Umgang mit (Abi-)Pflichtlektüren (Anlass: Deutsch-Abitur NRW, aber egal)

  • Ich finde es sinnvoll, es mit zu bedenken, wenn es zu auffälligem Verhalten, psychischen Auffälligkeiten, Minderleistungen kommt, zu Lernstörungen in Teilbereichen oder generell im Arbeitsverhalten. Da wäre frühe Unterstützung hilfreicher, als das Abwarten oder Verneinen mit entsprechend späteren Folgen.

    Insgesamt sehe ich das Schulsystem da schlecht aufgestellt, da in der Regel jede Lehrkraft allein informiert sein muss und sich kümmern sollte. Ähnlich zu der Frage nach dem Umgang mit den Lektüren.

  • Ich habe mich gerade sehr oberflächlich in "traumasensibles Arbeiten" eingelesen. Das ist nicht leitlinienkonform, weder zur Akuttherapie, noch in Bezug auf PTBS. Narrative Traumaexposition gehört immer mit dazu, auch außerhalb des Behandlungszimmers. Man muss halt wertneutral Rückzugsmöglichkeiten eröffnen.

    Eine Traumaexposition gehört in therapeutische Hände - nicht in den Unterricht. Ich weiß, es gibt Ansätze, da hört man sich zuhause seine Erzählungen an etc. aber nie ohne Begleitung. Dazu gibt es genauso je nach Art und Häufigkeit der Traumatisierungen Ansätze, die sagen, man braucht keine Exposition zu jedem einzelnen Erlebnis...

    Kannst du SuS im Flashback und oder in einer Dissoziation reorientieren? Was machst du, wenn in deinem Klassenraum, jemand aufgrund der Gewaltschilderungen in einen Flashback gerät und/oder Bewegungsunfähig wird?

    Wie hilft dir da die von dir genannte wertneutrale Rückzugsmöglichkeit?

    es kommt bei mir ein Unterton rüber, als sei "traumasensibel" ein Schimpfwort bzw. absurd.
    Natürlich kann man nicht alle Themen ausklammern. Wir MÜSSEN über Krieg reden, wir MÜSSEN/SOLLEN aufklären... aber muss es mit Details sein? Kann es nicht sachlich sein? Ich fände es genauso absurd, eine detaillierte Szene vom Sterben durch Folter / in der Gaskammer zur Literaturanalyse zu nehmen.
    Und Sensibilität ist für mich auch ein bisschen wie Barrierefreiheit und alle Möglichkeiten mitdenken, in der Regel profitieren Alle, auch die (vermeintlich) Nicht-Betroffenen.

    Genau darum geht es. Es geht nicht darum, schwierige Themen zu vermeiden. Sie gehören in den Unterricht. Traumasensibler Unterricht bedeutet vielmehr, auf unnötige Explizite Gewaltbeschreibungen oder -darstellungen zu verzichten, Belastungen mitzudenken und Unterricht so zu gestalten, dass möchglichst alle SuS teilnehmen können - auch diejenigen mit belastenden Erfahrungen. Sodass Schule ein Schutzraum ist.

  • Dann vertraut sich dir jemand an und du kannst trotzdem nicht helfen.

    Ist auch schwierig, wir selbst können da nicht viel mehr machen als zuhören, aber wir können Adressen rausgeben von Beratungsstellen, Informationsmaterial etc.

    Beratungslehrkräfte und/oder Schulsozialarbeit sollten das eigentlich parat haben.

  • So ausgedrückt könnte man fast meinen die wären spannend. Trotzdem eher einschläfernd.

  • Wen es interessiert: Es gibt offenbar doch fundierte Ansätze in Bezug zu "Traumasensibilität".

    Z.B. traumainformierte Gesprächsführung:

    https://www.thieme-connect.de/products/ebook…dth=412&lang=de

    Oder traumasensible Betreuung:

    https://www.aap.org/en/patient-car…-informed-care/

    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK207204/#part2_ch1.s2

    Umgekehrt gibt es ja auch Vorgehen, was retraumatisierend sein kann, erneute Gewalt, Entzug von Selbstbestimmung etc., es muss konsequenterweise also auch das Gegenteil geben.

    Hat jetzt nicht direkt was mit der Abi-Lektüre zu tun, aber wir arbeiten ja als Lehrkräfte mit ner Menge Menschen...

  • Diverse "Defizite" bezüglich Shakespeare & Co. kann man gut durch Theaterbesuche ausgleichen, viel besser als das (mich) wenig motivierende Lesen von Bühnenstücken. Woyzeck: Als Reclamheftchen im Gymnasium unmöglich, auf der Bühne zumindest interessant...

    Ja logisch, beim Medium Film liest man ja auch nicht das Drehbuch, sondern schaut den Film an.

    Wir MÜSSEN über Krieg reden, wir MÜSSEN/SOLLEN aufklären... aber muss es mit Details sein?

    Ja, bitte, bei der derzeit herschenden Kriegsgeilheit, die nicht weichgespühlten Filme und auch Ausbildungsfilme verschiedener Armeen.
    Die Palette Kotztüten besorgt die Schule.

    Planung ersetzt Zufall durch Irrtum. :P

    8) Politische Korrektheit ist das scheindemokratische Deckmäntelchen um Selbstzensur und vorauseilenden Gehorsam. :whistling:

    Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.

  • Kannst du SuS im Flashback und oder in einer Dissoziation reorientieren? Was machst du, wenn in deinem Klassenraum, jemand aufgrund der Gewaltschilderungen in einen Flashback gerät und/oder Bewegungsunfähig wird?

    Wie hilft dir da die von dir genannte wertneutrale Rückzugsmöglichkeit?

    Genau darum geht es. Es geht nicht darum, schwierige Themen zu vermeiden. Sie gehören in den Unterricht. Traumasensibler Unterricht bedeutet vielmehr, auf unnötige Explizite Gewaltbeschreibungen oder -darstellungen zu verzichten, Belastungen mitzudenken und Unterricht so zu gestalten, dass möchglichst alle SuS teilnehmen können - auch diejenigen mit belastenden Erfahrungen. Sodass Schule ein Schutzraum ist.

    Wie oft hattest du diese Fälle schon im schulischen Kontext? Ein dissoziativer Anfall ist so selten, das haben vermutlich die meisten Psychologen noch nie gesehen, wenn du möchtest frage ich bei meinen ehemaligen Kollegen nach, die jetzt eine Praxis haben. Du spinnst hier an den Haaren etwas herbei was passieren könnte. Wenn man das für alle Möglichkeiten macht, die passieren könnten, dann darf meine Klasse auch keine Wasserschlacht mit Wasserpistolen auf dem Schulhof machen, irgendwem könnte ins Auge geschossen werden oder irgendwer hat ein Flashback in die Ukraine. Meine zwei ukrainischen Jungs hatten das jetzt nicht, aber irgendwer könnte das ja haben. Genau so haben wir in Geschichte mal den Film 300 mit Thukydides verglichen und uns angeschaut wie die Perser dargestellt werden (grenzwertig rassistisch in Antike und Moderne). Nie was passiert. Das Schulbuch hingehen hat Mal in Jahrgangsstufe 9 ein syrisches Mädchen zum Weinen gebracht, als es um Giftgas ging, weil Familienmitglieder noch in Syrien waren und das gerade durch die Medien ging damals. Interessehalber: bist du in dem Bereich besonders qualifiziert, so dass du damit auch in Schule häufiger zu tun hast?

    Quittengelee : Ich bin mir ziemlich sicher, dass das andere Ansätze sind, als das was man im deutschen zu "traumasensibel" findet

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • Oh, mein liebstes Beispiel, ganz vergessen: ich nutze mit Vorliebe den Film "die Todesmühlen", sobald in der Sek I irgendeine Pfeife in meiner Klasse den Hitlergruß zeigt und frage dann danach auch nach, ob dass das ist womit er (sind immer Jungen, sind immer Provokationen) sich identifiziert. Damit bringt man auch bequem eine ganze Klasse zur Ruhe und eine Hälfte davon zu Tränen in den Augen. Auch hier: keine Dissoziationen...

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • Inzwischen gibt es so viele Kolleginnen (vor allem) die ihren Klassen nichts mehr zu essen mitbringen, weil ja jemand allergisch reagieren könnte oder eine Essstörung getriggert werden könnte.

    Du (bzw. deine Kollegen) bringst Essen für deine Schüler mit in die Klassen?!?!
    Ich dachte ihr seid Lehrer, nicht Caterer.

    Planung ersetzt Zufall durch Irrtum. :P

    8) Politische Korrektheit ist das scheindemokratische Deckmäntelchen um Selbstzensur und vorauseilenden Gehorsam. :whistling:

    Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen.

  • Du (bzw. deine Kollegen) bringst Essen für deine Schüler mit in die Klassen?!?!
    Ich dachte ihr seid Lehrer, nicht Caterer.

    Selbstgebackene Muffins, Amerikaner o.ä. bringe ich hin und wieder auch mit.

    Meine Beiträge werden auf einer winzigen Tastatur eines Smartphones mit Autokorrektur geschrieben. Bitte entschuldigt Tippfehler. :mad:

Werbung