Leistungsstarke bayerische Abiturientinnen?

  • Im Lokalteil meiner Zeitung sind gerade immer wieder Gruppenfotos der Abiturjahrgänge der Gymnasien in Stadt und Landkreis, mit Nennung der besten Abiturientinnen in der Bildunterschrift. Wenn fünf Prozent des Abiturjahrgangs eines staatlichen Kleinstadtgymnasiums im bayerischen Abitur die Note 1,0 erreicht haben, und vierzig Prozent eine Eins vor dem Komma, trotz (auf dem Papier) durchaus anspruchsvoller Aufgabenstellungen, trotz der Coronajahre, trotz der hohen Übertrittsquoten nach der Grundschule mit allem, was das bedeutet, frage ich die bayerischen Gymnasiallehrer: Wie kann das sein, und warum ist es so? Meine Vermutungen habe ich natürlich, die würde ich gerne abgleichen.

  • Das bedeutet einfach nur. dass die allgemeine Noteninflation der vergangenen 10 Jahre auch in Bayern angekommen ist...

    Wenn ich meinen SchülerInnen erzähle, dass ich einen Abischnitt von 2,X hatte, bekomme ich immer mitleidige Blicke. 2,x heißt aber ja eigentlich "gut" und in den 2000ern war das auch wirklich ein solides Abi. Wenn ich heute Noten gebe, wird alles unter 10 Punkte als schlecht angesehen.


    Auch meine Schule stand gestern in der Zeitung mit gleichem Inhalt. Ich kann darüber nur noch müde lächeln

  • Aber wie geht das konkret? Beispiel Mathematik-Abitur: Werden direkt vor der Klausur Hinweise gegeben? Die Ergebnisse oder Zwischenergebnisse vorgegeben, so dass nur noch ein Weg dorthin gefunden werden muss? Wird auch auf "fast Richtiges" die volle Punktzahl vergeben? Werden kleine Fehler großzügig übersehen? Gibt es schon ab 80 Prozent eine 1, oder mit 60 Prozent eine 2? Oder sind doch die Aufgabenstellungen heue einfacher als früher? Oder haben die 1,0er-Abiturientinnen als Schwerpunkte vorzugsweise weiche Fächer wie Sprachen? Und falls auf irgendeine Weise großzügig korrigiert wird: Warum? Von wem kommt die konkrete Vorgabe dazu in welcher Form?

  • Oder sind doch die Aufgabenstellungen heue einfacher als früher?

    Wir haben hier in einem anderen Thread kürzlich mal einen Abgleich zwischen einer Mathe-Matura aus der Schweiz und einem deutschen Mathe-Abi gemacht: Ja, die Aufgabenstellung ist einfacher.



    Wird auch auf "fast Richtiges" die volle Punktzahl vergeben? Werden kleine Fehler großzügig übersehen? Gibt es schon ab 80 Prozent eine 1, oder mit 60 Prozent eine 2?

    Das würde mich tatsächlich auch mal interessieren.


    Bei uns haben etwa 20 % eines Jahrgangs die 5 vor dem Komma stehen, das entspricht der deutschen 1 vor dem Komma. Gemäss offizieller Statistik beträgt die Übertrittsquote ans Gymnasium in Bayern unterdessen auch ca. 40 %, bei uns im Kanton sind es 25 % und von diesen 25 % gehören dann nur 20 % zu den Jahrgangsbesten. Dieses Jahr hat eine Schülerin die Matura mit einer 5.9 im Schnitt bestanden, das ist in 10 Jahren das erste Mal, dass ich sowas überhaupt sehe. Mann, müssen unsere Jugendlichen dumm sein im Vergleich.

  • Oder haben die 1,0er-Abiturientinnen als Schwerpunkte vorzugsweise weiche Fächer wie Sprachen?

    Dazu habe ich zwei Fragen:

    1. Wie kommst du zu der Annahme, dass Sprachen einfacher sind als MINT?

    2. Seit wann kann man in Bayern ohne MINT-Fächer Abi machen?

  • 1. Wie kommst du zu der Annahme, dass Sprachen einfacher sind als MINT?

    Natürlich nicht!

    Nur wenige packen D/E-Leistungskurs.

    Mit nem Schwubbelabitur mit M/Ph-Leistungskurs kannst du dich hingegen nirgendwo blicken lassen.

    Das ist ja das Problem, deshalb ist der Lehrermangel in diesen Fächern selbst am Gymnasium so groß.

    Wenn ein Sportlehrer noch notgedrungen ein zweites Fach sucht, dann denkt er sich "Ha, ich nehm Mathe, da kann man sich immer irgendwie durchschwurbeln".

    In Deutsch setzt man hingegen hauptsächlich auf Quereinsteiger mit mäßig verwandten Fachrichtungen. Da werden lauter Computerlinguisten in die Schulen gelockt, das hohe Gehalt überzeugt einfach.

    Das einzig wirklich schwere MINT-Fach ist Biologie, doch leider wird jeder Biolehrer sofort vom Umweltamt abgeworben, weil es einfach nicht genug Molekularbiologen, Molekularmediziner, Biotechnologen, Biochemiker, LifeScientists, ..., Chemische Biologen und Biomediziner gibt.

  • Die Frage ist in meinen Augen etwas ungünstig gestellt. Ich würde mal behaupten, dass es in den Sprachen leichter ist, im Mittelfeld des Notenbereichs zu landen, dafür wiederum sehr schwierig, die ganz hohen Punktzahlen zu erreichen. Die 15 Punkte kommen häufiger in Mathematik als in Französisch vor. Dafür fallen im Umkehrschluss aber auch deutlich mehr Schüler wegen Mathematik als wegen Französisch durch.

  • Dieses Jahr hat eine Schülerin die Matura mit einer 5.9 im Schnitt bestanden, das ist in 10 Jahren das erste Mal, dass ich sowas überhaupt sehe. Mann, müssen unsere Jugendlichen dumm sein im Vergleich.

    Huhu!
    Sammeln die Schweizer Schüler*innen einen Teil des Abiturs auf dem Weg dahin oder zählen nur die Prüfungsnoten?
    Alle Fächer? (mit Gewichtung)


    und wenn ihr sammelt: wie oft gibt man im Unterricht die 6 oder 5,8 (keine Ahnung, was eure Abstufungen sind?)

    Da 15 Punkte rein rechnerisch (hahaha, Noten rechnen) eine 0,7 sind und viele Noten "gestrichen" werden können, kann man sich auf dem Weg dahin durchaus einige Klopper leisten und im sehr guten Bereich 13-15 Punkte sein und trotzdem eine 1,0 haben. Mit einer diesjährigen 1,0-Abiturientin (der Zeitung entnommen) hatte ich vor einem Jahr (also in der "Sammelphase") Kontakt. Sie war immer gut bis sehr gut, hatte aber eine 2,0 in einer Deutschklausur und war da sehr zufrieden. Ich vermute: aus 2 und 2+ in Klausuren mit einer 1 mündlich geht es schnell nach oben (und natürlich die NRW-Besonderheit, dass 2/3 der Noten "mündlich" sind.)

    (also als Einblick aus NRW, es ist in Bayern natürlich anders, aber ich vermute, der Grund, warum die Noten steigen, überall der selbe ist.)

  • Ja sicher sammeln die Vor- und Erfahrungsnoten. Viele Grundlagenfächer schliessen in der 3. Klasse ab, das gibt Maturnoten. Ich habe in meinen Fächern nur selten ungenügende Maturnoten, insbesondere im Schwerpunktfach hat es in 10 Jahren bisher nur eine einzige Person geschafft, dass da ne 3.5 im Zeugnis stand. 6en vergebe ich sicher nicht inflationär aber häufiger als ungenügende Zeugnisnoten. In meiner Physikklasse, die dieses Jahr das Grundlagenfach abgeschlossen hat, gibt es allerdings weder 5.5 noch 6.0.


    Die Prüfungsnoten haben eben gar nicht so das wahnsinnig grosse Gewicht, weshalb einige sich zurechtrechnen, wie viel sie so brauchen um zu bestehen. Das darf man als Lehrperson nicht persönlich nehmen, wenn in der mündlichen Prüfung jemand vor einem sitzt und man das Gefühl hat, die Person weiss gerade nicht mal so genau, um welches Fach es eigentlich geht. Auf der anderen Seite habe ich dieses Jahr 5 x die Note 6.0 setzen können, da waren Leute dabei, die hätte ich vom Fleck weg ins Chemiestudium an die Uni geschickt. Von den 5 Frauen haben insgesamt aber nur 2 eine 5 vor dem Komma im Gesamtzeugnisschnitt.

  • Notenschlüssel sind fix vorgegeben, aber in NRW bedeutet dies ab 85 % ne 1 und ab 40 % die 4.

    Dazu kommen noch X Bewertungskategorien, in denen Schüler hier und da noch ein Pünktchen abstauben können. Die Vorgaben der Erwartungshorizonte sind für die Oberstufe in NRW leider sehr schülerfreundlich. Hatte letztes Schuljahr eine Schülerin, die ganz erstaunt war im Analyseteil keinen einzigen Punkt bekommen zu haben. Dabei hat sie doch so viel geschrieben und das reicht für Sprachen doch?

  • Wie kann das sein, und warum ist es so?

    Hier wurden die Anforderungen im Bereich der Notengebung zuletzt gesenkt und die Zeit für die Abiturklausur mehrfach verlängert. Für die Note 4-, also 4 Notenpunkte benötigt man in den mod. Fremdsprachen z.B. nur noch 40%. (Früher waren es mal 50%, meine ich.) Die Note 2 gibt es ab 70%, die 1 ab 85% - wobei sich das im Abitur vor allem auf den Teil Hörverstehen bezieht, die schriftlichen Aufgaben werden mit Teilnoten bewertet (mit Bewertungsrastern). Außerdem wurden die Bewertungsraster zugunsten der SuS geändert, im sprachlichen Bereich findet man z.B. für 9 Notenpunkte (also eine 3+) die Beschreibung: im Wesentlichen lexikalisch, grammatisch/syntaktisch und orthographisch korrekt, Verständlichkeit geringfügig eingeschränkt - teilweise eigenständige Formulierungen". (Bewertungsraster moderne Fremdsprachen, Oberstufe/Abitur). Wenn die Verständlichkeit bereits geringfügig (was natürlich auch wieder Interpretationssache ist) eingeschränkt ist, noch die Bewertung "voll befriedigend" zu geben, finde ich schon recht generös.

    Ich würde mal behaupten, dass es in den Sprachen leichter ist, im Mittelfeld des Notenbereichs zu landen, dafür wiederum sehr schwierig, die ganz hohen Punktzahlen zu erreichen.

    Ja, würde ich so unterschreiben. Noten unterhalb der 4 Punkte gebe ich in meinen Fächern extrem selten, einfach deshalb, weil man schon ein leeres Blatt abgeben müsste, um 0 Punkte zu bekommen. Wenn man irgendwas schreibt, bekommt man (trotz sog. Sperrklausel) immer noch ein paar wenige Punkte in einer Teilaufgabe, selbst, wenn man das Thema verfehlt.

  • Ach stimmt, kein NC für den Zugang zur Uni.
    Separate Eingangsprüfungen, oder?

    Da sehe ich persönlich den Grund für die Noteninflation. Keine*r möchte der/diejenige sein, der/die das Wunschstudium vermasselt (klar ist der Schüler selbst dafür verantwortlich). Aber man passt sich den ansonsten gegebenen Noten und es bringt nichts, seine eigene kleine autarke Insel zu sein. So lebt(e) mein Studienseminar: "Die Noten müssen auch mit den Noten der 80er vergleichbar sein" (ich stand zu Beginn der 2010er Jahre im Ref...), "In der Region weiß jede*r, was eine 3 ist".
    Na vielen Dank, ich wollte aber nicht in der Region bleiben und es war mir piep-egal, dass sie nie die 1 als Ausbildungsnote geben, eine 2 als "hervorragend und genial" gelten kann" ... "Was sagenn Sie später einem Schüler, der eine 3 oder 4 schreibt? dass er durchgefallen ist? Nein, es war eben ausreichend."


    Fände ich in der Theorie gut.
    Aber leider nur in der Theorie.

  • Noten unterhalb der 4 Punkte gebe ich in meinen Fächern extrem selten, einfach deshalb, weil man schon ein leeres Blatt abgeben müsste, um 0 Punkte zu bekommen. Wenn man irgendwas schreibt, bekommt man (trotz sog. Sperrklausel) immer noch ein paar wenige Punkte in einer Teilaufgabe, selbst, wenn man das Thema verfehlt.

    WTF?!

  • Ich würde mal behaupten, dass es in den Sprachen leichter ist, im Mittelfeld des Notenbereichs zu landen, dafür wiederum sehr schwierig, die ganz hohen Punktzahlen zu erreichen.

    Die mit Abstand schlechtesten Maturnoten haben unsere SuS im Französisch. Prüfungsschnitt hatten meine Maturanden eine 4.3, bei den Erfahrungsnoten war der Schnitt eine 4.6, bei den Vornoten eine 4.8. Chemie Schwerpunktfach.


    Ach stimmt, kein NC für den Zugang zur Uni.
    Separate Eingangsprüfungen, oder?

    Es gibt nur für Medizin und Sport überhaupt eine Eignungsprüfung.

  • Da sehe ich persönlich den Grund für die Noteninflation. Keine*r möchte der/diejenige sein, der/die das Wunschstudium vermasselt (klar ist der Schüler selbst dafür verantwortlich). Aber man passt sich den ansonsten gegebenen Noten und es bringt nichts, seine eigene kleine autarke Insel zu sein.

    Wenn man den Respekt vor der Leistungsüberprüfung verloren hat, sollte man sich einen anderen Beruf suchen. Bei Lehrkräften, die so vorgehen, sehe ich auch keinen Grund mehr für eine Verbeamtung. Den Spiegel im Bad sollte man dann besser abhängen.

  • Die Frage ist in meinen Augen etwas ungünstig gestellt. Ich würde mal behaupten, dass es in den Sprachen leichter ist, im Mittelfeld des Notenbereichs zu landen, dafür wiederum sehr schwierig, die ganz hohen Punktzahlen zu erreichen. Die 15 Punkte kommen häufiger in Mathematik als in Französisch vor.

    Eindeutig. Ich habe schon des Öfteren gute bis sehr gute Französisch-Schüler*innen verloren, die wussten, dass sie in Bio / Informatik oder gar Mathematik (sehr guter Schüler halt) ihre 15 Punkte zwar auch ggf. (!) mit Aufwand erhalten, aber dieser Aufwand reicht nicht für 15 Punkte in Französisch.
    Ich habe selten 15 Punkte in Französisch vergeben (und ich glaube, immer nur derselbe Schüler) und es war mehr als verdient (ich hätte die Klausur nicht so schreiben können. Nicht-Muttersprachler*in), man hätte den Schüler in einem 2. oder 3. Unijahr stecken können, er hätte es sprachlich wie kognitiv-analytisch locker geschafft.

  • Im Lokalteil meiner Zeitung sind gerade immer wieder Gruppenfotos der Abiturjahrgänge der Gymnasien in Stadt und Landkreis, mit Nennung der besten Abiturientinnen in der Bildunterschrift. Wenn fünf Prozent des Abiturjahrgangs eines staatlichen Kleinstadtgymnasiums im bayerischen Abitur die Note 1,0 erreicht haben, und vierzig Prozent eine Eins vor dem Komma, trotz (auf dem Papier) durchaus anspruchsvoller Aufgabenstellungen, trotz der Coronajahre, trotz der hohen Übertrittsquoten nach der Grundschule mit allem, was das bedeutet, frage ich die bayerischen Gymnasiallehrer: Wie kann das sein, und warum ist es so? Meine Vermutungen habe ich natürlich, die würde ich gerne abgleichen.

    Vielleicht liegt es daran, dass man in Bayern noch verbindliche Noten in Mathe, Deutsch und Sachkunde braucht, um überhaupt aufs Gymnasium zu kommen.

  • Wenn man den Respekt vor der Leistungsüberprüfung verloren hat, sollte man sich einen anderen Beruf suchen. Bei Lehrkräften, die so vorgehen, sehe ich auch keinen Grund mehr für eine Verbeamtung. Einen Spiegel im Bad sollte man dann auch nicht mehr haben.

    das mag sein. Sag es bitte den Ministerialbeamten, die für die Erwartungshorizonte am Ende gerade stehen. Die werden sich selbst was dabei gedacht haben, dass man für dieselbe Leistung eine bessere Note bekommt, bzw. die Grenzen gesenkt werden (Beispiel aus den Fremdsprachen wurde genannt.)

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