"Augen auf bei der Berufs-/Fächerwahl!" - Frustbeitrag der anderen Art

    • Offizieller Beitrag

    Aus erneutem Anlass (Lesen, nicht ich selbst) möchte ich gerade meinen Frust abladen.

    Den Satz habe ich so oft im Bezug auf meine Fächer (Korrektur) gehört, im Bezug auf belastete Kolleg*innen, aber auch - und es ärgert mich noch mehr - im Bezug auf andere Berufe, die eben hart oder unangenehm sein können.
    Pflegeleute hätten eben lieber einen Bürojob ergriffen, die Englischlehrerin hätte lieber Sport gewählt, der Bauarbeiter und der Bäcker hätten lieber Einzelhandel lernen sollen.

    Abgesehen davon, dass es oft ziemlich arrogante Sätze von Menschen, die glauben, dass man deren Situation beneidet (Nein, lieber Chemie/Bio-Kollege, ich beneide nicht deinen Alltag fast ohne Korrekturen, ich stelle nur die Ungerechtigkeit der Belastungsverteilungen fest und/oder klage darüber, dass meine Arbeitszeit auf der selben Art und Weise kalkuliert wird), ich bin sicher, der 50jährige rückengeschädtigte Bäcker mag seinen Job, die 60jährige ausgelaugte Krankenschwester auch. Sie wollen nur eine menschlichere Ausgestaltung des Berufs.
    Und: die Jobs braucht man in der Gesellschaft.


    SELBST wenn jetzt alle Chemie und Sport studieren würden: den Deutsch- und Englischlehrer braucht man trotzdem.
    Selbst wenn wir alle im Büro arbeiten würden, die Innenstädte aussterben lassen und bei Amazon bestellen: das Brot macht sich nicht von alleine und Straßen und Häuser müssen auch hergezaubert werden.

    WAS denken also Menschen, wenn sie zu /über einem solchen Menschen "Augen auf bei der Berufswahl!" sagen? Was denkt ihr, wenn ihr es sagt? (also falls ihr es sagt)

  • Ich habe das schon ein paar mal gesagt, aber immer nur in einem Zusammenhang:

    Wenn mir jemand ernsthaft mit dem ausgelutschten "Argument" kommt, dass "ihr" Lehrer ja einen so tollen Job habt, so viel verdient, nachmittags frei habt, auch als Pensionäre im Geld schwimmt, und dazu kommen natürlich ein Berufsleben lang die unendlich vielen Ferientage...

    dann hat derjenige es verdient, den ebenso ausgelutschten Satz "Augen auf bei der Berufswahl" auf die Ohren zu kriegen.

  • WAS denken also Menschen, wenn sie zu /über einem solchen Menschen "Augen auf bei der Berufswahl!" sagen? Was denkt ihr, wenn ihr es sagt? (also falls ihr es sagt)

    Systemische Ungerechtigkeiten ansprechen stößt meiner Ansicht nach bei vielen falsch auf. Bevor die Fehler im System liegen, suchen viele Menschen eben andere Quellen, allen voran eben den Menschen selbst, der sich eben falsch entschieden haben soll. Womöglich kann man sich dann noch überlegen fühlen ("Ich habe mich ja schließlich richtig entschieden!").


    Die Lastenverteilung im Lehrberuf sind einfach, so wie sie derzeit verteilt sind, nicht gerecht. Bayern hat ja dieses Konstrukt der wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Fächer. Wer letztere unterrichtet hat dann ein höheres Deputat. Ich glaube so pauschal führt das aber auch zu keiner Verbesserung. Ich bin seit diesem Schuljahr an einem Berufskolleg tätig und mein Fach Deutsch, das in allgemeinbildenden Schulen ein Fach ist, das viele Wochenstunden pro Klasse einnimmt und auch mehr Klassenarbeiten/Klausuren fordert als andere Fächer, ist jetzt eben zwei- bis dreistündig und Klausuren sind von ihrem Aufbau her doch so, dass die schnell korrigiert sind. Damit habe ich natürlich auch mehr Lerngruppen, aber insgesamt wirkt mir der Aufwand geringer als er es am Gymnasium war. Ich glaube, man müsste einfach die anstehenden Klassenarbeiten, die Klassengröße und die Anzahl an Lerngruppen als Faktoren in das Deputat einfließen lassen. Dann leistet eben jemand, der ein Fach ohne Klausuren unterrichtet (was in NRW in der Sek I ja alle Fächer außer Sprachen, Mathematik und das vierte Hauptfach im Wahlpflichtunterricht sind) mehr Unterrichtsstunden ab.


    Das wird natürlich im Einzelfall auch nicht zu einer absoluten Gerechtigkeit führen, aber besser als jetzt scheint es mir schon zu sein.

  • Ich würde diesen Satz - also "Augen auf bei der Fächerwahl" - allerhöchstens zu jemanden sagen, der/die Lehramt studieren will und mich fragt, welche Fächer sie/er wählen soll. D. h. ich würde in dem Zusammenhang bspw. darauf hinweisen, dass die Fächerkombi Deutsch-Englisch ja sehr korrekturintensiv ist.

    to bee or not to bee ;) - "Selbst denken erfordert ja auch etwas geistige Belichtung ..." (CDL)

  • Schwieriges Thema. Ich habe tatsächlich schon zu Studienbeginn die Idee gehabt "Lieber jetzt das schwierige Studium, dafür später weniger Korrekturaufwand". Das habe ich als Deal betrachtet. Ich habe meine Meinung ein wenig geändert, aber im Kern sehe ich es immer noch so. Viele machen sich mit Fächern wie Deutsch an der Uni ein angenehmes Leben und denken nicht über die Konsequenzen im Berufsleben nach. Du hast aber natürlich völlig Recht, dass auch diese Fächer gebraucht werden.

  • ich würde in dem Zusammenhang bspw. darauf hinweisen, dass die Fächerkombi Deutsch-Englisch ja sehr korrekturintensiv ist.

    Das habe ich einem meiner "Altschüler" mal genau so gesagt. Er unterrichtet inzwischen genau diese beiden Fächer am Gymnasium und hat natürlich gut zu tun... Aber er hat die Wahl seine Fächer nie bereut, es waren schon als Schüler seine Lieblingsfächer.

  • Richtig toller Beitrag, chilipaprika !

    Es braucht jeden Job und ich bin über jeden Arbeitnehmer hier im Lande dankbar, also natürlich auch den Lagerarbeiter, die Reinigungskraft und die Pflegekraft. Wir haben tatsächlich momentan einen Punkt, an dem junge Leute bei der Berufswahl bestimmte systemrelevante Berufe meiden, weil diese ein schlechtes Image haben - oft zu Unrecht, teilweise ist es aber auch nachvollziehbar.

    Wir können nicht jedem Bauarbeiter den roten Teppich ausrollen, aber was wir machen können, ist jeden Menschen, unabhängig seiner beruflichen Tätigkeit respektvoll zu behandeln. Auf politischer Ebene sollten die Schulformen außerhalb des Gymnasiums gestärkt, die berufliche Ausbildung auch in der öffentlichen Wahrnehmung gefördert und Arbeitsbedingungen individueller nach den Anforderungen der jeweiligen Tätigkeit ausgerichtet werden. Auch ein Handwerker soll seinen Job möglichst lange gesund verrichten können dürfen. Und dass die Aufgaben der Grundschulkollegen in den letzten Jahren stetig mehr wurden, das Deputat aber nicht reduziert wurde, ist leider auch unbestritten.

  • Ich habe das schon ein paar mal gesagt, aber immer nur in einem Zusammenhang:

    Wenn mir jemand ernsthaft mit dem ausgelutschten "Argument" kommt, dass "ihr" Lehrer ja einen so tollen Job habt, so viel verdient, nachmittags frei habt, auch als Pensionäre im Geld schwimmt, und dazu kommen natürlich ein Berufsleben lang die unendlich vielen Ferientage...

    dann hat derjenige es verdient, den ebenso ausgelutschten Satz "Augen auf bei der Berufswahl" auf die Ohren zu kriegen.

    Ich sage es wenn auch in diesem Zusammenhang.


    Allerdings kann ich es in dem von chilipaprika geschilderten Zusammenhang auch teilweise verstehen. Ich meine, wenn man sich entscheidet Deutsch / Englisch auf Lehramt zu studieren, weiß man doch, dass man da einen sehr hohen Korrekturaufwand haben wird. Und wenn man sich dann immer beschwert, ja, da verstehe ich schon die KuK die das nervt und dann eben mal so einen Satz raushauen.

  • Das habe ich einem meiner "Altschüler" mal genau so gesagt. Er unterrichtet inzwischen genau diese beiden Fächer am Gymnasium und hat natürlich gut zu tun... Aber er hat die Wahl seine Fächer nie bereut, es waren schon als Schüler seine Lieblingsfächer.

    Ja, natürlich kann man als Lehrkraft mit seiner Fächerwahl - auch wenn sie "arbeitsintensiv" ist - zufrieden sein. Nichtsdestotrotz würde ich das halt jeder/jedem Studienanfänger*in zu bedenken geben, weil sie das evtl. gar nicht so auf dem Schirm haben.

    to bee or not to bee ;) - "Selbst denken erfordert ja auch etwas geistige Belichtung ..." (CDL)

  • Mit diesem Spruch werden strukturelle Probleme individualisiert. Der Deutsch-/Englischlehrer leidet an einem Fehler im System, weil seine Fächer eine zu starke Korrekturbelastung bedingen, er bekommt die Verantwortung dafür aber individuell zugeschoben.

    • Offizieller Beitrag

    Du beschreibst es ja schon selbst sehr treffend.
    Hinzu kommt, dass man mit der Aussage sich über sein Gegenüber erheben kann. Die Motive können allgemeine Missgunst oder Sozialneid oder was auch immer sein. Ist so, kann man nicht ändern. Muss man mit leben.
    Kritik oder Relativierung sind ferner Versuche, sich Kompetenz beizumessen - auch wenn man zur Sache nichts beizutragen hat bzw. kein Wissen darüber hat.


    So etwas gibt es auch hier in der Nachbarschaft, obwohl dieselben Leute sich für Dich krummlegen würden und Du jederzeit um Hilfe fragen kannst und diese auch gewährt bekommst. Das scheint mitunter manchmal auch einfach so eine Art zu sein.

    • Offizieller Beitrag

    Frage mich als Mint Lehrer, warum zwangsweise Deutsch-/ Englisch-Lehrer eine höhere Korrekturbelastung haben sollten. Besonders deswegen, weil die vorgeschriebenen Leistungsnachweise z.B. am BK im Bildungsgang festgelegt werden.

    Das, mein lieber fachinformatiker, wurde hier in gefühlt Drölfzig Threads in den letzten 20 Jahren ausführlich diskutiert. Vielleicht magst Du ja einmal die Suchfunktion nutzen, denn diese Diskussion ist so müßig und wenig fruchtbar.

  • Mit diesem Spruch werden strukturelle Probleme individualisiert. Der Deutsch-/Englischlehrer leidet an einem Fehler im System, weil seine Fächer eine zu starke Korrekturbelastung bedingen, er bekommt die Verantwortung dafür aber individuell zugeschoben.

    Manche lösen das leider, indem sie die Stunden reduzieren und damit das "System" unterstützen. Was wäre die Lösung? Eine echte Arbeitszeiterfassung? Eine Reduzierung der Stunden für KuK in den krassen Korrekturfächern? Ob eine solche bildungspolitische Entscheidung möglich ist? Die Reduzierung der U-Stunden wäre aus meiner Sicht eine Lösung. (Ich würde aber befürchten, dass man in der Politik nur auf die Idee käme, die Stunden für andere (also bspw. uns MINTler) zu erhöhen, damit es allen gleich bescheiden geht ;) )

    Tim Finnegan liv’d in Walkin Street
    A gentle Irishman mighty odd.

  • Ich sage das auch gern, so wie pepe : Zu Leuten, die mir sagen, was für einen geilen faulen Job mit genialer Bezahlung ich habe.

    Aber auch wie Humblebee zu Leuten, die mich um Rat fragen, wenn es um Studium etc geht und sie Deutsch/Englisch am Gymnasium ins Auge fassen.


    Im ersten Fall würge ich damit blöde Diskussionen ab. Leider gibt es wirklich viele Leute, die eine derart schlechte Meinung über Lehrer haben, dass ich mich mit denen nicht unterhalten will.

    Im zweiten Fall spreche ich die von chilipaprika angesprochene ungerechte Verteilung der Belastung an, die nun mal faktisch da ist und an der sich auch erstmal nichts ändern wird, insbesondere, wenn Lehrer fehlen. Ich gebe aber uneingeschränkt Recht, dass es dringend notwendig ist, die Arbeitsbedingungen in den Systemen Bildung und Gesundheit drastisch zu verbessern. In Corona hatte ich dazu auch noch Hoffnung. Nun leider gar nicht mehr.

  • Das, mein lieber fachinformatiker, wurde hier in gefühlt Drölfzig Threads in den letzten 20 Jahren ausführlich diskutiert. Vielleicht magst Du ja einmal die Suchfunktion nutzen, denn diese Diskussion ist so müßig und wenig fruchtbar.

    Ich glaub das ist auch ein Hintergrund dieses Spruchs.... der Eindruck, dass keine Veränderungsbemühungen erkennbar sind.

  • Ich fürchte, es liegt am mangelnden Respekt und der mangelnden Wertschätzung anderen gegenüber. Und vielleicht auch der "Angst" jemand anderes könnte es womöglich besser haben, als man selbst...

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