Verzweiflung im Referendariat

  • Liebe Kollegen und Kolleginnen,

    ich befinde mich aktuell in der Mitte meiner Referendariatszeit und man könnte meinen das Ende ist in Sicht, also bin ich optimistisch gestimmt, aber so ist es nicht.

    Ich fühle mich unglaublich überlastet. Als angehende Förderschullehrkraft müssen wir so viel differenzieren, dass ich teilweise 5-6 verschiedene Arbeitsblätter erstelle, noch extra Aufgaben dazu für die SuS die gänzlich aus dem Raster fallen und neben dran das Schreiben der Berichte und der Druck durch die Unterrichtsbesuche. Ich kann nicht mehr. Mir platzt regelmäßig die Zündschnurr ich schreie meinen Mann an oder mache vor Wut etwas kaputt. Ich erkenne mich selbst nicht wieder und das macht mir Angst!

    Meine Mentoren sind lieb und versuchen mich zu unterstützen, doch die Rückmeldungen nach den Unterrichtsbesuchen sind vernichtend. Ich soll zum Beispiel noch mehr differenzieren, wo ich doch jetzt schon fast jedem eine Extraaufgabe gebe. Ich soll den Sprechanteil minimieren, doch meine SuS können kaum Sätze bilden oder gar sprechen. Ich verstehe die Kritik/Kriterien, aber vieles ist in meiner Lerngruppe kaum umsetzbar und zu allem Übel hat mich meine Schulleitung auf dem Schirm, welche ebenfalls an meiner Notengebung beteiligt ist.

    Gibt es hier Menschen denen es ähnlich ging? Ich fühle mich so allein damit... Was hat euch geholfen?

  • Hallo Rosalii,

    ich versuche das mal in einige Teilaspekte aufzuteilen:
    - Arbeitsbelastung durch Differenzierung: Entlaste Dich, indem Du statt komplett verschiedener Materialien je Niveau schon vorhandene Materialien mittels KI sprachlich vereinfachen lässt und die Aufgaben entlastest. Bedenke aber vor allem, dass Du auch dann differenzierst, wenn Du Think-Pair-Share oder Arbeitsteiligkeit vorsiehst;

    - das besonders kleinteilige Berichten und Dokumentieren ist ein Spezifikum Deines Lehramts, so wie es die 35-seitige LK-Klausur für die Sek-II-Lehrkraft ist. Daran wirst Du Dich gewöhnen und darfst damit rechnen, dass es mit mehr Routine leichter wird. Wenn Deine Schulleitung ohnehin "an Deiner Notengebung beteiligt" ist, sprich offen an, ob es lehramtsspezifische Praxis-Tipps dafür gibt. 99% aller Schulleitungen schätzen es, wenn Du mit spezifischen Fragen den Austausch suchst, und gerade Förderschulen sind ja oft eher kleine Systeme.

    - "hat mich auf dem Schirm" finde ich so unspezifisch, dass ich Dir dazu gerade nur sehr allgemeine Ratschläge geben kann. Natürlich solltest Du Deinen Vorgesetzen gegenüber nicht Dein Herz ausschütten wie einem Freund oder anonymen Menschen im Internet, aber nochmal: bei konkreter Unsicherheit und Bedarf an Praxistipps im Ausbildungskontext solltest Du unbedingt auch gegenüber der Schulleitung das kollegiale Beratungsgespräch suchen, da wird Dir jeder versuchen zu helfen und niemand dreht Dir daraus einen Strick;

    - "...doch meine SuS können kaum Sätze bilden oder gar sprechen." Nunja, an der Stelle ist Deine Argumentation nicht schlüssig. Gerade diese Schüler musst Du ja aus der Reserve locken, Sprechanlässe schaffen. Input der Lehrkraft hilft dabei natürlich nicht. Neigst Du dazu, Aufträge ausführlich zu erklären, statt sie vorlesen und paraphrasieren zu lassen? Welche konkreten Ratschläge hat Dir Deine Fachleitung dazu gegeben, was hast Du ausprobiert?

    - "vernichtende Rückmeldungen"? Nun, es klingt andererseits nicht so, als hätte Dich schon jemand in Richtung Aldi-Kasse beraten, oder? Also rate ich Dir, weniger schwarz zu malen und in die konkrete Planung zu kommen. Beende jeden Unterrichtsbesuch mit einem bis zwei konkreten Zielen, was nächstes Mal besser ist. Du sollst also den eigenen Sprechanteil senken? Dann probiere nächste Woche mindestens drei konkrete Maßnahmen aus, wie das gehen könnte.

    - Vernetz Dich im ZfSL (Seminar) mit Mitstreitern, tauscht euch aus, gründe mit Mit-Reffis oder Kollegen aus der Stammbelegschaft eine Fahrgemeinschaft. Steck nicht den Sand in den Kopf oder umgekehrt.

  • Ich hatte keinen guten Start ins Ref. Ich fand mich zwar nicht so schlecht, aber die Rückmeldung zu meiner ersten eigenen Stunde war eher ungenügend. 🙈 Ich habe versucht, die Tipps meiner Mentorin und des Kollegiums anzunehmen. Nach kurzer Zeit lief es dann bis zum Schluss sehr gut. Die wollen einem doch alle helfen. Du kannst sie auch fragen, wie man effizienter differenziert.

    Du bist nicht allein. Du schaffst das! Mir hat geholfen, die Dinge nicht persönlich zu nehmen. Das funktioniert vielleicht nicht immer, aber in den meisten Fällen will dir niemand etwas Schlechtes. Und selbst wenn, dann liegt das oft daran, dass die Person irgendwelche Ängste oder private Probleme hat. Warum sollte dich die Schulleitung überhaupt auf dem Schirm haben? Die hat ganz andere Probleme.

    Wenn man den Dreh einmal raus hat, dann kann es ein sehr schöner Job sein.

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