Plötzlich Panik :(

  • Liebe Forumsmitglieder*innen,


    ich habe mich als Kunstlehrerin für den Seiteneinstieg ins Lehramt beworben und habe nun ein Vorstellungsgespräch an einer Oberschule (ca. 300 Schüler*innen) im ländlichen Raum (ca. 32.000 Einwohner). Im Netz habe ich etwas zu der Schule recherchiert und sagen wir mal so, sie hat anscheinend nicht den besten Ruf.


    Auch plagen mich seit einiger Zeit Bauchschmerzen bei dem Gedanken, diesen Weg einzuschlagen. Dabei arbeite ich seit vielen Jahren mit viel Freude als Kunstpädagogin, Stunden zu entwerfen, vor Gruppen zu sprechen, all das fällt mir sehr leicht, auch habe ich Erfahrung in der universitären Lehre. Ich liebe mein Fach und habe große Freude daran, es spannend zu vermitteln.


    Meine Angst rührt daher, dass ich mir immer mehr Horrorvorstellungen ausmale, wie die Schüler*innen sein könnten :(


    Auf YouTube finde ich Videos, in denen Lehrer heimlich gefilmt wurden, ich lese erschreckende Erfahrungsberichte im Netz, Hilferufe von Lehrer*innen und respektlosen SuS.


    So zweifle ich jeden Tag mehr und mehr an meinem neuen Berufswunsch. Ich bin jemand, der gerne Wissen vermittelt und Anerkennung für seine Arbeit braucht - nur bin ich mir nicht sicher, ob ich sie als Lehrerin bekommen würde.


    Bekomme ich grade nur kalte Füße oder versucht mir mein Bauchgefühl etwas zu sagen, weil es schlauer ist als mein Kopf?


    Eure Arne

  • Hey, entspann dich erst mal, sonst gibst du im Vorstellungsgespräch ein ganz schlechtes Bild ab. Natürlich passt du gut auf, was die dir so erzählen, lässt dir die Schule zeigen - selbst wenn wenig Schüler da sind, sagt das eine Menge, legst dir ein paar Fragen zurecht und schaust dann mal. Es ist noch nichts entschieden.


    Ich glaube, dieses Kopf-Bauch-Thema ist ganz wichtig bei solchen Entscheidungen. Andererseits ist das, was du da machst, so wie Krankheiten googlen. Soll man nicht, macht einen nur verrückt.


    Was natürlich schon richtig ist: Stehende Ovationen für deinen Unterricht darfst du nicht erwarten, damit musst du leben. Und die Schüler kann man sich auch nicht aussuchen. Da ist halt mehr gefragt als Fachkompetenz und Reden vor Leuten.


    Lass es mal auf dich zukommen.

  • Ans Krankheitengoogeln dachte ich auch^^

    Du wirst wohl erst wissen, wie Unterrichten ist, wenn du es machst. Nimm nichts persönlich, vergiss deinen Humor nicht und halte dich an die Regeln des Klassenlehrers. Mit Kollegen reden ist sowieso das beste. Versuch macht kluch :top:

  • lässt dir die Schule zeigen - selbst wenn wenig Schüler da sind, sagt das eine Menge, legst dir ein paar Fragen zurecht und schaust dann mal.

    Danke schön für Eure Tipps und Hinweise! Piksieben was genau meinst du denn damit, "das sagt eine Menge aus", selbst wenn wenig Schüler da sind? Worauf achte ich denn da?


    Ja, ich habe es geschafft mich ziemlich verrückt zu machen :(

  • Ich schreibe hier nur wegen meiner Signatur. ;)


    Alles Gute, arne_m

    Man sollte darauf achten, seinen Kindern den richtigen Glauben zu vermitteln. ... Den an sich selbst.
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    "Angst ist ein unfähiger Lehrer." Jean-Luc Picard

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    "Urteile nie über einen Moderator dieses Forums, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist." (frei nach Firelilly)

  • Tja, worauf achtet man da, wenn man Atmosphäre erschnuppern will? Es ist ähnlich wie in einer Wohnung, die sehr viel über die Bewohner aussagt. Wie sind die Tische gestellt? Was hängt an den Wänden? Was steht auf den Tafeln, hängt in Schaukästen? Gibt es Blumen und/oder anderes, was die Schule freundlicher, einladender macht? Würdest du da gern zur Schule gehen?


    Aktuell natürlich besonders: Werden die Hygieneregeln eingehalten? Wird dir vom Hygienekonzept berichtet, wirkt das vernünftig oder eher sorglos? Sind die Räume gut ausgeschildert?


    Wie sieht die Homepage aus? Da wird natürlich immer gern schöngeredet, aber guck doch mal nach Projekten, von denen da berichtet wird, daraus ergeben sich vielleicht Gesprächsanlässe. Und dann gucken, wie offen dir da geantwortet wird und ob auch offene "Baustellen" angesprochen werden.


    Wenn du nach dem Besuch nicht beruhigt bist und denkst, ok, das kann ich mir vorstellen, dann Finger weg, Bauchgefühl geht vor. Würde ich sagen.

  • Ich bin jemand, der gerne Wissen vermittelt und Anerkennung für seine Arbeit braucht - nur bin ich mir nicht sicher, ob ich sie als Lehrerin bekommen würde.

    Anerkennung ist in unserem Beruf eher nicht der Fall. Man wird nicht als Akademiker gesehen und Eltern setzen Vieles voraus. Am ehesten noch von den Kindern, und dann auch eher indirekt.


    :(


    Auf YouTube finde ich Videos, in denen Lehrer heimlich gefilmt wurden, ich lese erschreckende Erfahrungsberichte im Netz, Hilferufe von Lehrer*innen und respektlosen SuS.


    Meine Erfahrung (Gymnasium, SLH) sagt, dass 99% der Schüler wirklich in Ordnung sind. Vor respektlosem Verhalten braucht man sich nicht Sorgen. Undiszipliniert manchmal ja, aber respektlos ist zumindest mir noch so gut wie gar nicht untergekommen.


    Problematisch an unserem Beruf sehe ich eher, dass man Leibeigener der Schulleitung ist. Es gibt außerdem keine (echte) Lehrergewerkschaft.

    Dementsprechend kann es, wie bei uns, sein, dass man einfach unbezahlte Überstunden machen muss etc.

    Man ist halt von einem einzigen Arbeitgeber abhängig und das spürt man.

    Die Kinder sind also wirklich die geringsten Probleme!

    Übereifrige Kollegen, übergriffige (im Sinne von Fremdbestimmung, wie und was man zutun hat) Schulleitungen, schlechte Arbeitsbedingungen (unbezahlte Überstunden, kein Weihnachtsgeld, tausend andere Dinge), davor solltest du Angst haben.

  • Bis Klassen sich so verhalten wie in den einschlägigen Youtubeszenen bedarf es übrigens auch einer Vorgeschichte. Also ja, sowas gibt's, aber selbst WENN dir ein völlig disziplinloser Haufen gegenüberstehen SOLLTE, bewerfen sie dich nicht beim ersten Betreten des Zimmers mit faulen Eiern. Wahrscheinlich ist es, dass in Klasse 7-9 Kunst nicht auf der Prioritätenliste steht, aber das tut Schule sowieso nicht. Wenn du etwas mitbringst, was ihnen machbar aber nicht kindisch erscheint und wie selbstverständlich davon ausgehst, dass erledigt wird was du mitbringst, kann es durchaus einen guten Einstieg geben. Lass es auf einen Versuch ankommen, Handtuchwerfen kannst du immer noch :top:

  • Ich hatte mir damals für mein erstes Praktikum bewusst eine (Grund) Schule im Dortmunder Brennpunkt ausgesucht und bin dann sogar mit auf eine Klassenfahrt gefahren. Da ging einiges ab, aber ich habe später mit tränenden Augen die Schule verlassen und direkt meine Mutter angerufen (da durfte man das noch während der Fahrt :S) und habe ihr berichtet, dass ich das unbedingt machen möchte.

    Irgendwann folgte dann die Sek 1 für mich, da es einfach keine GS Stellen gab. Ich hatte immer gesagt: Bevor ich in die Sek 1 gehe, mache ich wieder meinen Ausbildungsjob. Da hatte ich riesigen Respekt vor (ähnlich wie du es gerade beschreibst) und dachte auch, die machen mich bestimmt fertig. Inzwischen arbeite ich freiwillig mit den ganz armen Fällen, die höchstwahrscheinlich keinen Abschluss schaffen werden. Ich komme sehr gut mit meinen Chaoten aus, was wohl viel an meiner Wertschätzung und meinem Respekt für diese Kids liegt. Natürlich hatte ich auch schon doofe Auseinandersetzungen, war überfordert und habe auch selbst im Nachhinein unprofessionell oder unangebracht reagiert. Besonders am Anfang fehlen einem häufig die Handlungsoptionen.

    Was ich dir damit sagen möchte: Man wächst mit seinen Aufgaben! Wenn du gerne unterrichtest und gerne mit Jugendlichen arbeiten möchtest, dann tu es!

    Einen Tipp möchte ich dir gerne ans Herz legen: Versuch besonders bei schwierigeren Schülern immer etwas Positives zu finden und mit ihnen ein Gespräch zu starten, zeig Interesse. Viele von denen kennen nur Kritik, Maßregelung und Versagen. Das quittieren sie mit Ablehnung. Auch wenn es kitschig klingt, die meisten möchten nur ein bisschen Zuwendung.

  • Meine Erfahrung (Gymnasium, SLH) sagt, dass 99% der Schüler wirklich in Ordnung sind.

    Ich glaube, dass das besonders an dem Zusatz in den Klammern liegt.


    Ich bin auch an einem Gym in SH, aber war vorher an einer Schule mit einem sehr heftigen Großstadtklientel und ganz ehrlich, wäre ich dann nicht an so ein liebes Dorfgymnasium gewechselt, hätte ich den Job definitiv an den Nagel gehangen.


    Wenn du ein problematisches Klientel hast, bist du einfach sehr mit Disziplinierung, Regeldurchsetzung und Einzelgesprächen zu Gange... und dabei, dich selbst in dieser Situation zu reflektieren und klare Kante zu fahren, denn sonst wird es echt gar nichts. Das nimmt dann schon gefühlt 70% der Tätigkeit ein, Unterricht läuft an solchen Schulen nur noch ,,nebenbei‘‘. Muss man echt wollen. Ich konnte da zwar mit den SuS klarkommen, aber wollte es nicht wirklich. Also Augen auf bei der Schulwahl...


    Basiert natürlich alles nur auf meiner bescheidenen Erfahrung, aber vllt. Gibt‘s Leute, die das ähnlich kennen.

  • Niemals Videos wie "schüler machen lehrer fertig" googeln. Sowas gibt es natürlich, aber das passiert selten bis nie völlig grundlos. Am Anfang zeigen sich idR selbst üble chaoten erstmal "offen" und checken ab, was das denn für jemand neues ist. Und dann gilt: Wie es in den Wald hineinruft...

    Ich hatte auch schon Chaotenklassen, die manchen kuk übel mitgespielt haben. Wenn man dann aber mal genauer hinschaut, qwie die jeweiligen kuk mit schülern umgehen, wundert das dann aber auch nicht wirklich. Erwarte keine Ovationen und Vorbildlichkeit von den Schülern, aber erwarte auch nicht, dass sie dich mit Eiern beschmeißen. Schlechtes benehmen begegnet einem als Lehrer immer wieder, aber es ist dein Job, damit umzugehen und das kann man lernen. Also nicht verrückt machen lassen, der beruf ist meiner Meinung nach der tollste überhaupt (was die Arbeit mit Schülern betrifft) und gerade die Arbeit mit den "Chaoten" macht riesen Spass, wenn man es schafft, dass es läuft :wink2: Wenn jemand über den Beruf schimpft dann häufig nicht wegen der Schüler, sondern weil andere Faktoren bescheiden sind wie zB die SL, das Kollegium, sonstige Rahmenbedingungen...

  • ...Sowas gibt es natürlich, aber das passiert selten bis nie völlig grundlos.

    Das kann ich nicht unterschreiben, gerade liebe Kollegen, die sich eine irre Mühe geben können scheitern, da geht's eigentlich nie darum, dass sie irgendwie unfair mit den Jugendlichen umgehen. Aber man kann es schon lernen, einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Man muss es aber auch wollen. Wenn einem das nicht liegt, weil das Dompteurspielen anstrengend ist, oder weil die Erwartung da ist, dass Bereitschaft der Kids da sein muss, sich auf ein Fach einzulassen, dann finde ich das durchaus nachvollziehbar. Es ist aber halt ein Beziehungsjob an der Oberschule, zwischen Lehrer/Schüler und auch als Chef, der das Sozialsystem "Klasse" im Auge haben muss.

  • Das kann ich nicht unterschreiben, gerade liebe Kollegen, die sich eine irre Mühe geben können scheitern, da geht's eigentlich nie darum, dass sie irgendwie unfair mit den Jugendlichen umgehen. Aber man kann es schon lernen, einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Man muss es aber auch wollen. Wenn einem das nicht liegt, weil das Dompteurspielen anstrengend ist, oder weil die Erwartung da ist, dass Bereitschaft der Kids da sein muss, sich auf ein Fach einzulassen, dann finde ich das durchaus nachvollziehbar. Es ist aber halt ein Beziehungsjob an der Oberschule, zwischen Lehrer/Schüler und auch als Chef, der das Sozialsystem "Klasse" im Auge haben muss.

    Das war in meinem Beitrag auch mitgemeint: Es gibt natürlich auch diese lieben, irrsinnig bemühten kuk, bei denen es aber gerade deshalb nicht läuft. Nicht wegen dem "bemüht", sondern eher wegen "zu lieb" oder "zu idealistisch, sus scheitern an den Erwartungen". Ich bin ein riesen Verfechter von "lieb", aber immer Hand in Hand mit konsequent. Nur lieb ohne das richtige "Standing" geht oft ganz grauenhaft schief, v.a. zum Leidwesen des KuK, der es eigentlich gut meint. Man muss auch auf den Tisch hauen können, aber auch dabei will der richtige Ton getroffen sein. Denn nur auf den Tisch hauen ohne Beziehung und Wohlwollen geht meistens genauso schief wie zu nett und inkonsequent.

  • Problematisch an unserem Beruf sehe ich eher, dass man Leibeigener der Schulleitung ist. (....) übergriffige (im Sinne von Fremdbestimmung, wie und was man zutun hat) Schulleitungen (....).

    Ja, Schulleitungen sind auch dafür da, Weisungen auszusprechen und Kolleginnen und Kollegen darauf hinzuweisen, dass sie im Job nicht alles machen können, wie und was sie wollen. Wenn man das möchte, muss man sich selbständig machen und darf nicht in ein unselbständiges Beschäftigungsverhältnis eintreten. Ein Direktionsrecht des Arbeitsgebers gibt es im Übrigen auch in der hier vielbesungenen freien Wirtschaft.


    Es gibt im Beamtenrecht und gerade in der Tätigkeit als Lehrkraft nun wirklich genug Möglichkeiten, nicht in einem zur Leibeigenschaft ähnlichen Verhältnis arbeiten zu müssen. Dazu gehören u.a. das kleine Wörtchen "Nein", die Bitte um schriftliche Dienstanweisung, die Remonstrationspflicht und die Überlastungsanzeige. Auf der anderen Seite kann man bei berechtigten Dienstanweisungen auch einfach mal seinen Job machen. Möchte man die Bedingungen aktiv mitgestalten, bietet sich zudem der Weg in die Schulleitung oder in die Politik an.

  • Es gibt im Beamtenrecht und gerade in der Tätigkeit als Lehrkraft nun wirklich genug Möglichkeiten, nicht in einem zur Leibeigenschaft ähnlichen Verhältnis arbeiten zu müssen. Dazu gehören u.a. das kleine Wörtchen "Nein", die Bitte um schriftliche Dienstanweisung, die Remonstrationspflicht und die Überlastungsanzeige. Auf der anderen Seite kann man bei berechtigten Dienstanweisungen auch einfach mal seinen Job machen. Möchte man die Bedingungen aktiv mitgestalten, bietet sich zudem der Weg in die Schulleitung oder in die Politik an.

    Ist die Anweisung wegen Corona pro Woche 6 Unterrichtsstunden mehr zu arbeiten, um den Präsenzunterricht von KuK in fremden Lerngruppen zu übernehmen, so eine "berechtigte" Dienstanweisung? Ich finde es hat mehr Charakter von Leibeigenschaft, wenn man dafür keinen Cent sieht.

  • Ist die Anweisung wegen Corona pro Woche 6 Unterrichtsstunden mehr zu arbeiten, um den Präsenzunterricht von KuK in fremden Lerngruppen zu übernehmen, so eine "berechtigte" Dienstanweisung? Ich finde es hat mehr Charakter von Leibeigenschaft, wenn man dafür keinen Cent sieht.

    Meiner Meinung nach ist eine solche Anweisung tatsächlich nicht statthaft. Ein Überschreiten des normalen Deputats um 6 Unterrichtsstunden scheint mir unzulässig zu sein. Mit Leibeigenschaft hat das aber herzlich wenig zu tun. Was man so alles tun kann, um sich dagegen zu wehren, habe ich oben bereits angerissen. Diese Liste ist im Übrigen nicht annähernd vollständig.


    Ich wünsche dir eine gute Kraft dabei, in dieser Situation zu bestehen und deine Rechte durchzusetzen. Auch wenn ich im Allgemeinen sehr dafür werben möchte, jeweils auch die anderen Perspektiven wahrzunehmen, gibt es tatsächlich Grenzen. Und eine gute Schulleitung hat auch einen Blick darauf, was sie Kolleginnen und Kollegen zumuten kann und wo die Grenzen sind und man der Behörde auch mal signalisieren muss, dass bestimmte Dinge mit den aktuellen Ressourcen nicht darstellbar sind.

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