Das Fach Wirtschaft in NRW oder wenn Leute ohne Ahnung Schulpolitik machen Teil 8453

  • Die Schulministerin in NRW plant jetzt tatsächlich, den Lehrer*innen, die das Fach Sozialwissenschaften unterrichten, die Lehrbefähigung für das Fach Wirtschaft zu nehmen. Das sollen diese dann nur nach einem Zertifikatskurs bzw. vorher - großzügigerweise - vertretend unterrichten dürfen.


    https://www.handelsblatt.com/p…tet-protest/26828946.html


    Meine Meinung dazu:

    1. Wir brauchen kein Fach "Wirtschaft" am Gymnasium, weil wir mit "Politik/Wirtschaft" bzw. "Wirtschaft-Politik" bestens ausgelastet sind und sogar über die Vorteile eines integrativen Fachs verfügen, das dann in der Oberstufe mit dem Fach "Sozialwissenschaften" wunderbar fortgeführt wird (und im übrigen schon jetzt mehr ökonomische als politikwissenschaftliche oder soziologische Anteile hat).

    2. Ich frage mich ja, ob ich dann überhaupt noch unterrichten darf. Mein Studiengang bestand zu ziemlich genau jeweils einem Drittel aus Wirtschaftswissenschaft, Politikwissenschaft und Soziologie. Wenn ich nun für das eine davon offenbar ungeeignet bin, kann ich die anderen beiden Bereiche doch auch nicht?! Und ich habe als zweites Fach ja "Deutsch" studiert. Ich sollte wohl lieber auch keinen Literaturunterricht mehr geben, weil ich ja nicht "Literaturwissenschaft" studiert habe. Ich beantrage vielleicht mal, dass ich dann - bei vollen Bezügen - von nun an lieber direkt zu Hause bleibe.

    3. Wenn man sich wundert, dass es Schüler*innen an ökonomischen Kompetenzen fehlt, dann liegt das auch an der totalen Überfrachtung der Kernlehrpläne, zu denen wir ja - laut Implementierungsveranstaltung - noch drei weitere Einheiten selbstständig hinzufügen sollen. Wenn ich dann noch 6 Stunden für eine ökonomische Einheit habe, wundert zumindest mich nicht, dass da nicht viel rumkommt.

    4. Wenn die Ministerin etwas Sinnvolles machen will, sollte sie lieber ein eigenständiges Fach für die Studien- und Berufsorientierung einführen. Denn das "klaut" und Sowi-Lehrern tatsächlich immer viel Zeit.


    Abgesehen davon, dass der ganze Plan vorne und hinten Müll ist, finde ich, dass es schlicht eine bodenlose Frechheit ist. Da stimmt das Motto "Außen hui, innen pfui" wohl - statt sich um die echten Probleme zu kümmern, führt man lieber prestigeträchtig ein neues Fach ein.

  • ich habe es auch gestern "zur Kenntnis genommen" und es war das I-Tüpfelchen meiner Woche. SoWi war einer der Gründe, zurück nach NRW zu kommen (in NDS hat man keinen Soziologie-Anteil).
    Mein Kenntnisstand ist, dass das Ganze noch im Anhörungsverfahren gibt und dass es nicht feststeht. Die Unis könnten ja noch aufzeigen, warum es Schwachsinn ist (darauf setze ich allerdings wenig, weil an Unis auch Leute stehen, die natürlich ihre Chance wittern, jetzt einen Schwerpunkt zu setzen, den es vorher nicht gab).
    PK/Wirtschaft/SoWi ist DAS Fach per Exzellenz, die in jedem Bundesland leicht anders ist, ich bin auf die Begründung und die Anerkennungsverfahren der Zukunft gespannt (ich habe in RLP studiert, in NDS das Ref, in NRW die Einstellung, mein Fach hat also drei verschiedene Bezeichnungen auf allen Zeugnissen).

    Was machen sie denn mit den ganzen KuK, die keine Oberstufe mehr unterrichten können? Keine Schule kann sich es leisten, 3-4 SoWi-Lehrer*innen zu Zertifikatskursen zu schicken, um ein Fach zu erwerben, das sie schon unterrichten. Neue KuK einstellen, die heutzutage alle nur ein zweites Fach haben (und es wird selten Physik oder Chemie sein), während die anderen dann in ihr erstes / ihre anderen Fächer zurückgedrängt werden, herzlichen GLückwunsch!
    Ich bin leider in keinem Fachverband, die Überlegung ist es jetzt aber wert (es hat sich einfach bisher nicht ergeben, oft tritt man in Zusammenhang mit einer FoBi, einer Tagung oder einer Zeitschrift bei und ich schon in zwei anderen Fachverbänden neben Berufsverband, an die wichtigen Infos kam ich durch Kolleg:innen...). ALlerdings will ich sicher sein, dass der Verband MEINE Interessen vertritt und die Schwerpunktsetzung auf Wirtschaft nicht bejubelt (ohne an die Konsequenzen zu denken).

  • Ich unterrichte das Fach nicht, kann darum gar nichts zu der akutellen Situation sagen. Was ich aber eine absolute Unverschämtheit finde, ist, Lehrer*innen die bereits im Dienst sind, jetzt die Fakultas zu entziehen. Dann hätte man, bei der Einführung von Stochastik als Pflichtthema in Mathe auch allen Mathelehrer*innen die Stochastik nicht an der Uni belegt haben, die Fakultas für das Fach Mathematik entziehen müssen. Und das wären sehr viele Lehrer*innen gewesen, denn Stochastik war sehr lange weder Pflicht an der Uni, noch in der Oberstufe (abgesehen von einem "Orientierungswissen", wenn überhaupt).


    Ich hoffe, dass die Landesregierung mit dem Vorhaben nicht durchkommt.

  • Ich habe OBAS gemacht und habe mein Zweitfach sogar überhaupt nicht studiert (Mathe). Meinen LK-Kurs kann man überhaupt nicht studieren.


    as sollen diese dann nur nach einem Zertifikatskurs bzw. vorher - großzügigerweise

    Naja, den muss man ja nicht machen - ist ja Arbeitszeit. Dann gibts halt keine LehrerInnen mehr, die das unterrichten dürfen. Dann wird die "Der Markt regelt das schon" (aka "lasst uns der Wirtschaft in den Arsch kriechen)-Partei FDP schnell merken, wie gut die Idee ist.

    "Unfähigkeit ist kein Dienstvergehen und kann nicht geahndet werden."

  • Kalle29 hat es schon beschrieben. Das Land schneidet sich die Ressourcen ab, wenn jemand etwas nicht mehr unterrichten darf. Das werden sie schnell merken und entsprechend großzügige Ausnahmen regeln. Bis dahin macht ihr das half fachfremd. D. h. in der Praxis ändert sich nix.

    "Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert."
    Matthäus 10.34

  • Ich glaube schon, dass es von den Unis einen ziemlich starken Gegenwind geben wird. Wenn die Studis in SoWi auf einmal ihr Fach später nicht mehr unterrichten können, dann wird das nicht einfach so ignoriert. Gerade in der Lehrerbildung.

    Bildung ist die Fähigkeit, fast alles anhören zu können, ohne die Ruhe zu verlieren oder das Selbstvertrauen. (Robert Frost)

    Bildung kann einen sehr glücklich und gelassen machen. (Günther Jauch)

    Was nützt es dem Menschen, wenn er Lesen und Schreiben gelernt hat, aber das Denken anderen überlässt? (Ernst R. Hauschka)




  • Vor allem würde der Prozess doch mindestens zehn Jahre dauern, bis er an der Schule sinnvoll ankommt. 5+1,5 Jahre Ausbildung, dazu Änderungen der Prüfungsordnungen an den Unis.

    "Unfähigkeit ist kein Dienstvergehen und kann nicht geahndet werden."

  • Kalle29 hat es schon beschrieben. Das Land schneidet sich die Ressourcen ab, wenn jemand etwas nicht mehr unterrichten darf. Das werden sie schnell merken und entsprechend großzügige Ausnahmen regeln. Bis dahin macht ihr das half fachfremd. D. h. in der Praxis ändert sich nix.

    Wenn ich nicht wüsste, dass sie das Spielchen (in einer leicht anderen Form) bei Praktischer Philosophie gespielt haben, würde ich auch an die Vernunft glauben.
    Die Sek1 zu verlieren, würde mir nicht soviel ausmachen (zumal ich die eh fachfremd unterrichten könnte), aber die Sek2, DAS würde wehtun.

  • Die Tatsache, dass eine Zeit lang Quereinsteiger mit sehr großzügig ausgelegter fachlichen Kompetenz in den Schulen eingestellt wurden (auch in NRW) und jetzt wegen so einer Kleinigkeit ein Gedöns gemacht wird. Wie schon gesagt wurde, dieses "Laberfach" heißt in jedem Bundesland ein bisschen etwas, mit leicht unterschiedlichen Schwerpunkten, aber ich sehe nicht gerade, warum Lehrer, die in dem Fach regulär ausgebildet wurden, auf einmal nicht mehr in der Lage sein sollten, es zu unterrichten. Neue Lehrer dürfen ja gerne nach neuen Schwerpunkten ausgebildet werden, Änderungen der Studienordnung gibt es ja immer wieder, aber dieser unterbreitete Vorschlag ist nun wirklich kleinkariert.

  • Für die FDP ist es leider keine Kleinigkeit. Wirtschaft steht halt für die über allem und die SuS sollen ja lernen, wie man Aktien kauft. Soziologie stört doch nur, nachher lernen die SuS noch, was soziale Ungleichheit ist und dass man mit "Leistung" eben nicht alles erreichen kann.

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  • Lindbergh, könntest du bitte andere Worte nutzen, um deine scheinbar negative Beziehung zu einem Fach auszudrucken. SoWi ist kompetenzorientiert, es gibt Wissenspunkte/ harte Fakten, die in einem Erwartungshorizont abgehakt werden können, genauso wie die methodischen Fähigkeiten, die Urteilskriterien, usw. Man kriegt keine gute Note für "hat ein bisschen darüber gequatscht, wie Menschen zusammenleben"...

  • Ich habs gestern auch gelesen und mich echt gewundert, vor allem, weil ich garnicht verstehe, WARUM diese m.E. gravierende Veränderung überhaupt notwendig ist? Dass ein Fach in der Oberstufe anders heisst, als in der Sek I gibt es auch bei anderen Fächern (Geographie/Philosophie) und inhaltlich hat sich im Sek I Curriculum garnicht so viel geändert, i.e. Soziologieanteile sind nachwievor vertreten. Natürlich könnte man die aus ideologischen Gründen rausstreichen, aber unabhängig davon, dass Soziologie in der EF wirklich verzichtbar wäre (SuS, die das gerne machen, sind imho deutlich besser in Pädagogiki aufgehoben), repräsentiert sie mit dem Themenfeld Soziale Ungleichheit nicht nur inhaltlich, sondern auch fachmethodisch (Charts auswerten etc.) einen wesentlichen Teil der Q-Phase und ein Wegfall würde die Erstellung der Abiturklausuren deutlich erschweren. Darüber hinaus gibt es schon das Fach Sozialwissenschaften/Wirtschaft, in dem der Wirtschaftsanteil höher ist.


    wir haben uns damals bei der Umbenennung des Faches Politik in Politik/Wirtschaft und dann Wirtschaft/Politik in der Sek I gefragt, wer das Fach denn unterrichten soll. Dass an aber jetzt das Problem mit Massen an Nachqualifizierungen für die Sek I damit lösen will, dass man einfach die KuK für die Sek II nachqualifiziert - das ist wirklich bildungspolitischer Unsinn.


    hier noch ein paar Links der Verbände dazu:

    https://dvpb-nw.de/reaktionen-…hes-sozialwissenschaften/


    Wenn also irgendwo ne Unterschriftenliste auftaucht: bitte hier posten =)

  • LOL, NRW. Ist das nicht das BL, mit den meisten Einstiegsmöglichkeiten zum Seiten- bzw. Quereinstieg?

    Die nehmen doch teilweise alles, was sie kriegen können, weil so ein Mangel besteht. Und dann legen die sich so ein Ei.

  • LOL, NRW. Ist das nicht das BL, mit den meisten Einstiegsmöglichkeiten zum Seiten- bzw. Quereinstieg?

    Ähm nein, leider überhaupt nicht. Hier gibt es im Regelfall OBAS, was von der Ausbildung her identisch ist mit dem normalen Ref. Und nein, die nehmen nicht alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.


    Und du kannst dir sicher sein, dass Leute aus dem OBAS in ihrem Hauptfach jeden Lehramtsstudenten fachlich in die Tasche stecken.

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  • MrJules Du verwechselst NRW mit Berlin.

    Bildung ist die Fähigkeit, fast alles anhören zu können, ohne die Ruhe zu verlieren oder das Selbstvertrauen. (Robert Frost)

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  • hm, also ich find grundsätzlich schon, dass man kritisieren kann, dass NRW einerseits grundständig ausgebildete KuK deprofessionalisiert und gleichzeitig von die Leute von woanders nimmt. So schlimm wie in Berlin ist es sicherlich nicht, aber neben OBAS gibts ja auch noch die PE, die nicht ganz so strenge Maßstäbe legt. Ich bin mir btw. sicher, dass bei OBAS zumindest ein Fach immer sehr gut sitzt, hab aber den Eindruck, dass vor einigen Jahren bei OBAS noch nicht so streng vorausgewählt wurde - zumindest hab ich ne Kollegin mit Magister (Haupfach Kommunikationswissenschaften, Nebenfächer Angilistik und Germanistik), die mit E und D zu OBAS zugelassen wurde.

  • Ich bin da gestern von einem mir über die Kommunalpartei bekannten Lehramtsstudenten drauf angesprochen worden, der hochgradig erbost ist. An seiner Uni scheinen das einige Leute zu begrüßen. Ich warte da jetzt auf seine Stellungnahme und werde das dann wohl mal über die Partei nach Düsseldorf weiterleiten. Ich weiß nur nicht, ob die ihren Koalitonspartner stoppen können oder wollen.

  • dass vor einigen Jahren bei OBAS noch nicht so streng vorausgewählt wurde - zumindest hab ich ne Kollegin mit Magister (Haupfach Kommunikationswissenschaften, Nebenfächer Angilistik und Germanistik), die mit E und D zu OBAS zugelassen wurde.

    Die Voraussetzung für ein Ausschreiben nach OBAS/PE ist immer, dass es keinen grundständig ausgebildeten Lehrämtler gibt, der geeignet ist. Kein OBASler belegt eine Stelle, die ein studierter Lehrer haben möchte. Das das Land Interesse hat, die Unterrichtsmenge abzudecken, ist ja wohl logisch.


    Da du weder Schulform noch Ort dazugeschrieben hast, kann es auch sein, dass sie beide Fächer an der Rütli-Schule in NRW unterrichtet oder so. Da will dann halt keiner hin. Ich bezweifel stark, dass sie diese Kombination im Düsseldorfer Edelviertel an einem Gymnasium bekommen hat.

    "Unfähigkeit ist kein Dienstvergehen und kann nicht geahndet werden."

  • ja Du hast Recht: sie unterrichtet an einem Essener Gymnasium (sie ist Kollegin, aber nicht in meinem Kollegium). 2016 war aber auch der Markt leergefegt - ganz genauso, wie Du sagst. Ich hab in dem Jahr sogar nen OBASler ausgebildet mit Sport/Sowi, der Diplomsportdingsler war.

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