Warum braucht es so viele Sonderpädagogen für die Inklusion?

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  • Warum braucht es so viele Sonderpädagogen für die Inklusion?

    Hallo liebes Forum! :)

    In letzter Zeit beobachte ich immer häufiger, wie laut Regelschullehrer nach Sonderpädagogen für die Inklusion schreien.

    Ich arbeite neben dem Studium an einer Grundschule mit einem inklusiven Konzept.
    In nahezu allen Fällen hatte ich zugegeben bisher den Hochmut zu denken, dass ich das als gewöhnlicher Klassenlehrer auch alleine schaffen würde.
    Sätze wie "Ohne Doppelbesetzung geht nichts" und diese Weltuntergangsstimmung angesichts der Inklusion konnte ich bisher einfach (noch) nicht nachvollziehen.

    Klar: Bei einigen schwerwiegenden Verhaltensauffälligkeiten ist ein Sonderpädagoge sicherlich durchaus nötig. Aber "unbeschulbare" Extremfälle sind vergleichsweise selten.
    Förderkinder der geistigen Entwicklung bekommen dazu ohnehin schon einen Integrationshelfer bereitgestellt.

    Wozu also die Forderung nach tausenden Sonderpädagogen?
    Warum fühlen sich so viele Regelschullehrer der Inklusion nicht gewachsen?
    Und was haben Sonderpädagogen für Möglichkeiten / Kompetenzen, die Regelschullehrer nicht (mit ein bisschen mehr Mühe) aufbringen könnten?

    Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir vielleicht ein bisschen Licht ins Dunkle bringen und erzählen könntet, welche Erfahrungen ihr dazu schon gemacht habt bzw. wie ihr das seht.

    Viele Grüße!

    Der Weltaal
  • Weltaal schrieb:

    Warum fühlen sich so viele Regelschullehrer der Inklusion nicht gewachsen?
    Weil sie dafür nicht ausgebildet und darauf nicht vorbereitet wurden, jetzt aber die Drecksarbeit machen sollen, weil das Land (die Länder) ihre Pflichten nicht erfüllen.

    Betrifft nicht nur Grund- und Regelschullehrer, ich weiß auch nicht wirklich, wie ich mit meinen paar Autisten richtig umgehe (habe bisher immer das Glück, dass sie sehr "pflegeleicht" waren, und das auch dem Bauch raus und mit ein bisschen zusammengegoogeltem Wissen ganz gut ging), und auch der Kerl mit sieben Persönlichkeiten war eine "Herausforderung", und ich war heilfroh, als er gekündigt hat - auch wenn seine mit Medikamenten vollgepumpte "Hauptpersönlichkeit" ein echt netter Kerl war.
    Und wenn Du nur EINEN "anspruchsvollen" Schüler in der Klasse hast, kann das die ganze Klasse sprengen.

    Aber weißte was? Ganz ehrlich? Ich hab eigentlich auch gar keinen Bock drauf, das auch noch zu machen. Ich betrachte es nicht als meinen Job, Schüler mit attestierten Auffälligkeiten adäquat betreuen zu müssen. Mir langen schon die "normalen", denn DAFÜR wurde ich ausgebildet.

    Gruß,
    DpB

    PS: Bei den älteren/jungen Erwachsenen sieht das dann übrigens so aus, dass exakt NULL ausgebildete Kräfte für diesen Bereich vorhanden sind. Wir hatten mal eine Zeit lang eine Sozialarbeiterin, die ist nun seit ein paar Monaten auch weg. Da kommt maximal mal ein Betreuer für ne Stunde in die Schule und erkälrt einem, wie man gefälligst mit seinem Schützling umzugehen hat. Wie man dann noch auf die 27 anderen eingehen soll, erklärt er aber nicht.
    Man geht aber wohl im Allgemeinen einfach davon aus, dass sämtliche inklusionswürdigen Charaktereigenschaften mit Ergreifen einer Ausbildung verschwinden.
    I'd love to change the world. But I don't know what to do.

    So I leave that up to you.

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von DePaelzerBu ()

  • Weltaal schrieb:

    Ich arbeite neben dem Studium an einer Grundschule mit einem inklusiven Konzept.In nahezu allen Fällen hatte ich zugegeben bisher den Hochmut zu denken, dass ich das als gewöhnlicher Klassenlehrer auch alleine schaffen würde.
    Daran wird´s wohl liegen. Als Student, der "neben dem Studium" an einer Grundschule "arbeitet" hast du wohl kaum den wirklichen Einblick, was ein Klassenlehrer heutzutage alles leisten muss in den 40 Stunden Wochenarbeitszeit, für die er bezahlt wird. Da kannst du kaum beurteilen, ob die "Inklusion" wirklich so nebenbei gemacht werden kann. Studiere erst einmal zu Ende, mache den Job dann ein paar Jahre EIGENVERANTWORTLICH mit einer vollen Stelle und bilde dir anschließend eine fundierte Meinung.

    Gruß !
    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen
  • Ich frage mich eh immer, warum es so viele Sonderschullehrer (bzw. -lehramtsstudenten) gibt, die an ihrem eigenen beruflichen Ast sägen, indem sie sagen, dass Inklusion so viel besser sei und es zur Not einfach ein bisschen mehr Anstrengung seitens der Regelschullehrer bedarf. Ich bin froh, dass es in meinem Bundesland verhältnismäßig viele Förderschulen gibt und den Grundschulen (die ja strukturell bedingt oftmals inklusiv sind) Sonderschullehrer bei Bedarf zur Verfügung gestellt werden. Nicht, weil ich irgendwelche Schüler mit Förderbedarf wegekeln will, sondern weil ich weiß, dass es eine Profession (nämlich deine, Weltaal) gibt, die entsprechend ausgebildet wurde, um den individuellen Bedürfnissen dieser Kinder gerecht werden zu können. Durch dieses System verdienst du später deine Brötchen - oder bist du Erbe einer schwerreichen Unternehmensdynastie und studierst nur zum Zeitvertreib?
  • DePaelzerBu schrieb:

    Aber weißte was? Ganz ehrlich? Ich hab eigentlich auch gar keinen Bock drauf, das auch noch zu machen. Ich betrachte es nicht als meinen Job, Schüler mit attestierten Auffälligkeiten adäquat betreuen zu müssen. Mir langen schon die "normalen", denn DAFÜR wurde ich ausgebildet.

    Jetzt rate mal, was (zumindest in NRW) viele der Sonderpädagogen in der Inklusion machen müssen, wozu sie nicht ausgebildet sind?!
  • Weltaal schrieb:

    In nahezu allen Fällen hatte ich zugegeben bisher den Hochmut zu denken, dass ich das als gewöhnlicher Klassenlehrer auch alleine schaffen würde.
    Sätze wie "Ohne Doppelbesetzung geht nichts" und diese Weltuntergangsstimmung angesichts der Inklusion konnte ich bisher einfach (noch) nicht nachvollziehen.

    Klar: Bei einigen schwerwiegenden Verhaltensauffälligkeiten ist ein Sonderpädagoge sicherlich durchaus nötig. Aber "unbeschulbare" Extremfälle sind vergleichsweise selten.
    Förderkinder der geistigen Entwicklung bekommen dazu ohnehin schon einen Integrationshelfer bereitgestellt.

    Warum fühlen sich so viele Regelschullehrer der Inklusion nicht gewachsen?
    Und was haben Sonderpädagogen für Möglichkeiten / Kompetenzen, die Regelschullehrer nicht (mit ein bisschen mehr Mühe) aufbringen könnten?
    1. GE bekommt nicht per se einen Integrationshelfer. Bei uns gar keine.
    2. "Unbeschulbare Extremfälle": Kommt auf die Definition an.
    3. Ja, vielleicht kann man viele Stunden irgendwie herumbringen und damit alle "irgendwie beschulen". Als Grundschullehrerin habe ich allerdings vor allem gelernt, Unterrichtsstoff ans Kind zu bringen und einen Rahmenlehrplan einzuhalten. Um dies umzusetzen, benötige ich eine halbwegs arbeitsbereite und arbeitsfähige Klasse. Und ab einer bestimmten Anzahl von auffälligen Schülern ist das alleine nicht mehr zu packen. Ohne Doppelsteckung fallen bei mir viele meiner Schüler mit sonderpäd. Förderbedarf oder ohne sonderpäd. Förderbedarf mit hoher Förderbedürftigkeit massiv hinten runter. Egal wie viel Mühe ich mir gebe. Es ist nicht zu bewältigen. Man verschleißt einfach nur enorm dabei.
    Ich wünsche dir nach erfolgreicher Prüfung eine Klasse an meiner Schule - nicht als Vertretungslehrer, sondern als Klassenleiter mit allem Drum und Dran.
    Free Klorollen! Keine Klorollen-Basteleien mehr in Grundschulen!

    Immer wieder gut, Bodo Wartke: youtube.com/watch?v=WiCV4KKW6Nw
  • Lehramtsstudent schrieb:

    Ich frage mich eh immer, warum es so viele Sonderschullehrer (bzw. -lehramtsstudenten) gibt, die an ihrem eigenen beruflichen Ast sägen, indem sie sagen, dass Inklusion so viel besser sei und es zur Not einfach ein bisschen mehr Anstrengung seitens der Regelschullehrer bedarf. Ich bin froh, dass es in meinem Bundesland verhältnismäßig viele Förderschulen gibt und den Grundschulen (die ja strukturell bedingt oftmals inklusiv sind) Sonderschullehrer bei Bedarf zur Verfügung gestellt werden. Nicht, weil ich irgendwelche Schüler mit Förderbedarf wegekeln will, sondern weil ich weiß, dass es eine Profession (nämlich deine, Weltaal) gibt, die entsprechend ausgebildet wurde, um den individuellen Bedürfnissen dieser Kinder gerecht werden zu können. Durch dieses System verdienst du später deine Brötchen - oder bist du Erbe einer schwerreichen Unternehmensdynastie und studierst nur zum Zeitvertreib?


    'Tschuldigung.

    Ist es immer noch ein so großes Geheimnis, dass die meisten Sonderpädagogen mit "euch" in einem Boot sitzen?! Ich könnte mir auch besseres vorstellen, als in Zwangsabordnung Vertretungsunterricht für Regelschulklassen zu geben... ;)
  • benminor7 schrieb:

    DePaelzerBu schrieb:

    Aber weißte was? Ganz ehrlich? Ich hab eigentlich auch gar keinen Bock drauf, das auch noch zu machen. Ich betrachte es nicht als meinen Job, Schüler mit attestierten Auffälligkeiten adäquat betreuen zu müssen. Mir langen schon die "normalen", denn DAFÜR wurde ich ausgebildet.
    Jetzt rate mal, was (zumindest in NRW) viele der Sonderpädagogen in der Inklusion machen müssen, wozu sie nicht ausgebildet sind?!
    Ich nehme an, nicht-Förderklassen unterrichten, wenn Du so fragst. Und? Macht's das richtiger?
    I'd love to change the world. But I don't know what to do.

    So I leave that up to you.
  • Hallo,

    ich habe diesen Link zwar eben schon mal woanders gepostet, aber ich finde er passt sehr gut zum Thema:
    hans-wocken.de/Texte/Dilemma-Text.pdf

    Er ist zwar etwas anders geschrieben, als andere Texte - aber ein richtiger Wockentext eben :D (aus meinem Studium habe ich noch einige lustige Texte von ihm).

    Meiner Meinung nach: für Doppelbesetzungen sind doch oft tatsächlich pädagogische Fachkräfte zur Unterstützung ideal. U.a. jül-Klassen zeigen, dass Regelgrundschullehrkräfte wirklich professionell und super differenzieren! Soweit sind Sopäds vllt wirklich nicht unabdingbar.

    Aber: Sonderpädagogen sind in verschiedenen Fachrichtungen ausgebildet. Der Sonderpädagoge des Förderschwerpunktes Geistige Entwicklung hat bspw. ein großes know-how im Bereich unterstütze Kommunikation (Einsatz von Talkern, Kommunikationstafeln etc.), basale Stimulation und vieles mehr. Der Sonderpädagoge im Bereich Sprache hat wieder andere wichtige Kompetenzen usw.
    Meine These: eine Person kann all diese verschiedenen Kompetenzen nicht haben bzw. stets überall auf dem neusten Stand sein!
    Daher: es braucht speziell ausgebildete Personen, die beraten und diagnostizieren können. Auch brauch es genügend Zeit und Raum dafür (für die Sopäds als auch für die Regelschullehrer)

    Das ist natürlich weit weg von der Realität: ich bin Sonderpädagoge in der Inklusion und muss theoretisch überall Profi sein, überall beraten, diagnostizieren, fördern, unterrichten und zuarbeiten. Dass dies nur so semi klappt, wenn man in 8 Teams arbeitet und teilweise an mehreren Schulen ist wohl keine Frage :D

    Also ich glaube, dass die Man-power schon ausgebaut werden muss aber auch das gesamte System umstrukturiert werden muss. Ich bringe den Regelschullehrern relativ wenig für den Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation (lese mich da auch nur rein oder mache Fortbildungen), für die Kinder mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung habe ich jedoch viele Ideen, theoretisches Hintergrundwissen und Erfahrungen.
  • DePaelzerBu schrieb:

    Ich nehme an, nicht-Förderklassen unterrichten, wenn Du so fragst. Und? Macht's das richtiger?

    Nein das macht es ja eben nicht richtiger. Ich möchte grundsätzlich auch nicht zu pauschal werden, jedoch wird auf den jährlich stattfindenden GL-Tagungen deutlich:


    • der Grundgedanke der Inklusion ist sicher nicht verkehrt, die Umsetzung jedoch in vielen Fällen mindestens mangelhaft
    • wir Sonderpädagogen haben uns die Inklusion, wie sie an vielen Schulen gehandhabt wird, auch anders vorgestellt und erst recht nicht ausgedacht
    • Regelschullehrer und Sonderpädagogen klagen über dasselbe Leid


    Darüber hinaus werden viele Sonderpädagogen in inklusiven Schulsystem oft mit folgenden Vorurteilen konfrontiert:

    • "Das sind doch gar keine richtigen Lehrer"
    • "Wieso verdient der Herr XY A13 und ich nur A12? Der tut doch gar nichts"


    Und da möchte ich einfach dazwischen grätschen und feststellen, dass ich das "alte" Förderschulsystem eigentlich ganz gut finde und als Lehrer aus dem Bereich Geistige Entwicklung auch viel lieber an einer solchen Schule arbeiten würde, mir das auf Grund der Abordnungssituationen leider nicht aussuchen kann.
  • Weltaal schrieb:

    In letzter Zeit beobachte ich immer häufiger, wie laut Regelschullehrer nach Sonderpädagogen für die Inklusion schreien.
    Wir hatten schon vor der Inklusion einen Job, der unsere Arbeitszeit zu 100% ausfüllt.
    Inklusion ist nicht arbeitsneutral.

    Das Problem sieht man leicht an den Klassenrichtwerten.
    Nehmen wir mal die miesesten Werte aus NRW:
    Förderschule Lernen 14
    Realschule 28

    Das heißt 1 Förderschüler Lernen müßte eigentlich 2 normale Schüler ersetzen. Ist in der Praxis aber nicht so. Die Klassen sind größer als sie sein müßten.

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von kodi ()

  • Mikael schrieb:

    ...Studiere erst einmal zu Ende, mache den Job dann ein paar Jahre EIGENVERANTWORTLICH mit einer vollen Stelle und bilde dir anschließend eine fundierte Meinung.
    Das gefällt also dem Lehramtsstudent? :D

    @Weltaal, der Aufwand ist nicht nur "ein bisschen mehr". Es ist doch klar, dass die Rechnung: 17 durchschnittliche Kinder plus Quotendownie, inklusive 5 mit DaZ plus 5 mit Lernschwierigkeiten plus 1 Hochbegabten inklusive 4 Verhaltensauffälligen mal Klassenarbeiten mal Elterngesprächen hoch Jugendamtskontakten plus Förderpläne und Wurzel aus Bildungsgesprächen minus 3 Mehrstunden der GS-Kollegen ggü. der FS-Kollegen abzüglich der schlechteren Bezahlung nicht so ganz aufgeht.

    Und, ich nehme mir immer öfter auch raus zu sagen: jo, ich hab tatsächlich an der Uni mehr gelernt, als manche Grundschulkollegin. Dass das nicht für alle gilt und sich das im Laufe der Jahre auch egalisiert, sei mal dahingestellt. Wir haben zumindest noch 1 Jahr länger Neurologie, Beratung, Ursachen von und Unterricht bei Verhaltensstörungen oder Körperbehinderung oder... gemacht.
  • Ich frage mich gerade, warum die 5 geistig behinderten Kinder im Klassenzimmer neben mir, die zur G-Schule auf unserem Schulgelände gehören, gleichzeitig immer eine Sonderschullehrerin, eine Förderlehrerin und eine FsJ haben. (Achtung, Ironie). Und, nachdem ich Einblick habe, das ist kein Luxus. Ein Schüler haut ständig ab, einer nässt ein usw. Diese Kinder brauchen oft Einzelförderung, weil jeder auch woanders steht.

    Dazu noch 20 Regelschulkinder, bei denen die Schere oft auch ziemlich auseinandergeht, - ja, auch Hochbegabte haben ein Recht auf Förderung und Aufmerksamkeit, genauso wie die Kinder, die Krabappel schon aufgezählt hat.

    Ein aggressiver Asperger Autist reicht aus, um den Laden zu sprengen. Hat man eine Lernbegleitung, kann man froh sein. Diese ist aber meist viel zu wenig da, oft nur 120 min täglich. Dabei kann man manche dieser Kinder nicht mal in der Pause allein lassen, weil sie eine Gefahr für die anderen darstellen.
    Be happy for this moment. This moment is your life.
  • wocky schrieb:

    (1) Meine These: eine Person kann all diese verschiedenen Kompetenzen nicht haben bzw. stets überall auf dem neusten Stand sein!Daher: es braucht speziell ausgebildete Personen, die beraten und diagnostizieren können. Auch brauch es genügend Zeit und Raum dafür (für die Sopäds als auch für die Regelschullehrer)

    (2) Also ich glaube, dass die Man-power schon ausgebaut werden muss aber auch das gesamte System umstrukturiert werden muss.
    zu (1): Hat man einen der Förderschwerpunkte, die medizinischer bzw. technischer als die anderen geprägt sind, ist es nur in dem einen schon schwierig, fachlich am Ball zu bleiben. Was in meinem Bereich so über die Jahre alles auf den Markt/in die Kliniken kommt, ist beachtlich. Die Gebärdenkompetenz kommt noch oben drauf. Da allein in meiner Fachrichtug hinterherzukommen, ist eigentlich schon ein Ding der Unmöglichkeit. Die allermeisten von uns sind nur in einem der beiden Bereiche richtig fit.
    Das hat eine Kollegin Herrn Wocken bei einem Vortrag auch mal vor die Füße geworfen als Grenze des Ganzen: Kind mit Gebärdenbedarf. Das interessiert den gar nicht. Ja, die Klasse lernt ja schnell und nebenbei zu gebärden, damit so ein Kind blendend aufgehoben ist. Eine Klatsche für jeden Fremdsprachenlehrer. Wozu fünf Stunden in der wöchentlichen Stundentafel für Englisch? Das geht doch so quasi nebenbei in allen anderen Fächern - haha. Herr Wocken ist für mich schon ein ziemlicher Dampfplauderer.

    zu (2): Wohin soll denn umstrukturiert werden? Meiner Meinung nach braucht man diese stationären Systeme - sprich Förderschule - ganz dringend. Das ist ja nicht nur der Ort, wo sich derzeit die Fachkompetenz befindet, sondern auch aufgebaut wird. Im Moment zehren wir doch noch vom alten System mit den gut ausgebildetet Lehrkräften und ihrer vielen Erfahrung. Bei LE und emot.-soz. kann ich mir durch die großen Fallzahlen an den Regelschulen noch vorstellen, dass eine nur in der Inklusion ausgebildete Lehrkraft fachlich etwas auf dem Kasten hat. Bei den anderen Förderschwerpunkten sieht es aber schon deutlich düsterer aus. Wie soll jemand eine nenneswerte Kompetenz aufbauen, wenn diese Schülergruppe alle paar Jahre mal sporadisch auftaucht. Wenn ich an meinen Regelschulen zwei Schüler ingsgesamt habe, ist das schon viel. Meistens sind sie die einzigen mit einer Schwerhörigkeit an der ganzen Schule. Die fachliche Profession würde verschwinden wie in Italien. Damit ist sicherlich keinem gedient.
  • Ein Bekannter von mir ist Sonderpädagoge an einer Vorzeige-Einrichtung. Da ist die maximale Klassenstärke zehn Schüler. Rate mal wieso?!

    Ein normaler Schulbetrieb (30 SuS pro Klasse, ein Klassenlehrer, etc.) ist für Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf meiner Meinung nach nicht geeignet. Sollte das bei uns kommen, werde ich mich mit Händen und Füßen wehren.
  • Ich bin gelernter Grundschullehrer und arbeite aber seit 7,5 Jahren in Realschulen. Ich darf also über beide lästern. :D SPAß!!

    Grundschullehrer sind durch ihre Ausbildung und die Berichtszeugnisse bzw. die Ankreuzzeugnisse (im weitesten Sinne Individualzeugnisse) besser geschult, die Kinder im Blick zu haben. Die Sekundarlehrer können sich nicht mehr darauf verlassen, dass ihre eigentliche Schulform bedient wird mit den Regelschülern und schon gar nicht mit den Förderschülern.

    Daher der Ruf nach mehr Lehrern in den höheren Klassen (meiner Meinung nach). Die Realschule ist zum Beispiel auf dem Weg eine Hauptschule zu werden. In meiner Schule haben gut ein Drittel der Schüler eingeschränkte Realschulempfehlungen oder nur Hauptschulempfehlungen. Jeder versucht, an die vermeintlich beste Schule zu kommen. Damit werden diese aufgeweicht und es entsteht ein Förderbedarf.

    Ich bin eigentlich ein Freund der Inklusion, aber nicht um jeden Preis. Es gibt einfach Kinder, die nicht inklusiv beschulbar sind und die den Regelschülern so viel Lehrer-Aufmerksamkeit klauen, dass Lehrer keinem gerecht werden können. Ich finde, das hat nichts mit Kompetenz zu tun, sondern ist ein Ding der Unmöglichkeit, auf der einen Seite Vergleichsarbeiten zu schreiben und dann ggf. die Verantwortung für schlechte Ergebnisse übernehmen zu müssen und andererseits jeden und alles inkludieren zu müssen.
  • kodi schrieb:

    Nehmen wir mal die miesesten Werte aus NRW:
    Förderschule Lernen 14
    Realschule 28
    Die mir bekanntesten miesesten Werte aus NDS:
    Förderschule Hören 8 Schüler pro Klasse
    Gymnasium 32 Schüler pro Kurs (z.B. Religion oder Latein, ansonsten 30+1 pro Klasse)

    Inklusionsschüler zählen tatsächlich doppelt. Würde bei 8 Inklusionsschülern in einem Kurs dazu führen, dass dieser mit 16 weiteren Schülern (insgesamt also 24) "aufgefüllt" würde.

    Geldsparmodell eben.
  • Zreamo, ich befürchte, du verwechselst gerade was. Dass Kinder mit einer Hauptschulempfehlung auf die Realschule gehen, hat nichts mit Inklusion zu tun.

    kl. gr. frosch
    Man sollte darauf achten, seinen Kindern den richtigen Glauben zu vermitteln. ... Den an sich selbst.
    ----
    Die meisten meiner Beiträge entstehen auf einer tablet-Tastatur. Da es dort kein haptisches Feedback gibt, schleichen sich schneller Tippfehler ein. Sorry.
  • Weltaal schrieb:

    Hallo liebes Forum! :)

    In letzter Zeit beobachte ich immer häufiger, wie laut Regelschullehrer nach Sonderpädagogen für die Inklusion schreien.

    Ich arbeite neben dem Studium an einer Grundschule mit einem inklusiven Konzept.
    In nahezu allen Fällen hatte ich zugegeben bisher den Hochmut zu denken, dass ich das als gewöhnlicher Klassenlehrer auch alleine schaffen würde.
    Sätze wie "Ohne Doppelbesetzung geht nichts" und diese Weltuntergangsstimmung angesichts der Inklusion konnte ich bisher einfach (noch) nicht nachvollziehen.

    Klar: Bei einigen schwerwiegenden Verhaltensauffälligkeiten ist ein Sonderpädagoge sicherlich durchaus nötig. Aber "unbeschulbare" Extremfälle sind vergleichsweise selten.
    Förderkinder der geistigen Entwicklung bekommen dazu ohnehin schon einen Integrationshelfer bereitgestellt.

    Wozu also die Forderung nach tausenden Sonderpädagogen?
    Warum fühlen sich so viele Regelschullehrer der Inklusion nicht gewachsen?
    Und was haben Sonderpädagogen für Möglichkeiten / Kompetenzen, die Regelschullehrer nicht (mit ein bisschen mehr Mühe) aufbringen könnten?

    Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir vielleicht ein bisschen Licht ins Dunkle bringen und erzählen könntet, welche Erfahrungen ihr dazu schon gemacht habt bzw. wie ihr das seht.

    Viele Grüße!

    Der Weltaal
    Grundschullehrer lernen im Studium viel, und ja, Oliver, wir können Individualzeugnisse schreiben und tun das regelmäßig. Wir können differenzieren, und leistungsstarke Schüler in einer Klasse aufs Gymnasium vorbereiten sowie leistungsschwache Schüler soweit bringen, dass sie später eine Mittelschule (Hauptschule) erfolgreich besuchen. Die Bandbreite ist groß und die Klassen haben oft eine Klassenstärke von ca. 28 Schülern.

    Nun soll man zusätzlich noch Schüler mit diversen Förderschwerpunkten aufnehmen, für diese Kinder gezielte Förderpläne schreiben, individuelle Lernzielkontrollen entwerfen, mit HPTs, Therapeuten, Eltern kommunizieren, etc pp. Das ist meiner Meinung zwar sehr zeitraubend, aber machbar.

    Aber, und hier kommt wirklich ein großes aber: Die Zeit, die ich während des Unterrichts zur Verfügung habe, ist begrenzt. 45 Minuten pro Unterrichtsstunde. Wenn ein Schüler mich in jeder Stunde auch nur 10 Minuten braucht, haben die anderen Schüler nur noch 35 Minuten meine ungeteilte Aufmerksamkeit (alle anderen 28 zusammen! Da gibt es übrigens auch schwache Schüler mit Problemen, die gerne mal eine Lehrer neben sich hätten, um ein neues Rechenverfahren zu verstehen oder ähnliches).
    Inklusion per se ist nicht schlecht. Ob es immer und für alle ein Gewinn ist, nun ja... Zum Wohle aller, und insbesondere auch zum Wohle der restlichen Klasse, die ebenso ein Recht auf Unterricht hat wie die Förderschüler, wäre es zumindest hilfreich, wenn hin und wieder mal Unterstützung in der Klasse wäre.

    Ich "schreie nicht nach Sonderpädagogen", ich weise darauf hin, dass es oftmals besser wäre, einen dabei zu haben ;-).
    Ich bin sehr gespannt, wie du dann als fertiger Lehrer darüber denkst!
  • kleiner gruener frosch schrieb:

    Zreamo, ich befürchte, du verwechselst gerade was. Dass Kinder mit einer Hauptschulempfehlung auf die Realschule gehen, hat nichts mit Inklusion zu tun.

    kl. gr. frosch
    De Facto leider doch, weil viele dieser Kinder kein Fördergutachten haben, aber dringend eins bräuchten. Dass Inklusion nur die Kinder mit Fahrschein einschließt, ist mir klar. Aber das spiegelt sich nicht in meiner Realität in Bonn Tannenbusch wider.