Umgang mit (Abi-)Pflichtlektüren (Anlass: Deutsch-Abitur NRW, aber egal)

  • Liebe Deutsch-/Sprachkolleg*innen,
    Bin ich zu zart besaitet, zu unreif, zu empfindlich, zu wasweißich, oder habt ihr auch bei einigen Lektüren Bauchschmerzen?
    Ich lese gerade Heimsuchung von Erpenbeck und, außer dass es vom Lesen auch kein Vergnügen ist, ich die Auswahl total unmöglich finde (Auf Lehrerfortbildungen wird gesagt, wir sollen den SuS sagen, dass sie durchhalten sollen, die ersten 90 Seiten würde man nichts verstehen, aber danach sei es besser ---- WARUM wird sowas ausgesucht?!), ... mehrere Vergewaltigungsszenen im Roman? immer wieder eingestreut?
    Beim zerbrochnen Krug, okay, Klassiker, mehrdeutig, und quasi am Rande. (und trotzdem muss es nicht sein)
    Aber hier? Selbst mir wird das zuviel, ich kann es aber nicht komplett unthematisiert lassen.

    PS: und dann wissen, dass 70% (haha, wie naiv von mir) das Buch nie lesen werden und selbst die Abiturient*innen von Anfang an das Buch in ihrer Vorbereitung ausschließen werden ... #unterrichtsvorbereitungfürdiemülltonne.

  • Das Lesen von Literatur, ob nun in Deutsch oder in den Fremdsprachen, überfordert viele SuS'. Das liegt unter anderem daran, dass sie, seitdem sie Handys haben, keine längeren Texte mehr lesen können und wollen. Texte werden auch nicht mehr geistig durchdrungen, da dies geistige Anstrengung erfordert. Dazu sind viele SuS' weder in der Lage noch Willens.

    Auch die Schriftsprache leidet seit geraumer Zeit, was daran liegt, dass 90% der schriftlichen Kommunikation über social media erfolgt und sich damit oft von Grammatik, Syntax und Orthographie verabschiedet wird. In Klausuren gibt es wahlweise Kettensätze ohne Punkt und Komma, oder elliptische Sätze, bei denen man vergeblich nach deren Sinn sucht.

    Die Auswahl der konkreten Titel - das gab es vor mehreren Jahren auch in den Fremdsprachen - gibt manchmal Rätsel auf und ist zum Verzweifeln. Gleichwohl empfand ich einige Titel aus dem Abitur 2025 durchaus interessant. Ich habe mir die modernen Lektüren aus dem GK und dem LK Deutsch anschließend mit nach Hause genommen und gelesen.

    Ich muss aber gestehen, dass ich als 17/18jähriger mit vielen Werken auch nicht sonderlich viel anfangen konnte. Wir haben damals im Englisch LK "Wuthering Heights" gelesen. Das war die Höchststrafe. Mit "Cal" und "Death of a Salesman" konnte ich hingegen mehr anfangen.

    Vor dem Hintergrund der Entwicklung der Lesekultur empfinde ich das Streichen von Shakespeare aus dem Englisch-Curriculum (jaja, einige sagen, man kann das immer noch einbauen, aber dann eben nur am Rande...) im Nachhinein als nicht mehr so dramatisch. Die SuS' können damit mehrheitlich ohnehin nichts mehr anfangen.

    Gruß
    #TheRealBolzbold

    Ceterum censeo factionem AfD non esse eligendam.

  • Bei mir gab es selbst damals in den 90s im Englisch-LK keinen Shakespeare - zum Glück, wie ich finde. Wobei ich The great Gatsby und To kill a mockingbird auch langweilig fand.

  • Bolzbold : Wer keine Lust auf anspuchsvollere Literatur in der Sekundarstufe II hat - und das ist eine Position, die völlig legitim ist - soll nach der Sekundarstufe I abgehen und eine Ausbildung aufnehmen. Gerade im technischen Bereich oder in der Pflege gibt es da genug Optionen. Es bringt weniger uns noch den Schülern (m/w/d) etwas, wenn sie sich durch die Sekundarstufe II quälen, nur weil sie sich aufgrund inzwischen völlig überholter Mutmaßungen einreden, sie könnten nur mit Abitur etwas im Leben erreichen.

    Gleichzeitig sehe ich irgendwo auch nicht ein, dass die Klassiker aus der Sekundarstufe II verschwinden sollen. Sie gehören zu höherer Bildung dazu, egal ob in Deutsch oder in den modernen Fremdsprachen.

  • egal ob in Deutsch oder in den modernen Fremdsprachen

    Oder in den 'alten' Fremdsprachen. Ich bereue manchmal, kein Gymnasium besucht zu haben, an dem ich mich schulisch intensiver mit Homer und Platon hätte auseinandersetzen können. Kein Griechisch zu beherrschen, wie bei mir leider der Fall, ist eine eklatante Bildungslücke. Und im Gegensatz zu modernen Fremdsprachen holt man das auch eher selten im späteren Leben nach, so mein Eindruck (und meine persönliche Erfahrung).

  • Es ist ein Forum und es entwickelt sich in die Richtung, die Mitschreiber*innen bestimmen, aber mir ging es nicht um den Untergang des Abendlandes, weil man Shakespeare oder Goethe nicht mehr lesen würde (eine Kollegin von mir liest sehr wohl Shakespeare, wenn ich mich nicht täusche, also freiwillig zusätzlich?), ich würde mich auch freuen, wenn in Deutsch die Auswahl ein bisschen klassischer / typischer wäre, aber mein Problem ist gerade, dass ich keine Lust habe, Vergewaltigungsszenen im Deutschunterricht literarisch zu analysieren.
    Egal, wie wichtig es ist, auch über sowas (Sex als Kriegswaffe, sexuelle Gewalt, aber vielleicht auch Sex in Beziehungen...) zu reden, weder fühle ich mich dafür qualifiziert, noch halte ich es angemessen. Es ist eine totale Überrumpelung der Schüler*innen...

  • So habe ich deinen Beitrag auch verstanden. Da ich mit meinen Fächern nicht betroffen bin, hatte ich nicht geantwortet.

    Mein erster Gedanke war aber, dass ich da voll auf deiner Seite stehe. Solche Themen nicht zu tabuisieren ist wichtig, weil es leider viel zu viele betrifft. Gerade deswegen ist aber auch die Gefahr da, dass in der Klasse Schüler oder Deutschlehrer sind, die selbst betroffen waren und entsprechende Literatur im Unterricht nicht oder nur schlecht verkraften. Und es ist ein Thema, bei dem wir uns sofort besser qualifizierte Unterstützung holen, wenn wir bei Schülern von aktuellen Problemen etwas mitbekommen.

    LG DFU

  • Ich sehe das komplett anders: in einem Land, in dem jede dritte Frau sexualisierte Gewalt erfahren hat und die Plätze in Frauenhäusern überbelegt sind, ist Vergewaltigung ein Thema, das behandelt werden muss.

    Mein LK hat im Frühjahr Heimsuchung gelesen und fand das Buch zwar kompliziert und konstruiert, die Gewaltszenen haben aber alle bewegt.

    Vor ein paar Jahren hatte ich eine Schülerin, die mir kurz vor dem Abitur mitteilte, dass ihr erst durch eine Lektüre vor Augen geführt wurde, dass das, was ihr Opa mit ihr gemacht hat, nicht normal war. Sie hatte die Kraft gefunden, mit ihren Eltern zu sprechen.

    Insofern finde ich es wichtig, dass auch die Abgründe thematisiert werden.

  • Ich sehe das komplett anders: in einem Land, in dem jede dritte Frau sexualisierte Gewalt erfahren hat und die Plätze in Frauenhäusern überbelegt sind, ist Vergewaltigung ein Thema, das behandelt werden muss.

    Sexuelle Belästigung, Sexueller Missbrauch, Vergewaltigung sind wichtige Themen, aber ich würde dafür plädieren, dass sie in der Hand von besonderen Projekten und damit bei dafür geschulten Fachkräften.
    Ich unterrichte Literatur.
    Ich finde dieses Werk an sich eh total schwer und anstrengend, rege mich darüber hinaus über die starke Präsenz von Geschichte auf (das nicht zu meinen Fächern gehört, aber gut), fühle mich aber NICHT in der Lage, diese Szenen angemessen zu behandeln. Ich werde es wohl müssen aber das Gefühl, nicht richtig zu unterrichten, finde ich mies.

    Kann übrigens sein, dass ich auch noch mehr Probleme projiziere, weil in meinem letzten Deutschkurs ein Schüler saß, der beim zerbrochnen Krug der Meinung war, Eve sei eine Schlampe, weil sie (ich zitiere weiterhin) die Beine breit gemacht habe und also selber schuld. Da führe ich "gerne" die heftige Diskussion dazu, was ihm einfalle (und der Rest des Kurses war auch mit dabei), bei dem Roman habe ich Bauchschmerzen und wenn es die Intention des Ministeriums /Auswahlkommission ist, mähhh, gebt uns Gelder, Personal und Zeit für Projekte zu solchen Themen. Bringt deutlich mehr als in einer Pflichtlektüre.
    Wie soll man sich als Lehrkraft darauf vorbereiten? Ist keine rhetorische Frage, ich fühle mich nicht wohl dabei und habe nicht das Gefühl, ich könnte es "genauso" unterrichten, als würde ich über den Kauf des Hauses des jüdischen Nachbars sprechen.

  • Ich werde den Krug zuerst behandeln, dann steht das Thema schon mal im Raum.

    Bei der Vergewaltigung durch den Soldaten würde ich gerne Kriegsgewalt thematisieren, mit Daten, Zahlen, zunächst die Besatzungszeit in Deutschland, danach moderne Kriege. Da greife ich auf Münklers Definition von neuen Kriegen zurück. Also sexuelle Gewalt, um den männlichen Gegner zu treffen.

    Die Vergewaltigung des Mädchens kann man anders behandeln: die zwei Beteiligten sind ja insofern wichtig, als dass der Junge als Zeuge davon für sein Leben traumatisiert wird. Der Kinderfreund wird beziehungsunfähig, klebt in der Vergangenheit. Vielleicht legst du den Fokus auf ihn, dann ist die Vergewaltigung nicht im Zentrum. Du könntest über Traumata sprechen und wie man diese loswerden kann.

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