Schlechtes Gewissen

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Schlechtes Gewissen

      Hallo zusammen,

      zunächst wenige Daten zu mir, damit ihr euch ein Bild machen könnt, damit ihr, die vom Fach seid, mir vielleicht weiter helfen könnt:

      Ich bin unter 30 Jahre alt, studiere mit dem Ziel Lehramt für berufsbildende Schulen, stehe dabei kurz vor dem Bachelor und habe vor dem Studium eine Ausbildung + Fortbildung absolviert. Zudem arbeite ich für ein Handelsunternehmen als Nachhilfelehrer. Biete den Azubis individuelle Förderung für Prüfungen an (schriftlich, mündlich) und werde von der örtlichen Industrie und Handelskammer als Prüfer beansprucht. Außerdem erhalten die Azubis Frontalunterricht in üblicher Klassenstärke, ca. 20 Azubis, jede Woche um diese auf die Prüfung vorzubereiten. Lange Rede kurzer Sinn: Ich will unglaublich gerne Lehrer werden und das aus Leidenschaft.
      Dazu gehört auch, dass man sich als Lehrender ein recht dickes Fell aneignen muss und Dinge nicht persönlich nehmen darf, egal wie sehr ein Azubi im Unterricht stört, ich gebe ihnen jeden Tag eine neue Chance und zeige ihnen, dass ich mich trotzdem freu sie zu sehen, auch wenn es DER(!) Störer ist, nehme diesen öfters mündlich dran und zeige ihm das ich es gut finde, wenn er sich am Unterricht beteiligt, anstatt dass er stört. Verschaffe ihm Erfolgserlebnisse, damit er auch nicht das Gefühl hat, dass ich auf ihm rumhacke. Ich habe eigentlich keine Probleme mit den Azubis so gesehen. Der Unterricht verläuft so wie ich es mir vorstelle und mein Arbeitgeber es von mir erwartet.

      Zu meiner Person muss gesagt werden, dass ich jung bin und eigentlich eher der strengere Typ bin, da ich persönlich von solchen Lehrer in meiner Biographie am meisten profitieren konnte. Handys werden von mir nicht toleriert, bei Störungen signalisiere ich in wenigen Augenblicken, dass ich diese nicht zulasse und lasse mich auch erst recht nicht auf irgendwelche Diskussionen ein. Ich beziehe ganz klar Position! Das hört sich so an wie beim Militär, aber so ist es nicht. Ich lasse den Azubis viel Luft zwischendurch, merke dass es unruhig wird und gebe ihnen diese 2 Minuten zum Luft holen, werfe einen Anker und weiter geht´s. Ich habe den Anspruch an diese Azubis und ich will, dass sie wissen, dass sie diesen Anspruch auch an sich selber haben sollten!
      Meine strenge Art bekommt so fast nie zum Vorschein, aber jeder der Azubis weiss, dass ich diese habe, bin sonst eher sehr sympathisch mit Witzen unterwegs, aber auch autoritär. Dabei dulde ich es eben nicht, wenn jemand penetrant aufs Handy schaut und meint ich wäre blind oder konstant mit dem Sitznachbarn quascht.

      Jetzt mein Problem, ich hoffe ihr habt noch Lust weiter zu lesen:

      Es gab vor 2 Monaten einen Vorfall in der Klasse: Klasse wurde unruhig. Also habe ich mein übliches Schema laufen lassen, da ich weiss, dass dies in den 90 Minuten, die wir dort zusammen verbringen, 1-2 mal passiert und habe ihnen somit die Luft gegeben mal kurz die Gedanken kreisen zu lassen. Nach 2 Minuten den Anker geworfen und weiter ging es.
      Später kam die zweite, diesmal entscheidende Störung: Klasse wurde unruhig, also wieder Ihnen 2 Minuten Luft gegeben. Das Problem war, dass diesmal meine Person komplett ignoriert wurde. Ich habe betroffene Person angeschaut, ihr signalisiert, dass er sich nach vorne fokussieren soll. Mein Signal wurde erkannt und verstanden(!), nur um sich in der nächsten Sekunde wieder weg zu drehen und mit seinem Sitznachbarn weiter zu quatschen. Das selbe geschah in der selben Situation mit 2 anderen Azubis. Kurz: Ich habe die gesamte Kontrolle der Klasse verloren und meine üblichen Instrumente zeigten keine Wirkung.

      Ich wurde laut, weil ich mich durch die Klassenstärke durchringen wollte und habe dabei Wörter verwendet, die nicht so schön waren: "Wollt ihr mich gerade verarschen...".
      Nun, der Altersunterschied zwischen mir und den Azubis ist nicht sehr groß, ich duze diese und führe viele persönliche Gespräche mit ihnen, da ich viel mit ihnen zu tuen habe und sie auch beim einkaufen immer wieder treffe. Mir erschien die Wortwahl in diesem Moment als angemessen, als eine Sprache die verstanden wird.

      Heute, 2 Monate später, plagt mich noch immer ein schlechtes Gewissen. Ich habe die Situation immer wieder und immer wieder reflektiert und bin immer wieder aufs neue unzufrieden mit mir. Dies war ein einmaliger "Vorfall" aus dem ich gelernt habe, dennoch lässt mich dieser Tag nicht ruhen.
      Daher meine Frage an euch, kennt ihr das, wenn ja, wie geht ihr damit um. Man kann als Lehrender nicht immer alles richtig machen, das weiss ich auch, aber mir fehlt eine Linie um damit umzugehen. Wie macht ihr das? Geht ihr manchmal auch unzufrieden aus der Klasse heraus? könnt ihr das einfach ausblenden?

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tosh ()

    • Ja, ich gehe auch manchmal unzufrieden aus einer Klasse heraus. Verschiedene Gründe (ich bin nicht zufrieden, wie die Klasse etwas aufgenommen / erarbeitet hat, ich bin nicht zufrieden, weil meine Vorbereitung nicht gut oder für die Klasse nicht geeignet war, ich bin nicht zufrieden mit einer meiner Reaktionen etc etc).
      Das gehört für mich zum Beruf - und wird reflektiert (so wie Du es ja gerade auch machst). Und sollte ich fest stellen, dass der Fehler bei mir lag, ist das Ansporn, es in Zukunft besser zu machen. Man kann sich für bestimmte Dinge auch vor der Klasse entschuldigen ("Da hab ich nicht gut reagiert, das war unangemessen/nicht souverän ... falsch") - aber es hängt sehr von meinem Fehler und der Klasse ab. Für das, was Dir raus gerutscht ist, würde ich mich nicht entschuldigen, das ist keine Katastrophe, nicht einmal besonders schlimm.
      Wie gesagt: nimm es als Motivation, dass so etwas nicht mehr passiert, überlege Dir, wie Du in Zukunft reagieren willst und setze einen Haken dahinter (vielleicht rede ich mich aber da auch nur so leicht, weil ich in der Freizeit Musik mache, bei der viel improvisiert wird und man da nach dem Motto handelt "Die falsche Note kannst Du nicht zurück holen, schau zu, dass die nächste stimmt").
    • Ist passiert. Und jetzt? Entspann dich; kannst es sowieso nicht ändern.
      Nur kleiner Tipp; laut werden bei jeder Klasse geht dir viel zu sehr auf Stimme/Nerven.

      Wenn meine denken sie können Kasperltheater spielen, dann setze ich mich meist hin, warte und schaue die entsprwchenden Leute an.

      Meistens kippt das Klassenklima gegen diese Personen und ich nehme sie mir dann zur Brust in einer scharfen aber für meine Stimme schonenden Tonlage.

      Und dieses kurz sich absitzen hat noch einen Vorteil; man wird selbst etwas ruhiger obwohl die Störer einen nerven. Man verhindert, dass man hochgeht und aus der Situation jemanden beschimpft.
    • Wenn es eine aus deiner Sicht besondere Situation ist, kannst du auch besonders reagieren. Du hast niemanden beleidigt und wurdest hoffentlich verstanden.

      Ja, ich gehe manchmal unzufrieden aus einer Klasse- Mal liegt das an mir, mal ander Klasse, mal an beiden. Und manchmal weiß ich es auch nicht so genau.
      Wie ich damit umgehe? Möglichst schnell anhaken. Und wenn ich der Meinung bin, mich für etwas entschuldigen zu müssen, dann tue ich das. Für dein Verhalten würde ich mich aber nciht entschuldigen, erst recht nicht 2 Monaten später.
    • Hallo Tosh,

      wie können wir dir helfen oder besser: was kannst du tun, um diesen kurzen Moment in deinem Leben als das anzunehmen, was er war: ein kurzer Moment? vielleicht, in dem du für dich überlegst, was dir daran so peinlich ist, oder was dir daran Angst gemacht hat? War es das Gefühl, dass die Klasse nicht mehr auf dich reagierte und das wieder passieren könnte? oder ist es dir vor dir selbst peinlich, die Kontrolle verloren zu haben und wenn ja, warum? Nimm diesen Moment an, wie er war, um ihn dann zurücklassen zu können. Jetzt ist jetzt und Schnaps ist Schnaps oder so. Frohe Weihnachten :prost:
    • @Tosh, ich meine, du musst in diesem Falle kein schlechtes Gewissen haben. Du hast in einer drastischen Situation (als übliche Maßnahmen nicht mehr wirkten) drastisch reagiert. Als Ausnahme passte es. Manche begreifen es leider nicht anders. Du hast außerdem niemanden persönlich beleidigt, so wie ich es verstehe, sondern die Wirkung auf dich wiedergegeben und das Verhalten kritisiert (Wollt ihr mich verarschen?!).

      Da es nicht dein üblicher Umgangston ist, wie es klingt, sondern eine Ausnahmereaktion in einer Ausnahmesituation (ohne jemanden persönlich zu beleidigen, zu beschimpfen, zu verhöhnen, zu verspotten oder gar tätlich anzugreifen), finde ich es akzeptabel.

      Kurz: Habe ich auch schon gemacht. ;)
      Für alles gibt es ein Publikum und für jede Meinung das passende Argument.

      Wir sind gewohnt, dass die Menschen verhöhnen, was sie nicht verstehn... (Johann Wolfgang Goethe: Faust I )
    • Ich habe einmal im Ref was ähnliches, aber noch deutlich unpassenderes, gebracht: Ich habe einer (BdU-) Klasse eine Gardinenpredigt gehalten, als sie sich gerade mal total daneben benamen, und ihnen gesagt: "Manchmal seid ihr super drauf, dann kommen wir hier richtig gut voran und ich denke mir 'die Klasse hat echt Potential!', und dann gibt es Stunden wie heute, wo ihr euch wie die letzten Arschlöcher verhaltet." Tja, das A-Wort habe ich aus der Situation heraus benutzt, und es auch lange bereut. Wenn wieder mal Ermahnungen nötig wurden, hat die Klasse das auch immer nochmal geechot ("Sind wir gerade wieder Arschlöcher?"). Das war mir wirklich unangenehm!! Aber was soll man machen, ist halt passiert, lässt sich nicht rückgängig machen, man muss drüber hinweg kommen. Ich habe daraus gelernt, inzwischen halte ich keine zornigen Reden mehr, bzw. wenn dann immer hinter einer professionellen Maske und mit professioneller Wortwahl.
      Warum Trübsal blasen, wenn man auch Seifenblasen kann?
    • Vielen Dank für eure tolle Hilfen und Anmerkungen, von euch allen! Ich glaube, dass ich jetzt wirklich einfach den Haken dahinter machen kann, so wie ihr es sagt.

      Krabappel schrieb:

      Hallo Tosh,

      wie können wir dir helfen oder besser: was kannst du tun, um diesen kurzen Moment in deinem Leben als das anzunehmen, was er war: ein kurzer Moment? vielleicht, in dem du für dich überlegst, was dir daran so peinlich ist, oder was dir daran Angst gemacht hat? War es das Gefühl, dass die Klasse nicht mehr auf dich reagierte und das wieder passieren könnte? oder ist es dir vor dir selbst peinlich, die Kontrolle verloren zu haben und wenn ja, warum? Nimm diesen Moment an, wie er war, um ihn dann zurücklassen zu können. Jetzt ist jetzt und Schnaps ist Schnaps oder so. Frohe Weihnachten :prost:
      Da hast du den wunden Punkt getroffen. Das Problem ist dies, dass ich natürlich den Azubis ein Bild vermitteln möchte, an dem sie sich orientieren können. Ich teile teilweise die selbe zerüttete Biographie der Azubis. Habe die selbe Ausbildung angefangen und hatte selber viel Unsinn im Kopf, als ich in dem Alter war, wer auch nicht. In manchen Azubis erkenne ich mich selber wieder. Bedeutet: ich komme im Anzug in die Klasse und versuche fachlich so seriös wie möglich zu wirken, dabei spiele ich kein Theater sondern repräsentiere mich und meine eigenen Überzeugungen und der WIchtigkeit der Lehrinhalte, weil mir die guten Noten erst die Türen zu der Uni eröffnet haben oder mich meine Fortbildung erst erlaubte mich im meinem Leben zu orientieren. Der Anzug hat mich als Schüler immer beeindruckt bei Lehrern und Professoren, das strahlt so ein Bild aus: "Der trägt Anzug, der hat alles richtig gemacht, da will ich auch hin." Nebenbei erwartet der Arbeitgeber natürlich auch ein gewisses Auftreten, wenn man für die Personalabteilung (-entwicklung) arbeitet. Das dies funktioniert, merke ich an deren Reaktionen, dass sie offenkundiges Interesse an meiner eigenen Biographie zeigen und sich daran auch orientieren und Details wissen wollen wie das genau funktioniert: Ohne Abitur an die Uni, was ich für die Fortbildung tuen musste, man spricht mich eigenständig an und fragt nach zusätzlichen Materialen, fragt Einzelstunden an...
      Dieser "Vorfall" hat jedoch mein ganzes Erscheinen als fragwürdig dargestellt, sowohl für mich, als auch an die Azubis -so fühlt es sich an.



      SteffiD schrieb:

      Hey Tosh,

      und ? Hat's funktioniert ? Waren die Quälgeister danach ruhig und du konntest den Unterricht fortsetzen ?


      ^^
      Ja hat es. Die letzten 15 Minuten war es so still und jeder hat nach vorne geschaut, dass ich ein wirklich schlechtes Gewissen hatte. Natürlich war es in den Stunden danach wie eh und je, aber man hat meine Signale ernster genommen, wenn ich Ruhe eingefordert habe.

      Und nein, natürlich habe ich niemanden persönlich beleidigt. :)

      Morse schrieb:

      @Tosh: War Deine Äußerung in diesem Moment wirklich so durchdacht und geplant, oder hast Du spontan reagiert?
      Es war sehr spontan! Aber in dieser einen Sekunde war die Lautstärke und Wortwahl und meine sehr "böse" Mimik dann eben zu viel, als dass ich es mir eigentlich selber gewünscht hätte. Für mich ist das so eine Art Versagen: Man kann die Kontrolle mit normalen Mitteln nicht halten, man gestaltet den Unterricht anscheinend nicht spannend genug, die eigene Person muss man nicht ernst nehmen und und und....
      Die Basics des Unterrichts, die man nicht umgesetzt bekommt. Hand aufs Herz, wenn das meine Lehrprobe gewesen wäre, wäre ich sicherlich gnadenlos durchgefallen.

      Aber am Ende vertraue ich euch, dass dies eben mit zum Lehrerberuf dazugehört, solange man nicht mit der Reflektion aufhört. Danke euch allen nochmal, waren wirklich schöne und aufbauende Worte bei!
    • Tosh schrieb:

      Morse schrieb:

      @Tosh: War Deine Äußerung in diesem Moment wirklich so durchdacht und geplant, oder hast Du spontan reagiert?
      Es war sehr spontan! Aber in dieser einen Sekunde war die Lautstärke und Wortwahl und meine sehr "böse" Mimik dann eben zu viel, als dass ich es mir eigentlich selber gewünscht hätte. Für mich ist das so eine Art Versagen: Man kann die Kontrolle mit normalen Mitteln nicht halten, man gestaltet den Unterricht anscheinend nicht spannend genug, die eigene Person muss man nicht ernst nehmen und und und....Die Basics des Unterrichts, die man nicht umgesetzt bekommt. Hand aufs Herz, wenn das meine Lehrprobe gewesen wäre, wäre ich sicherlich gnadenlos durchgefallen.

      Ich glaube (Fern-Expertise und nicht mal vom Küchentisch), dass Du mehr unter diesem Kontrollverlust leidest, als an der Wortwahl.

      Für mich war es jedes Mal ein einschneidendes Erlebnis, wenn mir die Gäule durchgegangen sind und ich nur noch reagiert habe, anstatt zu agieren. Das muss gar nicht verbal sein, sondern wenn man sich z.B. durch zu wenig Zeit hetzen lässt. Egal was ist, es fühlt sich wahnsinnig unangenehm an, wenn man sich zum Getriebenen machen lässt.

      In so einem Moment, bzw. spontanen Äußerung, kann sich bei Neulingen auch zeigen, ob der Beruf zu ihnen passt, oder ob sie durchdrehen. Deine Wortwahl scheint mir in der Situation nicht nur verzeihlich, sondern durchaus angemessen. Man darf ruhig auch mal deutlich werden, wenn es der Schüler erfordert. Wenn Dir die Wortwahl unangenehm war, oder leid tut, kannst Du das - wenn das Verhältnis stimmt! - den Schülern auch ruhig mitteilen.
    • Abhaken. Ändern kannst du nichts mehr. Nur lernen daraus:

      Ein bisschen Authentizität würde sicher nicht schaden. Muss wahnsinnig anstrengend sein, ständig mit einer Maske rumzulaufen...

      Mit (aufgesetzter) Strenge wirst du nicht weit kommen. Als Lehrperson glaubwürdig zu sein ist immens wichtig für den Lernerfolg und das Klassenklima. Respektvoller Umgang ist keine Einbahnstraße.

      Vieles gibt sich mit zunehmendem Dienstalter und mit der Erfahrung.
    • Tosh schrieb:

      Ja hat es. Die letzten 15 Minuten war es so still und jeder hat nach vorne geschaut, dass ich ein wirklich schlechtes Gewissen hatte. Natürlich war es in den Stunden danach wie eh und je, aber man hat meine Signale ernster genommen, wenn ich Ruhe eingefordert habe.
      Na siehst du, dann würde ich sagen: alles richtig gemacht. Du brauchst kein schlechtes Gewissen haben, nur weil du dafür sorgst, dass die am Ende ihre Prüfung schaffen.



      Tosh schrieb:

      Für mich ist das so eine Art Versagen: Man kann die Kontrolle mit normalen Mitteln nicht halten, man gestaltet den Unterricht anscheinend nicht spannend genug, die eigene Person muss man nicht ernst nehmen und und und....
      Die Basics des Unterrichts, die man nicht umgesetzt bekommt. Hand aufs Herz, wenn das meine Lehrprobe gewesen wäre, wäre ich sicherlich gnadenlos durchgefallen.
      Versagen ist es dann, wenn du die Jungs am Ende nicht durch die Prüfung bringst, weil du ihre Undisziplin durchgehen lässt. Wie sagtes du zu Beginn ? Du hast von jenen Lehrern das meiste gelernt, die am strengsten waren.
      Und die Jungs müssen lernen, dass es nicht immer spannend ist was man fürs Leben braucht, dass man trotzdem durchhält und sich in Konzentration übt, denn im Job ist es auch nicht immer spannend.

      Und wenn das deine Lehrprobe gewesen wär hätten sich die Quatschheinis sicher nicht so aufgeführt, dass eine solche Reaktion von dir nötig gewesen wär. In der Regel und weil du ja eingangs schriebst, dass du ein gutes Verhältnis zu den Jungs hast, benehmen sich die Kids gesittet, schließlich wollen sie sich selbst ja auch nicht blamieren.

      Lieber einmal zu laut gebrüllt, als am Ende entthront. *lach* Der Mensch ist ein Raubtier, nicht vergessen, hehe. (Und damit meine ich nicht dich sondern die Horde ;) )



      Tosh schrieb:

      Dieser "Vorfall" hat jedoch mein ganzes Erscheinen als fragwürdig dargestellt, sowohl für mich, als auch an die Azubis -so fühlt es sich an.
      *schmunzel* weil der Anzug nun nicht mehr zum Verhalten passte ?

      Frage: hast du dir in der Zwischenzeit überlegt, wie du die Situation ggf. alternativ hättest entschärfen können ? Ich meine, hast du einen Plan B für das nächste Mal, wenn die Azubis erneut meinen den Ausbildungsunterricht auf diese Weise stören zu wollen ? Oft fällt uns doch im Nachhinein eine besser Methode ein mit Situationen umzugehen. Wie willst du also das nächste Mal auf so eine Störung reagieren, wenn dir deine Reaktion als unangemessen erscheint ? Idee ? Diese Idee müsste natürlich genauso effizient sein.
      ;)

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von SteffiD ()

    • Mir passiert dieser Kontrollverlust ehrlich gesagt dermaßen oft, dass ich jetzt nicht weiß, ob ich Angst vor meiner Zukunft haben soll oder ob der Fadenstarter einfach nur sehr perfektionistisch ist. Mal davon ab, dass ich wirklich bisschen Probleme hab mit Disziplin: ich finde es absolut menschlich, dass man selten mal die Kontrolle im Klassenzimmer verliert. Oder über sein Essverhalten. Oder über die Ordnung zu Hause... ich denke auch felsenfest, dass seltener Kontrollverlust im Klassenzimmer NICHT dazu führt, dass einen Generationen von SuS nie wieder im Leben ernst nehmen. Ich hatte z.B. letztens einen erkältungsbedingten Hustenanfall und die SuS mussten warten/hatten Leerlauf/ich musste kurz raus. Passiert. Ist natürlich doof, aber so Lehrer ohne jeglichen Kontrollverlust, die gibt es nicht. Die Vorstellung ist auch irgendwie gruselig.

      Ehrlich, für mich ist es wirklich Alltag, dass Schüler nicht machen, was sie sollen. Und dass ich mir dann irgendwelche Konsequenzen ausdenken muss...
    • Tosh schrieb:

      Vielen Dank für eure tolle Hilfen und Anmerkungen, von euch allen! Ich glaube, dass ich jetzt wirklich einfach den Haken dahinter machen kann, so wie ihr es sagt.

      Krabappel schrieb:

      Hallo Tosh,

      wie können wir dir helfen oder besser: was kannst du tun, um diesen kurzen Moment in deinem Leben als das anzunehmen, was er war: ein kurzer Moment? vielleicht, in dem du für dich überlegst, was dir daran so peinlich ist, oder was dir daran Angst gemacht hat? War es das Gefühl, dass die Klasse nicht mehr auf dich reagierte und das wieder passieren könnte? oder ist es dir vor dir selbst peinlich, die Kontrolle verloren zu haben und wenn ja, warum? Nimm diesen Moment an, wie er war, um ihn dann zurücklassen zu können. Jetzt ist jetzt und Schnaps ist Schnaps oder so. Frohe Weihnachten :prost:
      Da hast du den wunden Punkt getroffen. Das Problem ist dies, dass ich natürlich den Azubis ein Bild vermitteln möchte, an dem sie sich orientieren können. Ich teile teilweise die selbe zerüttete Biographie der Azubis. Habe die selbe Ausbildung angefangen und hatte selber viel Unsinn im Kopf, als ich in dem Alter war, wer auch nicht. In manchen Azubis erkenne ich mich selber wieder. Bedeutet: ich komme im Anzug in die Klasse und versuche fachlich so seriös wie möglich zu wirken, dabei spiele ich kein Theater sondern repräsentiere mich und meine eigenen Überzeugungen und der WIchtigkeit der Lehrinhalte, weil mir die guten Noten erst die Türen zu der Uni eröffnet haben oder mich meine Fortbildung erst erlaubte mich im meinem Leben zu orientieren. Der Anzug hat mich als Schüler immer beeindruckt bei Lehrern und Professoren, das strahlt so ein Bild aus: "Der trägt Anzug, der hat alles richtig gemacht, da will ich auch hin." Nebenbei erwartet der Arbeitgeber natürlich auch ein gewisses Auftreten, wenn man für die Personalabteilung (-entwicklung) arbeitet. Das dies funktioniert, merke ich an deren Reaktionen, dass sie offenkundiges Interesse an meiner eigenen Biographie zeigen und sich daran auch orientieren und Details wissen wollen wie das genau funktioniert: Ohne Abitur an die Uni, was ich für die Fortbildung tuen musste, man spricht mich eigenständig an und fragt nach zusätzlichen Materialen, fragt Einzelstunden an...Dieser "Vorfall" hat jedoch mein ganzes Erscheinen als fragwürdig dargestellt, sowohl für mich, als auch an die Azubis -so fühlt es sich an.



      SteffiD schrieb:

      Hey Tosh,

      und ? Hat's funktioniert ? Waren die Quälgeister danach ruhig und du konntest den Unterricht fortsetzen ?


      ^^
      Ja hat es. Die letzten 15 Minuten war es so still und jeder hat nach vorne geschaut, dass ich ein wirklich schlechtes Gewissen hatte. Natürlich war es in den Stunden danach wie eh und je, aber man hat meine Signale ernster genommen, wenn ich Ruhe eingefordert habe.
      Und nein, natürlich habe ich niemanden persönlich beleidigt. :)

      Morse schrieb:

      @Tosh: War Deine Äußerung in diesem Moment wirklich so durchdacht und geplant, oder hast Du spontan reagiert?
      Es war sehr spontan! Aber in dieser einen Sekunde war die Lautstärke und Wortwahl und meine sehr "böse" Mimik dann eben zu viel, als dass ich es mir eigentlich selber gewünscht hätte. Für mich ist das so eine Art Versagen: Man kann die Kontrolle mit normalen Mitteln nicht halten, man gestaltet den Unterricht anscheinend nicht spannend genug, die eigene Person muss man nicht ernst nehmen und und und....Die Basics des Unterrichts, die man nicht umgesetzt bekommt. Hand aufs Herz, wenn das meine Lehrprobe gewesen wäre, wäre ich sicherlich gnadenlos durchgefallen.

      Aber am Ende vertraue ich euch, dass dies eben mit zum Lehrerberuf dazugehört, solange man nicht mit der Reflektion aufhört. Danke euch allen nochmal, waren wirklich schöne und aufbauende Worte bei!
      Gute Güte, Tosh, du bist EIN MENSCH und keine programmierte Maschine. Es ist passiert und morgen versuchst du wieder, es besser zu machen.
      Be happy for the moment. This moment is your life.
    • Ich sehe in der gesamten Situation keinen Kontrollverlust über die Klasse. Es war eine Handvoll Schüler, die auf die Maßnahme nicht so reagierten wie erhofft. Lehrer wird in Folge für einen Satz mal etwas lauter und ungehalten, danach ist es in der Klasse ruhiger und der Unterricht geht weiter. Das ist eine völlig normale Situation, wie sie täglich in zig Unterrichtsstunden auftritt.
      Egal, wie toll und motivierend meine Stunde ist und wie sehr ich das Classroom Management beherrsche, es gibt immer wieder mal Schüler und Situationen, wo meine Maßnahme nicht auf Anhieb fruchtet. Vielleicht hatten die Schüler auch gerade mal einen schlechten Tag, weil zuvor eine Schulaufgabe herausgegeben wurde, bei einem der Hund gestorben ist, einer sich frisch verliebt hat oder was sonst alles passiert ist. Das ist Teil des Menschseins und auch des Unterrichts.

      Sarek
    • Ich hatte vor einigen Jahren eine ähnliche Situation in meiner eigenen Klasse. Dort sind mir auch Worte herausgerutscht, über die sich am selben Tag noch Eltern bei der Schulleitung gemeldet haben. Im Nachhinein erfuhr ich dann, dass es keine Beschwerde im eigentlichen Sinne war, wobei das hier an dieser Stelle auch unerheblich ist.
      Im Anschluss an die Situation hatte ich nicht unbedingt ein schlechtes Gewissen sondern eher einen großen "Aha"-Lerneffekt. Mir war klar geworden, dass ich zum einen die Kontrolle niemals wieder verlieren wollte, zum anderen wollte ich mich im Vorfeld erst gar nicht so ärgen oder aufregen, dass es überhaupt wieder dazu kommen könnte.
      Beides hat in den Jahren danach gut geklappt, weil ich bewusst andere Strategien angewendet habe, um eine Wiederholung dieser Situation zu vermeiden. Das heißt nicht, dass ich in der Vergangenheit je nach Situation nicht deutliche Worte für Fehlverhalten etc. gefunden hätte. Deutliche, aber eben andere.

      Ich denke, Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Solange Du aus der Situation gelernt hat bzw. weißt, wie Du künftig so etwas vermeidest, ist alles gut. Vielleicht hast Du ja auch einfach gemerkt, dass Deine Wortwahl gar nicht so schlimm war. Ein "wollt Ihr mich verar...." habe ich schon häufiger verwendet. Das war aber eben auch jedes mal authentisch von mir. Da hatte ich kein schlechtes Gewissen. Solange die Beziehungsebene zu den Schülern stimmt, nehmen die einem so etwas nicht krumm.
      Gruß
      Bolzbold



      Ich bin ein Ar***, und deswegen konnte ich nur Lehrer werden.