Exkurs: Niveau und Durchschnittsnoten Abitur (aus Pflichtlektüre)

  • OK, in Jahrgangsstufe 12 sollte man "do" und "does" abgrenzen können - vor allem, da ich davon ausgehen muss, dass dieser Fehler seit mindestens der 5., wenn nicht sogar der 3. Klasse gemacht und ebenso lange in schriftlichen Leistungsnachweisen angestrichen wird.

    Ich verstehe, dass Vorgaben innerhalb der Bewertungsrahmen der Sekundarstufe II eine strengere Bewertung von Grammatik kaum möglich machen, aber wenn es Fehler sind, die eigentlich spätestens gegen Ende der Sekundarstufe I hätten ausgemerzt werden müssen, frage ich mich, warum das wiederum nicht passiert ist. In Jahrgangsstufe 5 kann man noch die Unterschiede zwischen "do" und "does" klären, aber in der Jahrgangsstufe 12 ist dafür keine Zeit mehr, erst Recht nicht im Leistungskurs. Davon mal abgesehen, dass es ja auch auf einen als Lehrkraft zurückfällt: "Bei diesen Sprachkenntnissen hast du ihm/ihr 11 Punkte gegeben?". Das sind dann vielleicht Schüler (m/w/d), die ein paar Jahre später mit internationalen Kunden (m/w/d) zu tun haben - und sich dann noch mit ihren guten Sprachkenntnissen brüsten.

  • Das ist doch ein fächerübergreifendes Problem: wenn ein Schüler in Mathematik Äquivalenzumformungen absolut nicht kann, wären das früher in jeder Aufgabe konsequent 0-1 Punkte gewesen. Heute gibt es den CAS und "wenn mehr als 75% der Aufgabe richtig gelöst sind, sind alle Punkte gemäß EWH zu vergeben"-Vorgaben. Ich würde darauf wetten, dass die Hälfte der SuS einer Sek I Klasse, die z.B. das Thema Bismarck und die Reichsgründung gerade behandelt hat, eine Abiturklausur zum Thema Dank Erwartungshorizont bestehen könnte, wenn man sich vorher ein-zwei Stunden zum Thema "was gehört in eine Analyse" genommen hätte. Zum Zentralabitur in Biologie gibt es dazu sogar eine Studie, wo alles von "sehr gut" bis "mangelhaft" dabei war.

    Erwartungshorizonte nehmen dir die Freiheit zu sagen: das ist einfach so schlecht, das ist nicht besser als mangelhaft. "Thema verfehlt" ist noch so ein Ding was du mit EWH in keinem Fach mehr abgebildet bekommst.

    Was ich in den Sprachen (auch in Deutsch) sinnvoll fände, wäre eine Vetowirkung der sprachlichen Leistung. Sprachlich mangelhaft kann insgesamt nicht besser sein als ausreichend, egal wie gut das Inhalttuch ist. Der sprachliche Fokus steckt doch schon im Namen der Fächergruppe...

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

    Einmal editiert, zuletzt von Valerianus (2. August 2026 07:54)

  • Spannend, was ihr so schreibt. Kenne ich alles nicht. Bei uns gibt es regelmäßig auch 0 oder 1 Punkt. Dank Zweit- und Drittkorrektur kriege ich dies auch bei anderen Schulen mit. Bei uns werden die Abiturklausuren anonym im RP verteilt, das hat auch Auswirkungen auf die vorherigen Klausuren. Bei zu großen Abweichungen wird nachgefragt.

    Meine Beiträge werden auf einer winzigen Tastatur eines Smartphones mit Autokorrektur geschrieben. Bitte entschuldigt Tippfehler. :mad:

  • So ähnlich geht's mir in Physik. Die Themen sind immer die gleichen, aber es entstehen immer wieder neue Schwerpunkte. Mal mehr Mathematik, mal mehr Philosophie, mal mehr Technik, ...

    "Toll" finde ich auch den scheinbar neuen Trend, dass in Abiklausuren wissenschaftliche Kurzartikel, Forums-/ Blogartikel/ Artikel aus Lexika umfassen und man dann aus diesen Artikeln selbst einen Forumsbeitrag schreiben soll (z.B. Gegenargumentation zu einem der abgedruckten Artikel o.ä).

    Und in Physik muss ich - wie in all meinen Fächern - immer so durch den Stoff hetzen, sodass für interessante Exkurse/ Vertiefungen nicht unendlich viel Zeit bleibt (außer wenn man niemanden hat, der Physik im Abi hat)

  • Das ist doch ein fächerübergreifendes Problem: wenn ein Schüler in Mathematik Äquivalenzumformungen absolut nicht kann, wären das früher in jeder Aufgabe konsequent 0-1 Punkte gewesen. Heute gibt es den CAS und "wenn mehr als 75% der Aufgabe richtig gelöst sind, sind alle Punkte gemäß EWH zu vergeben"-Vorgaben.

    Und ob die Schüler:innen dann verstehen, was hinter den CAS Befehlen steckt (also welche Umformungen gemacht werden), ist zumindest teils fragtlich.

    Da wir aber bei CAS sind: Ich sage meinen Schüler:innen ab der EF (oder Q1 je nachdem) immer wieder: Legt euch ein Lexikon an, in dem alle CAS Befehle stehen. Einige machen es, andere nicht und dann kommt die ZK oder das Abi und es wird dann verlangt, dass ich noch mal alle CAS Befehle notiere. Nö! Was hab ich euch zu Beginn der EF/ Q1 gesagt? War genau deshalb.

    Und im Teil 1, dem hilfsmittelfreien Teil können dann sowohl im GK als auch im LK leichte Bruchrechenaufgaben nicht gelöst werden. Wann macht man noch mal gleichnamig? Wie addiert / subtrahiert/ multipliziert/ dividiert man noch mal Brüche? Und was ist 0,75 als Bruch und wie multiplizert man 2 Dezilamzahlen miteinander (oder eine Dezimalzahl mit einer natürlichen Zahl)? Und wenn da steht: 2x = 5 kann man ja mal eben - 2x rechnen. Äh ne!

  • Wenn wir vom bundesweit anerkannten Abitur und seinem Niveau sprechen, möchte ich darauf hinweisen, dass die 45%-Hürde für ein "glatt ausreichend" eine Vorgabe der KMK ist.

    Die IQB-Poolaufgaben müssen darüber hinaus so allgemein und möglichst wenig inhaltlich spezifisch sein, damit sie an jedem Gymnasium und jeder Gesamtschule in dieser Republik einsetzbar sind. Für die landesinternen Aufgaben wäre inhaltlich, wenn denn der politische Will vorhanden wäre, mehr Substanz einforderbar. Aber die dürfen dann natürlich vom Level her nicht von den Pool-Aufgaben abweichen.

    Wir haben die Verbreitung kognitiver Faulheit und Bequemlichkeit in Verbindung mit der technischen Verfügbarkeit von Hilfsmitteln. Ich habe zahlreiche SchülerInnen dabei beobachtet, wie sie die einzelnen Teilpunkte in Klausuren mit dem Handy addiert haben. Einfache Rechenaufgaben können sie weder im Kopf noch überschlagen, was das Ergebnis ist. Von Prozentrechnung oder Dreisatzaufgaben mag ich gar nicht sprechen.

    Die KI entbindet die SchülerInnen aus deren eigener Wahrnehmung vom selbstständigen Recherchieren, Lesen und - das ist das Schlimmste - eigenständigen Denken. Historische Urteile kommen mundgerecht über die KI. Keine kritische Überprüfung, keine Rückfrage, einfach stummes Übernehmen.

    Die Technikhörigkeit der heutigen SchülerInnengeneration bereitet mir große Sorgen. Menschen, die nicht eigenständig denken und hinterfragen (können und wollen), sind darüber hinaus anfällig für Populismus und totalitäre Ideologien. Der Siegeszug der Rechten innerhalb der nächsten 15 Jahre ist für mich damit keine Dystopie sondern fast schon unabwendbar und die Folge einer langen Entwicklung, der wir nicht tatenlos zugesehen haben, aber auf die wir als Lehrkräfte viel zu wenig Einfluss nehmen konnten. Von den wirtschaftlichen Folgen für Deutschland möchte ich gar nicht anfangen.

    Gruß
    #TheRealBolzbold

    Ceterum censeo factionem AfD non esse eligendam.

  • "Toll" finde ich auch den scheinbar neuen Trend, dass in Abiklausuren wissenschaftliche Kurzartikel, Forums-/ Blogartikel/ Artikel aus Lexika umfassen und man dann aus diesen Artikeln selbst einen Forumsbeitrag schreiben soll (z.B. Gegenargumentation zu einem der abgedruckten Artikel o.ä).

    Da haben sich in meinem letzten LK auch einige die Zähne ausgebissen. Wir waren uns aber einig, wie da der Erwartungshorizont auszulegen ist ...

    Und in Physik muss ich - wie in all meinen Fächern - immer so durch den Stoff hetzen, sodass für interessante Exkurse/ Vertiefungen nicht unendlich viel Zeit bleibt (außer wenn man niemanden hat, der Physik im Abi hat)

    Im Grundkurs stimmt das, im Leistungskurs komme ich meist sehr gut hin.

  • SwinginPhone Wir haben leider in Physik nur GK's und keinen LK. Aber für meine beiden anderen Fächern komm ich im LK auch immer gut hin.

    Und der EWH ist ja zum Glück auch durch den Zusatz, dass das Formulierte nur eine Beispielformulierung sei und andere Formulierungen zugelassen sind, auch gut auslegbar (wobei ich da bisher persönlich bisher keine Erfahrungen mit gemacht habe).

    I.g. ist zumindest im GK der Mathematisierungsgrad geringer und des müssen mehr Begründungen / Beobachtungen/ Erklärungen etc geschrieben werden (was den Schüler:innen schwer genug fällt).

  • Der Siegeszug der Rechten innerhalb der nächsten 15 Jahre ist für mich damit keine Dystopie sondern fast schon unabwendbar und die Folge einer langen Entwicklung, der wir nicht tatenlos zugesehen haben, aber auf die wir als Lehrkräfte viel zu wenig Einfluss nehmen konnten. Von den wirtschaftlichen Folgen für Deutschland möchte ich gar nicht anfangen.

    Das hätte ich aber auch ohne KI so vorhergesagt.

    Der Blick in die USA zeigt unsere Zukunft. Und die Deutschen denken immer noch sie wären schlauer als die "dummen Amis". Das ist pure Überheblichkeit.

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