteil später auch ihr Abitur.

    Doch nicht etwa aus der Grundschule mit Einzugsgebiet "Zahnärzte-Lehrer-Rechtsanwalts-Einfamilienhaussiedlung"? :flieh:


    Ach ach, ob wir das komische frühselektierende Schulsystem jemals überwinden?

  • Wir haben hier eine Grundschule, bei der jedes Jahr 85%-90% der Schüler auf das Gymnasium wechseln. Die Schüler von dieser Schule haben auch am wenigsten Probleme und machen zu einem überproportional hohen Anteil später auch ihr Abitur.

    Sehr gutes Einzugsgebiet mit vielen Akademikerkindern? Ich hatte immer gedacht, dass die Intelligenz überall normalverteilt ist, aber ich meine, dass @Connie mir mal erzählte, dass in berliner Problembezirken der IQ tatsächlich im Durchschnitt niedriger ist als in guten Bezirken.

    85-90% eines Jahrgangs sollen dennoch gymnasialgeeignet sein mit hohem Stoffpensum, relativ selbstständiger Arbeitsweise und AFG III? Ich kann mir das nicht so ganz vorstellen...

  • Ich hab mein Ref am Gymnasium gemacht. Wir sind damals mit dem Fachseminar Englisch extra in die Grundschule gegangen und haben uns mal den Englischunterricht dort angeguckt, damit wir sehen an was wir anknüpfen können und wie dort unterrichtet wird. Fand ich sehr hilfreich.

    Ansonsten kann ich das bisher gesagte nur unterschreiben.

    Das ist übrigens in der 11. Klasse am Beruflichen Gymnasium auch das gleiche. Sie kommen von der Realschule, waren gut bis Mittelfeld und jetzt wo die ohne Quali nicht mit dabei sind und wo verschiedene Schulen und Schulformen zusammen kommen, wird halt neu gemischt. Und da kommen auch so Aussagen wie: wir mussten noch nie einen so langen Text schreiben, ich hab noch nie eine Charakterisierung geschrieben...

    Only Robinson Crusoe had everything done by Friday.

  • OT @Wollsocken80 , sprichst du eigentlich Schwyzerdütsch?

    Nein, ich spreche nicht mal mehr Bayrisch. Wenn ich in Deutschland bin und mit Leuten spreche, fällt allerdings sofort auf, dass ich offenbar aus der Schweiz komme. Ich höre es ja selbst nicht, aber es muss irgendwie süddeutsch-schweizerisch dialektgeprägt sein. Einzelne Wörter wie Kügeli oder Kistli oder eben die typischen Helvetismen (Velo, Poulet,...) habe ich sicher übernommen.

  • Eltern müssen sich bewusst werden, ob es nur mit ihrem Ego zu tun hat, dass es das Gymnasium sein muss.

    Absolut!!

    "Mein" Gymnasium macht einen Kennenlernnachmittag, eine Einführungswoche mit Schulrallye, jede fünfte Klasse bekommt Paten aus der Jahrgangsstufe 7 (ich glaube wegen der Coronaregeln dieses Jahr nicht, aber dieses Jahr ist auch kein Maßstab) und die ersten zwei Wochen (je nach Klasse auch schon mal länger), holen diejenigen KuK, die in Fachräumen unterrichten, die 5er am Klassenraum ab.

    Zum Thema "Lernen lernen": Dazu machen wir im Unterricht Einheiten mit den Kindern und auch einen Elternabend.

    Bist du an meiner Schule?? Ach nee, anderes Bundesland.

    Aber wir machen all das auch. Ich hatte sowas als Schülerin gar nicht, da wird heute wirklich viel gemacht, um den Übergang zu erleichtern.

  • Es fällt nicht das erste mal auf, dass Diskussionen, bei denen User sich hier zu Schulformen äußern, in denen sie nicht unterrichten, hier genau so schnell in das Ausbreiten von Vorurteilen und Klischees abdriften, wie bei nicht-Lehrern.

    Schon lustig, wenn wir uns gerne darüber aufregen, dass der Lehrerberuf und unsere Arbeit gesellschaftlich nicht den Stellenwert hat, den wir für angemessen halten, gleichzeitig gegenüber Lehrern anderer Schulformen kein Stück besser sind.

    Und wie immer ist der eine "Nestbeschmutzer" mit dabei, der auch alles doof findet aber natürlich selber immer alles besser macht.

  • Ich hoffe, nicht alle Gymnasien arbeiten so.

    Also das Gymnasium meiner Kinder definitiv nicht, obwohl das durchaus den Ruf hat leistungsorientiert zu sein. Gerade die Klassenlehrer empfand ich als erstaunlich fürsorglich, das hatte ich in der Form gar nicht erwartet (und hier sind die Kinder ja schon deutlich älter, wenn sie wechseln!) Es wurde definitiv auch geguckt, am Anfang einen Überblick über den tatsächlichen Stand zu bekommen und Kindern mit Schwierigkeiten gezielt Hilfen anzubieten.

    Meine beiden haben sich sehr schnell heimisch gefühlt und das ist auch so geblieben. Was ich zur Zeit z.B. auch beeindruckend finde ist , wie die Schule mit der aktuellen Situation umgeht. Sehr transparent und sie strengen sich wirklich sehr an, alle Kinder mitzunehmen und z.B. zu gucken , dass es im Ernstfall auch mit dem zu Hause lernen klappt. Da passiert auf jeden Fall sehr viel "Menschliches"....

    (Anekdote am Rande: ich habe echt geschmunzelt, als das das eine Kind anfangs plötzlich wieder Stempel/Sticker unter den Klassenarbeiten hatte... würde ich mich bei einer 6.Kl an der Grundschule gar nicht mehr "trauen"...das Kind selber fand das auch lustig).

    Ich denke es ist wie an alle Schulformen: es gibt sone und solche.

    "Die Wahrheit ist ein Zitronenbaiser!" Freitag O'Leary

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