"Menschlichkeit fehlt" am Gymnasium - geht es nur ums Aussieben??

  • Ach Leutz, verteufelt doch nicht jedes Klischee, sondern nehmt es mit Humor

    Nee, weil sie unser Denken verfestigen. Humor ist, was uns einen Spiegel vorhält, aber nicht was und in unserer Wohlfühlwelt gefangen hält weil wir meinen, alles zu wissen und auch nichts ändern zu können. Wir sollten im Gegenteil versuchen, unvoreingenommen auf Menschen zuzugehen. Gelingt natürlich nur bedingt, aber es ist das Training wert.

  • Man kann auch nur Sachen bewerten, die ausschließlich in der Schule erstellt werden oder es je nachdem, ob es eine Pflicht- oder Wahlleistung ist, handhaben.

    Da muss ich - insbesondere für Niedersachsen - deutlich widersprechen. Zwar dürfen Hausaufgaben nicht einfach bewertet werden (insbesondere nicht "HA nicht da --> ungenügend") und müssen schriftliche Arbeiten (=Klassenarbeiten/Klausuren) in Präsenz unter Aufsicht angefertigt werden, gleichzeitig gibt es aber eine ganze Palette von Produkten, die selbstverständlich als Grundlage von Leistungsbewertung dienen dürfen und auch ganz konkret dienen.


    Beispielhaft für letztere Kategorie seien hier u.a. Hausarbeiten, insbesondere die Seminarfacharbeit in der Qualifikationsphase erwähnt. Außerhalb des Seminarfachs kann eine solche Facharbeit bei entsprechendem Umfang und Niveau inzwischen als besondere Lernleistung auch die schriftliche Abiturprüfung im Grundfach (P4) ersetzen. Auch die ab diesem Schuljahr möglichen Präsentationsprüfungen als Variante der mündlichen Abiturprüfung (P5) werden zunächst zu Hause angefertigt und spielen für die Bewertung eine entsprechende Rolle.

  • Nein, aber etwas, das durchaus einen Großteil der Note ausmacht.

    Bewertet werden soll aber die Leistung der Schüler.

    Dann müsste man ja dem schlechten, aber ohne Internetzugang eigenständig erarbeiteten Material eine gute Note geben,

    dem Hochglanz-Plakat mit perfekter Performance und herausragender Verköstigung dank der Mithilfe der Eltern eine schlechte.

    Gleiches gilt für Mappen, Aufsätze, Werkstücke, Kunstbilder uvm., die zu Hause waren und unter Hilfe angefertigt wurden.

    Aus genau diesem Grund dürfen HA in manchen Bundesländern nicht benotet werden.


    Kunstbilder würde ich --ebenfalls aus diesem Grund-- nie mit nach Hause geben, Mappen im Leben nicht bewerten (was soll ich da bewerten außer Vollständigkeit? Ob mit blau, rosa oder mit Glitzer unterstichen wurde? Die hübschen Randverzierungen mancher Mädchen ?) -- und wieso macheh Referate einen Großteil der Note aus auf dem Gymnasium?

  • Es gibt Lehrkräfte, die sich mit Referaten ein laues Leben machen. Die Kinder arbeiten im PC-Raum und man muss sie nur beaufsichtigen. Dann kommt die Präsentationsphase und man muss nur da sitzen, zuhören und benoten.

    Im Musikunterricht habe ich bei den Musikepochen Referate anfertigen lassen - für mich war das immer langweilig, weil ich kaum aktiv gefordert war. Andererseits war das aber im ansonsten anstrengenden Schulalltag auch mal eine Insel, wo man durchschnaufen konnte. Null Vorbereitung - alle Kinder im Idealfall beschäftigt.
    Wenn man allerdings aktiv rundgeht und schaut, was die lieben Kleinen so machen, dann fragt man sich, ob die wirklich glauben, dass bei Google jemand am anderen Ende der Leitung sitzt und nur auf eine ausgeschriebene Frage wartet, um die passgenaue Antwort in 0,1 Sekunden parat zu haben...
    ... in nahezu allen Klassen war ich damit beschäftigt, dies zu erklären, seriöse von unseriösen Seiten unterscheiden zu lassen, fachliche und layoutspezifische Fragen zu klären, Streit innerhalb der Gruppe zu schlichten, arbeitsscheue SchülerInnen zum Arbeiten anzuhalten...

    Im Geschichtsunterricht habe ich regelmäßig einen Plakatzyklus zu Ägypten gemacht. Da kamen die SchülerInnen mit vielen Büchern und Ausdrucken aus dem Internet an. Letzteres meist viel zu schwer und mit der Idee, das eins zu eins übernehmen zu können. Da merkte man dann besonders, wo Mama und Papa mitgeholfen haben. Die Enttäuschung war dann groß, wenn die Note nicht automatisch zu diesem Aufwand passte. Und ja, in eine mir noch sehr präsenten Fall war es augenscheinlich die Mutter, die dem Jungen unbedingt eine gute Note gegönnt hatte und daher übers Ziel hinausgeschossen war.

  • Für's Abitur wurde (die Schule ist in NRW) von vielen (nicht allen) SuS NICHTS gemacht, weil ja im Internet stand, dass es in S-H die Überlegung gab, dass die Abiturprüfungen nicht stattfinden (hat bei mir bei zwei Schüler*innen zu einem Absturz von zwei ganzen Noten im Vergleich zur Vornote geführt. Um eine Note sind fast alle runtergefallen. Trotz Fernunterrichtes und Unterstützung durch mich im Lockdown)

    Ich hab mir auch Mühe gegeben ohne Ende und kaum wen erreicht. Hab Themen mit Mindmaps in OneNote wiederholt und dann immer einen Bezug zu Corona erarbeiten lassen um zu zeigen, dass man alle Themen irgendwie verknüpft bekommt. Spannenderweise sind in meinen 3 GKs Englisch fast alle ungefähr bei der Vornote geblieben oder haben sich minimal verbessert.

    Only Robinson Crusoe had everything done by Friday.

  • Schon lustig, dass man denkt nichts zu tun müssen, weil in S-H entsprechende Überlegungen angestellt wurden, die dann ganz schnell wieder über Bord gingen. Eigentlich ist das zentrale Argument gegen die Zuerkennung der AHR...

    Wobei: In der NRW-Landespolitik wurde auch noch Wochen oder Monate nach der KMK-Entscheidung, das Abitur durchzuführen, dagegen gewettert - so als könnte NRW mal eben im Alleingang das Ganze anders machen.

    Somit hätten wir also eine wunderbare Berufsperspektive...

  • Nee, weil sie unser Denken verfestigen. Humor ist, was uns einen Spiegel vorhält, aber nicht was und in unserer Wohlfühlwelt gefangen hält weil wir meinen, alles zu wissen und auch nichts ändern zu können. Wir sollten im Gegenteil versuchen, unvoreingenommen auf Menschen zuzugehen. Gelingt natürlich nur bedingt, aber es ist das Training wert.


    Humor ist die Begabung des Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt im Allgemeinen und der Sonderpädagogen im Speziellen, den alltäglichen Schwierigkeiten und Seltsamkeiten im Forum mit heiterer Gelassenheit zu begegnen. (Quelle: Wikipedia):teufel:

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • Seine Lehrmethoden in Latein waren aus heutiger Perspektive mehr als antiquiert, aber diese ständigen Drills haben dafür gesorgt, dass ich das meiste, was ich bei ihm gelernt hatte an Grammatik, Merksätzen etc. auch über 30 Jahre später noch "runterspulen" kann (die bewundernden Blicke meines Ältesten gehen dabei runter wie Öl...) Für bestimmte Grammatikregeln habe ich diese Methodik tatsächlich in meinen Unterricht übernommen - und es funktionierte.

    Oh ja - ich hatte Latein von 5 bis 11, zum großen Teil bei genau dieser Sorte Pauker. Ich habe Latein nicht besonders gut abgeschlossen (ich meine sogar mit einer 4), aber ich kann es bis heute so gut, dass ich es an der Klinikschule problemlos bis auf GK-Niveau unterrichten kann. Bei Ovid verlässt es mich dann so langsam. Bei der Metrik steige ich aber schon früh aus, das konnte ich weder als Schüler noch im Germanistik-Studium.

    The penis

    Mightier than the sword.

    - frei nach Edward Bulwer-Lytton

  • Ich komme mal zur Ausgangsproblematik zurück.

    Das Gymasium ist eine ausgesprochen leistungsorientierte Schulform. Soll es sein und will es sein. Natürlich wird da gesiebt, umso mehr als es die Grundschulen meist nicht mehr in hinreichendem Maße tun.

    Ich kann mich daran erinnern, dass zu meiner eigenen Schulzeit die Hausaufgaben nie wieder so viele und so anspruchsvolle waren wie in der Erprobungsstufe. Etliche MitschülerInnen waren nach der 6. Klasse verschwunden.


    Als Schülerin bin ich damit gut zurecht gekommen. Das Herumgespiele in der Grundschule hatte mich vorher gewaltig angeko***t. Ich habe die Herausforderung sportlich genommen und den Anspruch genossen.


    Im Referendariat allerdings hat mich diese gymnasiale Haltung zunehmend gestört. Spätestens als ich am Beginn von G8 für eine Unterrichtsgangsbewilligung nachweisen musste, dass das Reihenziel ohne den Museumsbesuch unerreichbar sein würde, war ich echt bedient.

    Auch die Lehrerzimmergespräche über Schüler waren in einem geringschätzenden Ton gehalten. Die Schüler erschienen so gar nicht als Menschen, sondern nur als Leistungsträger.

    Mit meiner Fächerkombination wäre ich zwar nie auf die Idee gekommen, mich freiwillig an einer Gesamtschule zu bewerben, aber es kam dann doch so. Und ich war gleich zu Beginn so angenehm überrascht über die wertschätzende Haltung den Schülern gegenüber. Auch die Kooperationsbereitschaft der KollegInnen war viel höher, das Klima an der Schule so viel positiver, auch unter den SuS. Das mag ich jetzt nicht mehr eintauschen. Es macht das Arbeiten so viel angenehmer.

    (Und: Niemand hindert mich an Unterrichtsgängen (außer Corona). Im Gegenteil: Es wird gerne gesehen, wenn man mit den Klassen öfter mal das Schulhaus verlässt, der Organisationsaufwand honoriert. :))

    Dödudeldö ist das 2. Futur bei Sonnenaufgang.

  • Auch die Lehrerzimmergespräche über Schüler waren in einem geringschätzenden Ton gehalten. Die Schüler erschienen so gar nicht als Menschen, sondern nur als Leistungsträger.

    Das habe ich aber beides auch schon so erlebt an ein und derselben Schulform.

  • Das trifft für mein Gymnasium nicht zu. Ich hatte gerade heute ein langes Gespräch mit einer Kollegin über schwache Schüler in einer 6. Klasse. Wir beide schätzen die Schüler wert, unabhängig von ihrer Leistung (und das war deutlich zu spüren). Aber wir sind beide erfahren und wissen, welche Schüler nach Klasse 8 vermutlich noch da sein werden und welche nach 10. (Ich habe mich in all den Jahren nur einmal verschätzt, ein Schüler hatte nach zweimal wiedeholen in der Mittelstufe mit Ach und Krach doch das Abitur geschafft. Vielleicht wäre eine Lehre nach 10 trotzdem besser gewesen? Sonst bin ich immer wieder überrascht, wie gut man das bereits in Klasse 6 vorhersagen kann.)


    Es wäre für einige auch aus psychologischer Sicht besser, rechtzeitig auf die Realschule zu wechseln, um bessere Noten zu erhalten (und dahin geht die Beratung). Aber wenn die Eltern nicht wollen, bleiben sie und wir kümmern uns um sie. (Und bei einer sehr schwachen Schülerin waren wir beide heute bewundernd der Meinung, sie beißt sich durch und wird vielleicht Klasse 10 erreichen. Frustrationstoleranz ist (meistens) wichtiger als Intelligenz). Eine weitere haben wir beide bewundert, wie gut sie trotz schlechter Voraussetzungen aus dem Fernunterricht gekommen ist. Die Noten sind da zweitrangig.



    Exkursionen finden viele statt, aber sie sollten rechtzeitig geplant sein (und nicht so kurzfristig wie es oft Referendare tun). Das erzeugt Probleme (und dann wird schon mal nachgefragt). Aber jede Klasse ist bei uns mehrmals pro Jahr unterwegs und auch ich habe meine festen Exkursionen, die ich gleich am Anfang des Jahres anmelde, damit sie nicht mit Arbeits-/Klausurterminen kollidieren.


    (Ich habe 6 Jahre an einer Gesamtschule unterrichtet und war froh, wechseln zu können. Es war mir viel zu viel Gewalt im Spiel. Aber deshalb würde ich nicht über alle Gesamtschulen schlecht reden, es mag an anderen besser laufen.)

    Meine Beiträge werden auf einer winzigen Tastatur eines Tablets mit Autokorrektur geschrieben. Bitte entschuldigt Tippfehler. :mad:

  • Auch an einer Gesamtschule muss man über Leistungen von Schülern sprechen. Und auch hier zeichnet sich meist schon früh ab, wer den Sprung in die Oberstufe schafft und wer besser nach der 10 aufs BK oder in die Ausbildung wechselt. Aber es kommt auch den Ton an. Man kann das auch wertschätzend machen. Diese Kinder versagen nicht. Sie schlagen einfach eine andere Laufbahn ein. Das ist bei uns kein Grund, über sie herzuziehen.


    Wie gesagt: Bei uns ist das Schulklima sehr friedlich. Auch Gewalt unter Schülern kommt selten vor. An dem Gymnasium, an dem ich vorher war, musste ich in jeder Pause Prügeleien beenden. Das muss ich hier nur sehr vereinzelt. Wir legen großen Wert auf einen guten Umgang miteinander.

    Aber ich kenne auch Gesamtschulen, an denen Gewalt ein Problem ist. Wenn eine kritische Masse an gewaltbereiten SuS vorhanden ist, wird man nur noch schwer Herr darüber.

    Dödudeldö ist das 2. Futur bei Sonnenaufgang.

  • Auch die Lehrerzimmergespräche über Schüler waren in einem geringschätzenden Ton gehalten. Die Schüler erschienen so gar nicht als Menschen, sondern nur als Leistungsträger.

    "Leistungsträger"? Wohl eher als Minderleister.

    The penis

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    - frei nach Edward Bulwer-Lytton

  • Es scheint komischerweise auch an Schulen so wie in alle anderen Bereichen des Lebens zu sein. Überall gibt es umgängliche und positive Personen, aber auch negative Ärsche. Die anteilige Zusammensetzung entscheidet über die Gesamtdynamik. Leider wird meistens die erste Gruppe von der zweit verdrängt, sobald die Oberhand gewonnen wurde.

    Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.


    Albert Einstein

  • Dann bliebe aber die Frage, wieso die zweite Gruppe die Oberhand gewinnen konnte. Ausgehend davon, dass die allermeisten Lehrkräfte als JunglehrerInnen dynamisch, engagiert, in der Regel auch "nett" waren, scheint das System Schule diese Leute dann irgendwann zu korrumpieren.

  • Es kommt dann immer auf die Rahmenbedingungen an. Man kann es hier ganz gut mit der Evolution vergleichen. Wenn die Rahmenbedingungen einen evolutionären Druck auf eine Spezies auswirkt, so wird diese Spezies sich den Rahmenbedingungen anpassen oder aussterben. Gleiches passiert an Schule, Unternehmen und sonstigen Zusammenkünften von Menschen. Die Rahmenbedingungen führen zu einer Anpassung oder eben dazu, dass die Personen die sich nicht anpassen wollen einfach gehen. Ein Übergewicht einer Fraktion aber auch die Schulleitung trägt zu den Rahmenbedingungen bei. Natürlich hat auch die kommunale, Landes- und Bundespolitik einen Einfluss.

    Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.


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  • Ausgehend davon, dass die allermeisten Lehrkräfte als JunglehrerInnen dynamisch, engagiert, in der Regel auch "nett" waren

    Das mag sein - vernachlässigt aber, dass manche nie jung waren.

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  • Dann bliebe aber die Frage, wieso die zweite Gruppe die Oberhand gewinnen konnte. Ausgehend davon, dass die allermeisten Lehrkräfte als JunglehrerInnen dynamisch, engagiert, in der Regel auch "nett" waren, scheint das System Schule diese Leute dann irgendwann zu korrumpieren.


    Ich konnte bisher kein Altersgefälle von "Jung, Nett" zu "Alt, A***" feststellen. Und es liegt m.E. auch nicht daran, dass die zweite Gruppe personell stärker aufgestellt wäre, im Gegenteil. Ich sehe das eher als faszinierendes gruppendynamisches Phänomen, dass sehr wenige Personen mit schlechter Laune und "Gemecker" ein so starkes Gewicht gegenüber allen anderen erhalten können. Das kann man wunderbar auf z.B. Gesamtkonferenzen, aber auch in Klassen beobachten.

  • Der schwarze Punkt auf der weißen Wand fällt eben auf. Und man übersieht, dass die Wand ansonsten weiß ist.
    Die Zufriedenen begehren einerseits nicht auf (die Schüchternen oder Zurückhaltenden in der Regel auch nicht) und sie preisen, loben, freuen sich ihres Lebens auch nicht so lautstark wie die Unzufriedenen.

    An meiner alten Schule waren mehrere Leute, darunter auch "laute" KollegInnen unzufrieden. Das Gros des Kollegiums waren aber A13-ProbezeitlerInnen, A14-AspirantInnen und viele Mäuschen, die den Mund nicht aufgemacht haben. Und doch haben sich Letztere durchgesetzt, was sich auch bei der Lehrerratswahl gezeigt hat und ein weiterer größerer Mosaikstein für meine Entscheidung war, zumindest temporär einmal etwas anderes zu machen.

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