Deutsch: DER Wachstum!?

  • Moin Leute!


    Ferienzeit = Korrekturzeit. ;(


    Im Rahmen dessen fällt mir wieder vermehrt auf, dass nicht wenige(!) Schüler der Auffassung sind, das Substantiv "Wachstum" sei maskulin. Wie erklärt ihr euch dieses Phänomen, das sich zu verfestigen scheint? Die meisten Substantive, die auf -tum enden, sind doch auch sächlich: das Brauchtum, das Bistum, das Bürgertum. Ausnahmen wären der Reichtum oder der Irrtum.


    Schönen Gruß!

  • Das ist mir bei "Wachstum" noch nicht aufgefallen, wohl aber - im letzten Schuljahr - bei "Interesse", wo plötzlich viele SuS entweder "die Interesse" oder "der Interesse" schrieben.

    Eine Erklärung dafür habe ich nicht und ehrlich gesagt, gibt es für mich Wichtigeres ;-) .

    to bee or not to bee ;) - "Selbst denken erfordert ja auch etwas geistige Belichtung ..." (CDL)

  • Viele meiner Kollegen (Nicht-Deutschlehrer) winken auch nur ab, wenn ich so etwas anspreche. Die streichen das zum Teil gar nicht an. Hauptsache, der Inhalt passt halbwegs.

    Ich glaube, du hast mich falsch verstanden: Ich meinte, dass mir eine Erklärung für derartige Phänomene unwichtig ist. Es gibt sie halt (genauso, wie ich vor ein paar Jahren mal festgestellt habe, dass viele SuS das Wort "Fernsehen" oder "Fernseher" falsch schrieben; mittlerweile findet sich da aber nur noch selten ein Rechtschreibfehler - das scheint sich also wieder "verlaufen" zu haben). Woran das liegt, interessiert mich eher nicht.

    Ich streiche natürlich Fehler an - obwohl ich keine Deutschlehrerin bin -, aber im Endeffekt finde auch ich den Inhalt am Wichtigsten, gerade vor dem Hintergrund, dass ich viele nicht-deutschsprachige SuS habe und viel in Berufseinstiegs- und Berufsfachschulklassen unterrichte. Da ist mir im Wirtschaftsunterricht am Allerwichtigsten, dass meine SuS den Inhalt verstanden haben. Korrektes Deutsch ist zwar natürlich auch wichtig, aber in dem Fall zweitrangig.

    to bee or not to bee ;) - "Selbst denken erfordert ja auch etwas geistige Belichtung ..." (CDL)

  • Ich vermute, das liegt daran, dass unser Genus-System generell schwächer wird. Da das Maskulinum im Deutschen das Standardgenus ist, gibt's halt den Artikel "der" bei Wörtern, die man nicht so ganz einsortieren kann. Meine Idee.

    Gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen den Schülern, die das machen? Für welche mit anderer Muttersprache, die kein Genus und/oder Artikel hat, könnte es eine Erklärung sein.

  • Eine Erklärung habe ich nicht, stelle ich aber im Politikunterricht seit vielen Jahre fest, da ist es DER Wirtschaftswachstum.

    Genauso selbstverständlich falsch sagen und schreiben die SuS DAS Bruttoinlandsprodukt und DER BIP.

    Beides durch die Bank weg bei Muttersprachlern mit gutem Ausdrucksvermögen.


    Ich habe schon Wetten mit den SuS abgeschlossen, ob ein Kurs es schafft, diesen Fehler zu vermeiden. Ich habe immer gewonnen.

  • Ich habe schon Wetten mit den SuS abgeschlossen, ob ein Kurs es schafft, diesen Fehler zu vermeiden. Ich habe immer gewonnen.

    Das glaube ich gern. :autsch:


    Spreche ich die SuS auf den Fehler an, schütteln Sie ungläubig den Kopf und können es nicht fassen, dass es DAS Wachstum heißt. Wie kann bei Ihnen das Sprachgefühl dermaßen versagen?


    Ich habe sogar mal eine Abstimmung in einer Lerngruppe (Jg. 9) gemacht: Gut die Hälfte plädierte für den falschen Genus.

  • Das ist das Problem mit den "Ausnahmen", sie sind viel häufiger als die Regel.
    Wie oft benutzen die Schüler*innen das Wort Reichtum und wie oft "Bürgertum"/"Bistum". Das heißt, kognitiv ergibt es Sinn, weil das Wort den meisten Schüler*innen (warum auch immer :-( ) nicht bekannt genug ist, dass es fest im Gehirn ist. Mit dem natürlichen Sprachwandel, der ja immer weiter Richtung "Vereinfachung der Sprache" (absolut wertfrei gesprochen!) tendiert, fällt das Geschlecht neutrum durchaus weg.
    (und gleichzeitig fällt die Akkusativendung vom Maskulinum weg, es hat also nichts gegen das Neutrum an sich, sondern das Gehirn vereinfacht alles. In 200-300 Jahren wird sicher das "einen" zu "ein" und viele Kasus werden gewechselt haben.

  • Da das Maskulinum im Deutschen das Standardgenus ist,

    Echt? Das kann durchaus sein, aber ich dachte, das Neutrum - falls man überhaupt so etwas sagen kann. Herauszufinden über Experimente mit zufällig gebildeten Silben, die fiktive Fremdwörter produzieren. Bei Fremdwörtern nimmt man ja entweder das Genus der Ursprungssprache, das der Übersetzung, oder das Genus, nach dem das Wort irgendwie ausschaut - wenn das alles nichts hilft, wird meist Neutrum daraus. Generisches Maskulinum ist etwas anderes als Maskulinum als Standardgenus. Im Duden sind jedenfalls 46% der Einträge mit eindeutigem Genus Femininum und 34% Maskulinum.

    Bitte, erkläre es mir nicht noch einmal. Ich glaube, ich verstehe sehr gut, was du meinst, ich teile nur deine Meinung nicht (halte sie vielleicht sogar für falsch, oder verwerflich). Das liegt nicht daran, dass ich dich nicht verstehe. Es scheint etwas anderes zu sein, was mich inkompatibel zu deiner Ansicht macht. Fern ist es von mir, irgendwem Schuld zuweisen zu wollen - so oder so, es liegt nicht am Missverstehen, wirklich nicht.

  • Der Wachstum und der BIP lese ich in jeder einzelnen Geoklausur und es lässt sich kein Unterschied feststellen zwischen Schülern mit deutscher oder anderer Muttersprache.


    Wüsste auch mal gerne, wo das herkommt.

  • Noch ein Ansatz:

    Man kann von der Endung her nicht auf das Genus schließen.


    Häufig werden die Wörter im Satzzusammenhang benutzt/ gelesen und stehen entsprechend mit deklinierten Artikeln, die auch nicht im Nominativ sind, z.B. die Grenzen des Wachstums, die Steigerung des Wachstums…


    Dabei teilen sich Maskulinum und Neutrum im Genitiv und Dativ die Artikel. Die Begriffe stehen dann in Satzzusammenhängen, die so nur in der Bildungssprache vorkommen - ansonsten werden Genitiv und Dativ eher vermieden.


    Irrtümlich wird dann abgeleitet, dass es sich um ein maskulines Wort handelt, auffällig wird es, wenn das Wort im Nominativ eingesetzt wird, der in den Antworten der Schülerschaft häufiger vorkommen dürfte.

  • Vielleicht liegen die hier festgestellten Probleme an Folgendem:

    > SuS lesen weniger Bücher, Zeitung, ...

    > SuS kennen weniger Wörter (Bedeutung der Wörter) als früher

  • Die Lehrerin meines Kindes hat nach einer Woche diagnostiziert, dass es bestimmt nicht genug lesen würde, weil die Rechtschreibung zu wünschen übrig lässt. Öhm nee, das Kindlein hat definitiv mehr Bücher gelesen als ich in dem Alter (...und im Gegensatz zu mir einen überdurchschnittlichen IQ). Trotzdem hat mir die Rechtschreibung nie nennenswerte Probleme gemacht. Also dieser "die Jugend von heute liest nicht mehr"-Ruf, der für alles herhalten muss, für den soll bitte erst mal ein Nachweis erbracht werden. Auch wenn es hier um Grammatik geht und nicht um Rechtschreibung.


    Ich habe auch keine Ahnung, wo das Phänomen herkommt, aber ein paar schlüssige Vorschläge wurden ja genannt. Mir ist auch das aufgefallen:

    Das ist das Problem mit den "Ausnahmen", sie sind viel häufiger als die Regel.
    Wie oft benutzen die Schüler*innen das Wort Reichtum und wie oft "Bürgertum"/"Bistum".

    Interessant ist das Phänomen auf alle Fälle, vor allem wenn das mehrere beobachten.

    Tao-hsin sprach zu seinen Schülern "Die Freiheit des Himmels, eines Baumes, eines Steines ist die Messlatte."

  • Doch. War etwas missverständlich formuliert. Sie wissen, dass es DAS Produkt heißt und nennen es auch so.

    Die Abkürzung für BIP für Bruttoinlandsprodukt müsste also DAS BIP sein, nahezu alle sagen aber DER BIP.

    Da bekommt die Abürzung also plötzlich ein anderes Genus.

  • Also, ich kann mir das beschriebene Phänomen, dass anscheinend immer mehr Jugendliche Probleme mit dem Genus zu haben scheinen, dadurch erklären, dass im alltäglichen Sprachgebrauch immer häufiger keine Artikel mehr benutzt werden ("Gehst du Edeka?", "Gib Stift!", ...). 🤔

  • "Vereinfachung" der Sprache. (Wertfrei) Einige Fälle verfallen.
    Die älteren Sprachen hatten ja auch viel mehr Fälle, viele Sprachen haben im Lauf der Geschichte einiges verloren und drücken es eben anders aus (über Präpositionen zb.)

  • Echt, es reicht. Wegen Corona lassen wir schon die Plosive weg und jetzt auch noch die Fälle. Wo soll das noch hinführen.

    Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, dass man sie ignoriert.

    Aldous Huxley

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