Zweifel am Lehramtsstudium

  • Fällt dir dazu ein konkretes Beispiel ein? Ich hätte nämlich behauptet, dass gerade in der Sek I das Gegenteil der Fall ist, nämlich dass es hier gut möglich ist, konkretes Fachwissen abzufragen.

    Ich hatte letztes Jahr z.B. in der Berufsfachschule (das ist vom Niveau her ja Sek I) in Gesellschaft/Politik Präsentationen zum Thema Ressourcensicherung und Nachhaltigkeit, das ist letztlich alles zu 100% nur Alltagsblabla. Vor ein paar Wochen hat jemand ein Referat über demografischen Wandel gehalten, auch da steckt wenig Hochkomplexes drin. In Englisch sollten Schüler eine Marketingkampagne für ein Produkt entwerfen. Das kann die KI von der Zielgruppenanalyse über den Werbeslogan bis zum Werbevideo inkl. Erläuterung der darin verwendeten cinematischen Gestaltungselemente alles sehr vorzüglich alleine generieren, man muss es lediglich souverän vortragen und mir fehlt die Phantasie, was genau sich da jetzt noch groß fachlich vertiefen ließe.

    Am Gymnasium war "meine" Gesellschaftswissenschaft Erdkunde und fachlich interessant wird es da erst in der Sek II. Die gesamte Sek I ist Allgemeinwissen. Geschichte und Urban II mögen anders gestrickt sein, das kann ich nicht beurteilen.

  • Die gesamte Sek I ist Allgemeinwissen.

    Aber man wird ja nicht mit Allgemeinwissen geboren, das muss ja auch irgendwo her kommen, erlernt und verknüpft werden sowie die Fähigkeit, sich selbst etwas anzueignen und es in Zusammenhänge zu bringen.

  • Aber man wird ja nicht mit Allgemeinwissen geboren, das muss ja auch irgendwo her kommen, erlernt und verknüpft werden sowie die Fähigkeit, sich selbst etwas anzueignen und es in Zusammenhänge zu bringen.

    Ein bisschen was ist ab einem gewissen Alter aber doch immer schon da - Kinder und jugendliche gehen ja nicht blind durch die Welt.

    Nachhaltiges Lernen, Verknüpfen, in Zusammenhänge bringen passiert aber eben nur bei aktiver Auseinandersetzung und gerade die findet meiner Wahrnehmung nach zunehmend weniger statt. Es macht einen Unterschied, Informationen selbst zusammenzutragen, zu selektieren und daraus eine Präsentation zu basteln oder einen Prompt in eine KI zu schreiben. Das Ergebnis kann dabei inhaltlich durchaus ähnlich sein. Das, was im Gehirn passiert und nach 2 Wochen noch abrufbar ist, dürfte grundlegend anders aussehen.

  • den letzten 2-3 Jahren überspringen (zumindest meine) Schüler, ausgestattet mit uneingeschränkt nutzbaren Tablets und daueronline, den Schritt zunehmend und verlassen sich komplett auf KI.

    Aus genau diesem Grund gibt es bei uns kein BYOD mehr, sondern von den Lehrern steuerbare Leihgeräte. Die Schüler sehen nur die Apps und Internetseiten, die ich für meinen Unterricht notwendig erachte. Und die Kamerafunktion zählt da nicht unbedingt zu.

    Das Probleme mit privaten Handys haben wir zum Glück nur selten.

    LG DFU

  • Na zum Glück sehen den dramatischen Verfall der Jugend nur immer dieselben 3 Kolleg*innen. Alle anderen unterrichten ganz normal und ihre ehemaligen SuS gehen -inzwischen selbst erwachsen- ganz normalen Berufen nach. Es ist heilsam, mal mit jungen Erwachsenen außerhalb von Schule zu reden, um die Realität nicht ganz aus den Augen zu verlieren im Klassenzimmer.

  • In unseren Lehrplänen wird zwischen Lernraum und Leistungsraum unterschieden. Dass im Leistungsraum KI keine Rolle spielen kann, wird von den SUS mit Ereichterung aufgenommen und überwiegend mitgetragen, schon weil nicht jeder ein Device hat und der Zugang zu KI-Tools und Nachhilfeplattformen sehr unterschiedlich ist. Im Lernraum ist der sinnvolle Umgang mit KI natürlich ein Thema, neben dem KI-freien Einüben der Fachmethoden. Textarbeit läuft in meinem Unterricht z.B. grundsätzlich analog, ggf. unter Bereitstellung von Wörterbüchern oder Worterklärungslisten, die Erstellung von Schreibplänen ebenfalls, darauf beruhen dann die Noten (Foto hochladen). Geschrieben werden kann mit Hilfe der KI und zuhause, aber in jedem Fall mit der Hand auf Papier. Die KI kann man dabei gar nicht, auf sinnvolle Weise oder so nutzen, dass man wenig lernt - eigene Verantwortung. Das wird gelegentlich reflektiert, bewertet nur bedingt (gar kein Ergebnis 0 Punkte). Wer ein digitales Heft führen möchte, fotografiert seine Arbeit. In sehr großen Kursen schieben anfangs manche SUS die Tische ganz nach hinten und setzen sich auf ihre Handys. Wenn sich das nicht ohne große Klimmzüge abstellen lässt, mache ich meine Noten eben anders (Tests, mündliche Abfragen), aber je mehr Kollegen das ähnlich handhaben, umso selbstverständicher wird es akzeptiert. Auch die Eltern möchten tragfähige Lösungen. Für mich sind nur noch die Kursarbeiten problematisch, weil es den SUS, die es drauf anlegen, teilweise sehr leicht gemacht wird, umfangreich mit KI zu betrügen, was unterschwellig für großen Unmut sorgt. Aber das wird sich sicherlich auch nach und nach entschärfen lassen.

  • Du musst dir einfach selbst im klaren darüber sein, dass du i.d.R. dir die Schule nicht aussuchen kannst (von Mangelfach + Mangelschulform) abgesehen. Selbst wenn du an deiner Traumschule landest hindert niemand das Ministerium/ADD/WenAuchImmer daran, dich an eine Problemschule zu versetzen.

    Verbeamtung kettet dich in dieser Hinsicht mehr als alles andere und man sollte sich wirklich gut und lange überlegen, ob man das aushalten würde.

    Exitstrategien sind irgendwann sehr rar und es bedarf manchmal jahrelanger Vorbereitungszeit (z. B. Wechsel in die Schulleitung um Unterrichtsstunden zu reduzieren) oder der Wechsel an ein Studienseminar oder Ministerium und co.

    Das Klientel wird immer rauer, teils asozialer und die Masse an verhaltensauffälligen, nicht integrierbaren ist mMn auf einem neuen Hochstand. In unseren Berufsvorbereitungsklassen/Berufsfachschulklassen sind mindestens 50% streng genommen nicht mehr beschulbar oder zumindest nicht vermittelbar. Wenn in solchen Klassen dann 2-3 Brandstifter sitzen die nur wegen des Kindergeldes auftauchen und dann Probleme verursachen ist es einfach keine schöne Arbeit mehr. Man kämpft sich dann an komplett a**** I**** ab, für die es auch keine andere Bezeichnung mehr gibt.

    Und solche Fälle hat man nicht nur an einer BBS und Hauptschule, sondern findet man auch an so einigen GS, RS und auch Gymnasien, je nach Standort.

    Mir kann niemand dann mehr ernsthaft erzählen, dass er den Job gerne macht wenn er in solchen Klassen unterwegs ist. Aber das toxische Beamtensystem sorgt dann dafür, dass sich kaum einer traut Missstände offen zu benennen aus Angst vor Konsequenzen.

    Rückblickend betrachtet kann ich für mich sagen: Ja, ich finde meinen Job toll aber ich mache ihn nur weil meine Rahmenbedingungen großartig sind. Wären diese das nicht, würde ich am Folgetag um die Entlassung bitten. Die eigene Lebenszeit ist zu wertvoll um sich in den richtigen "Problemklassen" kaputt machen zu lassen.

  • In Problemklassen hat man eigentlich nur eine Handhabe, nämlich wenn man sie wie ein Bootcamp managt. Dafür bräuchte es aber eine Schulleitung, die den Gegenwind durch Eltern und Gesellschaft aushält und dieses pädagogische Konzept verteidigt. Ohne diese strenge Vorgehensweise geht man ab einem bestimmten Anteil an "Brandstiftern" (m/w/d) irgendwann kaputt, selbst wenn als Kompensation "von oben" noch 500€ zur Besoldung dazugegeben werden.

  • Das Klientel wird immer rauer, teils asozialer und die Masse an verhaltensauffälligen, nicht integrierbaren ist mMn auf einem neuen Hochstand. In unseren Berufsvorbereitungsklassen/Berufsfachschulklassen sind mindestens 50% streng genommen nicht mehr beschulbar oder zumindest nicht vermittelbar.

    Ich weiß ja - mangels deiner Angabe von Fächern und Bundesland - nicht, in welchem Bereich und in welcher Gegend du unterrichtest, kann das für mich aber nicht bestätigen. Ich unterrichte seit 23 Jahren mit mind. 70% meiner Stunden gerne (!) in diesen Klassen im Bereich Wirtschaft und der Anteil derjenigen, die "nicht mehr beschulbar oder zumindest nicht vermittelbar" ist, ist bei uns - gerade in den BFS-Klassen - nicht sonderlich hoch. Seit einigen Jahren bin ich auch in unseren "Berufseinstiegsklassen Sprache und Integration" eingesetzt und mag auch diese SuS gerne; als "unbeschulbar" habe ich insbesondere dort noch niemanden erlebt.

    to bee or not to bee ;) - "Selbst denken erfordert ja auch etwas geistige Belichtung ..." (CDL)

  • ls "unbeschulbar" habe ich insbesondere dort noch niemanden erlebt.

    Dann sei froh, dass es bei euch scheinbar ein "besseres" Klientel gibt als bei uns. In unseren Abgangsklassen ist die Anzahl der späteren Bürgergeldempfänger deutlich höher als welche, die in Lohn und Brot stehen.

  • Ja, es wird vieles verschwinden. Sogar Informatiker braucht man nicht mehr so viele. Die KI ist oft besser und schneller. Schade um die anspruchsvollen Studiengänge, wir werden immer mehr verblöden.

    Ja. Informatiker werden fürs Coding seltener benötigt. KI ist hier eine große Hilfe. Verblöden werden wir nicht. Im Gegenteil. Ich nutze KI intensiv für die Programmierung meiner Websites. Und generiere dadurch mehr Zeit, mich um wirklich Wichtiges zu kümmern:
    Content matters.

    Den Code muss ich jedoch testen und händisch überarbeiten. Dazu sind Kenntnisse in Coding notwendig.

    Meine Beiträge können Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten. "Tippfehler" sind beabsichtigt und dienen dem reflektierten Umgang mit Rechtschreibung und Sprache durch die werte Leserschaft. Wer einen Rotstift besitzt, darf diesen behalten und anderweitig nutzen.
    «Wissen – das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt.» (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Das Klientel wird immer rauer, teils asozialer und die Masse an verhaltensauffälligen, nicht integrierbaren ist mMn auf einem neuen Hochstand.

    Die Klientel, ich schätze, du meinst die Schüler?

    Hochstand? Meinst du Höchststand?

    Deiner Erfahrung nach nehmen Verhaltensauffälligkeiten zu und siehe, es ist nur dein persönlicher Eindruck. Humblebee hat einen ganz anderen Eindruck als du.

    Dein subjektives Erleben ist halt nur subjektiv, bedenke das.

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