Fächerwahl nachträglich revidieren?

  • Grüßt euch,

    ich studiere Lehramt in Hessen auf L3 mit den Fächern Deutsch und Geschichte und bin kurz vor meinem 1. Staatsexamen im Frühjahr 2027. Natürlich hat mir zu Beginn des Studiums jeder von dieser Fächerkombination abgeraten, aber man war ja selbst schlauer. Nun habe ich im letzten Schulpraktikum - bei dem ich das erste mal an einer Oberstufe war... - gesehen, wie viel Korrekturaufwand das im Alltag wirklich bedeutet. Ein Trost der Oberstufe war für mich auch immer der Gedanke, mit "den Großen" im Unterricht wenigstens auf Augenhöhe diskutieren zu können und ihnen wirklich etwas beizubringen. Im Praktikum hatte ich aber eher das Gefühl, dass auch hier das schülerseitige Interesse eher mittelmäßig ist.


    Deshalb überlege ich nun, ob es sich langfristig lohnen würde, meine Fächer tatsächlich noch abzuwählen und etwas wie Mathe und Sport auf L2 zu studieren. L2 wäre für mich dahingehend ein Kompromiss, dass der außerschulische Arbeitsaufwand ja wahrscheinlich deutlich geringer wäre. Ja, natürlich ist das irgendwo opportunistisch, nachdem ich denke, dass der Aufwand an der Oberstufe nicht mit dem im Verhältnis steht, was ich tatsächlich an Spaß mit den Kids haben könnte. Ich glaube, bei diesem Vorgehen könnte ich mir alle Praktika sowie die WHA (Abschlussarbeit) anrechnen lassen und müsste rein die fachlichen Anforderungen für 3 Jahre nochmals abschließen.

    Natürlich hätte ich dann 4 Jahre Studium "verloren", wenn ich nochmal komplett neue Fächer wähle. Ich habe auch darüber nachgedacht, das Staatsexamen und das REF durchzuziehen und dann meine Fächer einfach nur in der Mittelstufe zu unterrichten. Dabei denke ich aber, dass bei einer späteren Verbeamtung die Schulleitung oder wer auch immer von mir erwarten könnte, beispielsweise Deutsch an der Oberstufe zu unterrichten, weil ich es ja studiert habe, auch wenn ich selbst lieber Deutsch an der Mittelstufe unterrichten würde.


    Meine Frage ist also: Macht es Sinn, mit Blick auf den Langfristigen Berufsalltag, meine derzeitigen Fächer und Schulform abzuwählen (obwohl ich fast fertig bin) und mich umzuorientieren, damit mich später niemand "zwingt", diese Fächer auf L3 ausüben zu müssen?

    Zur Beantwortung der Frage soll gesagt sein, dass ich es mir leisten kann, nochmal 3 Jahre an der Uni zu verbringen.. :aufgepasst:


    Liebe Grüße,

    Tobias

  • Wenn dich das Praktikum in der Oberstufe derart überrascht hat, solltest du vor einem Wechsel in ein L2-Studium dort ein Praktikum machen, damit du weißt, worauf du dich einlässt.

  • und gibt es in Hessen nicht so einen großen Bedarf in der Sek1, dass du auch "einfach" deine zwei Fächer beibehalten kannst und den Abschluss für L2 nach dem für L3 machst? (also ggf. nur die unterschiedlichen fachdidaktischen Anteile nachmachen)
    Nichts verbietet dir noch Mathe oder Sport (oder beide) nachzumachen, aber warum zwei abgeschlossene Fächer in den Wind schmeißen?

    (und als jemand, der eben versucht hat, eins ihrer Fächer aus dem Examenszeugnis streichen zu lassen (es ging nicht, aber leicht andere Konstellation als du...) und jetzt merkt, dass sie genau das Fach, das rausgefallen wäre, sehr sehr sehr gerne unterrichtet: Halte dir alle Optionen offen.
    Und mit 3 Fächern in der Sek1 (Deutsch, Geschichte, Sport oder Mathe) kriegst du dann wohl sicher eine Stelle...

  • ach: und das mit den 3 Jahren für die 2 Fächer: Hast du überprüft, dass es geht? Nur, weil du weniger Kurse hast, heißt es nicht, dass sie in allen Fächern parallel gemacht werden können (Also: Analysis 2 geht erst nach erfolgreichem Abschließen des Analysis 1- Kurses)

  • L2 wäre für mich dahingehend ein Kompromiss, dass der außerschulische Arbeitsaufwand ja wahrscheinlich deutlich geringer wäre.

    Je nach Schulform ist der pädagogische Anteil, insbesondere die Elternarbeit, dementsprechend deutlich höher.

  • Wenn du Deutsch studierst, solltest du auch wissen, dass es "Grüßt euch" nicht gibt. Vielleicht war es ja nur ein Vertipper, aber mich stört sowas.

  • Laut Bedarfseinschätzungen (siehe hier) hat in Hessen Geschichte nur Bedarf und Deutsch immerhin mittleren Bedarf. Wenn du jetzt durch die Praktika gemerkt hast, dass du auch inhaltlich mit diesen Fächern nicht so ganz zufrieden bist, macht es durchaus Sinn, den Plan noch einmal zu überdenken. Wir haben ja im Lehramt allgemein das Problem, dass es zunehmend mehr Fächer/Schulformen mit Mangel bei gleichzeitig mehr Fächern/Schulformen mit Überschuss gibt.

    Mit L2 sind vermutlich die Schulformen der Sekundarstufe I gemeint, oder? Kannst du dir dein Staatsexamen mit den derzeitigen Fächern auch für die Sekundarstufe I anerkennen lassen oder willst du auch diese Fächer nicht mehr in der Sekundarstufe I unterrichten? Meine Idee für dich wäre nämlich gewesen, wenn möglich, Deutsch und Geschichte (für die Sekundarstufe I) anerkennen zu lassen und dann noch zusätzlich deine Wunschfächer Mathematik und Sport (laut der Bedarfseinschätzung beides Mangelfächer im Sekundarstufe I-Bereich, das wäre also eine gute Wahl!) draufzupacken. Was hältst du davon?

  • Die Motivation der Schüler hat nicht unbedingt etwas mit dem Fach zu tun.

    Fächer, die automatisch ohne großes Zutun des Lehrers einen hohen Anteil motivierter Schüler erzeugen, sind relativ selten. Sport gehört dazu, sowas wie Technik in der Regel auch... eher die praktischen Fächer. Dass deine Schüler in deinem Praktikum weniger motiviert waren, als du erwartet hast, kann daran liegen, dass du natürlich noch unerfahren bist und der Stellenwert von Praktikantenunterricht bei den Schülern auch nicht unbedingt immer der höchste ist. Grundsätzlich lassen sich nahezu alle Schüler für jedes Fach begeistern, wenn man sie an der richtigen Stelle mit den richtigen Methoden abholt.


    Bezüglich deiner Überlegung Sport und Mathe zu studieren:

    Schaffst du die Sportaufnahmeprüfung (falls die an deiner Uni notwendig ist)

    Schaffst du Mathe? Das ist völlig anders als Deutsch und Geschichte. Falls du in Mathe am Ende des ersten Semesters nicht erfolgreich bist, zieh die Reißleine. Das ist das gute an dem Fach, man merkt sehr früh, ob es mit dem Studium etwas wird oder nicht.

  • Dass abseits vom Gymnasium der außerschulische Arbeitsaufwand geringer wäre, ist ein typischer Trugschluss. In NDS könntest du das Ref einfach an einer Haupt- oder Realschule über die Sondermaßnahme machen. Man sollte aber nicht an eine Haupt-/Realschule gehen, weil man auf weniger Arbeitsaufwand hofft. Gleiches gilt für die Grundschule. Wie schon geschrieben wurde, ist hier der Aufwand im Bereich Differenzierung/Elternarbeit/Erziehungskonzepte usw. um ein Vielfaches höher, sodass sich deine Gesamtarbeitszeit auf jeden Fall nicht reduzieren wird.

  • Hallo aus Hessen!

    Als L3ler hast du nach Abschluss und Ref die Möglichkeit an Gyms, Gesamtschulen, Berufsschulen und H+R-Schulen zu unterrichten. Wenn es dir also nur darum geht, Oberstufenunterricht zu umgehen, ist die Fortführung von L3 meiner Meinung nach empfehlenswert. Dann gehst du eben nach dem Ref an eine der genannten Alternativen.

    Deutsch und Geschichte ist für Gym aber keine geniale Kombi für eine schnelle Stelle nach dem Ref. Wenn es dir um die besseren Chancen auf eine Planstelle geht, dann ist L2 Mathe und Sport vermutlich eine gute Alternative, wenn du dir diese Schulformen vorstellen kannst (den Tipp mit dem Hospitieren würde ich 100% unterstützen)

    Noch ganz allgemein möchte ich dir verdeutlichen, dass die Wahl der Klassen bzw. Kurse nicht bei dir liegt, sondern die SL sich lediglich EinsatzWÜNSCHE einholt, die Umsetzung obliegt ihr allein, also ja: die SL kann dich bei vorhandener Oberstufe dazu "zwingen". Übrigens habe ich gerade heute wieder in die Dienstordnung für Lehrkräfte in Hessen reingeschaut. Der SL könnte dich sogar fachfremd einsetzen. Das passiert eher selten, aber öfter als man denkt...

  • Deshalb überlege ich nun, ob es sich langfristig lohnen würde, meine Fächer tatsächlich noch abzuwählen und etwas wie Mathe und Sport auf L2 zu studieren. L2 wäre für mich dahingehend ein Kompromiss, dass der außerschulische Arbeitsaufwand ja wahrscheinlich deutlich geringer wäre.

    Ich halte das für einen Schnellschuss aus sehr einseitiger Sichtweise heraus. Hospitiere unbedingt mal in in Frage kommenden Schulformen und Fächern und komm ins Gespräch mit den Lehrkräften. Zwar mögen Sport und Mathe klischeegemäß weniger Korrekturaufwand mit sich bringen, die Belastungsfaktoren in diesen Fächern liegen aber an anderer Stelle. Am Beispiel von Sport: wer jemals 6 Stunden am Stück in einer 3-Felder-Halle stand oder mal wieder mit der Schülerauswahl x zu Turnier y in z gefahren ist, weiß wovon ich spreche.

  • Am Beispiel von Sport: wer jemals 6 Stunden am Stück in einer 3-Felder-Halle stand oder mal wieder mit der Schülerauswahl x zu Turnier y in z gefahren ist, weiß wovon ich spreche.

    Kollege mit Kombination Englisch Sport möchte genau aus diesem Grund nur noch Englisch unterrichten.

    Außerdem wenn an meinen Schulen bisher ein Notarzt notwendig war, war es immer ein Unfall im Sportunterricht. Ich weiß von zwei Kolleginnen, dass das Risiko sie belastet.

    Mathe ist das Hassfach von vielen SuS. Klagende Eltern gibt es bei uns fast nur in Mathe.

    Kurz, jedes Fach, jede Altersstufe, jede Schulart hat seine Belastung. Ich möchte am liebsten nur Oberstufe unterrichten, habe fast immer, auch in diesem Schuljahr 2 LKs. (Und für den TE, in meinem Bundesland wird in jedem Fach, in jeder Altersstufe von allen mindestens eine Arbeit oder Klausur pro Halbjahr geschrieben. Und auch im Chemie-Lk werden viele Seiten geschrieben. Die Bearbeitungszeit im Abitur ist aktuell nur 15 Minuten kürzer als in Deutsch. Ich hatte schon über 36 DIN A 4Seiten. Deutschaufsätze sind nicht länger.)

    Meine Beiträge werden auf einer winzigen Tastatur eines Smartphones mit Autokorrektur geschrieben. Bitte entschuldigt Tippfehler. :mad:

  • Ist es nicht grundsätzlich gut, wenn ein angehender Kollege sich gegen die klassische Überschuss-Fächerkombination schlechthin entscheidet? Die letzten paar Kommentare wirken dahingehend eher kontraproduktiv, obgleich ich Kris24 insofern Recht geben muss, dass Sportlehrkräfte Lärm in der Sporthalle abkönnen müssen - nicht nur mit 30, sondern auch später mit 50 oder 60.

  • Ist es nicht grundsätzlich gut, wenn ein angehender Kollege sich gegen die klassische Überschuss-Fächerkombination schlechthin entscheidet? Die letzten paar Kommentare wirken dahingehend eher kontraproduktiv, obgleich ich Kris24 insofern Recht geben muss, dass Sportlehrkräfte Lärm in der Sporthalle abkönnen müssen - nicht nur mit 30, sondern auch später mit 50 oder 60.

    Wenn jemand kurz vor dem 1. Staatsexamen auf einmal seine Fächer in komplett andere Aufgabenfelder wechseln möchte, nur um die mögliche Korrekturbelastung zu umgehen, dann muss ganz klar darauf hingewiesen werden, dass auch andere Fächer ihre spezifischen Belastungssituationen aufweisen. Mit allem anderen würde man der Person lediglich einen Bärendienst erweisen.

  • Ist es nicht grundsätzlich gut, wenn ein angehender Kollege sich gegen die klassische Überschuss-Fächerkombination schlechthin entscheidet? Die letzten paar Kommentare wirken dahingehend eher kontraproduktiv, obgleich ich Kris24 insofern Recht geben muss, dass Sportlehrkräfte Lärm in der Sporthalle abkönnen müssen - nicht nur mit 30, sondern auch später mit 50 oder 60.

    der angehende Kollege ist aber nicht im 1. Semester sondern kurz vorm Abschluss.
    Was wäre der Nachteil, den Abschluss um weitere Fächer zu erweitern.
    Es ist ja nicht so, dass Schulen kein Geschichte gebrauchen können. Nur nicht unbedingt 7 Kollegen, die dann je 20 Stunden unterrichten würden.
    Wenn also jemand mit D/Ge/Ma oder D/Ge/Sp käme, dann sind eh schon 4-8 Stunden durch das dritte Fach besetzt und ggf. kann der Kollege ein Jahr nur einen Kurs Geschichte unterrichten, hat aber die Fakultas, ist also für die Schule wichtig (Abschlussprüfungen, Ausfall-Back-up, ...) ohne eine komplette Planstelle zu blockieren.

    Denken wir mal nach. Ich vermute, die 2er-Fächerkombination in Deutschland kommt nicht daher, dass der Dienstherr uns Abwechslung und Spaß gönnt, sondern hat auch pragmatische Gründe des Einsatzes. Mit einem dritten Fach erweitert man seine Flexibilität (und seinen Spaß, aber nur von mir aus gedacht). Und wie gesagt: wir beraten gerade keinen Erstsemester, von L3 auf L2 zu wechseln oder ein drittes Fach zu nehmen, sondern seinen Abschluss zu machen und diesen auf dem weiteren Weg mitzunutzen.

  • Ist es bei euch immer noch so, dass Deutsch und Geschichte bei euch die Überschusskombi ist? In Bayern hat sich das in den letzten Jahren deutlich entwickelt. Deutsch gehört hier mittlerweile tatsächlich zu den Mangelfächern, es werden sogar Leute mit Magister zum Quereinstieg zugelassen. Deutsch bedeutet halt Bücher lesen, das schreckt die jungen Leute ab. Englisch zu studieren ist viel beliebter.

  • Zitat

    Deutsch bedeutet halt Bücher lesen, das schreckt die jungen Leute ab. Englisch zu studieren ist viel beliebter.

    Das musst du mal erklären... Ich habe beides studiert. Nach meinem Wissensstand gestaltet sich ein Englischstudium ohne Lesen genauso schwierig wie ein Deutsch- oder Französischstudium ohne Lesen. Allein die Anzahl der Shakespeare-Werke war nicht gerade überschaubar, dazu noch die ganzen britischen Dichter und die viel amerikanische Literatur. Wer halt nicht (Literatur) lesen will, sollte keine Sprache studieren.

  • Das ist mir auch klar. Nur haben die Schüler einen anderen Eindruck vom jeweiligen Studium. Deutsch assoziiert man mit Bücher lesen, Englisch nicht. Und wird deswegen weniger gewählt. So erkläre ich mir, dass in BY in Deutsch ein Mangel an Lehrkräften besteht, in Englisch aber nicht.

  • Ich habe jetzt nicht Englisch als Fach und kenne auch nicht die Curricula aller Bundesländer, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwo gänzlich auf die Behandlung von Literatur verzichtet wird, und wenn es Bilderbücher oder didaktisierte Texte sind. Dafür ist die Auseinandersetzung mit zielsprachigen Texten für den Unterricht der modernen (Fremd-)Sprachen von zu zentraler Bedeutung.

Werbung