In NDS fliegt die [schriftliche] Division aus dem Mathe Curriculum

  • Die Abiturvorgaben machen in dem Themenbereich keine Vorgaben zu Texten, es sollen aber insbesondere journalistische und wissenschaftliche Texte gelesen werden. Man kann aber auch eine Lektüre zwischen schieben.

    Kann man dann ja mit Auszügen aus Siderius Nuncius vergleichen. Brechts Beschreibung von Galileis Beobachtungen und Schlussfolgerungen, insbesondere zu den galileischen Monden, zur Beschaffenheit des Mondes und zu den Venusphasen sind erstaunlich präzise und finden sich eben auch bei Galilei im Original. Das ist dann aber nicht mehr Mittelstufe.

  • Deswegen ist es gar nicht verkehrt, dass dies im Deutschunterricht mehr Raum bekommt - gerade auch wenn man an online Kommunikation bspw. in den Sozialen Medien denkt.

    Dafür haben wir ja mittlerweile einen eigenen Schwerpunkt in Englisch. Ich finde die Redundanzen mit Deutsch da irgendwie überflüssig und fände sinniger, wenigstens das Sprachfach, in dem die Sprache die geringste Hürde darstellen sollte, würde seinen literarischen Schwerpunkt behalten.

  • Nach welchen Kriterien werden die Lektüren eigentlich ausgesucht? Vielleicht geht der Kanon an den Interessen vieler Jugendlicher vorbei, die sich abgestoßen fühlen von den Intrigen fremdgehender 40-Jähriger mit Suizidgedanken, Mordgelüsten und schizophrenen Halluzinationen in altertümlicher Sprache, insbesondere als Drama mit Regieanweisungen- furchtbar.

    Nicht, dass man lauter Jugendbücher lesen müsste, aber irgendwas zum "Muss man aus Prinzip gelesen haben" hochjazzen, weil ist halt so, kann man sich m.E. sparen. Da lesen die meisten doch sowieso bloß die Lektürehilfe.

  • wenigstens das Sprachfach, in dem die Sprache die geringste Hürde darstellen sollte, würde seinen literarischen Schwerpunkt behalten

    Man kann das Argument auch umdrehen: In dem Sprachfach, in dem die Sprache die geringste Hürde darstellen sollte, kann man subtile Feinheiten von Sprache vielleicht besser bearbeiten.

    Ich will ja gar nicht gegen klassische Literatur und mehr Ganzschriften im Deutschunterricht argumentieren. Ich persönlich finde durchaus, dass literarische Bildung auch im Sinne eines Literaturkanons zur Allgemeinbildng eines Abiturienten gehört. Aber es gibt halt auch andere Baustellen, die bedient werden müssen.

    Und im Übrigen hat Quittengelee, bei allem elitären Bildungsanspruch, schon recht. Wenn man mal Lektüren völlig frei wählen kann und dabei ein glückliches Händchen hat, sieht man erst, wie Deutschunterricht bzw. Literaturunterricht, der die Schüler erreicht, auch sein kann. Was da bei Schülern bzgl. des Werts von Literatur und des Lesens an sich ankommt, wiegt vielleicht tatsächlich den Wegfall des einen oder anderen Klassikers wieder auf.

  • Vielleicht geht der Kanon an den Interessen vieler Jugendlicher vorbei

    Nicht dass man das nicht auch berücksichtigen könnte, aber vielleicht gehen auch die Inhalte des Mathematik- oder Chemieunterrichts an den Interessen vieler Jugendlicher vorbei?

    die sich abgestoßen fühlen von den Intrigen fremdgehender 40-Jähriger mit Suizidgedanken, Mordgelüsten und schizophrenen Halluzinationen

    Es gibt auch genug Klassiker, die für Jugendliche thematisch sehr ansprechend sein können: Ich denke da an den Werther oder den Faust, ich denke gerade an Dürrenmatt, Brecht, Hesse, ich fand damals auch E.T.A. Hoffmann toll oder Eichendorff.

  • Es gibt auch genug Klassiker, die für Jugendliche thematisch sehr ansprechend sein können: Ich denke da an den Werther oder den Faust, ich denke gerade an Dürrenmatt, Brecht, Hesse, ich fand damals auch E.T.A. Hoffmann toll oder Eichendorff.

    Du hast länger nicht mit Jugendlichen gesprochen, oder?

  • Du hast länger nicht mit Jugendlichen gesprochen, oder?

    Wenn er mich als Jugendlichen gefragt hätte, dann war nur der Faust von der Geschichte her ansprechend, von der sprachlichen Gestaltung her aber gar nicht. Also bei mir wäre es seeeehr lange her gewesen, um mich zu fragen ;)

    Ich habe zwar immer immens viel gelesen, fast alle Schul-Lektüren blieben mir aber fern. Auch der Werther oder "die Leiden des jungen W." etc.

    Tim Finnegan liv’d in Walkin Street
    A gentle Irishman mighty odd.

  • Gibt auch Schüler, auf die der Nimbus "muss man gelesen haben, weil Bildung" anziehend wirkt, und die auch die Herausforderung suchen. Zumindest habe ich es in Englisch bei Mitschülern und auch als Lehrer schon erlebt.

  • Die Herausforderung habe ich bspw. bei Umberto Eco gesucht, dessen Bücher ebenfalls als schwere Kost und Herausforderung gelten. Diese Bücher empfand ich als anziehend, Herausforderung und Teil meiner Bildung.

    Tim Finnegan liv’d in Walkin Street
    A gentle Irishman mighty odd.

  • Gibt auch Schüler, auf die der Nimbus "muss man gelesen haben, weil Bildung" anziehend wirkt, und die auch die Herausforderung suchen. Zumindest habe ich es in Englisch bei Mitschülern und auch als Lehrer schon erlebt.

    Was ist an Schullektüren in Deutsch besonders herausfordernd? Ganz abgesehen davon, dass man gar nichts aus Bildungsgründen muss.

    Ich habe zwar immer immens viel gelesen, fast alle Schul-Lektüren blieben mir aber fern. Auch der Werther oder "die Leiden des jungen W." etc.

    War bei mir ähnlich. Insbesondere den Werther habe ich nie komplett geschafft. Dieses Gejammer ist kaum auszuhalten.

  • Was ist an Schullektüren in Deutsch besonders herausfordernd?

    Anspruchsvoll bzw. herausfordernd? So empfand ich die Sprache der Schullektüren auch nicht. Ich war von den Schullektüren eher genervt. Sprachlich schwieriger zu lesen fand ich da tatsächlich Eco - daher als Beispiel genutzt - und besonders der Name der Rose mit seitenlangen historischen Ausführungen über Ketzer oder großen lateinischen Zitaten. Das war für mich anstrengender und herausfordernder als den Faust zu lesen. Das hat mich aber stärker angesprochen und mir Freude gemacht.

    Sprachlich anspruchsvoller als die Schullektüren - in dem Sinne, dass es eine größere Mühe war, Texte zu verstehen - waren Karl Marx oder Max Weber in Sozi. Deutlich anspruchsvoller zu lesen, als alle Texte, die ich in Deutsch gelesen habe. Aber natürlich eine andere Textsorte.

    War bei mir ähnlich. Insbesondere den Werther habe ich nie komplett geschafft. Dieses Gejammer ist kaum auszuhalten.

    Das war beim "jungen W" noch stärker bei mir. Daher hatte ich beide Werke als Beispiele genannt, da sie mir echt auf den Geist gingen.

    "Nathan der Weise" oder auch "Biedermann und die Brandstifter" waren von der Geschichte her ok. "Homo Faber" ging gar nicht an mich ran. Freiwillig (privat) hatte ich die Schachnovelle gelesen aber nicht in der Schule. Gut gefallen hat mir tatsächlich "Des Teufels General".

    Alles, was wir da so gelesen hatten - auch Schiller - war jetzt von der Sprache her lesbar, hat mich aber nicht berührt und mich teils genervt.

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  • Schüler (m/w/d) müssen eine Lektüre gar nicht so spannend finden, dass sie sie auch privat lesen würden. Es dürfen gerne Unterschiede zwischen Lektüren, die in der Schule gelesen werden, und Lektüren, die privat gelesen werden, geben. Schule kann eh in Sachen Literatur nur einen groben Überblick über die Breite dieses Kulturgegenstands bieten. Da wird vielleicht mal in der Mittelstufe ein Werk der kinderliterarischen Phantastik gelesen und daraufhin stellt vielleicht ein Schüler (m/w/d) fest, dass das genau sein Werk ist und holt sich in den Folgejahren nach und nach eine ganze Sammlung klassischer und moderner Werke dieses Genres.

    Und selbst wenn jemand nach der Schulzeit nie wieder (außerhalb von Notwendigkeit im Rahmen beruflicher Fort- und Weiterbildung) freiwillig ein Buch in die Hand nimmt: Die Erfahrung der Auseinandersetzung mit einem der wichtigsten Werke der deutschen Literaturgeschichte bleibt für ein Leben lang. Man muss auch klar die Alternative benennen: Jemand (m/w/d), der in der Schule ein solches Werk nicht liest, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit bis zum Rest seines Lebens nicht tun. Und dann im Zweifelsfall lieber in der Schule, wenn ihr mich fragt.

  • Davon abgesehen wird ja keiner zur Bildung gezwungen.

    Du meinst, es muss nicht jeder das lesen und lernen, das du als Bildung verstehst. Das kann sich ganz erheblich von dem unterscheiden, was andere Menschen unter Bildung verstehen.

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