Was tun die Grundschulen im Sprachunterricht?

    • Was tun die Grundschulen im Sprachunterricht?

      So, hier ein Thema aus dem Giftschrank: Was tun die Grundschulen im Sprachunterricht? Aus aktuellen Anlässen wird es bei uns inzwischen eigentlich mit jeder neuen Jahrgangsstufe 5 diskutiert. Ich habe jetzt gerade eine neue 5. Klasse - gut, sie konnten am Anfang nicht pünktlich sein und rannten immer im Klassenraum herum, das waren sie anscheinend so gewohnt. Ist kein Beinbruch und sagt über "die" Grundschulen sicher nichts aus. Was mich aber doch irritiert ist: Sie haben wenig Ahnung von Rechtschreibung... Nicht alle natürlich, aber doch sehr viele. Sie schreiben natürlich nicht alles falsch, aber an vielen Stellen fragt man sich, ob jemals ein systematischer Rechtschreibunterricht stattgefunden hat. Zum Beispiel scheinen viele Kinder wirklich keinerlei Ahnung davon zu haben, dass es Regeln für die Groß- und Kleinschreibung gibt. Sie scheinen also zu wissen, dass man manche Wörter großschreibt (vielleicht, weil sie die Wörter kennen?) Aber dass es Klassen (!) von Wörtern gibt, die man großschreibt - das haben viele offenbar nicht verinnerlicht.

      Von der Handschrift will ich gar nicht reden. Ich erinner mich dunkel, dass ich noch Schwungübungen gemacht habe, als ich zur Schule ging. Das ist bei "meinen" 5klässlern sicher nicht so gewesen, und man sieht es.

      Um es sehr zugespitzt und böse zu sagen: Die Kollegen wollen eigentlich nur vier Dinge von den Kindern in Klasse 5: Dass sie ungefähr wissen, wie Schule funktioniert und dass es Regeln gibt. Dass sie lesen, (recht)schreiben und rechnen können. Die Kinder müssen keine Folien auflegen können, nicht mit Powerpoint arbeiten können, nicht den Kreativitäts-Nobelpreis gewinnen können usw. Aber irgendwie klappt das mit den Wünschen von Gymnasium und Grundschule offenbar nicht, sie passen nicht mehr zusammen. Z. B. gibt es an den Grundschulen in unserer Gegend offenbar teilweise keine Diktate mehr. Die schreiben wir aber weiterhin. Die Kollegen gehen fluchend durchs Lehrerzimmer und fragen sich, wie ein Kind, das beim Abschreiben (!) eines kurzen Textes dutzende Fehler macht, eine Gymnasialempfehlung bekommt.

      Jetzt las ich eine Studie von Steinig et. al., die Texte von Grundschülern aus den Jahren 1972 und 2002 aus Dortmund und Recklinghausen verglichen haben. Die Ergebnisse sind nicht (!) repräsentativ. Aber das Fazit ist:
      - Die Gymnasiasten können 2002 besser als 1972: Erzählen, kreativ schreiben. Sie können deutlich schlechter: Rechtschreiben.
      - Real- und Hauptschüler können 2002 besser als 1972: Gar nichts. Jedenfalls nicht in Relation zu den Gymnasiasten. Dafür können sie aber etwas deutlich schlechter: Rechtschreiben.
      Steinig et. al. fordern auf der Basis übrigens eine Abschaffung des gegliederten Schulsystems oder mehr Förderung für schwächere Kinder in der Grundschule...

      So, um das jetzt noch klar zu sagen: Ich erwarte natürlich nicht, dass ein 5klässler perfekt rechtschreibt. Und dass die Kinder große Erzählqualitäten haben (zumindest viele) erkenne ich vollkommen an. Ich weiß auch, dass an den Grundschulen sehr harte Arbeit geleistet wird und denke, dass es insgesamt gute Arbeit ist. Ich würde auch nie einfach (wie manche meiner Kollegen sich das vorstellen) Forderungen stellen und sagen: Die Grundschulen müssen, sollen blabla. Dafür weiß ich zu wenig darüber, was dort passiert.

      Aber interessieren, wie das Ganze sich aus Grundschulsicht darstellt, würde es mich doch. Für mich stellt sich die Situation so dar, dass ich jetzt erst einmal monatelanges Rechtschreibtraining machen werde. Es wird sehr frontal werden, sehr langweilig und mit sehr viel Druck funktionieren. Sehr "undidaktisch" also. Was man den Kindern vielleicht in der Grundschule erspart hat, kommt also jetzt. Einige werden an der Rechtschreibung scheitern - nicht nur, aber wesentlich auch. Dafür werde ich den Stoff, den ich machen sollte, nicht machen.

      Wie also sieht es im Sprachunterricht der Primarstufe aus? Ein bisschen Aufklärung wäre super, damit ichs besser verstehe.

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    • Rechtschreibung

      Obwohl ich die Worte doch sehr angreifend finde und man beim Lesen das Gefühl bekommt, wir "unten" machen nichts als Däumchen drehen, möchte ich als Grundschullehrerin meine persönlichen Erfahrungen wiedergeben, um das Bild etwas gerade zu rücken.
      Ich bemühe mich nach Kräften den Schülern eine ordentliche Rechtschreibung und Grammatik beizubringen. Geübt wird bis zum Umfallen, Wörter trainiert, ja, auch viele Diktate geschrieben! Sie werden lediglich nicht mehr als Klassenarbeiten gewertet.
      Warum es mittlerweile immer weniger Kindern begreifbar gemacht werden kann, wie die richtige Schreibweise auszusehen hat, kann ich auch nicht mehr beantworten. Ich kann nur sagen, dass im häuslichen Bereich bei vielen kaum noch geübt wird. Ganz spitz ausgedrückt ... die Kinder werden am 1.Tag der 1.Klasse abgegeben und haben am letzten Tag der 4.Klasse gymnasiumreif zu sein oder aber sie werden eingeschult, mit der Gewissheit, dass sich niemand vom Elternhaus kümmern wird. Wenn ich Elternbriefe bekomme, die voll von Fehlern sind, und es werden immer mehr, frag ich mich, wie üben die mit ihren Kindern?

      Mittlerweile kann ich nur noch sagen, die Kinder sind ein Spiegel ihrer Umwelt.

      So, und was die Rechtschreibung an sich angeht .... Einstein war auch Legastheniker! Nur, weil man nicht richtig schreiben kann, heißt das noch lange nicht, dass Kinder unfähig sind, ein Gymnasium besuchen zu können!
      Auf die Unzuverlässigkeit der anderen kann man sich immer verlassen!

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    • Aus dem KC Deutsch für Niedersachsen:

      "Das Fach Deutsch gliedert sich in die inhaltsbezogenen Kompetenzbereiche „Sprechen und Zuhören“,
      „Schreiben“, „Lesen“, „Sprache und Sprachgebrauch untersuchen“ und in die methodenbezogenen
      Kompetenzbereiche „Über fachbezogene Methoden und Arbeitstechniken verfügen“ und „Lernstrategien
      anwenden“."

      "Schreiben" meint nicht nur Rechtschreibung, sondern auch Texte verfassen (und ist nur ein Bereich von vielen, s.o.). Das sieht dann so aus, dass man ab Klasse 3 pro Halbjahr zwei benotete RS-Arbeiten schreibt. Neben den zwei Aufsätzen (die richtig viel Zeit in der Vorbereitung in Anspruch nehmen), dem Lesetest und dem Grammatiktest. So war es an meiner letzten Schule. Diktate sind total out, es sollen auch andere Methoden zur RS-Überprüfung genutzt werden.

      Typische RS-Strategien, die vermittelt werden, sind z.B:

      -Am Satzanfang schreibt man groß.
      -Nomen werden groß geschrieben, Nomen erkennt man am Artikel.
      -Verlängere das Wort (Auslautverhärtung).
      -Bilde die Einzahl (z.B. Bäume/Baum).

      Ich bin gerade zu faul, noch mehr aufzuschreiben. So ganz kann ich nicht nachvollziehen, dass eure Kinder keine RS-Strategien mitbringen. Ich finde auch, dass die RS immer schlechter wird. Ihr Stellenwert in unserem KC ist aber auch lächerlich. Außerdem ist mir noch kein Schulbuch begegnet, mit dem man die RS vernünftig trainieren könnte. Da weicht man dann auf irgendwelche RS-Begleiter oder Lernboxen oder sonstwas aus.

      Mich wundert das Ergebnis der Studie nicht. Ich persönlich musste in meiner GS-Zeit gar keine Aufsätze schreiben, dafür saß ich aber wöchentlich da und habe für die Diktate geübt. Und hatte keine Playstation, die mir die mühsam antrainierten Wörter wieder aus dem Hirn gekickt hätte. :)
    • Ich unterrichte z.Z. ein 3. Schuljahr, habe die Kinder Anfang der 2. Klasse übernommen. Ich ärgere mich fast täglich über die Rechtschreibfehler meiner Kinder, die immer wieder auftauchen, OBWOHL wir die Wörter 1000x geschrieben und geübt haben (mit vielen unterschiedlichen Methoden) . Wir haben z.B. in Merkheften notiert, dass man Nomen immer groß schreibt, haben Aufgaben im Buch dazu bearbeitet, eine Lerntheke gemacht, Nomen gesammelt usw. usw. Und was ist?! Die Hälfte der Kinder schreibt "Haus" immer noch klein :cursing:
      Ich habe auch den Eindruck, dass es bei vielen vor allem an der Konzentration liegt. Viele Kinder wissen eigentlich welche Wörter man groß schreibt, können es aber beim Schreiben nicht anwenden, weil sie einfach zu unkonzentriert und oberflächlich arbeiten. Was ich schlimm finde ist aber auch, dass es zu Hause anscheinend gar keine Konsequenzen hat, wenn man ne 5 oder 6 im Diktat mitbringt bzw. dass sich die Kinder auch selber gar nicht darüber ärgern. Die denken wirklich nur an die Play Station zu Hause... :thumbdown:
    • Vor allem beim freien Schreiben erlebe ich immer wieder, dass die Kinder nichts von dem anwenden, was sie gelernt haben.
      Da verzweifel ich regelmäßig dran.
      Ich nehme an, dass sie einfach noch zu viel Mühe mit der Schreibschrift ansich sowie dem Strukturieren der Gedanken haben.

      Auch wenn die o.g. Studie vielleicht nicht repräsentativ ist - mir scheint es aber auch so, dass die Kinder "früher" einfach besser im Rechtschreiben waren.
    • Nur ganz kurz, vom Handy aus:
      meine Chefin würde sagen: wenn die weiterf. Schule sich ärgert, dass die Kinder keine Diktate schreiben können, dann sollten sie sich auch mal anderen Rechtschreibüberprüfungen umsehen.
      Ich persönlich finde Diktate aber nicht schlecht.

      Zum Rest schreibe ich vielleicht morgen was. Gebe dir aber tendenziell recht. In meiner Realschule konnte ich eine klare Trennlinie zwischen den Schulen ziehen. Aufgrund der Rechtschreibung.

      kl. Gr. Frosch
      Free Tibet!!
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      Die meisten meiner Beiträge entstehen auf einer tablet-Tastatur. Da es dort kein haptisches Feedback gibt, schleichen sich schneller Tippfehler ein. Sorry.
    • Meine, bis auf ein Kind alle Migranten, können gut Rechtschreiben...3.Klasse...
      Diktate (schlimmstenfalls noch geübte Diktate) prüfen doch gar nicht, ob ein Kind wirklich Rechtschreiben kann...aber das ist vielleicht ein anderes Thema.
      Ende der 4. Klasse sollen Kinder Konkreta groß schreiben können. Was steht denn in eurem Rahmenplan?
    • Diktate sind voll out.
      Das habe ich gelernt, als ich nach der Elternzeit an meine jetzige Schule kam.
      NRW Richtlinien sind voll auf Sommer Stumpenhorst ausgerichtet... und da werden irgendwie keine Diktate geschrieben.
      Ich bewerte zum Beispiel die freien Texte der Kinder... die sie selbst korrigiert haben.... wobei sie Wörterbücher benutzen dürfen.

      Meine Viertklässler schreiben auch gerne noch die Nomen und Satzanfänge klein... obwohl sie das seit der zweiten Klasse immer wieder geübt haben und auf Nachfrage theoretisch jederzeit sagen können. Aber praktisch wenden sie es trotzdem nicht an.
      Es ist auch mir ein Rätsel.
      Andere Rechtschreibregeln, wie Dehnungs-H, dass/das, Plural/Singularbildung... und so vieles mehr... das nehmen wir alles durch, machen Übungen dazu, schreiben Tests... und schon ist es wieder vergessen und wird niemals im Alltag angewendet.

      Ach übrigens... falls ein Fünftklässler behauptet, er habe noch niemals etwas von einem Akkusativ-Objekt gehört... oder wisse nicht, wie man nach einem Subjekt fragt... dann glaubt ihm kein Wort. Auch das wird in der Grundschule gründlichst gelehrt.
      Das Leben ist unberechenbar. Iss das Dessert zuerst!
    • Wenn Kinder in der 5. Klasse etwas nicht können, heisst das noch lange nicht, dass sie es in der Grundschule nicht gelernt haben. Ein aussagekräftiges Beispeil war für mich der Besuch von 2 ehemaligen Schülerinnen in meiner 4. Klasse. Wir haben gerade die Satzzerlegung besprochen. Meine 2 "Grossen" konnten fast gar nichts mehr und ich weiss genau, wie intensiv ich das mit ihnen geübt hatte. Erinnern konnten sie sich daran nur dunkel bis gar nicht.

      Zur Rechschreibung:
      Ich verstehe nicht, warum immer die RS für die Leistungsbewertung herhalten muss. Nur, weil das so leicht abzuprüfen ist? Wie viel Zeit muss man denn dafür aufbringen, dass die Kinder wirklich super darin sind? Zeit, die einem dann für andere Dinge fehlt. Ich finde es viel wichtiger, dass Kinder sich mündlich und schriftlich ausdrücken könne, über einen angemessenen Wortschatz verfügen, argumentieren und diskutieren können usw. Wie man an der Reform gesehen hat, kann die RS ja auch recht vergänglich sein. Wozu also der ganze Aufwand? Das soll natürlich nicht heissen, dass man Kindern gar keine RS beigringen soll, aber das Verhältnis muss noch stimmen.
    • Und was erwartest Du jetzt von uns?

      Es ist nun mal Tatsache, dass pro Schuljahr bis zur 10. Klasse in der weiterführenden Schule 2 Diktate geschrieben werden. Klar, mag es da andere Möglichkeiten geben. Aber ich bin ja chon ganz verwegen im Kollegium, wenn ich es mit Grammatik-Aufgaben mische. Es ist nun mal eine Tatsache, dass Rechtschreibung in der Grundschule anders geprüft wird als in der weiterführenden Schule. Dass das zu Problemen führt ist völlig klar. Zumal meine 5er mich teilweise allen Ernstes gefragt haben, ob wir das Diktat nicht vorher üben würden. Die hatten (ein Teil der Klasse) bis Klasse 5 nur geübte Diktate geschrieben. Wie soll ich da wissen, ob die Rechtschreibung können? Lernwörter find ich in Ordnung. Aber auf die Art ist das Diktat doch maximal zu Hause bis zum Erbrechen geübt worden.
    • Guten Morgen!

      Ja, auch ich wundere mich häufig, was die Kinder sich so zusammen schreiben ^^ Wie schon angedeutet, reichen Diktate nicht mehr aus, um den laut LP geforderten Ansprüchen gerecht zu werden. Wir erarbeiten 6 tragfähige Grundlagen der Rechtschreibung (Bartnitzky). Hier ein Beitrag dazu studienseminare-primarstufe.nr…20-%20%20Alternativen.htm

      Leßmann ist auch ein großes Thema. Ich arbeite an der neuen Schule nun auch mit der Leßmann Kartei und finde sie an sich ganz okay, allerdings glaube ich, dass vieles sehr oberflächlich behandelt wird (Bsp: Wörtliche Rede: auf den Karteikarten sind freie Felder und nach 2 Eintragungen wissen die SuS, dass überall Doppelpunkte eingesetzt werden müssen. Ob sich wirklich noch mit dem genauen Standort der Punkte auseinandergesetzt wird, ist fraglich).

      Ich bin immer überzeugter von den Rechtschreibübungen, die ich selber erstelle. Ich "korrigiere" die selbstverfassten Texte der Kinder und stelle fest, welche Rechtschreibprobleme auftauchen. Danach erhalten die SuS einen individuellen Arbeitsplan und üben diese Stellen an nicht so durchschaubaren und differenzierten AB (da muss schon der Kopf eingeschaltet werden). Natürlich korrigieren die SuS ihre Fehler auch selber! Ich erlebe immer wieder Kollegen, die die SuS in Reihen am Lehrerpult stehen haben und jeden Fehler korrigieren. Dadurch lernen die Kinder ja gar nix und haben nen enormen Arbeitszeitverlust.

      Es ist jedoch ein sehr langwieriger Prozess. In meiner letzten 4 hat ein Schüler bis zum Schluss überall Doppelkonsonanten eingetragen... ob langer Vokal oder kurzer.

      Schwungübungen werden übrigens nicht mehr gemacht (hab ich zumindest noch nie mitbekommen). Die Diskussion über die verbundene Schrift ist ja auch noch nicht ganz ausgestanden :rolleyes:

      Welche genauen Rechtschreibprobleme tauchen denn in deiner Klasse genau auf? Fehlen ihnen Rechtschreibregeln?

      Das Benehmen der Klasse kann ich natürlich schwer beurteilen. Allerdings bemerkt man enorme Unterschiede zwischen den Klassen in der GS. Hat wohl mit der Schülerzusammensetzung aber auch viel mit der Lehrereinstellung zu tun.

      Ich finde es besonders schwierig, momentan wirkliche Ruhe in viele Klassen zu bekommen. Ich habe in einer Klasse 2 ADHS Kinder, 2 lernbehinderte, 1 schwererziehbares, 1 hochbegabtes. Immerhin sind es nur 24 Kinder. Dennoch ist mindestens eines dieser Kinder immer in Aktion. Ob es schlägt, beleidigt, durch die Klasse rennt, den Nachbarn ablenkt, auf nem Stuhl steht, unter nem Tisch liegt.... Die Kinder drum herum lassen sich entweder mitreißen oder beschweren sich in einer Tour. Und die anderen Kinder quasseln natürlich auch mal oder stellen Unsinn an. Inklusion ist das Zauberwort und gestaltet den normalen Unterricht sehr schwer...
    • Danke für die vielen Antworten, ich finde das sehr informativ. Ja, die nachlassenden Leistungen könnten an den Gameboys liegen. Sie könnten aber auch daran liegen, dass die Grundschuldidaktik sich verrannt hat und die "vielen alternativen Methoden" ganz einfach ineffektiv sind - verglichen mit dem Pauken von Wörtern und den Diktaten, die keiner mehr will. Wenn dem so wäre, wäre das natürlich nicht nur ein Grundschulproblem, sondern ähnliche Probleme stellen sich auch an den weiterführenden Schulen. Man macht alles Mögliche mit tollen Methoden und wundert sich über das Ergebnis - dafür war es aber bunt und didaktisch korrekt. Das betrifft die Gymnasien genauso, keine Frage.

      Ich kann jetzt nicht auf alles eingehen, was hier schon geantwortet wurde - aber noch mal zur Klarheit: Mir ist bewusst, dass die Grundschulen schwere und gute Arbeit machen und dass der einzelne Kollege ohnehin nur begrenzte Spielräume hat. Das ist im Schulsystem ja generell so. Und dass man zum Beispiel darüber diskutieren kann, ob Rechtschreibung so wichtig ist, dass sie viel Grundschulzeit fressen sollte. Man könnte ja z. B. auch sagen, man achtet im 1. und 2. Schuljahr nicht mehr auf Rechtschreibung (scheint ja an manchen Grunschulen auch so zu sein) - und verlagert eventuell verlorene Zeit ins 5./6. Schuljahr. Dann müsste ich das als Lehrer aber auch klar wissen und dafür Zeit zugestanden bekommen - und nicht aufgefordert werden 500 "Kompetenzen" zu schulen, unter denen die Rechtschreibung eine ganz kleine, scheinbar nebensächliche Sache ist. WENN man das so macht, muss man aber beachten, dass bis dahin eine wichtige Schullaufbahnentscheidung schon gefallen ist, und für die spielt die Rechtschreibung natürlich eine wichtige Rolle, ob offen eingestanden oder nicht. Jedenfalls find ich Anregungen aus dem GS-Bereich immer gut, damit ich selbst auf neue Materialien etc. komme, die ich dann bei uns einsetzen kann, von der "Leßmann-Kartei" habe ich z. B. noch nie gehört :).

      Übrigens muss ich über die Vergesslichkeit der Kinder auch immer schmunzeln, die gibts bei uns natürlich auch. Alles nie gemacht! Bei jedem Lehrerwechsel ;).

      Ich verstehe nicht, warum immer die RS für die Leistungsbewertung herhalten muss. Nur, weil das so leicht abzuprüfen ist? Wie viel Zeit muss man denn dafür aufbringen, dass die Kinder wirklich super darin sind? Zeit, die einem dann für andere Dinge fehlt. Ich finde es viel wichtiger, dass Kinder sich mündlich und schriftlich ausdrücken könne, über einen angemessenen Wortschatz verfügen, argumentieren und diskutieren können usw. Wie man an der Reform gesehen hat, kann die RS ja auch recht vergänglich sein.
      Wenn ich noch mal die Studie von Steinig zugrunde lege (wie gesagt: nicht repräsentativ), sind das Diskussionen der 1970er und 80er Jahre. Ich finde es interessant, wie viele Kollegen hier meinen, die RS sei unwichtig. Rein theoretisch gibt es für diese Behauptung ja auch extrem gute Gründe, aber empirisch sieht es zumindest in Dortmund und Recklinghausen offenbar so aus:

      - Die RS ist im Bereich Deutsch das wichtigste Selektionskriterium für die Schullaufbahnentscheidung. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das ist ja auch klar - niemand wird Eltern sagen: "Ihr Kind sollte nicht aufs Gymnasium, weil ich meine, dass es keine schönen Geschichten erzählt."
      - Mittelschichtenkinder rechtschreiben 2002 zwar schlechter als 1972, aber sie haben tatsächlich in anderen Bereichen (z. B. Wortschatz, Kreativität im eigenen Schreiben) zugelegt. Für sie funktioniert der RS-Unterricht auch noch einigermaßen, vermutlich, weil sie zuhause Unterstützung haben und weil sie mit "offenen", "konstruktiven" Übungsformen einigermaßen umgehen können.
      - Abgehängt werden die Kinder, in deren Namen die meisten Rechtschreibreformer sprechen: Die Kinder, die aus Elternhäusern kommen, wo selbst Unsicherheiten in der RS bestehen. Sie erreichen die Mittelschichtenkinder nicht mehr, und die Umstellung auf "konstruktive" Verfahren scheint den Abstand deutlich vergrößert zu haben.
      - Abgesehen davon ist klar, dass wir nicht über "perfekte" RS-Kenntnisse reden. Wir reden über einen Kern von Kompetenzen - der auch durch die RS-Reform gar nicht berührt wurde.

      Nur, weil man nicht richtig schreiben kann, heißt das noch lange nicht, dass Kinder unfähig sind, ein Gymnasium besuchen zu können!
      Doch. Genau das heißt es. Jedenfalls für viele Kinder. Sie bekommen vielleicht noch eine Schonfrist in 5 und 6, aber danach wird es schwer, am Gymnasium zu bestehen, wenn man in der RS große (!) Probleme hat. Das ist vielleicht ungerecht, aber Realität - zumindest bei uns in der Gegend.
    • Petroff schrieb:


      Ich verstehe nicht, warum immer die RS für die Leistungsbewertung herhalten muss. Nur, weil das so leicht abzuprüfen ist?


      Vielleicht auch, weil eine schlechte Rechtschreibung und Ausschlusskriterium bei schriftlichen Bewerbungen ist? Man kann sich über den Bildungsgehalt bei bestimmten Wissensbereichen ja streiten, das ändert aber nichts daran, dass sie soziale Marker sind.

      Nele
    • @ unter uns

      Ich habe schon lange kein Gymnasium/keine Sekundarschule von innen mehr gesehen, kenne mich von daher mit den Geflogenheiten auch nicht mehr aus. Warum ist die Rechtschreibung so bedeutend, dass viele, die sie nicht beherrschen, daran scheitern in den kommenden Schuljahren? Ist es wichtiger, die Fachbegriffe richtig schreiben zu können, als sie zu verstehen? Wird da so viel Wert darauf gelegt? Haben die Kinder etwa bessere Chancen, die zwar richtig schreiben können, aber gar nicht wissen, was die Bedeutung des Wortes oder des Sachverhalts ist?

      In der Grundschule wird viel Wert auf Selbstständigkeit gelegt. Ich handhabe es auch so. Dass die Kinder sich selber zurecht finden, selber Arbeitsaufträge erarbeiten, selbstständig mit Lexikas und anderer Fachliteratur umgehen können, Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden lernen uvm. Dabei spielt die Rechtschreibung eine Rolle, aber nicht die Hauptrolle.

      Was mich aber immer erstaunt, wenn ich ehemalige Schüler wiedersehe, dass all dies plötzlich in der Oberstufe nicht mehr gewünscht ist. Dass die Kinder sich in vielen frontalen Stunden langweilen, alle den gleichen Unterrichtsstoff behandeln, sie lediglich nur noch Tafelbilder in den Hefter übernehmen. Sich plötzlich nicht mehr "bewegen" dürfen, ihren Geist nicht mehr "selbstständig" anstrengen dürfen.
      Dann liegt es doch daran, dass in beiden Schulebenen unterschiedliche Methoden gewünscht sind, die sich aber anscheinend nicht mehr vereinen lassen.

      Dann das Schlagwort "Inklusion" ... wir werden gezwungen, alle Lerntypen unter einen Hut zu bekommen. Uns fragt keiner, ob wir diesen enormen Aufwand an Differenzierungen überhaupt schaffen. Es wird einfach verlangt. Die Palette riesig. ADHS, LB, GB, Kinder mit Wahrnehmungsstörungen, LRS, Dyskalkulie ... alle sollen wunderschön in einem Raum zusammen lernen. Alles gut und schön, wenn die Bedingungen auch stimmen würden. Wenn man Glück hat, arbeitet man zu zweit oder hat einen pädagogischen Mitarbeiter an der Hand. Wenn man Pech hat, so wie ich dieses Jahr, bin ich auf mich allein gestellt. So kommt es wohl letztendlich auch, dass man nicht mehr so intensiv an einer Sache arbeiten kann, sprich Rechtschreibung/Grammatik, weil man allen Schülern in der Klasse gerecht werden muss.
      Auf die Unzuverlässigkeit der anderen kann man sich immer verlassen!

      blackandwhitecat.cms4people.de
    • eigentlich ist alles gesagt....
      die kinder beginnen, lautgetreu zu schreiben - ab klasse 2 werden bei uns lernwörter geübt und wo es sich anbietet auch rechtschreibinhalte. ab klasse 3 das ganze dann intensiver in unterrichtseinheiten und übungen zwischendurch.

      was mir die haare bei meiner jetzigen 3 grau werden lässt: denen scheint es egal zu sein, ob sie richtig schreiben oder nicht. habe das auch intensiv auf dem elternabend thematisiert (eigentlich sinnlos, weil die betreffenden eltern nicht da waren). wir haben bis zum erbrechen das großschreiben von nomen und satzanfängen geübt und die kids wenden es einfach nicht an. ist es bequemlichkeit, ist es vergesslichkeit, das berühmte konzentrationsproblem - ich weiß es nicht.

      folge ist, dass sie und die eltern von mir ganz klare aufgezeigt bekommen, woraus sich die rechtschreibnote alles zusammensetzt - nämlich nicht die diktate, sondern alles andere. diktate schreibe ich, damit die kinder wissen, wofür sie die lernwörter üben und nicht als rechtschreibdiagnoseinstrument (ist laut lehrplan auch schon lange gar nicht mehr vorgesehen). wir üben lernwörter intensivst und die werden dann diktiert, später dann auch mal in einem unbekannten text. zensieren dürfen wir das nicht, geben aber eine zensuren-ähnliche rückmeldung. (hier liegt dann ja schon das problem im lehrplan. wir dürfen keine diktate mehr schreiben um die rechtschreibzensur zu ermitteln und ihr habt es im lehrplan ja anscheinend noch drin... passt ja auch nicht zusammen)
    • manu1975 schrieb:

      Ich habe schon lange kein Gymnasium/keine Sekundarschule von innen mehr gesehen, kenne mich von daher mit den Geflogenheiten auch nicht mehr aus. Warum ist die Rechtschreibung so bedeutend, dass viele, die sie nicht beherrschen, daran scheitern in den kommenden Schuljahren? Ist es wichtiger, die Fachbegriffe richtig schreiben zu können, als sie zu verstehen? Wird da so viel Wert darauf gelegt?


      Ich bin ein großer Befürworter des richtigen und sorgfältigen Schreibens. Nicht, weil falsche Rechtschreibung für mich ein Synonym für Dummheit wäre oder weil ich nicht wüsste, dass die Orthographie ein arbiträres System ist. Ich finde, eine gute Rechtschreibung steht für ein Bündel von Kompetenzen und Ansprüchen - Sorgfalt und Ordnung im Ausdruck, die die Sorgfalt und Ordnung der Gedanken spiegelt; die Wertschätzung den eigenen Gedanken gegenüber, die man durch sorgfältiges Schreiben ausdrückt; vor allem aber die Präzision im Detail, die dabei trainiert wird.

      Auch wenn es im Regelfall für die Kommunikation gleichgültig ist, ob da nun ein Buchstabe fehlt oder nicht. Unterscheidungen wie die von 'Astrologie' und 'Astronomie' sind selten und die ambigen Beispielsätze, die man so findet, in der Regel konstruiert. Aber die gleichen Details, auf die man in der korrekten Rechtschreibung achtet, machen in anderen Kontexten einen wirklichen Unterschied aus: es ist von Bedeutung, ob in der Mathematik ein Plus oder ein Minus steht, ob in einer chemischen Formel eine tiefergestellte Zwei oder Drei steht, ob in einer lateinischen Endung ein 'e' oder 'a' steht oder ob man eine falsche Pluralform verwendet. Wenn man die Ebene des einzelnen Wortes und seiner Schreibung verlässt, dann wird die Sorgfalt und Präzision im Umgang mit Texten dann doch wieder relevant für Textverständnis und -produktion. Es macht einen Unterschied, welches Wort wo im Satz steht oder fehlt; wie die Dinge zusammenhängen. Es ist eben letztlich nicht egal, wie Sprache inhaltlich und schriftlich konstruiert ist.

      Dieses Konzept ist für Schüler schon schwierig genug zu lernen, auch ohne dass man unnötigerweise Ausnahmen wie "aber hier es gleichgültig, wie du schreibst, man versteht's ja" einfügt.

      Haben die Kinder etwa bessere Chancen, die zwar richtig schreiben können, aber gar nicht wissen, was die Bedeutung des Wortes oder des Sachverhalts ist?

      In der Grundschule wird viel Wert auf Selbstständigkeit gelegt. Ich handhabe es auch so. Dass die Kinder sich selber zurecht finden, selber Arbeitsaufträge erarbeiten, selbstständig mit Lexikas und anderer Fachliteratur umgehen können, Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden lernen uvm. Dabei spielt die Rechtschreibung eine Rolle, aber nicht die Hauptrolle.

      Was mich aber immer erstaunt, wenn ich ehemalige Schüler wiedersehe, dass all dies plötzlich in der Oberstufe nicht mehr gewünscht ist. Dass die Kinder sich in vielen frontalen Stunden langweilen, alle den gleichen Unterrichtsstoff behandeln, sie lediglich nur noch Tafelbilder in den Hefter übernehmen. Sich plötzlich nicht mehr "bewegen" dürfen, ihren Geist nicht mehr "selbstständig" anstrengen dürfen.


      Ich mache keine Wochenplanarbeit, aber mein Sekundarstufen-Unterricht sieht definitiv so nicht aus. Und Kompetenzen zu eigenständiger Recherche sind mir definitiv wichtig und ganz gewiss Teil meines eigenen Unterrichts.

      Dann liegt es doch daran, dass in beiden Schulebenen unterschiedliche Methoden gewünscht sind, die sich aber anscheinend nicht mehr vereinen lassen.


      Das ist sicherlich problematisch und ich sehe auch, dass der Übergang gerade von einer didaktisch innovativen Grundschule auf ein traditionelles Gymnasium, das, wie soll man sagen, mit einem gewissen Stolz auf seine methodische Unbeweglichkeit blickt, einen ziemlichen Bruch darstellt.

      Anderseits verspüre ich aber auch Unbehagen bei dem Gedanken, dass eine Grundschule ganz genau weiß, welche Anforderungen in der weiterführenden Schule an die Kinder gestellt werden, sie aber nicht darauf vorbereitet!

      Nele

      P.S. Mit Vertippern, die jeder mal macht, hat das, was ich oben schreibe, nichts zu tun. Auch nicht mit Legasthenie, das ist ein ganz anderes Problem.
    • neleabels schrieb:

      Anderseits verspüre ich aber auch Unbehagen bei dem Gedanken, dass eine Grundschule ganz genau weiß, welche Anforderungen in der weiterführenden Schule an die Kinder gestellt werden, sie aber nicht darauf vorbereitet!
      was rechtschreibung angeht wissen wir natürlich, was an den weiterführenden schulen erwartet wird.
      aber ansonsten ist das für uns ebenso undurchsichtig wie wir für euch. wir haben hier zwei gymnasien - ein ziemlich "traditionelles" (hast du sehr schön beschrieben) und ein extrem innovatives. die gesamtschule auch innovativ, die hauptschule auch - die realschulen wieder sowas von traditionell, dass sich einem die haare aufstellen.
      die einen mosern, wenn sie kinder bekommen, die nicht selbstorganisiert arbeiten können, die anderen mosern, wenn sie kinder bekommen, die selbstorganisiert arbeiten wollen.

      das problem liegt wohl in den nicht abgestimmten lehrplänen und -büchern. aber auch in der unwissenheit auf beiden seiten. bei uns gab es vor jahren mal den versuch, die englisch-kollegen der weiterführenden schulen in die 4. klassen einzuladen - transparenz sollte es geben, wie denn an der gs gearbeitet wird.
      war schnell vorbei das projekt, weil kein interesse bestand auf beiden seiten (die einen wollten nicht kommen, die anderen die "hochnäsigen studienräte" nicht in der klasse haben - liegt sicherlich auch an unserer z.t. mangelhaften ausbildung und dem damit verbundenen nicht-selbstbewusstsein).
      aber als dann eine realschullehrerin fragte "gibt es für die grundschule überhaupt lehrpläne?" - da war der ofen aus. seither wandern nur noch konzeptpapiere hin- und her, die wahrscheinlich von niemandem gelesen werden.
    • neleabels schrieb:

      Das ist sicherlich problematisch und ich sehe auch, dass der Übergang gerade von einer didaktisch innovativen Grundschule auf ein traditionelles Gymnasium, das, wie soll man sagen, mit einem gewissen Stolz auf seine methodische Unbeweglichkeit blickt, einen ziemlichen Bruch darstellt.



      Anderseits verspüre ich aber auch Unbehagen bei dem Gedanken, dass eine Grundschule ganz genau weiß, welche Anforderungen in der weiterführenden Schule an die Kinder gestellt werden, sie aber nicht darauf vorbereitet!

      Was bei der ganzen Problematik deutlich wird, die Schulen reden zu wenig miteinander. Bei uns haben wir dafür auch noch keine vernünftige Lösung gefunden, es ist vielleicht auch ein längerer Prozess, um die vorhandenen Vorurteile und Einstellungen zu überwinden. Eigentlich würde es ja schon viel helfen, wenn man sich ohne Wertung darüber austauschen würde, was haben die Kinder bei uns in der Grundschule gelernt, was erwarten die weiterführdenen Schulen, um dann einen Kompromiss zu finden. Es läuft meistens aber nur auf Vorwürfen hinaus. Schade eigentlich, es geht soviel Potential bei den Kindern dadurch verloren.
    • aber als dann eine realschullehrerin fragte "gibt es für die grundschule überhaupt lehrpläne?" - da war der ofen aus.
      Als ich das gelesen habe, hätt ich mich echt wegschmeißen können vor Lachen. Das war ja für euch sicher nicht angenehm, aber ich stelle mir die Situation bildlich vor: Endlich haben sich die zwei einander misstrauisch beäugenden Lager in einem Lehrerzimmer zusammengefunden. Vielleicht liegen Häkeldeckchen auf dem Tisch, ein paar Kerzen brennen, es gibt Kekse. Fast wie Weihnachten. Und dann fällt EIN Satz - und alles im Raum gefriert... Schon komisch, passt irgendwie zum Klischee, dass der soziale Umgang von Lehrern manchmal eben ... schwierig ist.

      @Manu1975:

      Ich meine, dass die Extreme, die Du hier aufmachst, in der Realität so nicht existieren. Das Kind, das kein Wort richtig schreiben kann, aber die nächste physikalischen Entdeckung a la Relativitätstheorie macht (Einstein) oder das Kind, das alle grammatischen Fachbegriffe super draufhat, aber leider "Adjecktif" und "Suppstantief" schreibt - das gibt es in der Regel (!) doch eher nicht, und wenn doch, liegt es weniger an mangelnden Rechtschreibkenntnissen als an klinischen Problemen wie LRS. Es wird - und ich finde: mit Recht - am Gymnasium davon ausgegangen, dass ein aufmerksames, intelligentes und fleißiges Kind irgendwann die Dinge, die es ausdrücken will, auch weitgehend richtig schreiben kann. Und hier steht das Gymnasium definitiv im Einklang mit dem "echten" Leben. Denn dort wird genau das auch erwartet. Keine Personalabteilung sucht in den Bewerbungen von Leuten, die statt "Geburtsort" "gebuhrtsorrt" schreiben, nach verborgenen Genies.

      Weshalb Kinder, die die Rechtschreibung nicht draufhaben, am Gymnasium oft scheitern? Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Es liegt, glaube ich, am starken Lehrgangscharakter des Gymnasiums. Bestimmte Dinge werden ab einem bestimmten Punkt erwartet. Wenn sie nicht da sind, kann darüber nicht hinweggesehen werden. Es verlangt zwar niemand, dass ein Abiturient absolut fehlerfrei schreibt. Aber falls man einen Text aufschlägt, in dem man sofort drei Substantive sieht, die klein geschrieben werden, wird das zum Problem und irgendwann (so ab Klasse 7) auch zum Notenproblem.

      Dann kommt hinzu, dass das Gymnasium nicht geeignet ist, jedem Kind jederzeit Nachholmöglichkeiten zu bieten. Wenn ich unsere Schule nehme: Die Kinder starten bei uns in Klasse 5 mit Französisch UND Englisch. Das heißt: Zusätzlich zur deutschen Rechtschreibung müssen sie nun auch noch die englische und französische schultern, und HIER sagt niemand mehr: "Du kannst kein englisches Wort richtig schreiben? Macht nichts, Du bist trotzdem voll der Fremdsprachen-Crack!" Die Kinder kämpfen also plötzlich an drei Schreibfronten, und haben noch nicht einmal das Gefühl, im Deutschen solide dazustehen. Von den andern Fächern ganz zu schweigen.

      Was den Unterricht angeht, mache ich auch einiges mit Selbstorganisation, zwar nicht in jeder Stunde, aber doch so oft es geht. Wenn ich eine neue Stationenarbeit gebastelt habe - z. B. zu den Wortarten - und die Kinder arbeiten zwei oder drei Stunden ohne mich vor sich hin, bin ich auch glücklich und denke: So sollte Unterricht sein. Ich bin auch kein Fan des Frontalunterrichts und weiß schon, dass er viele Kinder fertig macht. ABER ich frage mich trotzdem immer wieder, ob ich in den selbstorganisierten Phasen nicht manche Kinder im Stich lasse. Nämlich die schwächeren. Ob nicht bestimmte Dinge besser gelernt und beherrscht würden, wenn instruktiver, frontaler, strenger und normativer unterrichtet würde. Und ich habe auf diese Frage keine Antwort. Wenn das Mittelschichtenkind in meiner Stationenarbeit viel Spaß hat, aber nichts lernt, weil bestimmte Dinge nicht klar gesagt und ins Regelheft geschrieben werden (wenn es ein Regelheft gibt), geht es nach Hause und vor der Klassenarbeit zu Mami, die holt dann das Schulbuch des Kindes raus und sie klären die offenen Fragen. Wenn das Kind aus der unteren sozialen Schicht in der Stationenarbeit nichts lernt (weil ihm das Konzept der selbständigen Erarbeitung vielleicht eher fremd ist) bleibt es orientierungslos. Und dann gibt es bald eine "Realschulempfehlung".

      die kinder beginnen, lautgetreu zu schreiben - ab klasse 2 werden bei uns lernwörter geübt und wo es sich anbietet auch rechtschreibinhalte. ab klasse 3 das ganze dann intensiver in unterrichtseinheiten und übungen zwischendurch.
      Vielleicht ist das einfach eine Progression, die den Kindern nicht einleuchtet? Wenn sie am Anfang schreiben können, wie sie wollen, weshalb soll sich das ab Klasse 3 ändern? Und hier sieht man genau dasselbe didaktische Problem: Den Kinder aus gutem Hause wird im Notfall zuhause der Kopf gewaschen. Da wird eben gesagt: Du bist jetzt in Klasse 3, Du musst das können. Die anderen Kinder, vor allem die nicht ganz so wachen, kapieren vielleicht noch nicht einmal, was sich in Klasse 3 ändert. Oder sie kapieren es zu spät. Ich weiß nicht, ob es so ist, aber es wäre denkbar.
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