Berufliche Neuorientierung nach dem Lehramtsbachelor:Erfahrungen mit dem Wechsel in die freie Wirtschaft?

  • Hallo zusammen,

    ich hoffe, dass ich hier vielleicht auf Menschen treffe, die selbst Zweifel am Lehramt hatten, den Schuldienst verlassen haben oder sich nach dem Lehramtsstudium beruflich neu orientiert haben.

    Ich habe im vergangenen Jahr meinen Bachelor of Education in Englisch und Geschichte für Gymnasien und Gesamtschulen mit der Note 1,9 abgeschlossen. Das Studium und insbesondere meine beiden Fächer haben mir grundsätzlich viel Freude bereitet. Gleichzeitig war das Studium sehr theoretisch und bot mir nur wenige Möglichkeiten, den tatsächlichen Schulalltag kennenzulernen.

    Mein einziges längeres Schulpraktikum fand bereits im zweiten Semester während der Coronazeit an einem Berufskolleg statt. Aufgrund der besonderen Bedingungen und der teilweise recht erwachsenen Schülerschaft hatte ich damals nicht das Gefühl, einen realistischen Eindruck vom späteren Berufsalltag an einem Gymnasium oder einer Gesamtschule zu erhalten.

    Bereits während des Studiums hatte ich immer wieder Zweifel, ob der Lehrerberuf tatsächlich der richtige Weg für mich ist. Da mir die fachlichen Inhalte Spaß gemacht haben und ich mein Studium unbedingt erfolgreich abschließen wollte, habe ich diese Gedanken lange verdrängt.

    Nach dem Bachelor habe ich ein Jahr Work and Travel gemacht. Durch den Abstand konnte ich mich erstmals ehrlich mit der Frage beschäftigen, wie ich mein späteres Berufsleben gestalten möchte. Dabei musste ich mir eingestehen, dass ich keine Lehrerin werden möchte.

    Diese Erkenntnis fällt mir nicht leicht. Ich bin mittlerweile 27 Jahre alt und befinde mich derzeit in einer schwierigen Orientierungsphase. Während viele meiner Freundinnen und Freunde bereits fest im Berufsleben stehen, habe ich das Gefühl, beruflich noch einmal von vorne beginnen zu müssen.

    Das belastet mich sehr, da ich bisher immer zielstrebig war und einen klaren Plan hatte. Gleichzeitig halte ich es für besser, mich jetzt neu zu orientieren, als den Master und das Referendariat nur deshalb zu absolvieren, weil ich bereits so viel Zeit in diesen Weg investiert habe. Einen Beruf zu ergreifen, von dem ich schon jetzt weiß, dass ich ihn langfristig nicht ausüben möchte, erscheint mir ebenfalls nicht sinnvoll.

    Die häufig genannten Alternativen für Lehramtsabsolventinnen und -absolventen, beispielsweise Verlagsarbeit, Erwachsenenbildung, Bildungsverwaltung oder Schulbucharbeit, sprechen mich bisher weder inhaltlich noch hinsichtlich der langfristigen Entwicklungsmöglichkeiten besonders an.

    Stärker interessieren mich Tätigkeiten in der freien Wirtschaft, insbesondere in Bereichen wie Personalwesen, Recruiting, Projektmanagement sowie andere organisatorische und kommunikative Aufgabenfelder.

    Für meinen zukünftigen Beruf wünsche ich mir langfristig:

    • abwechslungsreiche und möglichst sinnvolle Aufgaben,
    • eine klare Trennung zwischen Beruf und Freizeit,
    • ein eher ruhiges Arbeitsumfeld,
    • Möglichkeiten für Homeoffice und flexibles Arbeiten,
    • gute Entwicklungs- und Aufstiegschancen,
    • langfristig ein mit dem Lehramt vergleichbares Einkommen,
    • eventuell die Möglichkeit, zeitweise ortsunabhängig oder aus dem Ausland zu arbeiten,
    • ein Tätigkeitsfeld, das durch künstliche Intelligenz eher unterstützt als vollständig ersetzt wird.

    Mir ist bewusst, dass kein Einstiegsjob alle diese Kriterien sofort erfüllen wird. Die Punkte sollen eher verdeutlichen, welche langfristige berufliche Richtung ich mir vorstellen könnte.

    Mein derzeit größtes Problem ist, dass ich weder einen wirtschaftswissenschaftlichen Abschluss noch praktische Erfahrung in diesen Bereichen vorweisen kann. Daher frage ich mich, welche Möglichkeiten für mich realistisch wären.

    Könnte ein Einstieg über Traineeprogramme, Juniorstellen, Praktika oder beispielsweise eine Tätigkeit im Recruiting gelingen? Welche Kompetenzen aus dem Lehramtsstudium lassen sich aus Ihrer beziehungsweise eurer Erfahrung sinnvoll auf die freie Wirtschaft übertragen?

    Außerdem überlege ich, ob gezielte Weiterbildungen oder Zertifikate hilfreich wären. Gleichzeitig möchte ich vermeiden, viel Geld in Kurse zu investieren, die bei Arbeitgebern letztlich kaum anerkannt werden.

    Ich habe auch nicht konsekutive wirtschaftliche Masterstudiengänge gefunden. Allerdings bin ich unsicher, ob ein solcher Master ohne wirtschaftlichen Bachelor und ohne entsprechende Berufserfahrung meine Chancen tatsächlich verbessern würde. Wäre praktische Erfahrung wichtiger als ein weiterer akademischer Abschluss? Oder wäre für bestimmte Tätigkeitsfelder sogar ein komplett neuer Bachelor sinnvoll?

    Mich würden insbesondere folgende Erfahrungen interessieren:

    Wie ist euch der Wechsel aus dem Lehramt oder dem Lehramtsstudium gelungen? In welchen Bereichen arbeitet ihr heute? Musstet ihr noch einmal studieren oder konntet ihr direkt quer einsteigen? Musstet ihr beim Gehalt zunächst deutliche Abstriche machen? Und würdet ihr den Wechsel rückblickend wieder so vollziehen?

    Auch Erfahrungen mit dem Gefühl, Ende 20 noch einmal beruflich neu anfangen zu müssen, würden mir sehr helfen.

    Vielen Dank für das Lesen und für jede ehrliche Einschätzung.

  • Nachdem hier nur Lehrkräfte schreiben dürfen, dürfte der Anteil derer, die aus dem Lehramt ausgestiegen sind und jetzt was ansres machen, gegen Null gehen...

  • Lieber TE, herzlich willkommen hier im Lehreforum.

    Was Du suchst, suchen letztlich alle ArbeitnehmerInnen. Es ist verdichtet, die berufliche eierlegende Wollmilchsau, selbst wenn man manche Parameter erst "langfristig" erwartet.
    Volle Flexibilität, volle Sicherheit, volles Einkommen, volle Chancen - das wäre die komprimierte Variante.

    Wenn Du mit 27 Dich neu orientieren möchtest, sind diese Punkte zwar schöne Desiderata, gleichwohl brauchst Du eine Qualifikation oder Erfahrungen, die Dich für einen Arbeitgeber, der das zu großen Teilen bietet, attraktiv machen. Selbst die Bereiche, die Du als Alternative genannt hast, sind so vielfältig, dass es da schwer wird, Dir etwas Konkretes zu raten.

    Es wäre sicherlich hilfreich, wenn Du Dir erst darüber klar wirst, was Du konkret möchtest und das dann zielstrebig verfolgst, gleichwohl ohne Scheuklappen und mit genug eigener Flexibilität, um beim ersten Hindernis nicht gleich zu straucheln.

    Gruß
    #TheRealBolzbold

    Ceterum censeo factionem AfD non esse eligendam.

  • Stärker interessieren mich Tätigkeiten in der freien Wirtschaft, insbesondere in Bereichen wie Personalwesen, Recruiting, Projektmanagement sowie andere organisatorische und kommunikative Aufgabenfelder.

    Immerhin kannst Du Englisch. Das ist ja schon mal was. Es wäre daher möglich, in einen Wirtschaftsbachelor mit internationaler Ausrichtung zu wechseln und Dir die Fächer aus dem Lehramtsstudium anrechnen zu lassen.

    Außerdem schaue Dich mal nach Stellen mit dualem Studium um. Da machst Du eine Ausbildung (zB Industriekaufmann/frau) und studierst parallel den Bachelor.

    Ohne wirtschaftliche Ausrichtung gibts das auch im ÖD (Inspektorenstellen).

    Viel Erfolg

  • Meine Idee zu dem Beschriebenen wäre, sich die Unternehmen im Umkreis mal anzuschauen und zu überlegen, ob ein duales Studium oder eine Ausbildung im Bereich Industriekaufleute infrage käme. Damit könntest du später in den von dir favorisierten Bereichen arbeiten, hättest aber, im Vergleich zu einem reinen Hochschulstudium schon den sprichwörtlichen ersten Fuß in der (Unternehmens-)Tür.

  • Auch Erfahrungen mit dem Gefühl, Ende 20 noch einmal beruflich neu anfangen zu müssen, würden mir sehr helfen.

    Du verfolgst aber schon das Bestreben, die Lebensarbeitszeit an die Lebenserwartung anzupassen? Du hast noch viele Jahre vor dir, in denen dich berufliche Wechsel ganz sicher noch öfter beschäftigen werden. Und du wirst dich auch selbst noch verändern, das ist einfach so, und anders wäre es ja auch langweilig. Ich kann berichten, dass ich mit ü40 erst Lehrerin geworden bin und viele kenne, die sich über den Quereinstieg noch einmal neu orientiert haben. Wobei das auch nicht immer geklappt hat.

    Und manche müssen das, weil die KI ihre Aufgaben übernommen hat. Die Berufswahl ist immer ein Abwägen. Kennst du Ikigai? Da treffen sich das, was du kannst, mit dem, was du willst und dem, was die Welt von dir braucht und womit du deinen Lebensunterhalt verdienen kannst, in einer Schnittmenge, und das ist dann deine Aufgabe. Bei mir war tatsächlich das "das kann ich der Welt gerade geben und kann davon leben", was mich letztlich bewogen hat, an der Schule Fuß zu fassen.

    Von daher: Schau dich um, sei offen, und denke nicht, dass du für irgendwas "zu alt" bist, weil andere schon in fester Anstellung sind.

    Die Hinweise mit dem dualen Studium sind doch schon mal was. Such halt mal Beratung, ich denke, wir sind hier dafür nicht die richtige Adresse. Viel Erfolg!

  • Schau dir mal das Fernstudiumangebot der RPTU Kaiserslautern an. Sie haben sowohl Personalentwicklung als auch Organisationsentwicklung als Masters, die für deine Ziele interessant sein könnten, aber auch andere Sachen.

    Du musst dir aber selbst im Klaren sein, was du inhaltlich willst und was du anbieten kannst.

  • Ohne eine weiteres Studium oder einer Ausbildung wirst du mit einem Lehramtsbachelor ins englisch und Geschichte nicht dort hin kommen. zumindest sind die chancen sehr sehr gering

    Entropy is a bitch, embrace her.

  • Im Moment ist die Einstellungslage selbst für Leute mit Bachelor/Master in den Bereichen Recruiting etc. ziemlich angespannt. Mit deinen Fächern sehe ich da wenig Chancen.

    Ich rate entweder, wie mehrere vor mir, zu einer Ausbildung im Bereich Industrie oder in der Steuerberatung oder zu einem dualen Studium, z.B beim Finanzamt.

  • Als Vorschlag da du selbst schriebst das du noch nicht so richtig Einblick in den Arbeitsalltag als Lehrer kriegen konntest:


    Vertretungslehrer werden durchaus gesucht. Schau es dir an.

    Alternativ kannst du auch schauen, ob es Stellen im Bildungsbereich (Volkshochschule, Ministerium) gibt, die du ohne Wirtschaftsabschluss machen kannst, bei denen dir aber evtl. dein Bildungs BA hilft.


    Wohl dem, der gelernt hat, zu ertragen, was er nicht ändern kann.

    Der Himmel ist nicht mein Limit, ich bin es.

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