Was könnte man verbessern, damit man es nicht bereut, Lehrer/in geworden zu sein?

  • Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in unserem Fall sicher noch viel größer als bei anderen Berufen. Auch werden jetzt alle wieder schreiben, dass man sich das alles nur gut einteilen muss. Meistens war ich unter der Woche so kaputt, weil ich mich nachmittags so gut wie allein um unsere 3 Kinder kümmern musste, so dass an die Abende und v.a. Wochenenden gut besetzt waren mit Schule und Hausarbeit. Das bereue ich und dass ich nicht gut abschalten kann.

    Ich bin nicht alleinerziehend, aber mein Mann ist kein Lehrer, sondern viel im Ausland unterwegs und einfach nicht da (gewesen). Bei ihm darf ich das Wort Schule nicht ansatzweise in den Mund nehmen.

    Ebbes isch emmer.


    Wenn man nicht immer alles weiss, nervt man sich unter Umständen weniger. (Froeschli, hat nichts mit dem hier anwesenden Frosch zu tun)

  • Ich weiß von einem Amerikaner, dass es in Amiland wesentlich leichter ist, quereinzusteigen. Das betrifft eher nicht den Richter oder Arztberuf, is klar denke ich.

    Vielleicht ist es bei dir auch besonders, weil du ja Chemikerin warst und dich nach ein paar Jahren Berufserfahrung für den Schuldienst entschieden hast? Wer sich aber mit 19 für Grundschullehramt entschieden hat, mag mit 55 feststellen, dass es nervt, über seine Kräfte geht, die zehnte erste Klasse zur Räson zu bringen.


    Das Problem mit jeder Art Studium oder Ausbildung ist doch, dass in der Regel eine hohe Flexibilität auch schlechter bezahlte Jobs bedeutet. Menschen mit hochwertigen und spezialisierten Ausbildungen/Studium werden besser entlohnt, haben dafür aber eine kleinere Auswahl an entsprechenden Stellen. Ein ausgebildeter Einzelhandelskaufmann kann ja nicht einfach Museumspädagoge werden. Dafür braucht der Arbeitsmarkt aber mehr Einzelhändler als Museumspädagogen.

    in Amerika gibt es keine duale Ausbildung wie in Deutschland. Dort ist es üblich, dass der Betrieb in den ersten Wochen/ Monaten ausbildet.


    Z. B. wurde vor ca. 2 Jahren in den Medien bei Polizeigewalt gegenüber einem Farbigen berichtet, dass diese Polizisten nur 6 Wochen ausgebildet wurden und daher überfordert waren. Andere amerikanische Bundesstaaten würden immerhin 6 Monate ausbilden.


    Ich bin froh, dass bei uns normalerweise eine dreijährige Lehre üblich ist. Aber klar, dadurch dauert ein Wechsel länger (theoretisch müsste man neu ausgebildet werden, das kann sich natürlich nicht jeder leisten). Deshalb halte ich nichts vom Quereinstieg ohne Referendariat (und ich habe auch schon von Quereinsteigern mit Referendariat in ihrem nicht richtig studierten (Zweit-)Fach fachlichen Blödsinn gehört und musste es nach Übernehmen der Klasse ausbügeln).


    Nicht jeder kann alles ohne entsprechende Ausbildung gut.

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  • samu Ich habe überhaupt keine Berufserfahrung in der Industrie weil ich mich direkt und ausschliesslich für den Schuldienst beworben habe. Natürlich hätte ich mich aber auch anders entscheiden können.

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    Chemie ist das was knallt und stinkt, Physik ist das was nie gelingt.

  • Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in unserem Fall sicher noch viel größer als bei anderen Berufen

    Ja und nein. Sehe ich zwiespältig. Was die Schulferien anbelangt, wenn man Schulkinder hat, definitiv ja. Da bin ich wirklich froh, dass ich mich nicht darum kümmern muss (also organisatorisch; unterhaltungstechnisch schon...). Aber ansonsten, wenn der Hort mal eher zu macht (wegen Fortbildung oder Personalversammlung), kann ich nicht mal Überstunden nehmen oder eher Schluss machen wie die meisten anderen. Ich buche die Hortbetreuung um meinen Stundenplan herum, aber wenn die plötzlich eher zu machen als sonst (aktuell wegen Personalmangel), steh ich doof da und kann nichts tun. Ich kann nicht erwarten, dass die Schule wegen mir den Stundenplan ändert, aber auch nicht, dass mein Vollzeit arbeitender Mann immer sofort bei Fuß steht, wo ich doch diejenige bin, die wegen der Kinder TZ arbeitet. Manchmal passt das vorn und hinten nicht mit dem ganzen Nachmittagsunterricht und den Nachmittagsterminen. Leider...

    Eine Freundin, die im Büro arbeitet und immer 15:00 Schluss hat, egal wann, hat dieses Problem nicht (verdient, zugegebenermaßen, aber auch weniger und ich stelle mir ihren Job langweilig vor...).

  • samu Ich habe überhaupt keine Berufserfahrung in der Industrie weil ich mich direkt und ausschliesslich für den Schuldienst beworben habe. Natürlich hätte ich mich aber auch anders entscheiden können.

    Okay, aber du warst ein paar Jahre in der Forschung und hast promoviert, wenn mich nicht alles täuscht. Ich denke, das kann durchaus zufriedenstellend sein, so dass man sich sagen kann, jetzt ist mal Schule dran, etwas ganz anderes...



    Ich zitiere hier die Techniker Krankenkasse als Beispiel:

    Es gibt keine einheitliche Meinung darüber, wie das Burnout-Syndrom entsteht. Vielmehr kursiert eine Vielzahl von Erklärungen zur Entstehung des Burnout-Syndroms. Ein Teil dieser Erklärungen legt den Schwerpunkt auf äußere Belastungen wie bestimmte Kennzeichen der Arbeitsumwelt, die für die Entwicklung des Burnout-Syndroms verantwortlich sind. Andere Erklärungen rücken psychologische und intrapsychische Aspekte von Personen in den Vordergrund. Tatsächlich sind wahrscheinlich sowohl äußere als auch innere Faktoren bei der Krankheitsentstehung beteiligt.

    Oft begünstigt eine Kombination von persönlichen Eigenschaften und Arbeitsbedingungen die Entstehung der Erkrankung. Besonders gefährlich ist es, wenn die Betroffenen sehr motiviert sind, hohen persönlichen Einsatz zeigen und hohe Erwartungen an ihre Arbeitswelt stellen, dann aber mit dem "grauen" Arbeitsalltag konfrontiert werden.

    Sind sie gleichzeitig im Umgang mit ihren Klienten, beispielsweise Patienten oder Schülern, nicht ausreichend belastbar und fehlt die Anerkennung durch Vorgesetzte, steigt die Wahrscheinlichkeit für das innerliche Ausbrennen.


    Das klingt schlüssig, wenn man viel Engagement einsetzt, wenig Anerkennung bekommt, intensiv mit schwierigen Menschen zu tun hat und eine eigene familiäre Vorbelastung mitbringt, dann kommt viel zusammen.


    Mir machten z. B. vor 10 Jahren die Verhaltensauffälligkeiten weniger aus, ich finde es heute anstrengender, dass diese Kinder so viel Aufmerksamkeit und Energie aussaugen. Und auch belastender, um die Entstehungsbedingungen zu wissen. Zu wissen, dass meine Schüler (sexuellem) Missbrauch ausgesetzt sind und das Jugendamt nicht hilft, belastet mich mehr als früher. Früher hat es mich wütend gemacht, heute bin ich resigniert.


    Aber egal, die Frage war ja, was man tun sollte, damit einem die Entscheidung nicht leidtut ab Mitte 40. Und da bin ich wohl ratlos. Rechtzeitig Hilfe suchen auf alle Fälle, bevor man in der Klinik sitzt. Und sonst... Schule wechseln? :weissnicht:

  • Noch was, sorry, falls ich deinen Thread kapere, gib Bescheid, Zauberwald ^^


    Eine Kollegin sagte mal "Man muss sich eine Nische suchen" und genau das funktioniert bei uns eben nicht. Es ist nicht möglich, sich einen Bereich aufzubauen, weil die Schulleitung dafür sorgt, dass im nächsten Jahr jemand anders dafür zuständig ist. Ich weiß nicht, wie es an Grundschulen aussieht, aber ich könnte mir vorstellen, dass es da in einem 25-köpfigen Kollegium mit lauter Lehrern, die alles unterrichten und flachen Hierarchien zu denselben Problemen kommt. Wertschätzung des Chefs muss nicht mal ein ausgesprochenes "Lob" sein, es könnte auch das Anerkennen von Expertise sein. Wenn der/die Chef*in aber selbst mit Selbstwertproblemen zu tun hat, dann wird er/sie dafür sorgen, dass es keinem zu gut geht oder ihm/ihr irgendwer über den Kopf wächst...

  • Noch was, sorry, falls ich deinen Thread kapere, gib Bescheid, Zauberwald ^^


    Eine Kollegin sagte mal "Man muss sich eine Nische suchen" und genau das funktioniert bei uns eben nicht. Es ist nicht möglich, sich einen Bereich aufzubauen, weil die Schulleitung dafür sorgt, dass im nächsten Jahr jemand anders dafür zuständig ist. Ich weiß nicht, wie es an Grundschulen aussieht, aber ich könnte mir vorstellen, dass es da in einem 25-köpfigen Kollegium mit lauter Lehrern, die alles unterrichten und flachen Hierarchien zu denselben Problemen kommt. Wertschätzung des Chefs muss nicht mal ein ausgesprochenes "Lob" sein, es könnte auch das Anerkennen von Expertise sein. Wenn der/die Chef*in aber selbst mit Selbstwertproblemen zu tun hat, dann wird er/sie dafür sorgen, dass es keinem zu gut geht oder ihm/ihr irgendwer über den Kopf wächst...

    Ja, da stimme ich deiner Kollegin zu.


    Ich habe meine Nische gesucht (bzw. sie hat mich gefunden, vor 25 Jahren wollte ich sie nicht, aber es gab niemanden anderes) . Inzwischen habe ich diese Aufgabe an meiner 3. Schule immer noch, meine Kollegen anerkennen mein Fachwissen, assoziieren mich teilweise damit, was mich amüsiert und es macht mir Spaß. Denn dadurch habe ich meinen Rückzug, erhalte immer wieder Lob von SL und dankbaren Kollegen, kann helfen und (etwas) gestalten. Vor ein paar Jahren konnte ich meine 1. Schule noch einmal besuchen und war überrascht, dass ich viele Jahre nach meinem Weggang noch immer meine Handschrift erkennen konnte.


    Ja, den Tipp gebe ich weiter. Sucht euch etwas, was ihr selbst gestalten könnt. Und vermutlich ist es an einer Grundschule schwieriger, etwas eigenes zu finden, aber in den ersten Jahren habe ich auch viel Zeit hinein gesteckt und keinerlei Entlastung erhalten (hatte schon einen Grund, warum ich als Junglehrer dazu gezwungen wurde). Aber ich nehme mir immer vor, Dinge, die ich machen muss, machen zu wollen. Dann fällt es mir leichter und macht irgendwann vielleicht sogar Spaß.



    Samu,


    Ich finde es traurig, wenn die SL das nicht anerkennt und jedes Jahr jemanden anderes mit einer Aufgabe betraut. Fachwissen ansammeln dauert, niemand nimmt sich die Zeit für ein Jahr (das Ergebnis sehe ich, wenn ich andere Schulen in der Umgebung besuche), dann würde ich vielleicht auch innerlich kündigen. Ich bin meiner SL gegenüber sehr dankbar, dass sie meine Arbeit unterstützt, wo sie es kann.

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  • Was könnte man verbessern, damit man es nicht bereut, Lehrer/in geworden zu sein?

    Das Positive sehen und in den Fokus rücken. Aber ich traue mich kaum, das hier weiter auszurühren... In aller kürze: Ich liebe meinen Job, weil ich die Arbeit mit Kindern so mag. es kommt so viel zurück und sie sind dankbar für sooo Vieles, was wir machen. Und allermeistens die Eltern sogar auch, obwohl ich merke, dass mir das gar nicht so wichtig ist, sortiere es eher zu nice-to-have.

    Mein Kollegium erlebe ich bis auf wenige Ausnahmen als ein tolles Team. Zusammenarbeit klappt gut. Fachkompetenzen werden aufgebaut, weil die Aufgaben nicht so häufig neu verteilt werden, wie hier gerade zuvor geschrieben. Wenn du aber nach welcher Zeit auch immer eine Aufgabe abgeben möchtest, wird sie neu verteilt.

    Drei Kolleginnen "gehen gar nicht". Ich könnte mich dauernd über sie aufregen. Aber hey, es sind 3 von 27, also SO WHAT? Das bedeutet 24 sind prima oder wenigstens okay. Schaue ich auf die 3 oder auf die 24?

    Schaue ich auf das eine Kind, das so viel Nerven raubt oder auf die 10, die so viel Freude machtn?

    Was könnte man also verbessern? Den Blick, den Fokus... aber okay... ich schleiche mich schnell wieder raus.................. zerreißt mich :-)

  • Was könnte man verbessern, damit man es nicht bereut Lehrer/in geworden zu sein?

    Meine einfache Antwort: die Rahmenbedingungen.

    Unter den augenblicklichen Rahmenbedingungen können nur die halb oder unbeschadet überleben, die aus irgendwelchen persönlichen Gründen von diesem Beruf etwas oder mehr fasziniert sind bzw. , die dem Beruf und dem ganzen damit verbundenen Umfeld noch mehr positive Seiten abgewinnen können als negative.


    Ich kann auch nochmals unterstreichen, was schon geschrieben wurde: Wer es schafft, sich zwecks Motivation von dem Bearf an positiven Rückmeldungen frei zu machen und stattdessen andere positive Aspekte im Beruf für sich sieht, der hat viel gewonnen.


    Mit was man in der Schule unbedingt umgehen lernen muss - so meine Erfahrungen - ist der Stand in der Klasse den Schülern und den Eltern gegenüber. Hiermit muss man bereit sein, sich in seinem Berufsleben regelmäßig bzw. bei Bedarf auseinanderzusetzen. Dadurch eignet man sich durch Versuch und Irrtum und entsprechende Hintergrundsberatungen eine gewisse Souveranität an.

  • Ich weiß nicht, ob ich so einen hohen Bedarf an positiven Rückmeldungen habe, also, dass das des Pudels Kern ist. Was mich sehr stresst, sind Eltern, die beratungsresistent sind und ihrem Kind nicht helfen, aus einer Misere heraus zu kommen, obwohl es ihre Pflicht ist. So Einzelfälle, die stressen mich und gehen mir nach. Wenn ich an meinen Grenzen bin und genau weiß, dass ich da nichts machen kann. Wie ich schon schrieb, ich kann nicht mehr abschalten und das tut mir nicht gut.

    Ebbes isch emmer.


    Wenn man nicht immer alles weiss, nervt man sich unter Umständen weniger. (Froeschli, hat nichts mit dem hier anwesenden Frosch zu tun)

  • Meine einfache Antwort: die Rahmenbedingungen.

    Wenn man die Pflichtstundenzahl auf sagen wir 18 bis maximal 20 heruntersetzen würde, Dinge wie Klassenfahrten abschaffen oder zumindest auf Freiwilligkeit umstellen würde, dann würde meine Berufszufriedenheit um ein paar hundert Prozent steigen. Wichtig wäre auch noch ein Stundenplan, der wenig Hohlstunden hat, weil ich an der Schule unmöglich arbeiten kann.

    Die Schüler hingegen sind toll, Wertschätzung passt für mich persönlich auch und, dass es fachlich nicht anspruchsvoll ist, damit habe ich mich abgefunden (auch, wenn ich lieber fachlich tiefergehendere Dinge machen würde).

    Würde man mir das aktuelle Gehalt für 18-20 Wochenstunden zahlen, mir einen guten Stundenplan garantieren und einige der außerunterrichtlichen Pflichten reduzieren, wäre ich mit so unendlich viel mehr Zufriedenheit dabei.

    Dann könnte ich wirklich schöne Unterrichtsstunden halten, mit dem Gefühl genug Zeit gehabt zu haben sich dafür vorzubereiten, könnte Prüfungen ausarbeiten (haben z.B. kein Zentralabitur) die qualitativ gut und vom Material her ansprechend sind.

    Dann würde auch die work life Balance passen ohne, dass man das Gefühl hat total ausgebeutet und verarscht zu werden. Dies würde sich dann auch in der entsprechenden Haltung widerspiegeln (wie es in den Wald hineinruft....)

    Aber von den von mir genannten Bedigungen ist mal eben meilenweit entfernt und damit ist der Frust groß und der Elan klein.

  • Ich weiß nicht, ob ich so einen hohen Bedarf an positiven Rückmeldungen habe, also, dass das des Pudels Kern ist. Was mich sehr stresst, sind Eltern, die beratungsresistent sind und ihrem Kind nicht helfen, aus einer Misere heraus zu kommen, obwohl es ihre Pflicht ist. So Einzelfälle, die stressen mich und gehen mir nach. Wenn ich an meinen Grenzen bin und genau weiß, dass ich da nichts machen kann. Wie ich schon schrieb, ich kann nicht mehr abschalten und das tut mir nicht gut.

    Ich habe vor vielen Jahren mal den Tipp erhalten, sei ein Puzzlestück, du musst nicht (alleine) die Welt retten.


    Ja, es gibt beratungsresistente Eltern, die z. B. ihr Kind unbedingt am Gymnasium sehen wollen und nicht sehen, wie überfordert und unglücklich ihr Kind ist. Ich kann sie nur darauf hinweisen, kann für (einzelne) schöne Momente für das Kind sorgen, ich alleine kann nicht die ganze Welt retten. Ich kann aber ein (schönes vielleicht sogaŕ wichtiges) Puzzlestück für das Kind sein. Eigene Grenzen erkennen und akzeptieren schützt auch vor dem verzweifeln.


    Sei ein Puzzlestück.

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  • zu Arbeitszeiten zitiere ich


    Als im Inflationsjahr 1923 die wöchentliche Arbeitszeit in der Industrie wieder auf 54 Stunden und mehr stieg, da wurden auch die Lehrer am sozialpolitischen Rückschritt beteiligt. Preußen setzte 1924 die Pflichtstundenzahl der Gymnasiallehrer, die sich mittlerweile Studienräte nennen durften, auf 25 herauf; erst nach vollendetem 45. Lebensjahr verminderte sie sich auf 23, nach weiteren zehn Jahren auf 20.


    Aus http://www.rboelling.de/l-arbzeit.htm


    Ich unterrichte Mitte 50 immer noch 25 Stunden am Gymnasium Baden-Württemberg.

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  • ergänzend


    Ich habe Mitte der 90er Jahre noch mit 23 Pflichtwochenstunden (volle Stelle) begonnen, dann wurde auf 24 erhöht und dann auf 25 (Baden-Württemberg Gymnasium). Ich habe gemerkt, dass meine Stundenvorbereitung dadurch gelitten hat. Ich bereite weniger aufwändige Lernzirkel und Gruppenpuzzles vor, es gibt eher mal Konserve. Das hat anfangs meine Begeisterung reduziert, irgendwann hat man sich daran gewöhnt. Es ist halt so, ich versuche pro Klasse pro Schuljahr eine besondere Einheit zu unterrichten (das erhöht auch meine Freude) und natürlich kann ich inzwischen viele alte Einheiten recyclen.

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  • Ich finde deine letzten beiden Beiträge super, samu, du sprichst mir 100%ig aus der Seele! :rose:

    Aber egal, die Frage war ja, was man tun sollte, damit einem die Entscheidung nicht leidtut ab Mitte 40. Und da bin ich wohl ratlos. Rechtzeitig Hilfe suchen auf alle Fälle, bevor man in der Klinik sitzt. Und sonst... Schule wechseln? :weissnicht:

    Ich hab das Experiment letztes Jahr gemacht, an meiner damaligen Schule (Realschule) gekündigt und anschließend ein Jahr an der Mittelschule unterrichtet. Meine Erfahrungen dort waren - für mich - bahnbrechend. So durfte ich erleben, dass dort der pädagogische Umgang mit den Schülern an erster Stelle steht, der Leistungsgedanke erst an zweiter Stelle kommt. Ich hatte z.B. eine extrem unruhige 7. Klasse, vor der ich gerade nachmittags fassungslos stand und teilweise froh war, wenn zumindest niemand zu Schaden kam. An "fachfremd Kunst" war zu der Uhrzeit nimmer zu denken. Trotzdem habe ich eine Beziehung zu den Schülern aufbauen können, es war für sie (wie für mich) irgendwann normal, dass sie vormittags komplett anderes drauf waren als nachmittags.

    Es ging aber eben nicht um Leistung.

    Irgendwie habe ich es geschafft, dass sie ein (technisch verfremdetes) Porträt von sich malen und ab Januar mit mir Vogelnistkästen bemalen. Ich habe diese Klasse sehr gemocht, obwohl ich so manches Mal schweißgebadet da rausgewankt bin.


    Und jetzt?

    In den Sommerferien bin ich ungeduldig geworden, weil sich die Regierung so lange Zeit gelassen hat mit einem erneutet Angebot für das laufende Schuljahr. War blöd und überstürzt, ich weiß, aber mei, ich hatte Angst, im September evtl. komplett ohne Schule dazustehen. Also habe ich auf eigene Faust eine unserer beiden Realschulen kontaktiert, bin mit 18 Stunden (und mit Kusshand) sofort genommen worden... und genauso unglücklich, wie in den letzten Jahren zuvor an meiner alten RS.


    Fazit?

    Ich habe in diesem einen Jahr an der MS den Glauben an mich und meinen Beruf wiedergefunden. Es ist nicht der Beruf an sich, der mich unglücklich macht, absolut nicht. Statt dessen hadere ich mit der Schulform, die mich fertig macht, mit den merkwürdigen Eltern - und in meinem aktuellen Fall noch zusätzlich mit der SL an der neuen RS, an der ich jetzt bin. Deshalb kann ich mich samus rhetorischer Frage nur anschließen. Ein Schulwechsel oder sogar ein Schulformwechsel kann helfen, die Weichen neu zu stellen. Ich habe (ähnlich wie Zauberwald) noch Jahre im zweistelligen Bereich bis zur Rente, und die werde ich nicht auf den Knien oder auf dem Zahnfleisch oder sonstwo verbringen.

    Sometimes you look at people and wonder, how do they fit all that stupid into one head?

  • Das "Rezept" für das gesunde Erreichen der Pensionierung muss sich jeder selbst zusammenstellen.
    Welche "Zutaten" auf dem Rezept stehen können, haben viele User hier für sich selbst dargelegt. Diejenigen, die ihr Rezept noch schreiben müssen, finden hier aber nützliche Zutaten für ihr eigenes Rezept.

    Ich habe mich jetzt durch meinen Wechsel in die Behörde in eine Nische begeben, in der ich vorher zum Teil auch war, und ich fühle mich darin wohl. Jedoch war meine eigentliche Nische eine andere. Wenn ich wieder an die Schule zurückkehre, sicherlich nicht an die alte, muss ich mir in der Tat eine Nische suchen, in der ich mich wohlfühle, in der ich das, was ich mitbringe, einbringen kann und in der ich etwas bewegen kann.
    Die Erkenntnisse, die ich in den fast zwei Jahren in der Behörde nun sammeln konnte, kommen mit aufs Rezept. Eine Zutat ist "es sind die politischen Entscheidungen der jeweiligen Landesregierungen, die einem das Leben mitunter schwer machen." (Die Schulfachler, mit denen ich zu tun habe, sind schwer auf Draht und haben wirklich Ahnung vom Schulwesen - da habe ich noch eine Menge lernen können.)

  • Neuen Kollegen kōnnte man hierzu folgende Empfehlungen mit Au den Weg geben:


    1) Lest Euch den oben fest getackerten Artikel zum Thema anti- Burnout

    gut durch und haltet Euch dran.
    2) wenn Ihr bei Beginn noch jung und gesund seid, sichert Euch gegen finanzielle Verluste durch Krankheit (Tarifbeschäftigte Mrankentagegeld) und Berufsunfähigkeit hinreichend ab.
    3.) Schaut zu, dass Ihr einer Interessensvertretung beitretet, die Euch im Zweifel juristisch vertritt. Wer sich dazu nicht entschlüsseln kann sollte eine Rechtsschutz abschliessen, die auch Auseinandersetzngen mit dem Arbeitgeber einschliesst.

    Damit ist dann sichergestellt, dass auch gesundheitliche Einbrüche nicht zur Katastrophe werden. Zusammen mit den Vorschlägen unter Punkt 1 seit Ihr dann gut gerüstet.

    An alle Deutschlehrer:
    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten. :doc:

  • Zauberwald: ich denke, dass du in jedem anderen Beruf auch ausgebrannt wärst, da deine Probleme wohl eher im familiären Bereich lagen als im beruflichen. Sehe ich das richtig: 3 Kinder, der Vater kümmert sich nicht und dann am Wochenende noch die Hausarbeit am Hals? Ganz ehrlich, wenn ich das lange Jahre so mitgemacht hätte, dann wäre ich auch fertig, ganz unabhängig von der beruflichen Tätigkeit.

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