? Zwangsabordnungen NRW Sek II

  • Danke Schokozwerg für deinen realistischen Bericht deiner Arbeit in den DaZ-Klassen. Und für dein Engagement dort! Schade, dass die Bedingungen in diesen Klassen nicht besser sind, so dass so engagierte Lehrkräfte wie du Freude daran finden (edit: könnten), dort weiter zu unterrichten, denn du scheinst dort wirklich was bewegt zu haben! Danke.

    Die Bedingungen sind sicher nicht einfach, aber es lohnt sich zu kämpfen. Wir haben zum Beispiel ein Abkommen mit einer benachbarten Schule. Diese nimmt die SuS aus Klasse 8-10, wir aus 5-7. Die Schulleitung hat sich 2015 mit zwei engagierten Referendarinnen zusammen getan und einen sehr schönen Raum eingerichtet. Eine Referendarin (übrigens mit keinem sprachlichen Fach) wurde übernommen und hat ein tolles Selbstlern-Konzept entwickelt, das bis heute besteht mit Abwandlungen. Es gibt Ehrenamtler und immer wieder viele Praktikant*innen. Ich durfte auch mal einige Jahre dort mitarbeiten und bin danach gerne dorthin zurück für Vertretungen, weil ich auch eine DaZ-Ausbildung habe. Klar, es ist auch schwierig, die Schüler traumatisiert und oft mit anderen Problemen. Manche tauchen auch einfach wieder ab, oft versucht man zu helfen und es bringt am Ende wenig. Die Schüler*innen, die eine Qualifikation für die Oberstufe erreicht haben, kann ich an einer Hand abzählen, die, die keinen Schulabschluss erreicht haben, nicht. Es bricht mir noch heute das Herz, wenn eine*r meiner ehemaligen Schüler*innen es dann doch nicht geschafft hat oder abgeschoben wird.

    Aber trotzdem ist es ein verhältnismäßig dankbarer Job, wenn man ihn mit Leidenschaft und Struktur angeht. Vermutlich gilt das allerdings für alle Jobs, also auch für Lehrkräfte an Förderschulen fur GE.

    • Offizieller Beitrag

    90 Kids müssen doch eh auf drei Parallelklassen verteilt werden? Muß man da echt verfeindete Bevölkerungsgruppen in eine Klasse packen? Ich denke nicht!

    Vielleicht ist eine Aufteilung nach Sprachniveau und ggf. Alter zielführender als nach Ethnie.
    Oder teilst du auch im "normalen" Unterricht kurdischstämmige und türkischstämmige zb.?
    1) Kein Krieg im KLassenzimmer, danke laleona

    2) die Kids können alle gar nichts dafür. Mein Gott, von solchen Spiralen muss man SOFORT raus und die Fronten aufbrechen. Frieden kommt nur durch ein normales Miteinander.
    Sonst hat man wie in den frühen 90ern meinen Opa, der mir jahrelang vorgeworfen hat, Deutsch zu lernen.

  • Irgendwie muß ich da gerade an ein Zitat von Peter Scholl-Latour denken:

    „Wer halb Kalkutta aufnimmt, hilft nicht etwa Kalkutta, sondern wird selbst zu Kalkutta.“

    Es war nicht alles nur besonders weise, was Scholl-Latour so von sich gegeben hat. Natürlich haben wir Kinder von Kosovaren, Bosniern und Serben in den gleichen Klassen sitzen. Hin und wieder kommen da seltsame Gesprächsthemen auf, das muss man im Keim ersticken. Wie andere schon schrieben, diese Kinder haben 1. mit dem Krieg ihrer Eltern nichts zu tun und sie müssen 2. lernen, dass das Land, in dem sie nun leben, mit diesem Krieg schon gar nichts zu tun hat und man sich *hier* mit diesen kleingeistigen Streitereien auch null und gar nicht beschäftigen will. Wer sich weiter kloppen will, darf doch gerne wieder "heim" gehen.

  • Ich selber hatte ja schon an anderer Stelle hier gefragt, wie ich reagieren soll, wenn Ukrainer und Russen bei mir im Unterricht aufeinander treffen und dann die eine Gruppe mit den Worten: „Ihr habt meine Großeltern/Eltern/Geschwister… ungebraucht!“ auf die andere Gruppe losgeht.

    Ich hätte ja auch anfangs gedacht, dass es hier in Deutschland knallt, wenn Ukrainer auf Russischstämmige aufeinandertreffen. Dazu habe ich vor einigen Monaten hier mal gefragt, wie die Situation in Klassen mit ukrainischen und russischstämmigen Schülern aussieht. Wenn ich die Rückmeldung noch im Kopf habe, war das Miteinander überwiegend positiv. Es wurde lediglich berichtet, dass einige ukrainische Jugendliche noch damit haderten, inwieweit sie sich auf das Projekt Deutschland/deutsche Sprache einlassen, was irgendwo auch völlig nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, dass ihre nahe Zukunft erst einmal voller Ungewissheit und von einigen Variablen abhängt ist.

  • An meiner Schule (ok, Grundschule, trotzdem) haben wir insgesamt 36 verschiedene Nationen. Da kann man gar nicht nach Ethnie trennen oder ähnliches. Eigentlich ist es uns im Gegenteil wichtig, dass die Kinder sich als Menschen kennenlernen, nicht als der ist Türke, der ist Kurse, der ist Russe, der Ukrainer usw. Bei und ist es im Übrigen sehr oft so, dass die russisschstämmigen Schüler, die meist schon länger in Deutschland sind, anfangs für die neuem Ukrainer übersetzen. Friedliches Miteinander funktioniert doch nur durch ein gegenseitigs Kennenlernen, nicht durch Trennung!

  • Bei uns ist es der Normalzustand, dass sowas wie 10 Nationen in einer Klasse sitzen. Ich habe diesen kuriosen 11er Kurs von denen nur ein einziger qua Geburt einen Schweizer Pass hat. Ein weiterer ist immerhin schon eingebürgert. Wenn wir auf den Balkan acht geben wollten, wäre die Klassenbildung schlichtweg unmöglich.

  • Habt ihr echt Schüler aus Ländern, die sich gegenseitig mit Krieg übersäten, in eine Klasse gesteckt?

    Ist bei uns nur in extremen Einzelfällen ein Problem. Unsere Geflüchteten sind in der Regel die, die den Scheiß in ihren Heimatländern nicht gut finden.

    Aktuelles Beispiel Russland und Ukraine. Völlig problemlos bei unseren Schülern. Sie lehnen den Krieg alle ab.

  • Was mich dabei nur wundert: Die Erwachsenen von heute sind auch mal Kinder gewesen. Was ist da also auf dem Schritt zum Erwachsenwerden falsch gelaufen? Und bleibt der Frieden, die Freundschaft und der Zusammenhalt der von dir genannten Israeli- und palästinensischen Kinder sobald sie älter werden oder übernehmen sie mit dem Älterwerden doch wieder das Verhalten der Eltern und Großeltern? Analog auch für die jetzigen ukrainischen und russischstämmigen Kinder.

    • Offizieller Beitrag

    Gute Frage. Aber zielt nicht unser Bildungssystem unter anderem genau DARAUF hinaus? Erziehung zur Mündigkeit und zur Fähigkeit, selbst Entscheidungen zu treffen, sich von gesellschaftlichen Mustern zu befreien, wenn sie als falsch erkannt werden, usw... Erwachsene Rassist*innen waren als Kind selten rassistisch, erwachsene Homophobe waren als Kind selten homophob. Die "Angst" vor dem Fremden soll abgebaut werden, indem aufgezeigt wird, dass wir doch alle gleich sind.
    Was ist passiert, dass ich kein Bedürfnis hatte, Deutsche umzubringen? (Gut, sehr überspitzt, es liegen bei mir 2 Generationen und mein Opa ist nicht mein richtiger Opa, so dass er dieses Gedankengut nicht familiär weitergeben konnte (dafür gibt es sie in einer anderen Richtung, aber auch da, konnten meine Schwester und ich uns befreien)). Ich war in Deutschland und habe ganz normale Menschen kennengelernt, die nicht dem entsprachen, was mein Opa erzählte. Davor wusste ich aber auch, dass mein Vater auch gute Erfahrungen in Deutschland gemacht hatte und meine Mutter einen Sommer lang eine deutsche Praktikantin kennengelernt hatte.

  • Wenn Du aber frisch als Flüchtling ist einem Kriegsgebiet kommst und möglicherweise Greueltaten an den eigenen Familienangehörigen mitbekommen hast, bist Du erst Mal traumatisiert und es dauert manchmal Jahre bevor Du rationalen Argumenten wieder zugänglich wirst.🤷

    An alle Deutschlehrer:
    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten. :doc:

    • Offizieller Beitrag

    natürlich, aber was soll die Schule machen? ukrainische Kinder nur an Schulen schicken, die keine russische Kinder ebenfalls unterrichten? Es bedarf selbstverständlich eines Feingefühls und einer Konsequenz seitens der Lehrkraft und seitens der Schule, auf sowas einzugehen, wenn es Thema ist (und wir bedürften auch einer Menge Traumapädagogik- und Traumabewältigung-Fortbildungen, zusätzlich zu viel mehr pädagogischem Personal, aber wir müssen nunmal auch mit den Ressourcen arbeiten, die uns zur Verfügung stehen.)

  • Wissend, dass viele Flüchtlinge aus Kriegsgebieten kommen, könnte man durchaus auch kritisch sehen, dass der deutsche Ansatz sehr auf "möglichst schnell beschulen/in Arbeit bringen" fokusiert ist statt mehr auf Traumabewältigung/psychologische Betreuung zu setzen. Es wird oft kritisiert, dass der deutsche Staat sich schwer tut, Migration und Asyl ordentlich zu trennen, und dieser Punkt untermauert diese Annahme durchaus auch.

    • Offizieller Beitrag

    da kenne ich mich leider zu wenig fundiert in dem Bereich aus, aber woran machst du das fest?
    Soweit ich weiß, gibt es eine Karenzzeit und dann nach einem bestimmten Moratorium greift eben die Schulpflicht (Schulrecht), wobei es durch die Sprachkurse bzw. Aussetzung der Bewertung und so weiter kein Wurf ins kalte Wasser ist, soweit es geht.
    Die psychologische Betreuung ist ja auch Teil der Konzepte in den AUfnahmeeinrichtungen, aber ich bin ziemlich sicher: es gibt einen ähnlichen Mangel an Psychotherapeut*innen wie an Lehrkräften. Und der Mangel an Traumtherapeut*innen ist vermutlich ähnlich hoch wie derjenige an Informatiklehrer*innen.
    Ich hatte ein Fortbildung (anderes Thema) zu der Traumatherapeutin, die nach einem Schulamoklauf Mitte der 2000er) vor Ort war. Sie war die ersten Tage die EINZIGE Traumatherapeutin, die in der Region zur Verfügung stand (gut, es kann nicht jede*r einfach so "freinehmen"). Zum Glück hat sich seitdem viel verändert. Aber trotzdem bräuchten wir viel mehr Leute, die zumindest Grundkenntnisse haben. auch unter uns Lehrkräften.
    Ob ein Kind in meiner Klasse übrigens Migrant*in oder Asybewerber*in ist, interessiert mich nicht. (Gut, bei Formalia für einen Wandertag oder Klassenfahrt, schon). Bei Menschen in meinem Alltag genauso. Der Aufenthaltsstatus von Menschen ist eine rechtliche Angelegenheit, keine menschliche.

  • Der Aufenthaltsstatus von Menschen ist eine rechtliche Angelegenheit, keine menschliche.

    Wobei ich selber im Unterricht immer wieder Migranten habe, die mit ihrem rechtlichen Status bei mir eine bessere Zeugnisnote herauspressen wollen. Da heißt es dann: „Wenn sie mir eine 5 und eben keine 4 geben, muß ich in den Irak, nach Syrien, … zurück.“

    Wenn sie dann feststellen, daß sie mit dieser Argumentationslinie keinen Deut weiterkommen, setzt deren zerstörerische Wut ein.


    Ob sie damit wohl bei anderen KuK vorher wohl immer durchgekommen sind?

  • Wissend, dass viele Flüchtlinge aus Kriegsgebieten kommen, könnte man durchaus auch kritisch sehen, dass der deutsche Ansatz sehr auf "möglichst schnell beschulen/in Arbeit bringen" fokusiert ist statt mehr auf Traumabewältigung/psychologische Betreuung zu setzen. Es wird oft kritisiert, dass der deutsche Staat sich schwer tut, Migration und Asyl ordentlich zu trennen, und dieser Punkt untermauert diese Annahme durchaus auch.

    Das eine (Schule) schließt das andere (Therapie) nicht aus,

    es ist doch generell schwierig, einen Platz für eine psychologische Behandlung zu bekommen,

    dazu haben in den letzten Jahren viele ältere auf einen ersten Platz einer DaZ-Maßnahme gewartet, zum Teil viele Monate.


    Bei Kindern würde ich sagen: so schnell wie möglich unter Kinder bringen, alles Warten ist verlorene Zeit und den Kindern geht es damit auch nicht besser.

  • In letzter Zeit wird in den öffentlichen Medien vermehrt über Lehrermangel gesprochen, der neben anderen Gründen auch mit der Aufnahme an geflüchteten Minderjährigen zusammenhängt. Was leider bislang zu kurz ausfällt, ist der Mangel an Therapeuten, der ebenfalls wie der Mangel an Lehrern bereits zuvor bestand, aber natürlich durch die Aufnahme von geflüchteten Minderjährigen noch verstärkt wurde. Im Gegensatz zu den Lehrern ist dieser Punkt aber leider in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht angekommen, obwohl gerade der traumatisierte Anteil der Flüchtlinge hier großen Bedarf hat. Psychologie ebenso wie Medizin sind weiterhin Studiengänge mit sehr hohem NC. Ich würde mir wünschen, dass sich die Aufnahme an Flüchtlingen stärker an vorhandenen Kapazitäten auch in Sachen psychologischer Betreuung orientiert und dass Produktivität (= Schule/Job) gegenüber der Heilung der seelischen Wunden zumindest in den ersten Monaten (Je nach Herkunftsland muss ja auch noch rechtlich geprüft werden, ob ein legitimer Asylgrund vorliegt.) eine untergeordnete Rolle spielt - gerade bei Kindern.

  • Wobei ich selber im Unterricht immer wieder Migranten habe, die mit ihrem rechtlichen Status bei mir eine bessere Zeugnisnote herauspressen wollen. Da heißt es dann: „Wenn sie mir eine 5 und eben keine 4 geben, muß ich in den Irak, nach Syrien, … zurück.“

    Wenn sie dann feststellen, daß sie mit dieser Argumentationslinie keinen Deut weiterkommen, setzt deren zerstörerische Wut ein.


    Ob sie damit wohl bei anderen KuK vorher wohl immer durchgekommen sind?

    Bei euch passieren echt merkwürdige Dinge... Sowas ist mir noch nie untergekommen!

    Rein interessehalber: Haben auch andere User*innen hier solch einen "Erpressungsversuch"" schon mal erlebt?

    to bee or not to bee ;) - "Selbst denken erfordert ja auch etwas geistige Belichtung ..." (CDL)

  • Tatsächlich ja. Wenn ich den Schulabschluss nicht bestehe, verliere ich meine Aufenthaltsbewilligung. Was auch wirklich so wäre.

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