5 Minuten gegen Prüfungsangst

  • Im Newsletter des deutschen Schulportals las ich von einem Konzept, bei dem es am Anfang einer Klassenarbeit kurz erlaubt ist, sich mit einer zuvor festgelegten Person auszutauschen. Ziel: Abbau von Nervosität und Prüfungsangst. Ergebnis: weniger schlechte Noten.

    https://deutsches-schulportal.de/unterricht/fue…ailing_17168479

    Hat jemand damit oder mit einer vergleichbaren Idee Erfahrungen?

    Ich bin auf der einen Seite sehr skeptisch, denn - derzeit - ist es wesentliches Merkmal von Klassenarbeiten, dass sie eine individuelle Leistung messen, mit allen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, andererseits sind einzelne SuS aber so nervös, dass es zu einer Einschränkung der Leistungsfähigkeit kommt.

    Falls jemand Erfahrungen hat, würde mich v.a. interessieren, wie die Person ausgewählt wird, mit der man sich austauscht. Nicht alle sind als Partner/Partnerin gleich gut geeignet bzw. begehrt. Außerdem würde ich gerne wissen, ob die Aufgaben angepasst sind. In jedem Fach gibt es Aufgaben, vor allem in jüngeren Klassen, bei denen man sich in kürzester Zeit nicht nur über das Vorgehen, sondern auch über die Lösung austauschen kann. Und zuletzt: Sind nicht nur die schlechten Noten weniger, sondern auch die guten Noten mehr geworden?

    Danke!

  • Sehe ich ähnlich. Benachteiligt wieder nur die guten, vorbereiteten SuS, welche sich auch noch mit den Fragen der Unsicheren und Unwissenden rumschlagen müssen und abgelenkt werden.

  • Es gibt in Niedersachsen seit Anfang diesen Jahres die Möglichkeit kooperative Aspekte in Klassenarbeiten mit zuzulassen, das führt auch nicht zwingend zu besseren oder unfairen Noten. Das oben beschriebene Vorgehen halte ich aber für sehr unglücklich, weil ein unkontrollierter Austausch über die ganze Klassenarbeit mit einem einzelnen Partner einigen SuS einen massiven Vorteil bietet, anderen überhaupt keinen (abhängig davon, wen ich gerade als Kommunikatiospartner zugewiesen bekomme.).

  • Ich bin tatsächlich erstaunt, dass die Methode bei euch so negativ gesehen wird.

    Ich habe sie bisher - ich glaube - 3x in der 7. Klasse in Englisch und Spanisch angewendet. Mein Spanischkurs ist eher schwach; auch deshalb sind viele der Kinder ziemlich nervös. Von 2en weiß ich, dass sie in Richtung Prüfungsangst tendieren.

    Das Notenbild hat sich zumindest meiner Erfahrung nach nicht wesentlich verändert - weder in die eine noch in die andere Richtung. In den 3-4 Minuten, die zum Austausch gegeben sind, haben die SuS' auch nicht die Zeit, einzelne Lösungen zu besprechen. Und selbst wenn, dann bleibt es auf einzelne Aufgaben bezogen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass während des gemeinsamen Austausches nur geredet aber nichts notiert werden darf. Ich war vorher die Arbeit und die Aufgaben nur per Beamer durchgegangen, sie hatten also die eigentliche Arbeit noch nicht vorliegen.

    Ich hatte auch keine festen Partner zugeordnet, sondern freie Wahl gelassen. Dadurch fiel der mögliche Nachteil der festen Partner weg, allerdings wurde es ziemlich chaotisch, weil alle natürlich sofort anfingen rumzuwuseln. Aber gerade daraus können sie natürlich lernen, sich beim nächsten Mal besser zu organisieren.

    Von den Kindern habe ich positive Rückmeldungen bekommen, gerade was ihre Nervosität betrifft. Ich werde bestimmt noch hier und da mein Vorgehen etwas ändern aber im Großen und Ganzen werde ich die Methode beibehalten, zumindest, wenn ich es in einer bestimmten Lerngruppe für förderlich halte.

  • Hier muss man unterscheiden zwischen Respekt und Angst. Wer einen gewissen Respekt vor einer Prüfung hat, zeigt, dass er oder sie die Prüfung ernst nimmt und bestrebt ist, ein gutes Ergebnis zu erzielen. Das ist erst einmal nichts Schlechtes und hier waren wir sicher alle mal. Angst wiederum kann uns hemmen und uns im Zweifelsfall zu irrationalen Handlungen bewegen. Das ist offensichtlich nicht gut.

    Die "5 Minuten" können in extremen Fällen eine Option darstellen, um Ängste abzubauen, aber ich erkenne den Einwand, dass hierdurch die Individualleistungsmessung beeinträchtigt wird, als berechtigt an. Wenn überhaupt, sehe ich es als eine Übergangsmethode an. Da wir in extremen Fällen von F40.2 sprechen, würde ich da als Lehrkraft nicht eigenständig handeln, sondern den Weg über entsprechend ausgebildete Kinder- und Jugendpsychotherapeuten (m/w/d) empfehlen. Da Prüfungssituationen uns Menschen im Zweifelsfall bis ins hohe Alter begleiten und bisweilen sogar eine höhere Tragweite als eine Klassenarbeit in der Mittelstufe haben können, ist es aus meiner Sicht unausweichlich, dass junge Menschen langfristig lernen, wie sie solchen Situationen möglichst resilient begegnen können.

  • Ich halte davon auch nichts. Wenn man Befindlichkeiten ständig mehr Raum und Aufmerksamkeit einräumt, braucht man sich nicht wundern, dass sie immer mehr zum Thema werden und irgendwann jeder meint, irgendwas zu haben.

  • Ich kann es mir auch nicht vorstellen, da gerade bei Transferaufgaben der Lösungsansatz oft nur aus einer Idee besteht.

    Aber Quittengelee hat recht, ohne eigene Erfahrung, sollte man das System nicht verurteilen.

    Ich selbst gebe oft im Vorfeld die typischen Aufgabentypen bekannt, damit die Schüler weniger aufgeregt in die Prüfung gehen.

    LG DFU

  • Wir können auch eine Gruppenarbeit daraus machen...

    Entropy is a bitch, embrace her.

  • Ich weiß nicht, inwiefern das wirklich die Angst nehmen kann, wenn ich davon ausgehe, dass die meisten Lehrkräfte in der Stunde /in den Stunden davor die Aufgabenformate noch und nöcher üben.
    Allerdings wäre ich bereit, dies bei einer Klassenarbeit in Französisch (ohne Schreiben!) auszuprobieren. In Deutsch halte ich es für schwierig, wenn der AFB 3 schnell Thema sein kann.

    Allerdings muss ich sagen, dass ich selbst genug traumatische Schulerinnerungen als (sehr) gute Schülerin habe, wo einzelne (nicht besonders nette oder zivilisierte) Mitschüler*innen der Meinung waren, Schlägeandrohungen vor oder während der Arbeit ein guter Tauschmittel für Antworten waren. Ich weiß also nicht wirklich, ob ich es für zielführend halte und auf wessen Kosten dieses "Soziale" schon wieder geht.

  • Es ist grundsätzlich nichts gegen kooperative Aspekte in Leistungsbewertung einzuwenden, so lange die individuelle Leistung erkennbar ist und - das ist in meinen Augen der Haupt-Knackpunkt - die Leistungsevaluation ehrlich bleibt.

    Ich habe das schon ein paar mal gemacht (in Physik mit einem experimentellen Anteil, der kooperativ bearbeitet und dabei individuell protokolliert wurde). Für mich war das durchaus gewinnbringend und das Notenspektrum war nicht anders, als sonst auch. Dem gegenüber steht allerdings das, was ich regelmäßig in Fortbildungen höre, in denen Referenten begeistert von den Vorzügen sehr viel weitgehender kooperativer Formen der Leistungsbewertung schildern (meist Varianten von Portfolioarbeit). Wenn man dann nachhakt, wie die Leistungsbewertung ausgefallen ist, kommt am Ende meist, dass es nur gute und sehr gute Leistungen gegeben habe. Das hat dann halt mit ehrlicher Leistungsmessung nichts mehr zu tun, in diesen Fällen wird keine individuelle Leistung gemessen, sondern die des besten Gruppenmitgliedes (gerne kombiniert mit der von ChatGPT) und die Note wird auf alle anderen Gruppenmitglieder übertragen.

    Diejenigen, die dabei etwas lernen, sind die starken Gruppenmitglieder. Die lernen nämlich, dass sie sich auf ein Berufsleben einstellen können, bei dem sie regelmäßig die Arbeit für andere mit machen, weil die es alleine nicht auf die Reihe kriegen. Das wäre für für sich genommen noch nicht so schlimm (denn es entspricht ja der Realität), leider lernen die Schwachen auch, sich damit zu arrangieren, weil sie eh nichts wertvolles zum Gruppenergebnis beitragen können. Und ich finde es tragisch, das wir mehr und mehr SuS vermitteln, dass das beste, was sie gesellschaftlich beitragen können, darin besteht, den guten Leuten nicht im Weg zu stehen und dann darauf zu hoffen, dafür belohnt zu werden.

    Das bezieht sich aber nicht primär auf das hier angesprochene Konzept.

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