Disziplinprobleme berufsbildende Schulen?

  • War bei mir ähnlich - viele schlechte Erfahrungen mit Lehrern in der Sek I gesammelt, aber an der BBS auf dem zweiten Bildungsweg viele tolle Lehrkräfte kennengelernt. Gut, der Unterricht war oft absoluter Müll, aber menschlich gesehen waren fast alle Lehrer wirklich toll und ich erinnere mich immer wieder gerne an die Zeit und kann mich - trotz unterirdischer Unterrichtsgestaltung - noch an viel mehr aus dem Unterricht erinnern, als aus der gesamten anderen Schulkarriere :zahnluecke: Einfach weil man den Unterrichtsstoff positiv verknüpft hat, wenn eine entsprechend authentische Lehrkraft vorne stand. Unterrichtserfahrungen mit gruseligen, aber wesentlich strukturierteren Lehrkräften dagegen fallen eher unter die Kategorie "verdrängt" :rotwerd:

    So bin auch ich zum BBS Lehramt gekommen, weil ich mich dort wohlgefühlt habe und diese Entscheidung habe ich noch keine Sekunde bereut!

  • War bei mir ähnlich - viele schlechte Erfahrungen mit Lehrern in der Sek I gesammelt, aber an der BBS auf dem zweiten Bildungsweg viele tolle Lehrkräfte kennengelernt. Gut, der Unterricht war oft absoluter Müll, aber menschlich gesehen waren fast alle Lehrer wirklich toll und ich erinnere mich immer wieder gerne an die Zeit und kann mich - trotz unterirdischer Unterrichtsgestaltung - noch an viel mehr aus dem Unterricht erinnern, als aus der gesamten anderen Schulkarriere :zahnluecke: Einfach weil man den Unterrichtsstoff positiv verknüpft hat, wenn eine entsprechend authentische Lehrkraft vorne stand. Unterrichtserfahrungen mit gruseligen, aber wesentlich strukturierteren Lehrkräften dagegen fallen eher unter die Kategorie "verdrängt" :rotwerd:

    So bin auch ich zum BBS Lehramt gekommen, weil ich mich dort wohlgefühlt habe und diese Entscheidung habe ich noch keine Sekunde bereut!

    Genau so war es bei mir auch. Die Regelschule habe ich gehasst und wollte so schnell es geht raus. Hier sieht man aber doch mal wieder was bei dem ganzen didaktische Zauber raus kommt. Ich kann kein Wort Französisch, obwohl ich das 4 Jahre als Unterrichtsfach hatte. Die Lehrkraft mochte mich nicht und ich sie nicht. Ob der Unterricht gut war oder nicht weiß ich gar nicht mehr. Für mich war es negativ und daher habe ich auch alles verdrängt was damit zutun hatte. Gleiches galt für Deutsch und noch ein paar andere Fächer.


    In der Ausbildung ging es dann besser, weil man eben echte Menschen vor sich hatte, die nicht von oben herab kamen. Auch einige meiner Professoren haben dahin positiv beeinflusst, weil sie einfach authentisch waren/sind.


    Meine These: Lehrkräfte dürften nicht unterrichten, bevor sie nicht wenigstens ein paar Jahre in der "echten Welt" gearbeitet haben. Davon würden die Lehrkräften, aber auch besonders die SuS profitieren.

  • Wir wollen jetzt aber nicht in Richtung Selbstbeweihräucherung driften, gell?

    Genau so war es bei mir auch. Die Regelschule habe ich gehasst und wollte so schnell es geht raus. Hier sieht man aber doch mal wieder was bei dem ganzen didaktische Zauber raus kommt.

    Die Ausbildung an BBS geht - zumindest bei uns - durchaus in die Richtung didaktisches Feuerwerk, und das nicht erst seit gestern.

    Ich arbeite seit zehn Jahren an der BBS und in meinem Kollegium gibt's alles: den feingeistigen Intellektuellen, den innovativen Junglehrer mit den neuesten didaktischen Werkzeugen im Gepäck, den robusten Fachpraktiker, der Stifte wie Fremdkörper hält, die alte Dame, die nicht so recht weiß, wie man einen Computer anschaltet, ... Ist das in den allgemeinbildenden Schulen anders?


    Und unsere Schüler müssen wir nun auch nicht glorifizieren. Bei uns an der BBS geht's schon manchmal ziemlich ab. Ich liebe das und arbeite gerne mit genau solchen SuS - aber für Zartbesaitete ist das nichts. Und Lehrer*innen, die ihr fachliches Wissen mit braven SuS teilen wollen, werden sich bei uns mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wohlfühlen (zumindest nicht bei den Granaten in den unteren Vollzeitbildungsgängen).

    Meine These: Lehrkräfte dürften nicht unterrichten, bevor sie nicht wenigstens ein paar Jahre in der "echten Welt" gearbeitet haben. Davon würden die Lehrkräften, aber auch besonders die SuS profitieren.

    Das finde ich auch sinnvoll.

  • Äh, meistens. :rotwerd:

    Genau das ist ja der Reiz an der Sache :top: Es wird nie langweilig und man hat immer was zu erzählen!
    Und BBS hat für alle was zu bieten: Es gibt die braven, lernwilligen Bildungsgänge die quasi ein Selbstläufer sind und es gibt das genaue Gegenteil. Und wenn man Glück und eine gute Organisation an der Schule hat, wird man auch schwerpunktmäßig dort eingesetzt, wo man gerne ist und gut arbeitet. Ich mag meine Krawallbolzen und kann sehr gut damit leben, dass ich eigentlich quasi Haupt-/Förderschullehrerin bin mit Haupt-/Förderschülern 2.0.

  • Meine These: Lehrkräfte dürften nicht unterrichten, bevor sie nicht wenigstens ein paar Jahre in der "echten Welt" gearbeitet haben. Davon würden die Lehrkräften, aber auch besonders die SuS profitieren

    100% Zustimmung :top:

    Sei konsequent, dabei kein Arsch und bleib authentisch. (DpB):aufgepasst:

  • Ok, dann melde ich mich noch mal als Threadersteller zu Wort und danke für eure ganzen Antworten und Einschätzungen.


    Auch nach dem Lesen eurer Beiträge bleiben mir die berufsbildenden Schulen sympathischer als das Gymnasium.


    Ich habe mich am Gymnasium überhaupt nicht wohl gefühlt, was hauptsächlich mit dem Störungspotenzial in den in der Regel großen Klassen in der Sek I zusammenhing. Das war mir im Grunde auch vorher klar. Ich hatte dort gerade den Eindruck, nicht authentisch sein zu können.

    Die abgehobene, eingebildete, überhebliche Art einiger Kolleg:innen aus dem Gym-Bereich nervt mich auch, aber ich kann's ertragen.

    ZBW hat für mich super funktioniert.


    Ob ich mich an einer berufsbildenden Schule wohl fühlen könnte, würde anscheinend von vielen Faktoren abhängen und ließe sich letztlich wohl nur durch Ausprobieren für mich abschließend klären. Ja, und die "braven, lernwilligen Bildungsgänge" würden mir da sicher mehr zusagen als das andere Ende des Spektrums, insbesondere, wenn ständig die Konfrontation mit der Lehrkraft gesucht wird.

  • Ich komme übrigens vom Gym und kann dir aus meiner persönlichen Erfahrungen heraus nur sagen, dass die Disziplinprobleme ganz andere sind als am Gym. Man muss bei Einsatz in bestimmten Schulformen schon ein gewisser Lehrertyp und vor allem auch Humor haben, sonst ist der Burn Out / der Verlust der "Liebe zum Beruf" schon vorprogrammiert. Wichtig sind auch Verbündete im Kollegium, manchmal sind die Situationen nämlich so abstrus, dass man darüber nur mit Menschen sprechen kann, die es auch selbst erleben.

    PS: Könntest du das noch konkretisieren, also insbesondere den 1. Satz.

    Inwiefern sind die Probleme "ganz anders"?


    Was für ein Lehrertyp sollte man denn aus deiner Sicht am Gym sein? Und welcher an der BS?

  • Die Ausbildung an BBS geht - zumindest bei uns - durchaus in die Richtung didaktisches Feuerwerk, und das nicht erst seit gestern.

    Ich arbeite seit zehn Jahren an der BBS und in meinem Kollegium gibt's alles: den feingeistigen Intellektuellen, den innovativen Junglehrer mit den neuesten didaktischen Werkzeugen im Gepäck, den robusten Fachpraktiker, der Stifte wie Fremdkörper hält, die alte Dame, die nicht so recht weiß, wie man einen Computer anschaltet, ... Ist das in den allgemeinbildenden Schulen anders?

    Ich habe ja nicht gesagt, dass es keine Didaktik braucht an beruflichen Schulen. Die verpufft aber, wenn man mit seiner Art die Lerngruppen gegen sich hat. Jeden erreicht man nicht, aber in meiner Erinnerung wurde nur ein kleiner Teil meiner Klasse in der Sek 1. erreicht. Wie gesagt ich war sehr froh, als ich dort weg konnte und konnte mir danach überhaupt nicht vorstellen in meinem Leben irgendwas mit Schule am Hut zu haben.

    Und unsere Schüler müssen wir nun auch nicht glorifizieren. Bei uns an der BBS geht's schon manchmal ziemlich ab. Ich liebe das und arbeite gerne mit genau solchen SuS - aber für Zartbesaitete ist das nichts. Und Lehrer*innen, die ihr fachliches Wissen mit braven SuS teilen wollen, werden sich bei uns mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wohlfühlen (zumindest nicht bei den Granaten in den unteren Vollzeitbildungsgängen).

    Das habe ich auch nicht. Das ist ja eh eine Typfrage. Ich kommen mir älteren bzw. erwachsenen Lerngruppen einfach besser klar.

  • Am Gym hatte ich Disziplinprobleme mit Kind quatscht mit den Sitznachbarn, Zettel gehen rum, Handy wird benutzt etc. In bestimmten Schulformen nun an der BS kann man nicht davon ausgehen, dass Stift und Block dabei sind, ein Heft geführt wird, der Gang zur Toilette wird in allen Einzelheiten beschrieben, und der kann auch mal 30 min dauern. Es gibt Schüler, die nur in der ersten Woche pünktlich sind und den Rest des Schuljahres nicht vor 10 Uhr auftauchen oder die sich mal selbst ein paar Wochen Urlaub nehmen. In den wenigsten Fällen hast du einen Ansprechpartner zu Hause, bei einigen zieht noch die Info an die Betriebe. Oftmals erreicht man bei den Problemfällen die Eltern nur sehr schlecht, Elternabende sind meist kaum besucht. Mit alldem muss man als Lehrer klar kommen bzw es mit Humor nehmen. Man muss Chancen geben, dabei aber auch konsequent sein und vor allem authentisch. Die Wortwahl und das Verhalten eines angehenden KFZlers ist halt anders als die eines Abiturienten im Wirtschaftszweig. Und das ist auch absolut gut so und macht den Job an einer BS nie langweilig. Welcher Lehrertyp an BS vermutlich nicht glücklich wird, ist der ganz leise und eher unsichere Typ oder Kollegen, die leicht die Fassung verlieren. Drei davon hatten/haben wir im Kollegium. Sie sind dauerkrank und leiden heftig unter der Situation im Klassenraum.

  • Welcher Lehrertyp an BS vermutlich nicht glücklich wird, ist der ganz leise und eher unsichere Typ oder Kollegen, die leicht die Fassung verlieren. Drei davon hatten/haben wir im Kollegium. Sie sind dauerkrank und leiden heftig unter der Situation im Klassenraum.

    Das würde ich nicht verallgemeinern. Das weist auch auf eine schlechte Führung hin. Bei uns sind disziplinarische Maßnahmen ganz klar geregelt und werden konsequent durchgeführt. Es kommt ja auch sehr drauf an, wo man eingesetzt wird, und das lässt sich ja ändern. Es gibt kollegiale Beratung etc. Man ist einer Situation im Klassenraum nicht hilflos ausgeliefert.


    Natürlich gibt es Lehrer, die mit Klassen nicht klarkommen, aber dafür ist nicht allein die Persönlichkeit des Lehrers verantwortlich, und Kolleg*innen als dauerkrank und übersensibel abzuschreiben ist falsch.

  • Ich meinte das mit "dauerkrank" auch auf keinen Fall negativ bzw gebe den Lehrkräften dafür keinerlei Schuld. An einer BS sollte man aber dennoch in mehr Schulformen als nur BG einsetzbar sein

  • Am Gym hatte ich Disziplinprobleme mit Kind quatscht mit den Sitznachbarn, Zettel gehen rum, Handy wird benutzt etc. In bestimmten Schulformen nun an der BS kann man nicht davon ausgehen, dass Stift und Block dabei sind, ein Heft geführt wird, der Gang zur Toilette wird in allen Einzelheiten beschrieben, und der kann auch mal 30 min dauern. Es gibt Schüler, die nur in der ersten Woche pünktlich sind und den Rest des Schuljahres nicht vor 10 Uhr auftauchen oder die sich mal selbst ein paar Wochen Urlaub nehmen. In den wenigsten Fällen hast du einen Ansprechpartner zu Hause, bei einigen zieht noch die Info an die Betriebe. Oftmals erreicht man bei den Problemfällen die Eltern nur sehr schlecht, Elternabende sind meist kaum besucht. Mit alldem muss man als Lehrer klar kommen bzw es mit Humor nehmen. Man muss Chancen geben, dabei aber auch konsequent sein und vor allem authentisch. Die Wortwahl und das Verhalten eines angehenden KFZlers ist halt anders als die eines Abiturienten im Wirtschaftszweig. Und das ist auch absolut gut so und macht den Job an einer BS nie langweilig. Welcher Lehrertyp an BS vermutlich nicht glücklich wird, ist der ganz leise und eher unsichere Typ oder Kollegen, die leicht die Fassung verlieren. Drei davon hatten/haben wir im Kollegium. Sie sind dauerkrank und leiden heftig unter der Situation im Klassenraum.

    Ok, so konkret wird es wirklich hilfreich, danke!


    Schade, dass die drei (für sich oder in Kooperation mit der SL) nicht noch rechtzeitig Alternativen für sich finden konnten.


    Piksieben: Auch interessant, dass es bei euch anscheinend Konzepte gibt, die es für die einzelne Lehrkraft etwas einfacher machen. Klingt nach besonders gutem Zusammenhalt und Rückhalt, auch durch die SL.


    Im reinen ZBW (mit Bildungsziel FHR/Abi) kommt meiner Erfahrung nach so gut wie jede Lehrkraft zurecht, was Disziplinprobleme angeht. Probleme gibt's eher mit Abwesenheiten. Wer nicht da ist, stört immerhin auch nicht. Klar quatschen auch mal welche, aber, dass SuS provokant oder ignorant gegenüber der Lehrkraft auftreten, ist sehr selten. Vermutlich wie im BG.

  • Piksieben: Auch interessant, dass es bei euch anscheinend Konzepte gibt, die es für die einzelne Lehrkraft etwas einfacher machen. Klingt nach besonders gutem Zusammenhalt und Rückhalt, auch durch die SL.

    An manchen BBS (und anderen Schulformen) gibt es auch das Trainingsraum-Konzept. Da hat man die Möglichkeit, bei größeren Disziplinproblemen SuS in einen separaten betreuten Raum zu schicken. Das Konzept hat seine Vor- und Nachteile, allerdings finde ich diese Möglichkeit für LuL, die öfter Probleme hinsichtlich des Durchsetzungsvermögens haben, ganz gut. So kann man Störenfriede recht schnell "entfernen" und der Unterrichtsablauf wird weniger gestört. Besser ist es natürlich, man bekommt die Probleme selbst mit entsprechenden Maßnahmen in den Griff. Aber in manchen Situationen ist es auch ganz hilfreich. Ob das, was dann im Trainingsraum passiert sinnvoll ist, hängt natürlich vom Konzept ab. Aber wenn der Bedarf wirklich akut ist, dann ist das besser, als ellenlanges Hin und Her im Klassenraum. Ist ja auch jeder Lehrkraft selbst überlassen, ob sie von diesem Mittel gebrauch macht.

  • Es gibt die braven, lernwilligen Bildungsgänge die quasi ein Selbstläufer sind und es gibt das genaue Gegenteil.

    Gibt es da aus eurer Sicht Erfahrungswerte welcher Bildungsgang wo einzuordnen ist? Ich fände sowas voll schwierig ;)

  • Selbst im beruflichen Gymnasium gibt es eher einfache Klassen mit meist wenig Probleme und Klassen, bei denen man mehr Probleme hat (tendenziell).

    Only Robinson Crusoe had everything done by Friday.

  • Eigentlich kann man verallgemeinert nur sagen, dass man darüber verallgemeinert keine Aussage treffen kann. Es gibt tendenziell Klassen, die leichter sind, aber trotzdem reicht eine faule Banane und die Klasse ist verdorben. Aber man lernt damit umzugehen. Ich habe heute eigentlich keine Probleme mehr und denke daher, dass das auch viel mit der eigenen Person und dem Verhalten zu tun hat.gegen Störungen zB gibt es Strategien. Die muss man anwenden. Das ist manchmal sehr anstrengend, ist aber langfristig lohnend.

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