Wahl-O-Mat im Politikunterricht in Sek 2/2b?

  • Moin,


    eine Frage an alle KuK, die auch Politik in der Sekundarstufde 2 oder 2b (berufsbildend) unterrichten. Bald stehen ja die Bundestagswahlen an und meine Schüler werden das erste Mal wählen dürfen. Bei den vergangenen Wahlen habe ich sie immer animiert doch bitte wählen zu gehen. Zur Vorbereitung habe ich ihnen dann auch den Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung vorgestellt und sie einzeln am Computer den ausprobieren lassen. Die umfangreichen Wahlprogramme sind eh nichts für meine Klientel. Das Ergebnis hat mich dabei eigentlich nicht interessiert, weil ich ja eh nicht auf die Schüler einwirken darf.


    Allerdings war es bei den letzten Durchgängen zur Bundes- oder Landtagswahl so, daß der Anteil der AfD-Wahlempfehlungen wohl immer größer wurde. Wenn die Schüler mir freiwillig und ohne das ich danach gefragt habe ihre Wahl-O-Mat Wahlempfehlung mitteilen, handele ich ja nicht gegen den Beutelsbacher Konsenz. Zuletzt war der Anteil der Wahlempfehlungen für die AfD allerdings bei gefühlt 70-80%. Daher frage ich mich, ob ich diesmal wieder eine aktuelle Stunde zur Bundestagswahl einlegen oder es besser bleiben lassen sollte. :rotwerd:


    Wie geht Ihr damit um?

  • Ich würde schon mit den SuS dann auch darüber reden wollen, wie so ein Ergebnis entsteht (und ihnen auch zeigen, dass eine andere Entscheidung, eine andere Gewichtung durchaus zur Empfehlung einer anderen Partei führen kann).

    Ich würde auch darüber reden, warum den SuS manche Dinge so wichtig sind und manche nicht.

    Ich würde auch darüber reden, was denn die einzelnen Fragen wirklich bedeuten und welche Auswirkungen die Antworten darauf haben.

    Aber einfach nur "machen" lassen ohne Gespräch und Kommentar ... nein, würde ich nicht.


    Zum Beutelsbacher Konsens (da ich manchmal - nicht unbedingt bei Dir, sondern generell - das Gefühl habe, wir LehrerInnen lassen uns davon zu stark in unserem Wirken "lähmen"):


    "Kurz gefasst lauteten die drei Elemente dieses Konsenses: Überwältigungsverbot (keine Indoktrination); Beachtung kontroverser Positionen in Wissenschaft und Politik im Unterricht; Befähigung der Schüler, in politischen Situationen ihre eigenen Interessen zu analysieren." https://www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens


    Für mich bedeutet das, dass ich

    - durchaus meine Position benennen darf

    - über solche Fragen wie oben mit den SuS reden MUSS (wie sonst sollen sie befähigt werden, ihre Interessen in politischen Situationen zu analysieren?)

    - Positionen, die nicht wissenschaftlich sind, auch ansprechen darf


    usw.

  • Der Wahl-O-Mat gleicht ja wirklich nur die eigenen Positionen mit denen aus den einzelnen Wahlprogrammen ab. Ich thematisiere daher immer auch gerne,

    a) ob einzelne Dinge realisierbar sind oder z.B. die Finanzierung auf total wackligen Füßen steht, Verfassungswidrigkeit zu erwarten ist, ...

    b) ob die Partei überhaupt das Personal (die Expertise) hat, um Dinge umzusetzen (gut, das Argument zieht auf Bundesebene nicht so sehr wie bei "kleineren" Wahlen.)

    c) ob eine beliebte Übereinstimmung vielleicht auf den zweiten Blick doch nicht so viel Unterstützung findet. Hier erinnere ich mich z.B. an eine Diskussion über den "Grexit", wo ein Großteil meiner SuS bei näherer Betrachtung möglicher Folgen die Meinung geändert hatte.


    Lange Rede, kurzer Sinn: einzelne populäre Positionen genauer betrachten erscheint mir in jedem Fall sinnvoll.

    There are only 10 sorts of people - Those who know binaries and those who don't.

  • Ich benutze den Wahl-O-Mat nicht mehr im Unterricht, aus mehreren Gründen. Zum einen kommt der immer viel zu spät raus, den hätte ich kurz vor Sommerferien gebraucht. Naja, geschenkt. Zum anderen muss man zu jeder Frage eine riesen Arie abhalten, was das eigentlich bedeutet, zumindest für mein Klientel. Sonst klicken die einfach nur ins blaue. Und als letzter, besonders interessanter Punkt: Das Phänomen mit den 80% AFD Übereinstimmung in den Klassen geht noch viel weiter. Nachdem mir das in der Vergangenheit auch schon aufgefallen ist, dass fast immer AFD oder NPD bei Schülern rauskommt, habe ich mir mal den Spaß erlaubt und alle möglichen Leute jenseits der Schülerschaft den Wahl-O-Mat machen lassen. Und siehe da, da kam genau das selbe raus, fast alle AFD und NPD. Bei mir übrigens auch, obwohl ich meilenweit vom rechten Spektrum entfernt bin. Ich kann mir gut vorstellen, dass das an den teilweise etwas undifferenzierten Fragen liegt. Ich meine mich zu erinnern, dass da z.B. immer so eine Frage zur Bedeutung der Familie kam. Wenn man da angeklickt hat, dass einem die Stärkung von Familien wichtig ist, dann gab das direkt einen Punkt für AFD und NPD :gruebel: Naja, ist alles schon eine Weile her, aber seitdem lasse ich dann doch die Finger davon und gucke mir mit den Schülern lieber Parteiprogramme an, bevorzugt in einfacher Sprache.

  • Bei mir übrigens auch, obwohl ich meilenweit vom rechten Spektrum entfernt bin.

    Echt? Ich hab's jetzt mal spasshalber für die letzte Landtagswahl Baden-Württemberg ausprobiert, da hab ich wenigstens grob ne Ahnung, worum es thematisch geht. Überraschenderweise soll ich CDU wählen, das sollte ich noch nie, wenn ich den Wahl-O-Mat ausgefüllt habe. Platz 2 geht an die Grünen, also offenbar gehe ich mit der aktuellen Landesregierung konform. Platz 3 geht an die FDP, die lag bis anhin immer deutlich vor der CDU. AfD ist auf den 4. Platz vorgerückt, aber dass bei mir rechts meilenweit vor links kommt, ist immer schon so und passt auch. Aber allein schon, wenn ich die Frage nach der Cannabis-Legalisierung doppelt gewichte, sinken die Prozentpunkte für die AfD aber sowas von deutlich. Für die SPD ist meine Vorstellung vom Bildungssystem offenbar zu "elitär". Wenn ich bei den Fragen mal gegen meine wirkliche Meinung anklicke, rückt die SPD plötzlich ganz weit nach vorne, bei CDU und den Grünen tut sich erstaunlicherweise gar nicht so viel.


    Edit: Hab's grad noch für die letzte Europawahl ausprobiert. Da rutschen AfD und NPD auf die letzten Plätze. Ist aber ganz einfach zu erklären, ich will weder dass Deutschland aus der EU austritt noch den Euro aufgibt. Dann noch ein bisschen pro Entwicklungshilfe und pro Pressefreiheit und schon haben die wirklich Rechten verloren.

    Einmal editiert, zuletzt von Antimon ()

  • Bei mir lagen Grüne immer vor SPD und CDU (in der Reihenfolge) nah beieinander (alle über 75 %), dann Riesenabstand FDP und unter 20 % AFD. Das hat mich vor vielen Jahren dazu gebracht, mir das Parteiprogramm der Grünen genau anzuschauen, ich hatte sie bis dahin nicht beachtet.


    Nein, AFD ist bei mir immer an letzter Stelle, FDP nur wenig davor (ca. 25 %). Bei mir stimmt Wahl-o-mat völlig.


    (Man kann sich doch die Punkte, die übereinstimmen, genau ansehen. Und man muss sich überlegen, ob es nur im Parteiprogramm steht, oder wirklich von der Partei vertreten wird.)

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  • ...

    Ich würde auch darüber reden, was denn die einzelnen Fragen wirklich bedeuten und welche Auswirkungen die Antworten darauf haben.

    Aber einfach nur "machen" lassen ohne Gespräch und Kommentar ... nein, würde ich nicht.

    Definitiv, m.M.n. sollte man das aber den Politikkolleg*innen überlassen. Dass man in so einem Gespräch fachfremd ruckzuck überfordert ist, sieht man ja z.B. an dieser Frage.

    • Offizieller Beitrag

    Ich finde es erstaunlich, dass bereits zwei oder drei Fragen, die sich mit Migration befassen, sofort die rechten Parteien in der Skala nach oben schießen lassen, wenn man sie entsprechend beantwortet.
    Man teilt also offenbar nur dann nicht die Haltung der Rechten, wenn man für unbegrenzte Migration ist - so habe ich das in der Vergangenheit beim Wahlomat feststellen können. Anders konnte ich mir das relativ "gute" Abschneiden der Rechten bei meinem Ergebnis nicht erklären - und als "Halbmigrant" habe ich verständlicherweise kein Interesse am Erstarken irgendwelcher Rechten.

    Gruß
    #TheRealBolzbold

    Ceterum censeo factionem AfD non esse eligendam.

  • Du bist aber auch in anderen Fragen rechts der Mitte, würde ich mal behaupten. Abgesehen davon, dass die AfD unwählbar ist, weil sie eben ist, was sie ist, sind die Themen nun nicht alle auf deren Mist gewachsen und drehen sich nicht nur um Migration. Warum sollten klassisch CDU-Wählende nicht auch bei der AfD Übereinstimmungen wiederfinden?

  • Die Funktion fragen zu ignorieren sollte man unbedingt nutzen, Schüler sollten sie dann nutzen, wenn sie einfach keine Ahnung haben.

    Ich muss auch bei vielen Sachen erst mal nachlesen, um was es geht und finde es schwer, zu beurteilen, welche Folgen eine bestimmte Änderung haben könnte.


    Vielleicht ist das überhaupt der Sinn des Wahl-O-Maten, dass man feststellt, wozu man alles noch gar keine Meinung haben kann.

  • Eine Dozentin hat einmal für alle 10. Klasse (M-Zug) der Mittelschule einen Barcamp abgehalten, bei dem sich die SuS in Kleingruppen je über ein Statement aus dem Wahl-O-Mat informieren (natürlich mit Material) und sich die Kleingruppen dann in Barcamps gegenseitig darüber informieren mussten.

    Im Anschluss wurde der Wahl-O-Mat durchgeführt und die Ergebnisse waren ihrer Aussage nach anders (ich will nicht sagen besser) als bei den gängigen Schülerwahlen, die sie ohne Vorabinformationen durchgeführt haben.


    Für so ein Projekt benötigt man aber Zeit, die man oftmals in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern leider nicht hat.

  • Beim Wahl-o-mat sehe ich den großen Vorteil, dass auf alle wichtigen Punkte des öffentlichen Lebens geachtet wird, statt nur die Kernthemen einer Partei. So ist sicherlich die Position der AfD zu Migration oder die Position der Grünen zu Umwelt & Natur bekannt, aber ich würde mal behaupten, dass der Durchschnittsbürger z.B. reichlich wenig zu den Positionen zum Thema Bildung und Forschung weiß - womöglich nicht ganz unwichtig für Eltern und Lehrer.

  • reichlich wenig zu den Positionen zum Thema Bildung und Forschung weiß - womöglich nicht ganz unwichtig für Eltern und Lehrer.

    Bei der AFD völlig unwichtig, da der Rest des Programms einfach nicht wählbar ist

  • Weil ich es eben entdeckt habe: voteswiper.org


    Dort werden alle "Aussagen" mit Erklärvideo/Erklärtext versehen.

  • Und siehe da, da kam genau das selbe raus, fast alle AFD und NPD. Bei mir übrigens auch, obwohl ich meilenweit vom rechten Spektrum entfernt bin. Ich kann mir gut vorstellen, dass das an den teilweise etwas undifferenzierten Fragen liegt. Ich meine mich zu erinnern, dass da z.B. immer so eine Frage zur Bedeutung der Familie kam. Wenn man da angeklickt hat, dass einem die Stärkung von Familien wichtig ist, dann gab das direkt einen Punkt für AFD und NPD :gruebel:

    Ich habe ganz andere Erfahrungen gemacht. Bei mir hat der Wahl-O-Mat in seinem Ergebnis immer mit meinen persönlichen Überzeugungen übereingestimmt.

    Es scheint mir wichtig, die genaue Funktionsweise des Tools haarklein zu erklären. Dass man zum Beispiel bestimmte Themen höher gewichten kann. Dass man auch mal neutral antworten kann oder Fragen überspringen kann.

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