Bildungsgerechtigkeit

  • Ja, wir haben auch bei uns an der Schule noch Lateinklassen. Die alten Sprachen haben aber nicht mehr den Stellenwert wie noch vor 20 Jahren, so ist der Lauf der Dinge halt. Man "braucht" sie bei uns im Grunde für gar nichts mehr, ums Lateinobligatorium an der Uni kommt man problemlos drumrum. Latein wird wirklich nur noch von denen gewählt, die Spass dran haben. Gleiches gilt im Grunde bei uns aber auch für die modernen Fremdsprachen und die künstlerischen Profile. "Zweckorientiert" gewählt, wenn man so möchte, werden die Profile Mathe/Physik, Biologie/Chemie und Wirtschaft/Recht. Darauf entfallen dann aber auch 2/3 unserer Schüler*innen, was in etwa dem nationalen Durchschnitt an allen Gymnasien entspricht. Albert Einstein hat nota bene 1896 Matura gemacht und zwar ohne Latein und Griechisch, dafür mit Französisch, Englisch und Italienisch als Fremdsprachen. So neu scheint die Idee dann doch nicht zu sein, dass man Fremdsprachen tatsächlich auch zum Sprechen gebrauchen könnte.

  • Etliche frühere Freunde von mir haben Hauptschulabschluss gemacht, dann Ausbildung und dann diverse Nachqualifikationen, bis sie schließlich studiert haben. Allerdings kann ich nicht genau sagen, was sie da nachqualifiziert haben. Vielleicht kann mich jemand aufklären. Habe keinen Kontakt mehr zu ihnen...

    Da gibt es mehrere Wege:

    • Man kann an enem Berufskolleg in einer schulischen Ausbildung (Vollzeit) sowohl die Fachhochschul- als auch die Allgmeine Hochschulreife erlangen.
    • Nach bestandener Lehre geht man in die einjährige Fachoberschule und bekommt seine Fachhochschulreife.
    • Man macht den Staatlich geprüften Techniker oder Staatlich geprüften Betriebswirt, schreibt am Ende neben den Techniker-Prüfungen noch eine Matheprüfung mit und bekommt dann zusätzlich die Fachhochschulreife zuerkannt.

    Die meisten Universitäten erlauben inzw. auch das Studium mit einer einschlägigen Fachhochschulreife. Es muß also nicht das Abitur sein, um an die Universität zu dürfen. Sogar mein Papa hat in den späten 1960ern bzw. frühen 1970ern schon diesen Weg beschritten. Nach der Lehre hat er die einjährige Fachoberschule besucht, um dann an der Universität zu studieren.Mama hat nach ihrer Lehre noch den Techniker hinten dran gehangen und hatte damit dann auch die Fachhochschulreife.


    Ich nehme morgen bei meinen Abendschülern auch die Techniker-Prüfung ab. Der Abschluß ist der höchste, den wir bei uns am Berufskolleg vergeben und gemäß EU Bologna-Prozeß mit dem Bachelor an der Universität vergleichbar. Die Absolventen können dananch also direkt ins einschlägige Masterstudium an der Universität einsteigen.


    Vielleicht für Dich als Förderschullehrkraft auch interessant:

    In der entfernten Verwandtschaft habe ich den Fall einer ehemaligen Förderschülerin, die die Schule nach Klasse 10 ohne Abschluß verlassen hat. Da haben wir zusammengesessen und mein Ur-Opa als ehamliger Chef einer Möbelfirma hat entschieden, daß seine Ur-Enkelin eine Ausbildungsstelle bekommt. Dagegen wagte sein Sohn als Firmenchef dann auch nicht zu intervenieren. Die Lehre ist ja an keinen Schulabschluß gebunden. Sobald jemand einen Ausbildungsvertrag hat, müssen wir ihn bei uns an der Berufsschule ausbilden. Dann wurde in der Familie geguckt, welche Ausbildung sie wohl schaffen könnte und es lief auf "Maschinen- und Anlagenführerin" heraus, weil das eine vergleichsweise sehr einfache zweijährige Lehre ist. Da bei der IHK die Fristen zur Abschlußprüfung erst anfangen zu laufen sobald man einen Azubi das erste Mal zur Prüfung anmeldet, wurde zusammen mit der IHK entschieden, daß der Betrieb sie erst dann zur Prüfung anmeldet, wenn er der Auffassung ist, daß sie die Prüfung auch bestehen kann. Man hat für die Prüfung ja nur drei Versuche und darf bei Nichtbestehen maximal ein Jahr verlängern. Die Auszubildende brauchte für die eigentlich zweijährige Lehre am Ende sechs Jahre. Der Betrieb hat sie dann gleich für die Zwischenprüfung (Abschlußprüfung Teil 1) und Abschlußprüfung (Abschlußprüfung Teil 2) angemeldet. Vereinfachungen bei den Prüfungen gibt es da keine, das Lernziel muß erreicht werden, wenn auch nach längerer Zeit. Das ERstaunliche dabei: Ihre Berufsschulnoten waren am Ende so gut, daß sie neben dem Facharbeiterbrief noch die Fachoberschulreife (= Realschulabschluß) in Händen hielt.


    und was die Bildungsgerechtigkeit angeht: Ja klar hängt der Bildungserfolg massiv vom Elternhaus ab. Gerade bei meinen türkischstämmigen Schülern erlebe ich das immer wieder. Was meint ihr, wenn man dort zuhause anruft und Papa sprechen will... ;)

    Einer der Schüler, dessen Papa sogar manchmal persönlich bei mir in der Schule war, dank Abendschulunterricht kann ich ja Gesprächstermine bis 21 Uhr anbieten, formulierte dazu: "Man muß ja gucken, daß aus den Kindern was wird (und sie eben nicht auf die schiefe Bahn gelangen).

  • ums Lateinobligatorium an der Uni kommt man problemlos drumrum.

    Das stimmt nicht für jedes Studium. Aber immerhin kann man Latein heute an der Uni nachholen.

    Latein wird wirklich nur noch von denen gewählt, die Spass dran haben.

    Auch das stimmt nicht. Es gibt noch genug Familien mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, die ihre Kinder die alten Sprachen aus Prestigegründen erlernen lassen.

    Ferner gibt es diejenigen, die bei der Wahl zwischen Französisch und Latein das für sie "kleinere Übel" wählen. Spaß daran haben die noch lange nicht.

  • Das stimmt nicht für jedes Studium. Aber immerhin kann man Latein heute an der Uni nachholen.

    Es überrascht immer wieder Menschen, für welche Studiengänge Latein noch notwendig ist. Wer bspw. in Bayern Englisch Lehrer an Gymnasien werden will, muss zur Examensmeldung "gesicherte Lateinkenntnisse" nachweisen.

    • Offizieller Beitrag

    Es gibt noch genug Familien mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, die ihre Kinder die alten Sprachen aus Prestigegründen erlernen lassen.

    mag sein. Bei guter Vorinformation wählen die Familien (=Eltern + Kinder) Latein, weil die Kinder nicht die Lerntypen für eine moderne Fremdsprache sind.


    Mrkwürdig, dass sich das Thema hier immer noch nicht herumgesprochen hat:schreien:

  • mag sein. Bei guter Vorinformation wählen die Familien (=Eltern + Kinder) Latein, weil die Kinder nicht die Lerntypen für eine moderne Fremdsprache sind.


    Mrkwürdig, dass sich das Thema hier immer noch nicht herumgesprochen hat:schreien:

    Das ist bei uns auch so. Wir empfehlen Latein auch noch bei Kindern, die mit der Aussprache in Englisch bereits überfordert sind oder grundsätzlich so schreiben, wie sie es hören.


    (Allerdings wollen Eltern trotzdem oft französisch.)

    Meine Beiträge werden auf einer winzigen Tastatur eines Tablets mit Autokorrektur geschrieben. Bitte entschuldigt Tippfehler. :mad:

  • Das stimmt nicht für jedes Studium. Aber immerhin kann man Latein heute an der Uni nachholen.

    Ich schreibe für die Situation, so wie sie bei uns in der Schweiz ist. An der Uni Basel kannst du absolut alles ohne Latein studieren. In Zürich braucht man's noch für die romanischen Sprachen, soweit ich weiss.



    Auch das stimmt nicht.

    Doch, bei uns an der Schule stimmt das absolut. Wir haben Jahrgänge ganz ohne Lateinklassen dabei, ansonsten sind das sehr kleine Kurse mit sowas wie 5 Personen, denen's einfach Spass macht. Mit Bildungsbürgertum können wir ohnehin nicht dienen. ;) Aber ja, in Zürich an der Hohen Promenade z. B. lernen alle Latein, weil's zum Leitbild der Schule einfach dazu gehört. Finde ich OK, man weiss ja worauf man sich einlässt, wenn man sich an einer solchen Schule anmeldet.


    Witzig in dem Kontext übrigens, dass ein ehemaliger Kollege nicht glauben mochte, dass ich wirklich kein Latein gelernt habe. Er fing immer wieder damit an "du bist doch intelligent, da achte ich, du musst ja Latein gelernt haben". Ich mochte den sehr gerne, aber an der Stelle hatte er echt nen Schlag ^^



    Bei guter Vorinformation wählen die Familien (=Eltern + Kinder) Latein, weil die Kinder nicht die Lerntypen für eine moderne Fremdsprache sind.

    Da habt ihr's natürlich gut, dass das überhaupt geht. Bei uns lernen alle obligatorisch eine weitere Landessprache als zweite Fremdsprache neben Englisch und zwar an allen Schulniveaus bist einschliesslich 9. Klasse.

  • die mit der Aussprache in Englisch bereits überfordert sind oder grundsätzlich so schreiben, wie sie es hören.

    Italienisch ist eben toll. Habt ihr aber wahrscheinlich nicht im Angebot, ne? Ist also moderne Fremdsprache natürlich auch nur begrenzt "nützlich", wenn man das als Kriterium nennen will.

  • Italienisch ist eben toll. Habt ihr aber wahrscheinlich nicht im Angebot, ne? Ist also moderne Fremdsprache natürlich auch nur begrenzt "nützlich", wenn man das als Kriterium nennen will.

    Nein, dafür ist mein Gymnasium zu klein (am größeren in der Nähe gibt es Italienisch, allerdings erst als dritte Fremdsprache).


    Wir haben Englisch, dann Französisch oder Latein, dann Spanisch oder Musik oder NwT oder IMP (Informatik, Mathe, Physik). Zudem gibt es noch einen bilingualen Zug.

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  • Ich fand die kaumännische Ausbildung grauenhaft langweilig. Der Tiefpunkt war Deutsch- und Englischunterricht an der Berufsschule, wenn man gerade frisch aus dem LK kommt und dann "at the airport"-Smalltalk-Dialoge schreiben und Einsetzübungen zu korrekten Verbformen im simple present bearbeiten soll usw.

    Jepp Berufsschule war mir auch zu langweilig. Wir hatte aus irgendeinem Grund gar kein Englisch, aber Deutsch war gefühlt wie in der Grundschule.

    In welchen Berufen habt ihr denn eure Ausbildungen gemacht, wenn ich fragen darf? In den Ausbildungsberufen, in denen auch viele Abiturient*innen und junge Menschen mit Fachhochschulreife eine Ausbildung absolvieren (z. B. Bankkauffrau/mann), sieht - hoffentlich! - der Englisch- und Deutschunterricht in der Berufsschule anders aus!

    to bee or not to bee ;) - "Selbst denken erfordert ja auch etwas geistige Belichtung ..." (CDL)

  • Es gibt noch genug Familien mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, die ihre Kinder die alten Sprachen aus Prestigegründen erlernen lassen.

    Ein Glück, dass weder mein Freundeskreis noch meine Kollegen noch meine Schüler diesem "Bildungs"bürgertum angehören.

  • wir bieten als zweite FS Farnzösisch, Latein oder Spanisch. Gegen Spanisch muss Französisch sehr kämpfen. Latein wird mehr gewählt als Französisch, weil diejenigen, die eine moderne FS möchten, eher auf Spanisch stehen.

    Ich bin überzeugt, liesse man unsere Jugendlichen die zweite Landessprache wählen, würde sich eine Mehrheit für Italienisch entscheiden. Als Schwerpunktfach kämpft es arg gegen's Aussterben. Weil die Anmeldezahlen stetig rückläufig sind, darf es jetzt auch neubeginnend gewählt werden, früher mussten die Jugendlichen Italienisch schon als Wahlfach an der Sek I belegt haben. Natürlich klagen jetzt die KuK, die Italienisch unterrichten weil sie jetzt eben Anfänger neben Muttersprachlern im gleichen Kurs sitzen haben. Das ist im Spanisch aber immer schon so. Naja. Lehrpersonen klagen einfach grundsätzlich gerne, glaube ich ^^


    Italienisch ist in der Grammatik schon das grössere Arschloch, finde ich. Dafür ist die Aussprache natürlich wesentlich einfacher als im Französischen. Das es mir primär ums Sprechen geht, ist das für mich ein ganz klares Argument fürs Italienisch. Aber unser "Französischobligatorium" wird in den nächsten Jahren wohl kaum aussterben, dafür ist die Lobby viel zu gross.

  • In welchen Berufen habt ihr denn eure Ausbildungen gemacht, wenn ich fragen darf? In den Ausbildungsberufen, in denen auch viele Abiturient*innen und junge Menschen mit Fachhochschulreife eine Ausbildung absolvieren (z. B. Bankkauffrau/mann), sieht - hoffentlich! - der Englisch- und Deutschunterricht in der Berufsschule anders aus!

    Industriekauffrau. Wir waren eine reine Siemens/Henkel-Klasse und nicht-Abiturienten waren meines Wissens nicht dabei.

  • Nein leider nicht, wäre sicher witzig. Im Graubünden wird es an den Volksschulen tatsächlich unterrichtet. Wir hätten eine Kollegin an der Schule, die es nativ spricht.

  • Industriekauffrau. Wir waren eine reine Siemens/Henkel-Klasse und nicht-Abiturienten waren meines Wissens nicht dabei.

    Puh, dann finde ich die von dir genannten Unterrichtsinhalte um so erschreckender. Und ich kann dir versichern, dass die mir bekannten Englisch- und Deutsch-Lehrkräfte in den Berufsschulklassen der Industriekaufleute (wo zumindest an meiner Schule mind. ein Drittel der SuS kein Abi oder FHR haben) nicht so ein "Pille Palle-Zeug" unterrichten.

    to bee or not to bee ;) - "Selbst denken erfordert ja auch etwas geistige Belichtung ..." (CDL)

  • Ich habe mal aus Neugier in den Lehrplan für Englisch für kaufmännische Berufe in Bayern geschaut. Da sind durchaus einige anspruchvollere fachsprachliche Themen dabei. Vielleicht nicht gerade mit Analyse von Shakespearedramen vergleichbar, aber durchaus ein höheres Niveau als Sechstklass-at-the-airport-Dialoge. Es hängt aber natürlich davon ab, was die Lehrkraft daraus macht - Papier ist schließlich geduldig.

  • Italienisch ist eben toll. Habt ihr aber wahrscheinlich nicht im Angebot, ne?

    Doch. Ab Klasse 8, als Alternative zum Naturwissenschaftlichen Zweig.

    Wird sehr gut angenommen.


    Wenn du Aussagen triffst, die sich auf die Schweiz beziehen (95% der Schreiber hier referieren auf das deutsche Bildungssystem) oder gar auf speziell deine Schule beziehen, dann schreib das doch dazu.

  • Ein Glück, dass weder mein Freundeskreis noch meine Kollegen noch meine Schüler diesem "Bildungs"bürgertum angehören.

    Wie man das bewertet, steht auf einem anderen Blatt.

    Dass es so ist, ist aber Fakt.


    Wobei Latein an meiner Schule schon enorm zu kämpfen hat. Da sind viele Familien sehr handfest unterwegs und wählen Fächer/Zweige ausschließlich nach dem "bringt's mir was?" Kriterium aus.

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