Im LK hatte ich diese Situation mit einer Pflichtlektüre. Es gibt einen klar beschriebenen sexuellen Übergriff im Roman. Er ist der Ausgangspunkt für den Ich-Erzähler sich von der Welt abzukapseln, das Oberthema ein ganz anderes (Digitalisierung und Games).
Die Landesschüler*innenvertretung hat nach Auswahl der Lektüre eine ziemliche Welle gemacht. Das war aber für mich ein guter Anlass den Brief der LSV zu thematisieren, bevor wir in die Lektüre eingestiegen sind. Gerade wenn es sogar bekannt ist, dass es Schülerinnen und Schüler in den Kursen gibt, die sexualisierte Gewalt erfahren haben (Dunkelziffer kommt ja noch dazu), kann man mMn nicht einfach so diese Texte reinwerfen. Und es war hier der Fall, es gab mehrere betroffene Schüler.
Es ist aber schwierig und immer ein Balanceakt. Und ja klar, ich kann nicht auf alles Rücksicht nehmen im Unterricht. Ich habe auch den Hungerkünstler von Kafka gelesen und ein Schüly mit einer Essstörung hat gestresst den Raum verlassen. Da wusste ich noch nichts von der Essstörung, das habe ich erst im Nachhinein erfahren.
Es ist schwierig und ich versuche selbst da sensibel mit umzugehen und gleichzeitig ist es so wie jemand schrieb: wenn in einer Berufsfachschulklasse 70 Prozent therapieerfahren sind, da kann ich gar nicht alles aufgreifen, was individuell triggern könnte. Ich möchte aber einen Raum schaffen, in dem wir uns produktiv mit dem Text befassen können, ohne dass jemand still leidet. Ob es gelingt, bestimmt nicht immer. Und ja, da wäre eine andere Pflichtlektürenauswahl manchmal angenehmer.