Studierfähigkeit

  • Ich fragte, was Eltern antreibt, Probleme für die Kinder zu "klären".

    Da kann man überall anfangen und auch ich sehe, dass die Kinder schon anders in der Grundschule sind.

    Das "Kind" ist heute zunehmend ein großes Projekt, Kinder laufen bei vielen nicht mit, sondern müssen von Beginn an beim Schneller, Schöner, Weiter, Besser mithalten und vorzeigbar sein.

    Es kommt hinzu, dass man häufig nicht einfach erwarten kann, dass die Arbeit bestmöglich erledigt wird, sondern dass viele Menschen an vielen Stellen meinen, dies würde nur getan, wenn man den anderen vorab oder währenddessen eine mehr als deutliche Ansage mit auf den Weg gibt. Statt "danke" hinterher gibt es vorab ein "wirds bald" und "mach das ja ordentlich" ... Das fand ich schon vor 20 Jahren schrecklich, aber es greift immer mehr um sich.


    Gleichzeitig ist Bedürfnisbefriedigung weit weniger anstrengend als früher und auch viel häufiger gegeben, weil es schneller und leichter zu erreichen ist. Man kann sich also mit sehr geringer Anstrengung sehr schnell sehr gut fühlen ... und alle, die etwas anderes sagen oder erwarten, muss man nicht ernst nehmen.

    Zudem verschlanken ja auch die Eltern ihr leben, statt sich verantwortungsvolle Aufgaben ans Bein zu binden, sucht man sich etwas, das zur Work-Life-Balance passt: statt den Garten umzugraben, fährt man mit dem Auto ins Fitnessstudio und trainiert die exakt eingestellten, wissenschaftlich für gut befundenen 23 min an diesem oder jenem Gerät.


    Kinder, die zur Schule kommen, sind es nicht gewohnt, sich für etwas anzustrengen. Wenn man solche Erwartungen stellt, sind etliche Kinder schnell überfordert, viele Eltern aber auch. Da sucht man dann ein Gespräch mit der Lehrkraft, statt dem Kind zu vermitteln, dass es sich anstrengen muss.

    Das trifft auf eine Lernkultur, in der immer genau vorab gesagt wird, was wann zu welchem Zeitpunkt zu lernen ist und wann der Test stattfinden wird.

    Also wird genau das genau so geübt und gelernt, bis der Test ist, alles andere ist nicht so wichtig.

    Und wenn immer vorab genannt werden muss, wenn eine Leistung bewertet wird, wird es immer Menschen geben, die sich nur in dem Moment wirklich dafür anstrengen.

    Zieht man das von Beginn an konsequent durch, wird man in diesem System mit guten Noten belohnt und darin bestätigt.

  • Ich erlebe es am BK, dass um unsere Schüler gekämpft wird, um die Klassen voll zu halten.

    Wenn wir unsere eigenen Ansprüche durchsetzen würden, könnten wir 2/3 unserer Schüler entlassen und damit unsere Bildungsgänge schließen.


    Die Schüler würden dann da hingehen, wo der Abschluss leichter zu erreichen ist.

  • Lindbergh,


    dafür, dass digital so schlecht ist, bist du erstaunlich viel im Forum.


    Ich würde mein Handy übrigens nicht mal einen Tag weggeben wollen und ich bin älter als Anfang 20 ;)


    Wie würdest du denn den Transfer von Daten regeln zwischen Arztpraxen? Per Brieftaube? :D

  • Ich unterrichte an der Uni, aber Informatik, und das fast nur Didaktik; mir fehlt der Vergleich zu früher. Die heutigen Studierenden kommen mir da nicht anders vor als meine Kommilitonen und Kommilitoninnen damals. Etliche wollen unmittelbare Verwertbarkeit für die Schule und sind weder am Fach noch an Theorien besonders interessiert, aber das wird früher nicht anders gewesen sein. (Ich war in einer Gruppe an der Uni, die sehr großes Interesse am Fach hatte, wenig an Verwertbarkeit, und die neugierig und selbständig war. Erst am Ende des Studiums habe ich gemerkt, dass das nicht typisch war.)

    Ich möchte zunächst nur auf einen Teil dieser Aussage eingehen.


    Es ist meiner Meinung nach überhaupt nicht "verwerflich", wenn viele Lehramtsstudenten zielgerichtet "nur" an der Umsetzbarkeit ihres Fachs im späteren Unterricht interessiert sind.

    Gerade in Lehrämtern wie GS/FÖ benötigt man eher weniger tiefgreifende fachliche Kompetenzen, sondern ist später eh Allrounder - vor allem eben auch für Fächer, die man nicht studiert hat. Da ist ein hoher Anteil an Pädagogik, Psychologie (für SoPäd vor allem auch Diagnostik!) deutlich gewinnbringender.


    Da muss man auch einmal eine Lanze für die Ausbildung an einer PH in Ba-Wü brechen.


    Im Austausch während meines Refs mit Absolventen von diesem Hochschultyp, wurde es eigentlich von allen als positiv angesehen weniger mit den "Geeks" in einer Vorlesung gesessen zu haben, die das "Fach um des Fachs Willen" ohne Lehramtsbezug gewählt hatten.


    Fachliches Wissen für den Sek 2-Bereich oder für Absolventen der reinen MA/MSc-Studiengänge, sind eigentlich für meinen persönlichen Geschmack "zu viel des Guten" (bzw. zu viel des "Unbrauchbaren"), egal in welchem Fach!

  • Ich persönlich finde es furchtbar, wenn die Studierenden immer nur auf die Schule blicken und überhaupt kein Interesse an ihrem Fach zeigen. Da habe ich auch einige gruselige Gestalten kennengelernt, die immer nur mit der Schule rumgenervt haben.

    Damit der Lehrerberuf noch als halbwegs akademischer Beruf ernst genommen werden kann gehört dazu, auch ein ernsthaftes akademischen Studium absolviert zu haben, wenigstens mal, wenn man auch in der Sekundarstufe II unterrichtet. Sonst kann man sich echt anfangen die Frage zu stellen, wieso man nicht gleich nur eine "Ausbildung" zum Lehrer macht, wenn man sowieso nicht mehr wissen muss als die Schüler.


    Ohne das Mathematikstudium hätte ich das Fach gar nicht in seiner eigentlichen Form kennengelernt, das fände ich äußerst absurd. Auch, wenn ich rein inhaltlich natürlich kaum etwas von dem unterrichte, was ich dort gelernt habe.

  • Ich persönlich finde es furchtbar, wenn die Studierenden immer nur auf die Schule blicken und überhaupt kein Interesse an ihrem Fach zeigen. Da habe ich auch einige gruselige Gestalten kennengelernt, die immer nur mit der Schule rumgenervt haben.

    Damit der Lehrerberuf noch als halbwegs akademischer Beruf ernst genommen werden kann gehört dazu, auch ein ernsthaftes akademischen Studium absolviert zu haben, wenigstens mal, wenn man auch in der Sekundarstufe II unterrichtet. Sonst kann man sich echt anfangen die Frage zu stellen, wieso man nicht gleich nur eine "Ausbildung" zum Lehrer macht, wenn man sowieso nicht mehr wissen muss als die Schüler.


    Ohne das Mathematikstudium hätte ich das Fach gar nicht in seiner eigentlichen Form kennengelernt, das fände ich äußerst absurd. Auch, wenn ich rein inhaltlich natürlich kaum etwas von dem unterrichte, was ich dort gelernt habe.

    Da du ja an der Sek 2 zu unterrichten scheinst, wenn ich deine Profilangabe betrachte, fehlt dir möglicherweise auch die Perspektive für andere Lehrämter. ;)

  • Da du ja an der Sek 2 zu unterrichten scheinst, wenn ich deine Profilangabe betrachte, fehlt dir möglicherweise auch die Perspektive für andere Lehrämter. ;)

    Ich finde die pädagogischen Hochschulen in BW sehr gut, eine gute Freundin ist auch sehr zufrieden, dass sie dort Grundschullehramt studiert hat.


    Bezüglich des Allrounder-Daseins gebe ich dir ebenfalls Recht. Aber dein Kommentar hat mich insofern getriggert, dass ich mich über einige meiner Mitstudierenden (alle Gymnasiallehramt) doch ziemlich gewundert habe.

  • Noch ein Kommentar zum akademischen Anspruch an eine Lehrperson. Ganz unabhängig vom Lehramt sollte jeder Lehrperson, egal auf welcher Stufe sie unterrichtet, durch das Studium bewusst werden, wie Forschung in ihren Fächern funktioniert und dass unser Lehrbuchwissen nicht auf Bäumen gewachsen, sondern Ergebnis eines langen Forschungsprozesses ist. Und sie sollte sich dessen bewusst sein, dass unser Lehrbuchwissen auch nicht in Stein gemeisselt ist und neue Forschungsergebnisse täglich publiziert werden.

  • Noch ein Kommentar zum akademischen Anspruch an eine Lehrperson. Ganz unabhängig vom Lehramt sollte jeder Lehrperson, egal auf welcher Stufe sie unterrichtet, durch das Studium bewusst werden, wie Forschung in ihren Fächern funktioniert und dass unser Lehrbuchwissen nicht auf Bäumen gewachsen, sondern Ergebnis eines langen Forschungsprozesses ist. Und sie sollte sich dessen bewusst sein, dass unser Lehrbuchwissen auch nicht in Stein gemeisselt ist und neue Forschungsergebnisse täglich publiziert werden.

    Naja, das ist ein "eherner", aber auch hoher Anspruch.


    Ich kann nur von mir ausgehen:

    Um ehrlich zu sein, im Förderschulunterricht Englisch ist es für mich reichlich wenig hilfreich, wie der aktuelle Forschungsstand zu "Old English literature" inklusive aller "linguistischer Finessen" aussieht.


    Didaktische Fertigkeiten, z.B. wie die "korrekte/förderliche Abfolge" des Wortschatzerwerbs in der Fremdsprache aussieht, sind da deutlich wichtiger. Damit ist aber auch eben eine klare Abgrenzung zwischen Fachwissenschaft und Didaktik/Methodik gegeben.

  • Wie wunderbar, dass (Fach)Didaktik oder Psyhologie oder Erziehungswissenschaften keine Wissenschaften sind.

    Als Förderschullehrer braucht man ja kein Wissen aus der Diagnostik (wie entstehen denn die Tests, die du durchführen darfst, im Gegensatz zu mir?), Entwicklungspsychologie (hat sich in den letzten 120 Jahren auch kaum verändert...), usw..

  • Wie wunderbar, dass (Fach)Didaktik oder Psyhologie oder Erziehungswissenschaften keine Wissenschaften sind.

    Als Förderschullehrer braucht man ja kein Wissen aus der Diagnostik (wie entstehen denn die Tests, die du durchführen darfst, im Gegensatz zu mir?), Entwicklungspsychologie (hat sich in den letzten 120 Jahren auch kaum verändert...), usw..

    Wenn du meinen Beitrag weiter oben gelesen haben solltest, kannst du ja erkennen, dass ich für diese Lehrämter solche Kenntnisse in anderen Studienbereichen durchaus als sinnvoll erachte.


    Meine Kritik bezog sich durchweg auf die fachwissenschaftlichen Anforderungen für GS/FÖ in den studierten Unterrichtsfächer. ;)

  • Ich erlebe es am BK, dass um unsere Schüler gekämpft wird, um die Klassen voll zu halten.

    Wenn wir unsere eigenen Ansprüche durchsetzen würden, könnten wir 2/3 unserer Schüler entlassen und damit unsere Bildungsgänge schließen.


    Die Schüler würden dann da hingehen, wo der Abschluss leichter zu erreichen ist.

    Das ist an unserer BBS glücklicherweise nicht so. Wir haben durchaus auch schon Bildungsgänge "eingestampft", wenn es nicht mehr genug Interessent*innen dafür gab. Da wir aber die einzige BBS im Landkreis sind, sind wir halt keiner "Konkurrenz" ausgesetzt.

    Ich würde mal behaupten, dass wir durchaus unsere Ansprüche durchsetzen und diese seit Jahren halten. Nichtsdestotrotz ändert sich natürlich die Schülerklientel. In den fast 20 Jahren, die ich nun schon im Schuldienst bin, erlebe ich u. a. genau das, was Palim oben ansprach: Viele SuS sind es mittlerweile bspw. nicht mehr gewöhnt sich anzustrengen.

  • Danke, chilipaprika , du warst schneller.


    Ob der Unterschied zwischen dem Studium an der PH/B


    Mir hat es geholfen, dass ich mich weit mehr als nötig in Sprachwissenschaften eingearbeitet habe, gerade weil dies der notwendige Hintergrund für ein sinnvolles Vorgehen im Erstspracherwerb und im Zweitspracherwerb ist.

    In meinem anderen studierten Fach bin ich mir absolut sicher, dass ich viele der studierten Inhalte nie im Unterricht der Grundschule als solche aufgreifen werde, aber der fachliche Hintergrund ist notwendig, wenn man eine vernünftige didaktische Reduktion machen will. Da gucken Fachlehrkräfte anders drauf und es wäre sinnvoll, wenn derzeit Fachwissenschaftler UND Lehrkräfte anderer Fächer die Curricula auf den Prüfstand setzen würden - so käme man womöglich zu einer guten Reduzierung, die hinsichtlich der durch Corona notwendigen Umstellung des Unterrichts sinnvoll sein kann.


    Tatsächlich habe ich das Studium als sehr großes Angebot aufgefasst und genutzt und genossen, was ich konnte - das hätte gerne auch noch mehr und noch länger sein dürfen.

    Aber auch damals gab es andere Studierende. Als Studiernede in einer Sitzung ein Referat halten sollten, zu der die Professorin selbst nicht kommen konnte, verschwanden innerhalb der ersten 15 min sehr viele KommilitonInnen, weil sie offenbar nur für die Professorin erschienen, die Sache selbst war anscheinend nicht interessant.

  • Ich habe an einer PH in BAWü studiert und da war es üblich - und ich hoffe, es ist immer noch so - dass man da schon vertieft fachwissenschaftlich in seinen gewählten Fächern studiert hat.

    Was ich toll fand, dass damals die Angebote in den gewählten Unterrichtfächern schön durchmischt waren: rein fachwissenschaftlich/ fachwissenschaftlich mit didaktischen Umsetzungsmöglichkeiten / manchmal nur unterrichtsorientiert. Bestimmte Sachen musste man machen, die waren schwerpunktmäßig fachwissenschaftlich.

  • Im Fach Mathematik hat sich die Herangehensweise (jedenfalls in NDS, wo mind. ein grafikfähiger Taschenrechner vorgeschrieben ist, dieser kann grundsätzlich auch Gleichungen lösen, Taschenrechner mit CAS können dies sogar algebraisch, also auch für Gleichungen mit Parametern) in den Jahren seit meiner Schulzeit (Abi Anfang der 90er) grundsätzlich geändert.


    Die mit der Einführung dieser TR verbundene Hoffnung war, dass man befreit von der Last der Algebra interessantere, realistischere Aufgaben würde bearbeiten können. Dies hat sich m.E. nicht erfüllt, die Aufgaben sind ob ihrer Konstruiertheit eher lächerlich, die algebraischen Fähigkeiten hingegen sind verloren.

    Was ich mich beim Thema GTR/CAS immer frage - wie konnten die Entscheidungsträger je der Auffassung sein, dass es anders kommen würde? Klar, damit kann man Gleichungen lösen, Integrale und Ableitungen berechnen, usw. die von Hand nicht oder nicht so einfach lösbar sind - aber die Frage hätte doch sein müssen, was das für das Verständnis bringt? Sicher kann man mehr damit machen, aber dass der Benutzer dadurch auch mehr versteht, dass bezweifle ich doch arg... ich gebe aber zu, dass ich mit GTR/CAS im Unterricht keine Erfahrung habe, da in meinen Unterrichtsprofilen nur ein WTR zugelassen ist.


    Was ich mir aber allgemein für Sek 2 Unterricht in Mathe wünschen würde, gerade im Hinblick auf die Studierfähigkeit, ist, dass wir mehr dazu kommen könnten, den Lernenden mathematisches Denken beizubringen. Die aktuellen Rahmenbedingungen laufen ja letztendlich darauf hinaus, dass Aufgaben nach Schema F gelöst werden müssen. Viel Zeit geht aber momentan auch dafür drauf, nicht verstandenes Grundlagenwissen aufzuarbeiten - jedenfalls geht mir das so. Da bleibt leider, aller Binnendifferenzierung zum Trotz, oft nur das Rezeptlernen als kleinster gemeinsamer Nenner.


    Wenn ich könnte, wie ich wollte, dann würde ich viel mehr Wert auf Modellieren legen. Damit käme der Alltagsbezug auch automatisch - Voraussetzung sind dann aber auch Themen, mit denen das gut geht. Ganz häretisch würde ich z.B. die Vektorgeometrie radikal zusammenstreichen und nur noch Grundlagen machen - die „alltagsbezogenen“ Aufgaben hier sind ein Musterbeispiel der Künstlichkeit. Ausbauen würde ich dafür die Stochastik - denn wenn Studierende an der Uni jemals wieder etwas mit Mathematik zu tun haben (sofern sie kein MINT Fach studieren), dann ist die Chance am Grössten, dass es dann Themen aus der Stochastik sind.

  • Noch ein Kommentar zum akademischen Anspruch an eine Lehrperson. Ganz unabhängig vom Lehramt sollte jeder Lehrperson, egal auf welcher Stufe sie unterrichtet, durch das Studium bewusst werden, wie Forschung in ihren Fächern funktioniert und dass unser Lehrbuchwissen nicht auf Bäumen gewachsen, sondern Ergebnis eines langen Forschungsprozesses ist. Und sie sollte sich dessen bewusst sein, dass unser Lehrbuchwissen auch nicht in Stein gemeisselt ist und neue Forschungsergebnisse täglich publiziert werden.

    Ich kann Dir dafür keinen "Daumen hoch" geben auch wenn Du noch so Recht hast. Das Problem an der Stelle ist einfach, dass das bei uns in der Schweiz für Primar- und Sek-I-Lehrpersonen überhaupt nicht zutrifft. Je länger ich hier bin, desto schrecklicher finde ich unsere Sek I und auch mit der Primarstufe bin ich zunehmend am Hadern. Ich bin grundsätzlich damit einverstanden, dass das Lehramt Primar keine akademische Ausbildung ist und das unsere Fachmaturand*innen übernehmen. Bei uns an der Schule ist in den letzten Jahren die Fachmittelschule im Verhältnis zum Gymnasium recht gross geworden und ich unterrichte seit einiger Zeit auch mehr Stunden an der FMS, habe also bessere Einblicke. Eigentlich ist das eine gute Ausbildung, sehr zielgerichtet und mit viel Engagement auf der zwischenmenschlichen Ebene. Das grosse Aber an der Stelle ist, dass die wirklich geeigneten Leute fürs Lehramt Primar nur allzu oft im falschen Berufsfeld sitzen und lieber Hebammen und Physiotherapeuten werden. Im Moment habe ich meine interessiertesten und engagiertesten Jugendlichen wahrhaftig in einer Berufsfeldklasse an der FMS, mindestens 1/3 davon könnte man eigentlich von jetzt auf gleich ans Gymnasium umsetzen und da wären sie immer noch bei den Besseren dabei. Ich hoffe dass sich mit den neuen Lehrplänen und den neuen Zugangsbedingungen an die FMS die Qualität der Ausbildung vor allem bei den Pädagogen verbessert bzw. langfristig mehr die geeigneten Jugendlichen dieses Berufsfeld wählen.


    Die Sek I ist aber einfach nur furchtbar. Ich habe in den letzten Jahren so viel Schrott von meinen Jugendlichen aber auch von Kollegen mit eigenen Kindern an der Sek I gehört, eine direkte Kollegin ist Fachdidaktikerin Biologie für die Sek I und auch mit dem Fachdidaktiker Chemie habe ich noch regelmässig Kontakt. Da sind sich eigentlich alle einige, dass das grosse Mehr der Kollegen Sek I einfach falsch in diesem Beruf ist. Kein Interesse für die Fächer und oft auch kein Gespür für die Kinder in einem zugegeben schwierigen Alter. Wie oft erzählen mir Jugendliche, dass aufs Noten- und Prüfungsreglement regelmässig geschissen wird, wie despektierlich sie behandelt wurden und wie man beim Mobbing unter den Kindern einfach nur tatenlos zugesehen hat. Dazu passt auch der desolate Zustand in dem unsere Jugendlichen zu uns ans Gymnasium kommen, da fehlt es auf der inhaltlichen Ebene einfach an allen Ecken und Enden. In meinen Fächern geht man am besten davon aus, dass die noch nie irgendwas davon gehört haben, man macht nicht allzu viel falsch einfach wieder von vorne anzufangen. Bruchrechnen in der 10. Klasse ... ich erwähnte es bereits, es ist ein Desaster. Man hat den Eindruck, an der Primar haben die noch halbwegs was gelernt, daran haben die Jugendlichen oft auch selbst gute Erinnerungen, und dann kommt das grosse schwarze Loch.


    Wieso ist das überhaupt erwähnenswert ... Nun, weil für mein Empfinden einfach viel zu oft verkannt wird, welchen Einfluss wir Lehrpersonen auf die schulische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen haben, da passiert nichts "einfach so". Man kann Interesse, vernetztes und vertieftes Denken, Selbständigkeit, Resilienz, etc. pp. gleichermassen fördern wie zertrampeln. Wenn ein Gymnasiast nicht studierfähig entlassen wird, dann ist das ein Stück weit immer auch unsere Schuld. Aber nicht nur, das sicher nicht. Mich stört nur einfach, wie viel immer nur auf die Umstände geschoben wird, als ob wir tatenlos daneben stehen und es geschehen lassen müssten, dass nichts draus wird. So ist es einfach nicht.


    Wenn ich könnte, wie ich wollte

    Das ist eben in der Tat ein systemisches Problem. Du schreibst glaube allen meinen Mathe-Kollegen und auch uns Naturwissenschaftlern aus dem tiefsten Herzen wenn Du die Vektorgeometrie zugunsten der Stochastik einstampfen möchtest. Was sind diese verkackten Vektoren nur aufgeblasen in unserem Mathe-Lehrplan, irgendwie versteht das kein Mensch so richtig, wie es dazu kam. Dann ist es aber auch so, dass das Profil B am Gymnasium extra Lektionen in Angewandter Mathematik hat, da geht es eigentlich um Statistik, also eigentlich sollte das für die Schwerpunktfächer total nützlich sein. Nur frage ich mich seit ich hier unterrichte, warum nichts aber auch gar nichts davon jemals wirklich bei den Jugendlichen ankommt. Mir hat noch nie ein Schüler am Beispiel eines "chemischen Problems" z. B. den Begriff Signifikanz erklären können. Ich betreue immer wieder experimentelle Maturarbeiten im Bereich Lebensmittelanalytik und immer, immer, immer muss ich es erklären, wie die Daten ausgewertet werden. Warum? Ich verstehe das nicht. Meine Vermutung ist, dass das einfach an schlechter Kommunikation zwischen den Fachbereichen liegt. Ich bin noch nie von einem Mathematiker gefragt worden, was ich im Praktikum mit den Jugendlichen eigentlich so mache.


    Leider ist es aber auch so, dass selbst die Lehrpersonen in den Schwerpunktfächern nur im Ausnahmefall wirklich miteinander kommunizieren. Ich habe genau eine Kollegin in der Biologie, mit der ich zusammen auch meist das Schwerpunktfach unterrichte, mit der ich regelmässig interdisziplinäre Arbeitsaufträge plane und von der ich auch halbwegs weiss, wann sie was im Unterricht macht. Auch die Brücke in die Physik habe ich geschlagen, da ich ja für beide Fächer ein Lehrdiplom habe und neuerdings auch beides unterrichte. Davor gab's zwischen den beiden Fachschaften einfach gar keine Kommunikation auf der inhaltlichen Ebene. Dann wurde es zu Beginn auch noch wirklich mühsam als die "richtigen" Physiker dann mal mitbekommen haben, was wir in der Chemie so alles treiben und feststellen mussten, dass die Schnittmenge aber verdächtig gross ist, Jesses, musste ich Baldrian streuen. Aber wie können wir denn über mangelnde Studierfähigkeit klagen, wenn wir es als Lehrpersonen schon nicht gebacken bekommen, interdisziplinär zu denken?


    Nota bene: Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich hier auf hohem Niveau klage und wir an unserer Schule eigentlich einen ganz hervorragenden Job machen. Immerhin haben wir extra Unterrichtsgefässe für interdisziplinäre Projektarbeit. Nur finde ich, man müsste auch im normalen Unterrichtsalltag viel häufiger in fächerübergreifenden Zusammenhängen lernen. Ich versuche das, so gut ich kann, wie das meine Kollegen halten, das weiss ich natürlich nur bedingt. Und: Man muss rausgehen mit den Jugendlichen. Normalerweise gehe ich ins Kernkraftwerk, zum Kantonslabor, nach Basel ans Nanoscience Institute, zur Novartis, etc. pp. Die allermeisten Studenten studieren um hinterher in irgendeinem akademischen Job zu arbeiten, die wenigsten bleiben an der Uni und widmen sich der Forschung. Junge Menschen müssen sehen, was es alles gibt und wofür es sich lohnt zu studieren. Ich finde das eben überhaupt gar keine schlechte Entwicklung, dass die Jugend heute eher fragt "wofür brauche ich das?" als wir vor 20 oder 30 Jahren. Denn seien wir ehrlich, unsereins hat einfach verschüchtert im Seminar gehockt, genauso wenig gecheckt wie die Studis heute, aber das Maul nicht aufgemacht um zu reklamieren. Wenn ich als erwachsener Akademiker nicht erklären kann, wofür auch abstrakte Zusammenhänge nützlich sein können, dann ist das mein Problem und nicht das meiner Schüler. Finde ich.

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    Chemie ist das was knallt und stinkt, Physik ist das was nie gelingt.

  • Sämtliche Computergrafik ist ziemlich reine Vektorgeometrie (auch 2D Grafik, ein RGBA-Punkt ist auch ein 4D-Vektor).


    Verfahren der linearen Algebra sind absolut grundlegend für alle Gebiete der Informatik. Ebenso diskrete Mathematik (was in der Schule ja gar nicht gemacht wird).


    Architektur, Ingenieurwissenschaften - ich glaube, ihr unterschätzt die "blöden Vektoren" massiv.


    Integralrechnung hingegen ist ziemlich exclusiv relevant für die Naturwissenschaften (als Grundlage für Differentialgleichungen hier allerdings wirklich zentral) und verwandte Gebiete (angewandte Naturwissenschaften).


    Wenn man die Schulmathematik also stofflich entlasten wollen würde (um den Rest dann um so solider und verbindlicher zu unterrichten), würde ich über die Integralrechnung nachdenken. Hinzu kommt, dass Integralrechnung im gesamten angloamerikanischen Raum (habe das nur so im Kopf, jetzt nicht extra nachrecherchiert) kein Schulstoff ist.

  • Man nennt es „Pubertät“.

    Voilà, das meine ich: Man schiebt es immer auf die äusseren Umstände. Die sind mit 15 noch nicht fertig mit pubertieren und sie fangen mit 12 auch meist schon an. Also haben sowohl Primar (die geht bei uns bis einschliesslich Klasse 6) als auch Sek II noch Freude dran, bekommen es aber irgendwie besser hin. Es gibt ja Kantone, da wird das Progymnasium von den Sek-II-ern unterrichtet, ich hatte auch schon solche Klassen in Stellvertretung. Dann läuft es halt.

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    Chemie ist das was knallt und stinkt, Physik ist das was nie gelingt.

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