"Wozu brauche ich das später?"

  • Am Freitag fragte mich ein Schüler:"Wozu brauche ich das denn später?"

    Ich war total ratlos was ich darauf antworten sollte.


    Thema war Quadratische Funktionen (Mathematik). Ich habe ihm dann die Antwort "Für das spätere Leben." gegeben, aber so wirklich stimmt dies ja auch nicht. Ich selber warte noch auf den Tag, an dem man quadratische Funktionen im Alltag (nicht Schule!) benötigt :)


    Ich würde mich gerne mal umhören, was ihr den SuS auf die Frage "Wozu brauche ich das denn später?" antwortet und ob ihr auch solch kleine "Notlügen" verwendet. Muss nicht spezifisch auf das Fach Mathe bezogen sein.


    Grüße

  • Führerscheinprüfung, Bremsweg. Als Mathelehrer kommen solche Fragen immer wieder, da solltest du bei den meisten Themenbereichen ein, zwei Beispiele parat halten. Die Gegenfrage mit dem Berufswunsch ist ebenfalls nie verkehrt, bei manchen Berufen kann man das dann auch mit einem "dann vermutlich nie wieder" beenden. Ansonsten kann man aber auch über das logische Denken, Problemlösefähigkeit, Verständnis von Wahrscheinlichkeiten und Statistiken, mathematische Modelle im Alltag, etc. gehen, aber das ist eher der catch all Ansatz. ;)

    If you look for the light, you can often find it.
    But if you look for the dark that is all you will ever see.

  • Ich sag immer (auch zu meinen eigenen Kindern): Das trainiert deine Gehirnleistung. Ob du´s nun tatsächlich genau so brauchst oder nicht.

    Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, dass man sie ignoriert.

    Aldous Huxley

  • Cartoon:


    "Teacher! Will we ever use any of this algebra?"

    "You won't, but one of the smart kids might."


    https://www.smbc-comics.com/co…uldn39t-be-a-math-teacher

    Bitte, erkläre es mir nicht noch einmal. Ich glaube, ich verstehe sehr gut, was du meinst, ich teile nur deine Meinung nicht (halte sie vielleicht sogar für falsch, oder verwerflich). Das liegt nicht daran, dass ich dich nicht verstehe. Es scheint etwas anderes zu sein, was mich inkompatibel zu deiner Ansicht macht. Fern ist es von mir, irgendwem Schuld zuweisen zu wollen - so oder so, es liegt nicht am Missverstehen, wirklich nicht.

  • Die Gegenfrage mit dem Berufswunsch ist ebenfalls nie verkehrt, bei manchen Berufen kann man das dann auch mit einem "dann vermutlich nie wieder" beenden.;)

    Ich befürchte bei so einer Antwort würden die meisten meiner SuS auf Durchzug schalten :) außerdem bestärken solche Antworten ja nur die Unlust auf das Fach...

  • Hm, durch kompetenzorientierte Aufgaben sind die Fragen seltener gekommen. Wir haben schon perfekte Sprungschanzen zum Snowboarden oder Skaten berechnet, den perfekten Ort für die Pause bei der Radtour,... wir haben berechnet in welchem Winkel man ein Loch bohren muss, wenn man den Spitzboden ausbaut und Leitungen nach oben legen möchte, aber wegen des Kniestockes nicht ganz außen raus kommen möchte,...

  • Man sollte darauf achten, seinen Kindern den richtigen Glauben zu vermitteln. ... Den an sich selbst.
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    "Angst ist ein unfähiger Lehrer." Jean-Luc Picard

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    "Urteile nie über einen Moderator dieses Forums, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist." (frei nach Firelilly)

  • Hm, durch kompetenzorientierte Aufgaben sind die Fragen seltener gekommen. Wir haben schon perfekte Sprungschanzen zum Snowboarden oder Skaten berechnet, den perfekten Ort für die Pause bei der Radtour,...

    Also in meiner Schülerzeit hatten wir einen Pauker für Physik und Chemie. Da haben wir uns in Chemie die unterschiedlichen Sprengstoffe angeguckt und in Physik wo man das Zeug platzieren muß, um mit einem möglichst kleinen Bums eine möglichst große Brücke kaputt zu machen. :staun:
    Der Typ war richtig cool.

    In Mathematik wurden Schießtabellen (=Parabeln) berechnet. :victory:

  • Letztlich muss man diese Frage von der konkreten Ebene tatsächlich auf die allgemeine Ebene heben. Man bekommt beispielsweise am Gymnasium in der Oberstufe ja eine breitere allgemeine Bildung, die es einem ermöglicht, nach dem Abitur jedes Studium zu beginnen und ggf. umzusatteln, wenn man feststellt, dass die ursprüngliche Wahl verkehrt war. Und man ist dazu in der Lage, sinnentnehmend zu lesen, Informationen zusammenzutragen und sie auszuwerten. So versteht man Erläuterungen zur Bearbeitung der Steuererklärung, so versteht man die Klauseln in Mietverträgen. So kann man im Internet seriöse Informationen und deren Quellen von weniger seriösen unterscheiden.

    So kontere ich diese prominente Kritik an dem praktischen Nutzen von Gedichtanalysen in vier Sprachen, wenn man dafür eben keinen Mietvertrag unterschreiben könne.

    Man wird sicherlich nicht alles immer überall brauchen. Es gibt im Leben aber immer wieder Situationen, in denen das Denken und Handeln, die Problemlösekompetenz und weitere Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man in der Schule erlernt hat, dann doch hilfreich sind. Oft merkt man es erst hinterher. Ob man etwas braucht und was man braucht, lässt sich somit zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nicht verbindlich beantworten.

    Die Frage nach dem Brauchen suggeriert aber leider auch, dass ein Unterrichtsinhalt nur durch seinen unmittelbaren Nutzen legitimiert ist. Auch wenn ich von der Kompetenzorientierung persönlich nicht viel halte, so könnte man hier zynisch sagen: Du brauchst das für den Kompetenzerwerb im Bereich A, B und Y.

  • Ich antworte immer, ich habe mein Studium finanziert mit Mitstudenten, die doch überraschend nach dem Abitur noch Mathe benötigten (BWL, Psychologie, Sport usw.).


    Und dann je nach Altersstufe


    Es gibt diverse Studien z. B. https://nachrichten.idw-online…-mathematik-als-erwartet/ (und da werden weitaus anspruchsvollere Themen genannt als quadratische Gleichungen)


    oder


    Mathe übt abstraktes und analytisches Denken. Ich treibe auch Sport, obwohl ich ein Auto besitze. Ich möchte auch mein Gehirn trainieren (braucht man evtl. später noch einmal und grinse dabei, die Schüler lachen mit). In anderen Fächern (wozu benötigt man Geschichte oder französische Grammatik, ich kann mich auch mit Händen und Füßen verständigen) wird anders "gedacht" (ich nenne Beispiele). Mathematik ist einzigartig, kann nicht ersetzt werden.


    Aber natürlich gibt es Menschen, die nicht selber denken (können/ wollen). Es gibt Studien (ich finde sie gerade nicht), dass in Mathe interessierte Schüler später im Beruf eher sich weiter bilden, eher höhere Gehälter verdienen.


    Es kommt auf die Stimmung an, manchmal antworte ich nur, um versetzt zu werden oder um das Abitur zu schaffen.

    Meine Beiträge werden auf einer winzigen Tastatur eines Tablets mit Autokorrektur geschrieben. Bitte entschuldigt Tippfehler. :mad:

  • Ich befürchte bei so einer Antwort würden die meisten meiner SuS auf Durchzug schalten :) außerdem bestärken solche Antworten ja nur die Unlust auf das Fach...

    Wenn du mit ein Beispiel nennen kannst, wofür du als Spielerfrau und Pferdezureiterin Trigonometrie brauchst, bin ich dabei. ;)

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  • Wenn du mit ein Beispiel nennen kannst, wofür du als Spielerfrau und Pferdezureiterin Trigonometrie brauchst, bin ich dabei. ;)

    Passt der Heuballen durch die dreieckige Luke der Scheune?


    EDIT: oder sie realistische Variante... Wie viel mehr muss der Gaul laufen, wenn er um die Koppel trabt statt quer drüber?

    Don't ask me what I think of you, I might not give the answer that you want me to.

    (Fleetwod Mac - Oh Well)

  • Meine kurze und schnoddrige Antwort auf solche Fragen: „Das nennt sich Allgemeinbildung“.


    Die lange Antwort. Erstes Argument: Es ist meiner Ansicht nach ein Fehler, Nützlichkeitsaspekte in den Vordergrund zu stellen. Wer sich auf eine Argumentation auf dieser Basis einlässt, hat schon verloren. Denn es stimmt ja, vieles braucht man später tatsächlich nicht mehr - aber das ist auch nicht der Sinn von Allgemeinbildung. Der Sinn ist, mehr als nur eine Sichtweise auf die Welt zu haben. Kunst, Sprache, Literatur, Mathematik, Geschichte, Musik, Naturwissenschaften, Philosophie, … das alles sind verschiedene „Brillen“ durch die man die Welt (und auch sich selbst) sehen kann und (besser) verstehen kann.

    Zweites Argument: Konfrontation mit Neuem erzeugt auch neue Verknüpfungen im Gehirn, von denen ein Mensch langfristig profitiert. Die Fähigkeit, Informationen einzuordnen, zu verarbeiten und zu bewerten verbessern sich dadurch - vielleicht die wichtigste Fähigkeit für einen Menschen im 21. Jahrhundert.

  • Das sehe ich selbst auch so. Aber das ist eher akademisches Denken, bei Gymnasiasten kommt man damit noch an (leider bei weitem auch nicht immer). Unsere SuS würden mir bei einer solchen Aussage "über die Bänke gehen".


    Leider weiß ich für viele Themen die Antwort selbst nicht. Dass die SuS das tatsächlich früher oder später brauchen, ist, abseits von Mathe, Deutsch und Englisch, ja doch eher nicht so häufig. Und manche Themen sind derart trocken bzw. werden auch im Lehrplan nicht wieder aufgegriffen, so dass sie wirklich als einzelne theoretische Insel im Raum stehen.


    Unsere SuS glauben mir leider selbst bei Prozentrechnung nicht, dass man das im Alltag braucht. In deren Alltag kommt das nicht vor :-(

  • Unsere SuS glauben mir leider selbst bei Prozentrechnung nicht, dass man das im Alltag braucht. In deren Alltag kommt das nicht vor

    Meine Schüler lasse ich da immer den Bausparkredit ausrechnen. Also welche Annuität kann man noch tragen und wie hoch ist sie, wenn man 1,5% Zins und 1% Tilgung hat?

    Warum ist das Annuitäten-Darlehen nach 62 Jahren abbezahlt? Bei 1% Tilgung müßte es doch eigentlich 100 Jahre dauern. :staun:

    Was passiert, wenn nach 10 Jahren die Zinsbindung wegfällt und die Zinsen auf 3% steigen. Kann ich mir dann den Kredit überhaupt noch leisten?


    Aber das ist eher akademisches Denken, bei Gymnasiasten kommt man damit noch an (leider bei weitem auch nicht immer).

    Also ich habe damals als Schüler nie verstanden wofür Latein gut sein soll und verstehe es auch heute nicht. Gedanke damals dabei: "Eine tote Sprache, die von Scheintoten unterrichtet wird."

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