Lehrer werden, trotz introvertierter / zurückhaltender Art

  • Hey,


    ich bin 21 und interessiere mich für den Lehrerberuf an Gymnasien


    Fächer Physik und Erdkunde.


    Ich möchte vor allem Lehrer werden, weil ich vieles anders machen will. Z.B. Kinder/Jugendliche psychisch begleiten und vor Mobbing schützen, weil ich es selber erlebt habe. Habe mich in meiner Schule auch oft für Mobbing-Opfer eingesetzt.


    Was mir Sorgen macht, ist meine eher ernste, zurückhaltende und introvertiere Art. So wurde ich von anderen beschrieben. Die guten Lehrer, die ich in Erinnerung habe, waren meist Entertainer, die humorvoll waren und sehr schlagfertig. So bin ich eher nicht.


    Wenn ich mich überfordert fühle, möchte ich mich zurückziehen und merke schon zB. an meiner kleinen Schwester, dass der Umgang mit Kindern sehr viel Geduld und Nerven braucht.


    Bin auch eher ein Einzelgänger , obwohl ich von anderen als sehr hilfsbereit und engagiert beschrieben werde und gerne für Gerechtigkeit einstehe.


    Ich wolle ein Praktikum an einer Schule machen aber da fängt meine Angst ehrlich gesagt schon an.


    Wie habt ihr euch gefühlt, bevor ihr studiert habt? Hattet ihr auch Ängste oder habt ihr euch sehr darauf gefreut? Ist/war euer Berufsleben entsprechend erfolgreich/erfüllend?


    Meint ihr, Ängste sind ein Warnzeichen oder sollte ich den Weg gehen und mich entwickeln?

  • Ja, Ängste sind ein Warnzeichen und ja, man kann sich auch entwickeln. Nimm das Gefühl ernst und prüfe insofern auch deinen Berufswunsch äußerst gründlich, denn diese Art Entwicklung erfordert meist verdammt viel gezielte Arbeit und fällt nicht einfach vom Himmel im Laufe der Jahre. Fang doch erst einmal an mit einem Praktikum an einer Schule, versuch dabei auf jeden Fall auch einen kleinen Teil Unterricht selbst zu gestalten, um die Situation vor der Klasse kennenzulernen in einer neuen Rolle (also nicht mehr als Schüler). Hör dir selbst genau zu, was dein Körper dir während dieses Praktikums mitteilt und dann siehst du weiter. Möglicherweise entdeckst du eine neue Seite an und in dir, die es auszubauen gilt, vielleicht findest du heraus, dass diese Art Arbeit überhaupt nicht zu dir passt oder auch irgendetwas dazwischen. Eine gewisses Grundmaß an Extraversion ist allerdings unerlässlich in diesem Beruf. Das muss nicht dich als privaten Menschen mit betreffen: Man kann ein guter Lehrer sein und dabei im Privatleben zum halben Misanthropen werden, das muss sich keinesfalls widersprechen. Man kann auch im Beruf eher ruhiger sein, solange man sich grundlegend in seiner Rolle vor und mit der Klasse wohl fühlen kann (was eben zumindest in der beruflichen Rolle ein Grundmaß an Extraversion erfordert, um in dieser Rolle nicht völlig einzugehen). Ein Praktikum wird dir sehr wichtige erste Hinweise geben. Wenn du dich zu diesem gar nicht durchringen kannst, weil deine Angst zu stark ist, dann solltest du dir auf jeden Fall einen anderen Berufsbereich wählen.

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

  • P.S.: Trau dich einfach das Praktikum zu machen. Mutiger zu sein als die eigenen Ängste kann eine tolle Ausgangsbasis sein, um Schritt für Schritt über sein altes Ich hinauswachsen zu lernen und sich zu einem offeneren, mutigeren Selbst zu entwickeln. :-)

    "Benutzen wir unsere Vernunft, der wir auch diese Medizin verdanken, um das Kostbarste zu erhalten, das wir haben: unser soziales Gewebe, unsere Menschlichkeit. Sollten wir das nicht schaffen, hätte die Pest in der Tat gewonnen. Ich warte auf euch in der Schule." Domenico Squillace

  • Ein Praktikum ist eine gute Idee. Ich denke, dass eine introvertierte/zurückhaltende Art allein kein Grund ist, nicht Lehrer zu werden, wenn das der Berufswunsch ist. Aber vielleicht kommt es ein wenig darauf an, welche Auswirkungen das hat, ob du z.B. trotzdem gut auf Menschen eingehen kannst, wie du kommunizierst usw.. Du bist zwar ein Alleingänger in deiner Klasse als Lehrer, aber arbeitest trotzdem im Team mit Teilen des Kollegiums. Du sitzt nicht den ganzen Tag für dich im Büro.


    Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass man auch reinwächst in dieses "Lehrersein", schlagfertiger im Umgang mit frechen SuS wird usw. - also die Erfahrung bringt dir sicher auch noch was.


    Mit Überforderung wirst du in der Ausbildung (wie in anderen Berufen auch) oder auch später im Job hier und da sicherlich mal konfrontiert werden. Vielleicht solltest du dir da rechtzeitig Hilfe suchen (auch z.B. in Form von Fortbildungen), um damit umgehen zu können, denn da kommt man mit Rückzug langfristig wahrscheinlich in diesem Job nicht so weit.


    Sorgen und Ängste hatte sicherlich jeder mal in der Lehrerausbildung. Dabei ist es wichtig, diese anzugehen, sich Hilfe zu suchen (z.B. bei erfahrenen KollegInnen), sich auszutauschen Strategien zu entwickeln usw.

  • Natürlich kann man an sich arbeiten, aber die eigene Persönlichkeit ist als Erwachsener doch sehr gefestigt. Und Lehrer zu werden, um Mobbing zu bekämpfen und andere zu retten, weil man selbst gelitten hat halte ich für ein ganz schlechtes Motiv. Du hast dann in 7 Klassen eine Stunde Erdkunde und kannst wenig bis gar nichts an der Sozialstruktur ändern. Zudem kann man anderen nur helfen, wenn es einem selbst gut geht. Aber vor allem für dein eigenes Wohlbefinden: warum einen Beruf erlernen, der so dermaßen viel mit Menschen zu tun hat, um seine Ängste vor Menschen zu bekämpfen? Warum nicht Physiker werden, im Büro arbeiten und eine Therapie machen, damit es einem wirklich gut geht? Wir haben alle nur ein Leben zur Verfügung. Bei allen Stärken, die du selbstredend in den Beruf einbringen würdest, wäre mir der Zweifel vor Aufnahme des Studiums der größte Warnhinweis.


    Wenn du jetzt beim Lesen denkst "jetzt erst recht", dann weißt du, wo dein Herz schlägt und dass du es sowieso probieren musst.

  • Samus Ausführungen kann ich nur unterstreichen. Deine hier geäußerte Motivation, auch wenn diese vielleicht nur ein Ausschnitt des Gesamtbilds ist, könnte in der Tat zu einem Problem werden.

    Was Deine Persönlichkeit angeht - es gibt in jedem Kollegium die ganze Bandbreite an Persönlichkeiten, von extrovertiert bis Einzelgänger. Und es gibt immer die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln. Wenn ich auf mich selbst als 21jährigen zurückblicke, dann hätte mein heute 46jähriges Ich auch so seine Probleme, sich diesen Jungspund später als Lehrer vorzustellen. Eigene Schwächen und "Arbeitsfelder" zu erkennen, ist aber ein zentraler Baustein für eine Weiterentwicklung. Ich kenne genug Lehrkräfte, die eher introvertiert sind bzw. die keine Entertainer sind und trotzdem geschätzt sind. Umgekehrt können einen die Entertainer auch ziemlich nerven, wenn man mit der Art nicht kann.

    Zurück zu Deiner Motivation:
    Die Verletzungen, die Du als Kind und Jugendlicher erlitten hast, haben Dich geprägt. Inwieweit man daraus einen "Missionsgedanken" ableiten sollte, wage ich jedoch zu bezweifeln. Du wirst früher oder später feststellen müssen, dass Du eben nicht die Welt retten oder verbessern kannst - und das wäre die Fahrkarte in chronische Unzufriedenheit und Burnout.
    Mit Physik und Erdkunde bist Du in der Sek I Nebenfachlehrer und hast entsprechend viele Lerngruppen, aber wenig Einfluss. In der Oberstufe kann das anders sein, wenn Du einen LK übernimmst und Tutor bist.

    Deine Ängstlichkeit kann ich verstehen, doch wirst Du diese überwinden müssen - denn Schüler merken das ganz schnell, ob jemand in sich ruht und mit sich selbst im Reinen ist oder eben nicht. Auch wenn ich mit dem Rat, eine Therapie zu machen, nicht inflationär um mich werfe, so würde ich an Deiner Stelle überlegen, welche zentralen Baustellen es in Deinem Leben gibt und ob diese Deine Lebensqualität entscheidend einschränken. Dann kann eine Therapie durchaus sinnvoll sein. Was jeder Lehrer aber unbedingt lernen sollte bzw. gelernt haben sollte, ist, sich selbst so zu akzeptieren wie man ist und mit sich ins Reine zu kommen.

    Ich wünsche Dir viel Zeit und Energie, in Dich zu gehen und zu einer tragfähigen Entscheidung zu kommen.

  • Ich bin auch ziemlich introvertiert, besonders in neuen Umgebungen und im Umgang mit noch fremden Menschen, und eher Einzelgänger. Ich brauchte anfangs (recht viel) Zeit, um mich zu entwickeln bzw. mich in die Situation einzufinden und lockerer/schlagfertiger zu werden - sowohl in den Lerngruppen als auch im Kollegium. Das ist heute aber kein Problem mehr und hat sich komplett gelegt. Die einzige Situation, die ich nach wie vor schwierig finde, sind so Sachen wie Kennenlernnachmittags oder Klassengrillen mit Eltern - ich bin einfach kein Smalltalker und mir fällt nie wirklich was zu reden ein mit diesen für mich fremden Leuten, an denen ich ehrlich gesagt auch wenig persönliches Interesse habe und denen ich auch umgekehrt nichts über mich preisgeben möchte, von daher sind solche Veranstaltungen wirklich mein persönlicher Graus.

    Dass man ab und an mal im Team arbeiten muss stimmt wohl, trotzdem hat man recht viel alleinigen Gestaltungsspielraum im konkreten Alltagsgeschäft und das kommt mir persönlich ziemlich gelegen. Ich hab die Zusammenarebit in meinen Studentenbürojobs und in der Ausbildung (ebenfalls Bürosetting) als enger, weniger frei und "sozial stressiger" empfunden.


    Die Alarmglocken würden bei mir eher beim Punkt "Genervtsein von Kindern" angehen. Das habe ich an mir selbst nämlich ignoriert bzw. schöngeredet und gedacht, es wird schon nicht so schlimm werden. Ist es aber. Ich bin komplett ungeeignet für die Arbeit in der Unterstufe und unteren Mittelstufe, weil mir dafür sowohl die Nerven als auch die Geduld und das pädagogische Feingefühl fehlen. Rückblickend hätte ich mir eine Menge erspart, wenn ich die Vorahnung ernster genommen hätte und mir direkt eine passende Schulform gesucht hätte.


    Mach unbedingt Praktika und reflektiere dich dabei ehrlich.

  • Ich finde auch nur wenige Veranstaltungen schlimmer als solche, wo ich auf lauter fremde Menschen treffe und mich mit denen unterhalten soll. Im Unterricht oder auch auf Elternabenden ist das kein Problem, weil ich da in meiner Lehrerrolle bin und im Prinzip mein Programm abspule, meine Show abhalte und das häufig auch geniße. Auch Elterngespräche laufen problemlos ab. Es ist mir aber z.B. ein Graus, am Wandertag mit Schülern ins Gespräch kommen zu müssen. Vor allem am Anfang des Jahres, wenn ich die Schüler noch nicht kenne. Oder Elternstammtische. Im Privatleben habe ich meinen Freundeskreis, bin ansonsten aber eher introvertiert und habe am liebsten meine Ruhe und gehe nur selten weg.

    Unabhängig von alledem komme ich im Lehrerberuf sehr gut zurecht.


    Sarek

  • Das ist aus meiner Sicht eine sehr wichtige Frage Karl-Dieter


    Klar können auch introvertierte Menschen Lehrer werden, man kann sich an die Situation vor der Klasse gewöhnen.


    Wie @samu und auch andere hier allerdings schon sagten: Du wirst nicht jeden Schüler rettern können und ganz besonders nicht als Nebenfachlehrer.

  • Es ist mir aber z.B. ein Graus, am Wandertag mit Schülern ins Gespräch kommen zu müssen. Vor allem am Anfang des Jahres, wenn ich die Schüler noch nicht kenne.

    Irgendwas muss ich an mir haben, dass die SuS mir immer alles Mögliche erzählen... 🤔

    Ich käme gar nicht in die Verlegenheit, dass ich nicht wüsste, worüber ich mit denen reden soll... Dabei war ich früher auch absolut keine Smalltalkerin und fand Situationen mit unbekannten Leuten sehr unangenehm.

  • Ich möchte vor allem Lehrer werden, weil ich vieles anders machen will. Z.B. Kinder/Jugendliche psychisch begleiten und vor Mobbing schützen, weil ich es selber erlebt habe. Habe mich in meiner Schule auch oft für Mobbing-Opfer eingesetzt.

    Warum studierst du nicht statt dessen Psychologie?

    Sometimes you look at people and wonder, how do they fit all that stupid into one head?

  • Wenn ich deine Motivation lese, frage ich mich, ob nicht eher ein Job im Bereich Schulsozialarbeit was für dich wäre...

    Der Zyniker ist ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung ihn Dinge sehen lässt wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. (Ambrose Bierce)
    Die Grundlage des Glücks ist die Freiheit, die Grundlage der Freiheit aber ist der Mut. (Perikles)
    Wer mit beiden Füßen immer felsenfest auf dem Boden der Tatsachen steht, kommt keinen Schritt weiter. (Miss Jones)
    Wenn der Klügere immer nachgibt, haben die Dummen das Sagen - das Schlamassel nennt sich dann Politik (auch Miss Jones)

  • als Lehrer musst du eine ganz andere Stellung annehmen als als Therapeut:

    du bist

    Löwenbändiger

    Erzieher

    Vorturner

    Spaßbremse

    Animateur

    Bewerter

    Elternkontaktperson

    Untergebener

    Kollege und

    -- nicht zu vergessen---

    natürlich auch Wissensvermittler


    Die in meinen Augen schwierigste Motivation lautet: "ich will besseren Unterricht machen als ich ihn selbst hatte", denn in dieser Rolle fehlt dir der nötige Abstand zu deinem Beruf. Dann bist du unbewusst wieder der kleine Schüler, der besseren Unterricht verdient hat. Dein innerer Schüler ist dann quasi aktiv.



    Andere Berfufsfelder, die deinen Beweggründen besser entsprechen, wurden schon genannt.

  • Hallo alle zusammen,


    ich bedanke mich sehr für all diese tollen & ausführlichen Antworten.

    Ich bin nochmal in mich gegangen und es ist tatsächlich so, dass ich vermutlich meine eigenen psychischen Narben mit diesem Berufswunsch zu schließen versuche. Aber ich denke, dass das nicht der richtige Weg ist, da ich dann unterbewusst meine Probleme auf die Schüler übertrage, dass ich z.B. jede freche Bemerkung von Schülern als persönlichen Angriff werte und den Schüler entsprechend behandle, ohne dass er es böse gemeint hätte.


    Oder dass ich Mobbing in Geschehnisse hineininterpretiere, welche eigentlich gar keine sind, nur um meine eigenen Ängste zu stillen.


    Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass man Jugendliche mit so einer ernsten Art wirklich verändern kann. Da es nicht auf Augenhöhe ist und Kinder/Jugendliche noch nicht so weit denken können.

  • Hm, ich würde auch empfehlen, dass du ein Praktikum machst. Ob der Job das Richtige für dich ist, kannst nur du selber entscheiden - vielleicht am besten, nach dem du eigene Erfahrungen gemacht hast. Was ich sehe (wie andere auch) ist, dass deine Motivationen problematisch sein könnten. Aber Motivationen können sich ändern. Ebenfalls sehe ich, dass du vielleicht zu hohe Ansprüche an dich selbst hast... „Jugendliche verändern“ zu wollen, ist kein guter Ausgangspunkt für den Beruf. Allenfalls kannst du Impulse geben, aber Änderungen müssen aus Menschen selbst kommen, auch bei Jugendlichen. Und eine ernste Persönlichkeit zu haben ist per se kein Problem. Du musst keine Kopie von Harald Lesch sein (nur sehr wenige Lehrer sind das), um ein guter Lehrer zu werden.

Werbung